Roman RomanoW: Véritable


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Mit Genehmigung des Schriftstellers, Pseudonym Roman RomanoW, hier ein Auszug aus seinem noch nicht veröffentlichten Roman „véritable“.

Véritable steht für wahr, echt, wirklich. Der Titel besagt, dass es sich nicht um ein Märchen handelt, sondern die Hintergründe den Wirklichkeit entnommen sind.

 
 

Von Roman RomanoW

Deutschland – 10. Januar 2020

 
 

Zuvor

 

Pourquoi réellement wollte ich plötzlich Präsident von Amerika werden? Doch sicher nicht nur weil ich als Langzeitarbeitsloser gerade von der zuständigen Jobbörse der Arbeitsagentur der nahen Kreisstadt, in Ermangelung einer anderen Weiterbildungs-Maßnahme, eine dreijährige Ausbildung für den diplomatischen Dienst angeboten bekommen und absolviert hatte?
Doch da bremste mich mein Psychiater mit dem lapidaren Satz aus, dass wir dann auch meine antisoziale Persönlichkeitsstörung nicht hätten weg therapieren müssen.
Erstaunt sah ich zu dem Arzt auf.
„Nicht?“
„Nein, natürlich nicht. Heute ist das Bild des Soziopathen eine Art Dietrich zur Türöffnung in das Weiße Haus geworden“, spöttelte mein ansonsten seriöser Therapeut.
„Pourquoi réellement?“, hätte ich noch fragen müssen, doch ich schwieg véritable, was eine der Stärken von uns Diplomaten immerhin sein sollte.

 
 

– 1 –

Warum Monsieur Dumont auf allen Vieren über das abgefahrene Kopfsteinpflaster robbte, wer weiß das schon so genau zu sagen. Es regnete Bindfäden und eine leichte Brise Pernod vom Vortag dümpelte durch die frühe Morgenluft.
„Will denn keiner von euch dem Mann helfen!“, schrie ein Hüne von Mann, weißhaarig, hager und dazu mit einer überlangen, geröteten Nase, von irgendeinem Gott, bestraft.
Dies konnte nur Monsieur Hagelüken sein! Mein alter Französischlehrer aus dem ultimativen Gymnasium, in das sie mich einst gesteckt hatten. Ich zuckte zusammen,
ahnend das jener Hüne mit seinen spinnen-ähnlichen Fingern gleich mein Ohr anfassen und zwirbeln würde. Doch bevor der widerliche Schmerz meinen Kopf erreichte, schrie ich schon einmal in der Hoffnung den Spinnenfingern zu entkommen.
„Schrei du nur!“, flüsterte eine sanftrauhe Frauenstimme dicht neben meinem Ohr, so dicht, dass ein Hauch des Bindfadenregens vermeintlich vom Kopfsteinpflaster in den Raum drang und einen zauberhaften Regenbogen um ihre schwulstigen Lippen aufsteigen ließ.
Ich schloss die Augen.
„Wir bleiben jetzt aber wach!“, flüsterte die Regenbogenfrau neben oder über mir.
Sie unterstrich ihren leisen Befehl mit fleischigen Fingern, die meine Wangen massierten als wäre ich ein frühes Stück Hefeteig auf dem Arbeitsholz eines Bäckers.
Die Brise Pernod war verflogen.
Jetzt roch plötzlich alles nach Krankenhaus.
Was war denn das? Panik ergriff mich, der ich immer weniger mit der Zeit ein echter Freund von Krankenanstalten geworden war.
Ich versuchte aufzustehen, doch das verhinderte die Regenbogenfrau robust.

 

Jetzt wurde es Zeit nachzudenken, zu recherchieren, was hier los war. In einem Bett lag ich wohl nicht, denn dazu war noch zu viel Bewegung im Spiel. Über mir flogen weißes Neonleuchten, wie Möwen im Morgennebel über den Spiegel eines Meeres und unter mir ratterten die Räder dessen, auf dem ich angegurtet lag. Die Regenbogenfrau trabte neben mir und es musste wohl so sein, dass sie mit den Jahren Fettpölsterchen angesammelt hatte, was jetzt ihren Atem beschleunigte und mit einem röchelnd anmutenden Geräusch mich an eine Dampflok erinnerte, obwohl ich schon lange keine mehr erlebt hatte.
Vielleicht bin ich in einem Museum, überlegte ich blitzschnell, warf den Gedanken aber rasch über Bord, da ich mich schwach daran erinnerte in Museen selten so helles Neonlicht erlebt zu haben. Doch dank dessen sah ich jetzt, dass vor der Regenbogenfrau zwei rot-weiß gekleidete Typen hechelten, die jeweils rote Rucksäcke geschultert hatten, in denen eventuell Fallschirme, säuberlich gefaltet, verstaut hätten sein können.
„Oha, wir fliegen,“ murmelte ich halblaut, ohne Absicht, einen der trabenden Leute anzusprechen. Doch die Regenbogenfrau hatte natürlich auch das gehört, wie konnte ich sie nur vergessen. Schnaubend wie ein hochschwangeres Walross, schwamm sie neben mir.
„Wir fliegen nicht!“ flüsterte sie in mein Ohr und es klang so, als hätte ich Watte um die Ohren. Doch da fiel mir Monsieur Hagelüken wieder ein und sein fieser Kniff an meinem Ohrläppchen tat plötzlich höllisch weh. Dazu kam das Schnauben der rasenden Dampflok neben mir. Oder war sie doch ein hochschwangeres Walross? Ich konnte die Vorgänge nicht genau sortieren, dachte an ein verschwommenes Kreuzworträtsel, dessen Lösung mir nicht gelang und spürte wie mir ein Nebelbrei die Wangen blähte…
„Schüssel, schnell!“ rief jemand und die Lokomotive hatte plötzlich Hände wie Blutwürste, die meinen Schädel erstaunlich sanft und ruhig hielten, während ich mein undefinierbares Dasein auskotzte…
„Er kollabiert“, sagte eine Männerstimme.
Ich verstand nur Cola und Bier…
„Nur jetzt nichts trinken!“, dachte ich noch als wir in das schwarze Loch des Gotthardtunnels einfuhren.

 
 

– 2 –

Für ein Kreuzworträtsel war der Raum zu groß, doch ich erwachte in ihm, was mich verblüffte.
„Wo liegt die Hauptstadt von Brüssel, Herr Trump?“, fragte mich ein hübsches Quadrat von rechts oben und bot mir sieben leere Felder an.
Ich schüttelte den Kopf verneinend.
„Sie erinnern sich wirklich nicht?“, bohrte eine männliche Stimme nach.
„Trump? Nein, wieso? Was heißt hier Trump?“, ich kam mir ahnungslos vor.
Sagte das mit zwei Worten.
„Macht nichts.“, reagierte der weiß eingekleidete Fremde.
Er hatte sich eine helle Mütze über den Kopf gezogen, erinnerte mich an den frühen Bäcker, doch der trug keinen Mundschutz wie Inder und Chinesen bei Smog
„Danke“, murmelte ich und nochmals „danke“.
Wenn du mich nur in Ruhe lassen würdest, dachte ich noch. Doch das tat er nicht.

 

Mir fiel das Sprechen schwer.
Und das Nachdenken klappte auch nicht.
Eine totale Blockade.
Wann wird der Weißkittel das kapieren.
Vielleicht tat er auch nur so als würden meine Wünsche und Bitten seine Ohren nicht erreichen. Es entstand eine kurze Stille, die ich genoss, doch ihm fiel es wohl schwer zu schweigen.
„Welchen Tag haben wir heute?“
Woher sollte ich das wissen. Bin ich denn ein Kalender oder Google?
Er verstand mich nicht.
Vielleicht wollte er es auch gar nicht.
Ob er noch Student war?
In weißen Kitteln sahen alle erwachsen aus. Ich entschloss mich nicht mehr zu antworten, da ich keinerlei Antworten zu seinen Fragen zur Hand hatte.
„In welchem Land leben wir?“
Ich schwieg. Wenn ein Arzt oder Bäcker nicht einmal so etwas wusste, sollte ich vorsichtig sein mit meinen Antworten.
„Wie heißen Sie?“
Ich überlegte kurz.
Schüttelte dann aber resigniert den Kopf.
„Ich meine wie ist Ihr Name?“
Ich sah, dass er meinen Pass in der Hand hielt.
Analphabet wird er doch nicht sein? Oder doch?
Jetzt machte ich mir Sorgen um ihn.
Ich sagte ihm das
Das hätte ich vielleicht nicht tun dürfen, denn er stand auf und verließ das Kreuzworträtsel wortlos.
Die Regenbogenfrau kam stattdessen und sagte so etwas wie: jetzt schlafen wir.
„Ich schlafe nicht mit fremden Frauen!“, hätte ich sagen müssen, doch sie hatte eine Spritze in der fleischigen Hand und ich hätte auch wetten können, dass ich ihrem Vorhaben keine wirkliche Gegenwehr hätte entgegensetzen können. Ich sah ihr an Mitleid angelehntes Lächeln und als ich die Nadel spürte, wurde es schon wieder Nacht an diesem Vormittag.

 
 

– 3 –

Nicht ruckartig, doch ratenweise erwachte ich aus einem tiefen, von wirren Träumen durch-tobten Schlaf. Und noch bevor ich die Sandkörner aus meinen Augen reiben konnte, standen überlebensgroße Pinguine rund um mein Bett herum.
„Bin ich tot?“, fragte ich den Pinguin mit den weißen Haaren und der randlosen Brille. Fast väterlich und sanft hielt er meine Hand und schüttelte den Kopf so, dass ich seine Geheimratsecken entdeckte, die bis weit hinunter zum glänzenden Kragen, der taillenkurzen Jacke mit den typischen Schößen, gewachsen waren. Sicher war er zu oft mit dem Fahrrad gegen den Wind und über den Deich gefahren. Ich behielt mein Wissen jedoch für mich und lächelte nur erleichtert, zumal ich noch nie einem Pinguin mit dem Fahrrad auf dem Deich begegnet war.
Ob sie wohl immer noch meinten ich wäre Herr Trump. Das wäre nicht gut für mich und ließ mich befürchten, dass sie mich in die Psychiatrie verlegen könnten. Also lächelte ich einmal kurz und atmete erleichtert durch.
Das war reine Diplomatie.
Jetzt musste ich kooperieren.
„Ich weiß inzwischen meinen Namen wieder.“, verkündete ich forsch und dann fiel er mir doch nicht wieder ein.
„Jetzt ist alles aus!“ hörte ich mich verstört sagen und fand mich in Gedanken in Reinhard Meys Lied vom Zeugnistag, wo der Rektor der Schule, die gefälschte Unterschrift unter dem ungünstig ausgefallenen Zeugnis, glaubte entdeckt zu haben. Doch Reinhards Eltern halfen dem Sohn aus der Klemme. Das machte mir jetzt sogar Mut. Ich versuchte ein Lächeln.
„Genieren Sie sich nicht, das kommt schon mal vor“, tröstete mich der Chefpinguin, „das kriegen wir hin!“
Er nickte aufmunternd und erinnerte mich plötzlich an unseren Autoschrauber, als er im letzten Jahr feststellte, dass unser Auto bald einen neuen Motor benötigte. Dabei lächelte er ebenso kassentauglich.

 
 

– 4 –

Noch lag ich in der fremden Umgebung des Vortags oder war schon mehr Zeit verstrichen, sehr viel mehr, vielleicht waren es sogar Wochen oder Monate?
Das konnte ich nicht überprüfen und fragen mochte ich die fremde Frau, die neben meinem Bett stand und sich über mich beugte, auch nicht. Sie lächelte ein Berufslächeln, dass sie in einem Bildungs-Schnellverfahren für Pflegekräfte, das jüngst der jugendliche Gesundheitsminister aufgelegt hatte, erwerben durfte, während sie nach meinen Arm grapschte, um, wie es schien, mir eine schwarze Manschette am Oberarm anzulegen.
„Was machen Sie da?“, bat ich etwas nervös.
„Wir messen Ihren Blutdruck…“
Wir? Ich suchte diese Mehrzahl zu entdecken, doch außer der Fremden und mir war niemand im Raum.
Das gefiel mir nicht.
Also zog ich meinen Arm ruckartig zurück. Damit hatte die Person nicht gerechnet und fiel durch den plötzlichen Ruck so auf mich, dass ihr Gesicht dicht vor dem meinen zu liegen kam. Mehr noch, ihre roten Lippen berührten meinen Mund.
So eine Gelegenheit kommt nie wieder, schoss ein heißer Gedanke durch meinen Kopf, doch im selben Moment zielte das messerscharfe Schild MeToo, wie das Fallbeil einer Guillotine, auf meinen Hals.
„Das betrifft mich doch jetzt nicht!“ wollte ich noch betonen, während die Person einen Ton ausstieß, der keineswegs einem Hilferuf ähnelte, sondern nach Wollust und mehr schrie und ehe ich noch realistisch denken konnte, begann ein wilder Reigen, den ich so nicht erwartet hatte. Ihr Gewicht war überwältigend, ihr nicht sonderlich teures Parfum auch und die Art wie sie mich zu erobern begann, war einer Dame unwürdig, dachte ich gerade noch, als ihre Hand meine Haut zu massieren begann, so, dass sie mich alles zuvor noch Gedachte vergessen und meine Sinne schwinden ließ.
Sie keuchte leise.
Ich verharrte still. Hielt den Atem an und wartete ab, was kommen könnte. Doch schnell wurde mir klar, die Fremde war keine Hilfskraft. Auch keine wild gewordene Mitarbeiterin einer hausinternen Putzkolonne. Sehr wahrscheinlich hatte sie einen höheren Universitäts-Abschluss, denn ihre Art meine erogenen Körperstellen zu finden und zu stimulieren, hatte sie nicht in einem herkömmlichen Handwerksbetrieb erlernt. Ihre Hände waren zart und wie geschaffen, um dem herrlichsten Wahnsinn zu einer noch größeren Steigerung zu verhelfen.
Ich überlegte, ob ich als frisch gebackener Diplomat, in fein diplomatisch geschliffenem Klartext, um die Einhaltung einer immer noch möglichen Etikette ersuchen sollte, doch in diesem Moment stieß die Zunge der Fremden gerade in mein rechtes Ohr, was mich umgehend von jedem vernunftbasierten Handeln entfernte. Gänsehaut zog über meinen ganzen Körper und während dieser Erkenntnis vermied ich jede Reaktion, die einer Abwehr hätte auch nur ähnlich sein können.
Die Weiterungen unserer Begegnung führte zu dem schon erwähnten, herrlichsten Wahnsinn, der inzwischen mit zehn, nein zwanzig oder gar hundert multipliziert wurde. Ich lebte auf und erlag gleichzeitig dem Feuer der verführerischen Fremden, die mir das Gefühl verlieh auf das köstlichste gegrillt zu werden.
Später, als sie begann alle Einzelheiten für ein Festmahl vorzubereiten, beschlich mich ein befremdliches Gefühl, das einer gewissen Angst nicht unähnlich war. Und so entschloss ich mich mit ihr ein Gespräch über die neudeutsche Gesundheit zu beginnen, in dem ich die Lebensform von Vegetariern hervorhob.
Sie schien meine Unterhaltungsform nicht zu irritieren. Gesprächigkeit war jetzt auch kein Thema für sie. Ein kurzer, strafender Blick ließ meine Sprechblasen platzen und mit zwei Fingern schnippte sie so, wie unhöfliche Gäste ihre Ungeduld dem Service-Personal eines Gasthofes zukommen lassen.
Plötzlich wurde mir kalt. Ich spürte wie mir das Blut aus fast allen Gliedern wich. Sie sah das auch und lächelte etwas zu keck.
Während der ganzen Zeit hatte sie das Spiel ihrer Finger auf meiner Haut nicht unterbrochen und ihr Blick hatte den Ausdruck eines Menschen angenommen, der genau wusste was zu tun und keinesfalls zu unterlassen ist. Sie war im Moment psychisch wie physisch in einer komfortablen Situation, die sie mich auch spüren ließ, denn Ihr Lächeln hatte jede Art von Kinderspiel verloren.
Meine Sinne schwanden, meine Hüften steppten und die Beine zuckten, wie die eines Käfers in Rückenlage. Die alternde Muskulatur rockte wie besessen bis zu den Fußsohlen hinunter und mein Blut begann überschäumend zu kochen.
Die roten Warnlampen schrillten und ein ICC schoß mit grellen Scheinwerfern direkt auf mich zu. Ich hörte das metallische Kreischen der blockierten Räder auf den Schienen, Menschen schrien, doch den Aufprall verhinderten sie nicht…

 
 

– 5 –

Hinter dem Krankenhaus, zehn Häuserzeilen tiefer, döste ein viktorianischer Altbau seiner Restaurierung entgegen. Schon vor Monaten hatte ein Trupp polnischer Arbeiter begonnen das Haus, hinter einem derben Gerüst, das teilweise mit Folien verhangen war, wieder zum Leben zu erwecken. Doch seit drei Wochen war die Baustelle verwaist, die Arbeiter waren nicht mehr gekommen und die Nachbarn glaubten zu wissen, der Unternehmer habe Insolvenz angemeldet, weil der kleine Handwerksbetrieb dem gnadenlosen Preisdruck der Bauherren unterlag. Trotz diesem Wissen und der Tatsache, dass die polnischen Fahrzeuge nicht mehr vor dem Haus parkten, war die Baustelle noch nicht restlos verwaist.
Zwischen zwei grobschlächtigen Figuren in dem kleinen, viel zu engen Baubüro, war ein heftiger Disput im Gange. Die Stimmung war gereizt, denn die Meinungsunterschiede der beiden Männer waren gravierend. Sie hatten den günstigen Moment genutzt und keck und mietfrei das verwaiste Büro besetzt. Kein Nachbar nahm Anstoß daran, dass hier ein heimlicher Wechsel vollzogen wurde, da auch keiner zuvor genau Bescheid gewußt hatte, wer da und in wessen Auftrag mit der Renovierung und dem Umbau der alten Villa beauftragt worden war. So nahm auch weiter niemand Anstoß daran, als zwei Männer sich in dem alten Haus niedergelassen hatten.
Der Größere hatte kleine, leicht geschlitzte Augen, in einem Gesicht, das von Furchen durchzogen war, wie ein frisch gepflückter Acker. Nur war diese Erde nicht sommertrocken und bröselig. Sie war wie der Erdboden eines Moors satt, fett und schwammig. Die Nase schwamm mitten in diesem gefährlichen Brei und erinnerte an eine Birne, die aus der Stirnhöhle heraus gewachsen war.
Alle nannten ihn Knolle, doch das war unkorrekt, denn Knolles Nase ähnelte keiner Art von unter Tag wachsendem Gemüse, das die Franzosen als pomme de terre, verehrten.
Den Anderen nannten sie nur so, weil er einfach anders war. Er aß nicht, er fraß, was nicht die Menge betraf, mehr den Stil. Tafelsitten hatte ihm niemand beigebracht. Seit er denken konnte lebte er in einem alten Wohnwagen direkt neben dem Schrottplatz, auf dem zerschundene Autokadaver darauf warteten, in einem Ungetüm von Presse, umgeformt zu werden, wie eine kleine Bierdose auf einer Straße, die so schmal war, dass ein größerer Lkw sie nicht hätte umfahren können.
Warum der Andere seinen Wohnwagen nicht in einer schöneren Ecke der Stadt geparkt hatte, lag einfach daran, dass die Besitzverhältnisse seiner Unterkunft schon immer unklar waren. Auch war der Zustand nicht mehr so, dass ein bundesdeutscher Technischer Überwachungsverein ein Argument hätte finden können, eine lebensbejahende Plakette auf die ergraute DDR-Plaste zu kleben.
Formal hatte die Behausung jedoch den riesengroßen Vorteil, denn kein osteuropäisches Auge hatte jemals einen merkantilen Blick für das Dingelchen übrig. Zwischen den in Windkanälen gestylten, fahrbaren Villen, hätte es im Straßenverkehr, wie ein verlorenes Ei, ein überaus gefährliches Dasein führen müssen.
Der Andere hatte so gesehen, in Zeiten der verbalen Wohnungsnot, also eine absolut sichere Wohnstätte fast mitten in der kleinen Stadt. Sie hatte keinen Speckgürtel wie die großen Schwestern im Norden, die von der Hanse einst vergoldet und von den Granden der Volkspartei SPD Stück für Stück verschlissen und zerbröselt wurden, wie es die andere große Volkspartei behauptete, deren Wählergunst eher im Landvolk geerdet, viele Jahre verkohlt und nun ausgemerkelt auch unter die Räder der Prozentrechnung gekommen war.

 

„Dumont ist nicht der, den du für schuldig hältst“, polterte Knolle gerade, „er ist, wenn du so willst, der Kollateralschaden in der ganzen Sache…“
„Du spinnst doch! Der hat uns geleimt, schon die ganze Zeit und gestern, den ganzen Abend über, hat der uns nur geleimt! Dein feiner Monsieur Dumont ist ein Spinner und niemals der, für den wir ihn hielten!“, fauchte der Andere.
„Scheiße und nochmals Scheiße, und jetzt liegt er im Krankenhaus und schläft seinen Rausch aus…“
„Wenn er das nur täte!“, resümierte Knolle.
„Oder besser noch er wacht nicht mehr auf…“, flüsterte der Andere so, als wäre die enge Bude verwanzt.
„Warum denn das?“, fuhr Knolle seinen Kollegen an. „Kein Blut, keine unnötigen Toten, darauf haben wir uns doch verständigt
„Tja, das hatten wir.“ Wieder flüsterte der Andere so, als glaubte er Mithörer zu haben.
„Tja, und…?“, Knolle erwartete eine klare Antwort.
„In Dumont habe ich mein ganzes Kapital investiert…“, jammerte der Andere
„Ja und, keine Silbe haben wir erfahren und vielleicht plaudert er jetzt im Rausch bei den Ärzten all das aus, was wir hätten herausbringen sollen. Der Chef wird uns rädern, mit Teer übergießen und dann verbrennen lassen!“, prophezeite der Größere der Beiden.
„Du solltest endlich weniger historischen Scheiß in der Glotze konsumieren und mehr im Jetzt und Heute dich anstrengen das zu tun, was der Chef von uns erwartet. Punkt!“
„Blas‘ du dich nur nicht so auf, die Sache haben wir beide verbockt, jetzt müssen wir überlegen wie wir da raus kommen, ohne den Kopf zu verlieren!“…
Die beiden Ganoven führten ihre Unterhaltung noch länger fort, ohne am Ende sich zu einigen. Aber sie hatten plötzlich ungeahnte Ängste.

 
 

– 6 –

Im Osten, ganz tief unten, direkt über dem Strich, der das Festland vom Meer trennt, graute ein Dienstag herauf. Und während die braven Bürger noch in Traumwelten dem neuen Tag entgegen schnarchten, lag ich steif wie ein Holzpferd in den Kissen eines fremden Bettes, in einem mir fremden Raum, in eine unbewusst wahrgenommenen Haus, das Krankenhausgerüche ausdünstete. Der Gedanke, ob die Nachtschwester, die in diesem Moment den Frühdienst über mich und meinen Zustand informierte, die gleiche Person sein könnte, die mit ihren vor Wollust geschwellten, roten Lippen, meine Lippen berührt hatte, irritierte mich vehement.
Was mochte die Frau von mir denken, der ich als Patient so enthusiastisch auf ihre Weiblichkeit reagiert, das erotische Spiel noch forciert und wie besessen übernommen hatte.
Sah sie in mir einen der sexistischen Mannsbilder, die an Frauen nur noch das Erotisierende wahrnahmen?
Solche Fragekonstrukte konnte ich im Moment nicht bewältigen. Mehr noch, ich konnte sie nicht einmal in Worte fassen, denn als ich das versuchte, kamen nur zerstückelte Wortfragmente über meine Lippen, so wirr, dass ich selbst erschrak.
Die Nachtschwester drehte sich von der Kollegin abrupt ab und mir zu. Sie lächelte gütig wie eine Nonne, die nur zwei Männer tolerierte, den Heiligen Vater in Rom und den Teufel, der sie ab und zu in Lustträumereien verstrickte. Dass sie diese Träumereien in leidenschaftliches Tun umsetzte, sollte ihr Geheimnis bleiben und nicht bis zum Tiber durchsickern.
Sah sie mich aus diesem Grund so durchdringend an? Oder hatte mein Gestammel sie erschreckt. Ihr Gesicht war immer noch verführerisch schön, doch jetzt hatten sich die wohllüsternen Lippen in einen waagrechten roten Strich verwandelt.
„Die Schwester kommt gleich zu ihnen, einen Moment noch bitte!“, das war nicht kalt. Es war eiskalt. Und diese Frau hatte mich noch vor ein paar Stunden leidenschaftlich geküsst. Oder war es vor Wochen, Monaten oder Jahren? Ich wußte es nicht und es war mir auch egal, wenn nur das Sonnenlicht nicht direkt in mein rechtes Auge scheinen würde…
„Mach die Augen zu!“, befahl ich mir, doch irgendjemand hielt mein Augenlid so fest, dass ich zumindest das rechte Auge nicht schließen konnte. Und das linke Auge konnte ich jetzt auch nicht schließen. Und während ich mich losreißen wollte, dröhnte eine Männerstimme über meinem Kopf, doch ich verstand den Sinn nicht.
„Lassen sie ihn schlafen, er ist immer noch im Delirium und das wird auch noch anhalten.“
„Ich bin doch wach!“ wollte ich erklären, doch meine Stimme versagte jämmerlich.
„Was hat er wohl geschluckt, denn ich fand keinen einzigen Einstich?“, fragte die Schwester den weiß bekittelten Mann.
„Wir wissen es noch nicht, weil uns die Laborwerte noch nicht vorliegen,“ antwortete der junge Stationsarzt, „doch es sieht nach einem Gemisch verschiedener Mittel aus.“
„So ein Quatsch!“, schrie ich laut, doch niemand schien mich zu hören.
„Sollten wir nicht vorsorglich eine Magenspülung machen?“, flüsterte eine weibliche Stimme.
„Das Zeug, das hier Wirkung zeigt, ist längst im Blut, da ist eine Magenspülung nicht angebracht, zumal der Patient nicht sofort in die Klinik gebracht und Zeit vergeudet wurde, warum das auch immer so geschah.“
„Die Arschlöcher haben mich einfach auf der Straße liegen lassen!“, schrie ich mit ganzer Kraft, doch wieder schienen die Personen an meinem Bett mich nicht zu hören.

 
 

– 7 –

Das Büro des Finanzmaklers war nicht groß. Kein lichtdurchflutetes, spezial verglastes Penthouse auf einer der parkähnlich bepflanzten Dachterrassen imposanter Hochhäuser. Es lag eher bescheiden und ebenerdig in einer viel befahrenen Straße der Innenstadt und die kratzbürstigen Nebelschwaden, die aus dem Kippfenster dampften, waren weder indischem Großstadt-Smog, noch einer Müllverbrennungsanlage in unmittelbarer Nähe zuzuschreiben. Es waren die Abgase der selbstgedrehten Flippen einiger Männer, die den kleinen Raum zu übervölkern drohten. Eine gespenstige Mischung aus Nervosität und Ängstlichkeit wippten auf schweren Füßen.
Noch in diesem Monat sollte der Deal perfekt gemacht werden, das war allen klar gewesen. Doch wenn dieser unberechenbare Mensch nicht auftauchte, dann gab es eine Art von Krieg, wie ihn nicht einmal…

 

Ludger Kleinholz wollte den Satz nicht zu Ende denken, denn es war klar, dass man ihm alles anlasten würde, wenn der Deal platzen sollte. Mehr noch, die feinen Herren kannten keine Gnade, wenn es darum ging ein Geschäft einzufädeln und noch weniger, wenn ein solches nicht zu Stande käme, weil er, Ludger Kleinholz wieder einmal versagte.
Wie das klang?
Wieder einmal versagte!
Dabei war er in dieser verflixten Situation nur, weil er seinem intimsten, immer unterdrückten Lebensgeheimnis plötzlich erlag, als eine verführerische Situation nach einem unterhaltsamen Abend, in dem kleinen Männer-Lokal an der Küste, ihm den Verstand raubte. Keine Ahnung, wie das publik werden konnte, in dieser überfüllten Ferienregion, auf der ungeplanten und zufälligen Reise, in diesem fremden Land, weit entfernt von seiner Heimat, von seinem Geschäft und seiner Familie. Und wie und warum das für seine plötzlich wie aus dem Nichts aufgetauchten Partnern, den beiden feinen Herren, zugetragen wurde, blieb ihm bis heute ein Geheimnis.
Doch das Wort Partner hatte einen schleimigen Beigeschmack. Sie waren keine Partner. Nicht aus Ludgers Sicht und auch nie gewesen. Die Herren hatten seine Geschäftsidee, seinen Laden, seine Identität und, ja, das konnte man so sagen, sein Leben geraubt. Denn alles was ihm lieb und wert gewesen war, war längst nicht mehr. Wie ein Kartenhaus waren seine Visionen, die jahrelangen Vorbereitungen, Planungen und Strategien zusammen gebrochen. Als die beiden feinen Herren sein Geschäft betraten und nur wenig später mit einem Lächeln auf den Lippen wieder verließen, dümpelten aus den fernöstlich anmutenden Kauderwelsch eine Unzahl von „Üs“ und ein aufdringlicher Duft billigsten Deodorants im Raum und aus dem frischen Jungunternehmer Ludger Kleinholz war ein scheinbar alter Mann geworden.
Hätte er auf die Straße und hinter den feinen Herren her rennen, um Hilfe und nach der Polizei rufen sollen?
„Wenn du nicht tust was wir dir sagten, dann stirbt deine ganze Familie, einer nach dem anderen und nur dein kleiner Schwanzlutscher darf zusehen wie du langsam dabei krepierst …“ Sie hatten keine feine Sprache zur Hand, die beiden feinen Herren in dem dunkelblauen, maßgeschneiderten Zwirn und den mit Absatzeisen beschlagenen Lackschuhen.
Und das alles sollte und durfte keiner bemerken, nicht einmal ahnen durften es seine Geschäfts-Freunde, Lieferanten, sein Banker, den er seither fast täglich belügen musste und seine Familie, die er nun Tag für Tag betrog. Gerade sie konnte er nicht einweihen in das, was da in ein paar Minuten geschehen war, wenn er sie noch irgendwie beschützen wollte.

 

Darüber musste keiner im Raum nachdenken. Das war Fakt und Kleinholz ureigenes Problem. Er wusste nur zu genau was geschah, wenn er die Regeln der feinen Herren nicht achtete. Ludgers Schwager, ein technisch begabter und fleißiger Autoschrauber, hatte ihm eine Abhöranlage ins Büro und den neuen, schwarzen Golf vor der Tür einbauen wollen. Nur weil er der Meinung war, dass ein junger Finanzmakler es auch mit Menschen zu tun haben könnte, die keine feinen Menschen waren. Doch es kam nicht so weit. Der Autoschrauber hatte unversehens einen tödlichen Unfall in seiner Werkstatt, als ein Kundenfahrzeug von der Hebebühne stürzte und den jungen Mann unter sich begrub.
„Aus die Maus. Kapiert!“ stand auf einem schmierigen Zettel, den jemand noch in der Nacht hinter den Scheibenwischer des schwarz glänzenden Golfs geklemmt hatte.
Seither führte Ludger Kleinholz nur noch belanglose Gespräche in seinem Büro und über das Geschäfts-Telefon. Er traute sich nicht einmal mehr nach einer versteckten Wanze oder einem Kamera-Auge intensiv zu suchen…

 
 

– 8 –

Frau Maria Manikowski war nicht immer so hektisch gewesen, wie seit kurzem. Die Unruhe kam auch nicht über Nacht und natürlich nicht als sie Eduard in Amerika kennen gelernt hatte. Damals, in der Zeit ihres Au-pair-Aufenthaltes, war sie der ruhige Pol in der Gastfamilie, in der alle eher hektisch und auch überaus nervös waren.
„Also keine verspätete Ansteckung.“, stellte sie jetzt in Deutschland mit einem kleinen, heimlichen Lächeln in diesem Moment fest, als wieder einmal die Unruhe sie fast panisch werden ließ. Warum konnte ihr Mann nicht einmal kurz anrufen und ihr Bescheid geben, wenn er sich verspätete.
„Das kann ich nicht immer, Schatz.“ hatte er geflüstert und erklärt, wie oft und wieviel Unruhe in seinem Büro im Präsidium oder bei einem Einsatz außer Haus, ihn hinderten sein Handy für eine private Nachricht zu nutzen. Auch wenn diese nur kurz sei, hatte er betont und ja, er hatte Schatz gesagt, was nicht alle Männer die Maria in ihrem Leben kennen gelernt hatte, je gesagt hätten, sie vermutete sogar, dass einige das Wort oder dessen Sinn nie begreifen würden.
Maria war keine Nonne gewesen. Was heißt das schon. Nonnen hatten auch erotische Träume und Wünsche. Maria war immer neugierig, doch nie gierig gewesen. Sie hatte ihre Jugend genossen und ja, die alten Spießer in ihrer Familie hatte die Nasen gerümpft und einige hatten hinter vorgehaltener Hand sie sogar Hure genannt, nur weil sie ab und zu zwei oder drei Freunde vom anderen Geschlecht als Begleitung akzeptierte. Sie sammelte nicht die Verehrer, aber es gab viele. Da war es doch sinnvoll rational die Zeit aufzuteilen und der Freude am geselligen Miteinander nicht allein schon durch eine feste Bindung, Grenzen zu setzen. Sie war noch sehr jung und die Welt unermesslich groß, die entdeckt und erobert werden musste. Das konnte sie nicht allein und auch nicht nur mit einem festen Freund an ihrer Seite, da brauchte sie Soldaten, vielleicht sogar eine ganze Armee, doch das verstanden Ihre Eltern nicht und der Vater versuchte sie mit Hausarresten und Ausgehverboten zu seiner Vorstellung von Vernunft zu bringen.
„Vernunft?“, lachte sie damals verächtlich, „Welche Vernunft? Die meine oder die deine?“
Die väterliche Antwort war harsch wie alter Schnee nach tiefem Frost in der Nacht.
Das war dann auch die Zeit, wo Maria anfing nach einer Au-pair-Stelle zu suchen, möglichst weit weg von Zuhause, wenn auch jüngste Freundschaften größere Entfernungen nicht verkraften würden. Doch das durfte kein Grund sein in dem kleinbürgerlichen Spießernest, wie sie ihr Elternhaus verärgert und enttäuscht nannte, zu bleiben.
So dachte sie damals.
Und jetzt saß sie hier und wurde hektisch, weil ihr Ehemann die verspätete Heimkehr von seinem Arbeitsplatz nicht per Anruf angekündigt hatte.
Maria lächelte.
„Du bist Deinem Vater sehr ähnlich, du alte Kuh!“, beschimpfte sie sich in ungeschliffen rohen Gedanken. Doch das passte so gar nicht zu ihr und ihrem Erscheinungsbild.
Ihr Gesicht hatte von der jugendlichen Schönheit und dem Reiz nichts verloren, hatte im Gegenteil im Älterwerden noch eine Menge dazu gewonnen. Ihre Sinnlichkeit war nicht zu übersehen und der hellwache Intellekt, zeigte dem Betrachter scharf beobachtende Augen, fast wie eine Warnung die Sinnlichkeit nicht zu überwerten.

 
 

– 9 –

Der Treffpunkt sollte in einem noblen Café am südwestlichen Speckgürtel der Stadt liegen. Das war das Viertel, indem seine Partner ihr Domizil errichtet hatten. Das waren feine, weiß und rosé getünchte Villen, auf großen parkähnlichen Grundstücken hinter alten Baumbeständen versteckt. Luxuriöse Einfassungen der einzelnen Immobilien, teils Schmiedeeisern mit vergoldeten Emblemen und teils in den Farben der Villen verputzte Mauern, mit den dahinter sich tief duckenden, feudalen Torhäusern mit wuchtigen Garagen- und Reitstall-Ensemble. Die wenigen Fahrzeuge denen Kleinholz begegnete, kamen auf überdimensionierten Pneus und in Kaufpreis-Kategorien einher, in der der bessergestellte Mittelstand seine Baukosten für Ein- und Zweifamilien-Häuser kalkulieren musste.
Ludger Kleinholz liebte die Viertel des Reichtums, denn das waren die Paradiese, von denen die Kunden eines Finanzmaklers immer träumen sollten und auch durften.
Doch ihm stand nicht nach Träumen der Sinn. Seine beiden Auftraggeber, die sich als seine Partner ausgaben, hatten den neutralen Treffpunkt gewählt, weil sie selbst nicht sicher waren, ob nicht schon ein Nachrichtendienst ein Auge auf ihr unstetes Leben geworfen hatte. Erdogans langer Arm reicht bis tief in die deutsche Republik! Unter diesem Titel hatte eine Boulevard-Zeitung davon berichtet, wie der frei gewählte Präsident der Türken, über religiöse Vereine, seine Häscher in Europa platzierte.

 

Als Kleinholz schon über 20 Minuten im Café mit dem lächerlichen Namen „Blaue Ente“ saß, sah er die beiden feinen Herren mit auf dem Rücken verschränkten Armen, wie zwei Pensionäre beim Nachmittagsspaziergang, den kleinen Teich umrunden. Der Größere hatte einen Mantel aus Kamelhaar lässig über die Schultern geworfen, der Kleinere war in einen dunkelblauen Wollmantel gehüllt, der bei jedem Schritt das leuchtende Karminrot des seidenen Innenfutters aufblitzen ließ. Sie machten keine Anstalten zur Eile, obwohl sie schon weit über das akademische Viertel hinaus verspätet unterwegs waren.
Irgendwie erinnerten die Gestalten an italienische Gauner, die immer gut gekleidet den feinen Familien der Mafia angehörten. Doch in Wirklichkeit sind die beiden Herren türkischer Abstammung, ausgebildet bei einem Natopartner der die Flanke zur arabischen Welt bewahren sollte, dessen Präsident aber ein intimes Verhältnis zum sogenannten Islamischen Staat nicht unterdrückte, da er einst aus deren eroberten Ölanlagen und mit Öl von IS-Vasallen auf den Sessel der Macht befördert wurde. Dem Emporkömmling, stieg der ergaunerte Reichtum so zu Kopf, dass er keine keinerlei Skrupel besaß, die Staatskasse zu plündern um sich einen Palast zur Stärkung seiner subtilen Machtphilosophie zu erbauen. Bei der Größenordnung des Bauwerkes war jedem klar, dass ohne Leibeigene dieser Prunk nicht bewahrt, der Herrscher nicht beschützt werden konnte. So bekamen die beiden feinen Herren einen Job, wie tausende anderer auch, doch er war auch etwas geheimer und zugeschnitten auf den langen Arm des obersten Dienstherrn, der sich längst Europa, das ihn verschmähte, merkantil in der Hand hatte.
Das war eine Ausgangssituation, die die Frage ob Mafia oder nicht, zur lapidaren Bagatelle verkommen ließ.
Dass die beiden feinen Herren in, in Italien gewobenem Zwirn herumliefen, war nur ein Treppenwitz der Geschichte…

 

Weitere 20 Minuten später hatten die beiden Herren je einen zweiten 18-jährigen Talisker in sich hinein geschüttet und keine Mine verzogen, als das 45-prozentige Edeldestillat ihre Kehle passierte. Ludger Kleinholz hatte sich ein stilles Wasser bestellt, es aber noch nicht angerührt.
Die beiden feinen Herren hatten bisher nur ein wenig small talk betrieben und so die Spannung für Kleinholz erhöht. Doch gerade als der nachfragen wollte, warum sie sich hier getroffen hätten, sagte der Kleinere der beiden, mit einer zum Flüstern zugespitzten Lippenbewegung und in einer etwas zu hellen, scharfen Tonlage:
„Wir haben einen Auftrag für Sie!“
Sie duzten ihn hier im Café nicht. Schon vom ersten Moment an nicht. Ludger Kleinholz ließ sich trotzdem seine Überraschung nicht anmerken.
Beide, der Größere und der Kleine, beugten sich über den Tisch zu Ludger Kleinholz hinüber. Jetzt flüsterte man plötzlich ganz diskret.
„Wir suchen einen Mann und den sollen Sie für uns besorgen!“
Sie sagten nicht suchen, nicht auffindbar machen oder vermitteln, nein, Kleinholz sollte diesen Menschen besorgen, so, wie man ein Möbelstück oder eine Waffe besorgt. Diese Ausdrucksweise mißfiel Kleinholz, doch er vermutete, dass die türkischen Herren, die zwar sehr gut deutsch sprachen, diesen Fauxpas gar nicht bemerkten. Er überlegte ob er sie auf diese sprachliche Unkorrektheit, mehr noch Unverschämtheit, aufmerksam machen sollte.
Ludger Kleinholz blickte die beiden feinen Herren an und sah, dass der Whisky kleine Spuren hinterlassen hatte. Er musste lächeln, verschob aber die sprachliche Korrektur.
„Was ist daran lustig?“, fauchte der Kleinere der feinen Herren.
„Nichts.“, erwiderte Ludger Kleinholz, „gar nichts…“
„Wir dachten an einen Monsieur Dupont!“, sagte der Größere so, als liefen die Franzosen nur so auf den deutschen Straßen herum.
„Aber…“, weiter konnte Kleinholz nicht fragen,
„Dann quatschen Sie nicht länger, sondern machen Sie sich auf die Socken. Wir übernehmen die Getränke-Rechnung und ja, wir treffen uns in einer Woche hier wieder, dann erwarten wir Ergebnisse…“, sagte der Größere, ganz ruhig, als wäre alles geklärt.
„Und seien Sie gefälligst pünktlich, damit wir nicht warten müssen!“, lispelte der Kleinere der beiden dreist.
Ludger Kleinholz sagte nichts und dachte an jenen Präsidenten in Ankara, der ebenso ungehobelt über Menschen sprach, mehr noch, sie als Spielfiguren verstand, die ihm und nur ihm zu gehorchen hatten.
Bei diesem Gedanken fror Ludger Kleinholz, als er schnellen Schritts durch den Garten der Blauen Ente zum Parkplatz und seinem Wagen ging.

 
 
© Roman RomanoW
 
 
 
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Hinter dem Pseudonym „Roman RomanoW“ steht Herr Prof. G. Roman Niethammer aus Norddeutschland.

 
Prof. G. Roman Niethammer

Prof. G. Roman Niethammer studierte Psychologie und Kunst. Er ist Bildender Künstler und Autor. Seine Kunst-Ausstellungen fanden großes Interesse und Nachfrage im In- und Ausland. Prof. Roman G. Niethammer hat unter dem Pseudonym „Roman RomanoW“ zahlreiche Bücher veröffentlicht. Im Jahr 2003 wurde er Honorar-Professor für interdisziplinäre Forschungsarbeit, wirkte bis 2010 als Dozent an zwei Akademien und er bot Kunsttherapie an (Demenz + Alzheimer).

Prof. G. Roman Niethammer

Webseite: http://roman-niethammer.de

Instagram: @ro_ma_now

 
 
 
 
 
 
 
 

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