ARUN NEVADER: Interview mit dem international renommierten US-Fotografen – 1/2


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Arun Nevader

 
 

Interview mit dem international renommierten

 

und außergewöhnlichen US-Fotografen
 
 
 
 
 
 
 
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Arun Nevader

in Berkeley, Kalifornien (USA)

Ehemaliger Fotojournalist
in Mittelamerika
(inmitten von Bürgerkrieg in El Salvador
und von Aufstandskonflikten in Guatemala)

International renommierter Modefotograf
(Fashion Weeks, Victoria´s Secret Fashion Shows, Runways, Film Festivals, Presse und Unterhaltung für unter anderem Getty Images und WireImage)

Dozent für Informationsdesign an der Universität von Kalifornien, Berkeley

 
 
 

Çiğdem Gül

in Wuppertal, Deutschland

Gründerin, Publizistin und Autorin des weltweiten „Intercultural Network For The Highly Gifted“

Diplom-Ökonomin & Change Management Consultant 

Business Coach für Veränderungsprozesse im Unternehmen

Journalistin für die Sprachkombination Türkisch, Deutsch und Englisch

 
 
 
 

06. April 2021 – übersetzt am 31. August 2021


Um das Original-Interview in englischer Sprache zu lesen, bitte hier anklicken.
Deutsche Übersetzung: Çiğdem Gül.

 
 

INTERVIEW – 1/2

 

Çiğdem Gül: Lieber Arun, wir befinden uns seit einem Jahr in der globalen Covid-19-Pandemie. In diesen außergewöhnlichen Zeiten wünsche ich Deiner Familie und Dir in Berkeley, Kalifornien vor allem Gesundheit. Wie geht es dir im Moment?

Arun Nevader: Danke, Çiğdem. Mir geht es ganz gut. Ich habe mich in die relativ ruhige, grüne Einsamkeit der Berkeley Hills zurückgezogen.

 

Çiğdem Gül: Es freut mich sehr, dass es Dir in Kalifornien gut geht. Wie hast Du diese Zeit bislang selbst erlebt, und wie ist die Situation in Kalifornien?

Arun Nevader: Kalifornien ist ein riesiger Staat, und daher unterscheidet sich der Status von Covid-19 dramatisch von Nord nach Süd. Die Positivitätsraten in Los Angeles liegen derzeit bei etwa 20%, in Berkeley jedoch bei 2%, was hauptsächlich auf bessere Praxis im Bereich der öffentlichen Gesundheit und die unterschiedliche Bevölkerungsdichte zwischen Süd- und Nordkalifornien zurückzuführen ist. Wenn ich von Los Angeles spreche, beziehe ich mich auch auf die dicht besiedelten Gemeinden östlich von Los Angeles in Richtung Wüste. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Situation in Südkalifornien schlimm, wenn nicht sogar katastrophal. Der Impfstoff wird sicherlich helfen, aber es wird Monate dauern, bis wir diese Pandemie umkehren können. Ich erwarte nicht – wenn wir Glück haben -, dass sich das Leben bis 2022 wieder normalisiert. Ich bin sehr zufrieden und glücklich, einfach Hause bleiben zu dürfen, in meinem wunderschönen Garten zu arbeiten, und meine Student:innen online aus der Ferne zu unterrichten. Ich bin jetzt vollständig geimpft und kann es kaum erwarten, wieder auf die Straße zu gehen, wenn sich das Leben wieder normalisiert.

 

Çiğdem Gül: Ich finde Deinen beruflichen Werdegang sehr abwechslungsreich und spannend. Ich bewundere deine vielseitigen Arbeiten. In den 80er Jahren hattest Du als Fotojournalist in Mittelamerika inmitten des Bürgerkriegs in El Salvador und von Aufstandskonflikten in Guatemala die schrecklichen Bilder von Menschen fotografiert, um dann viel später als einer der gefragtesten High Fashion- und Pressefotograf vor allem bei den Fashion Weeks und `Victoria’s Secret` Shows sowie Unterhaltung für Getty Images auf den Laufstegen die schönsten Frauen und Männer der Welt zu fotografieren. Zudem bist Du als Dozent tätig an der Universität von Kalifornien in Berkeley Informationsdesign für die Technologieentwicklung im Studiengang Technische Kommunikation. Derzeit arbeitest Du auch für einen zeitgenössischen spanischen Bildhauer und Künstler in Europa.

Beginnen wir mit Deinem Beruf als Fotograf: Was sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede Deiner Eindrücke beim Fotografieren von gegensätzlichen Schauplätzen wie Bürgerkrieg und Fashion Week?

Arun Nevader: Der politische Konflikt in Mittelamerika zog mich zur Fotografie. Während unserer Arbeit auf dem Land hatten wir gesehen, dass das, was sowohl in El Salvador als auch in Guatemala vor Ort geschah, sich stark von dem unterschied, was in den Nachrichten berichtet wurde. Trotz der Dementis der Regierung, wurde die Zivilbevölkerung von deren Streitkräften angegriffen. Wir fühlten uns gezwungen, die wahre Geschichte zu erzählen. Und Bilder sind authentischer als Sprache. In El Salvador hatte ich das Glück, auf beiden Seiten des Konflikts zu arbeiten, zeitweise eingebettet in den Widerstand der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN – ist eine eine der zwei großen politischen Parteien in El Salvador). Andere Male habe ich über das US-Militär und die reguläre salvadorianische Armee berichtet. Eine solche doppelte Berichterstattung ist heute viel schwieriger, was darauf hinweist, dass Journalisten heute einer erhöhten Gefahr ausgesetzt sind. Die Dinge haben sich geändert — sicher, es war in den frühen 1980er Jahren sowohl in El Salvador als auch in Guatemala gefährlich, aber die Sicherheit für Journalisten ist heute fragiler als vor 40 Jahren. Ich erinnere mich, dass unser Mietwagen von salvadorianischen Guerillas während einer Militäroperation entführt wurde, und sie damit beabsichtigten, die salvadorianische Armee zu überfallen. Das ist eine regelmäßige Aktion in der Region Chalatenango. Vier kampferprobte Teenager näherten sich höflich unserem Auto an einem Kontrollpunkt, richteten vier M16-Automatikgewehre auf unsere Köpfe und baten uns beiläufig, auszusteigen.

Çiğdem Gül: Für mich hört sich das schrecklich an!

Arun Nevader: Wir stiegen aus. Der Anführer sagte: „Gracias Señor. Bitte warten Sie hier und wir kommen bald wieder.“ Wie versprochen kehrten sie etwa 4 Stunden später zurück, mit zerschlagenen Windschutzscheiben vorn und hinten, und gesät mit Einschusslöchern in der Größe von Silberdollar auf dem Heck des gemieteten Toyota Corolla. Sowohl die Rücklichter als auch Teile des Hecks waren komplett weg. Das ganze Auto war mit einem seltsamen weißen Pulver bedeckt, als wären sie durch eine Mehlfabrik gefahren. Zumindest lief es noch. Sie waren sehr entschuldigend und wollten vor allem ein Foto; also machte mein Kollege ein Foto von den Jungs und mir.

 
 
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MITTELAMERIKA – EL SALVADOR: Vor über 20 Jahren: Arun Nevader und die vier kampferprobten Teenager.

 


Wir saßen mit den salvadorianischen Guerillas alle noch ein paar Stunden herum, rauchten zusammen, tranken TicTac – einen nahezu giftigen Maiswodka – und sprachen über die düstere Zukunft von El Salvador – wir waren Freunde und für diesen kurzen Moment Kameraden. Journalisten laufen heute ständig Gefahr, entführt zu werden und Schlimmeres zu erleben. Wir fühlten uns von der FMLN nie bedroht, allerdings war die Atmosphäre in Guatemala völlig anders.

 
 
 
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MITTELAMERIKA – EL SALVADOR, 1984: Mitte: Der Berater der US Navy Seals (Mitte) führte eine Patrouille salvadorianischer regulärer Armeetruppen zu einer Such- und Zerstörungsoperation gegen die FMLN außerhalb von San Vicente durch. Ein salvadorianischer Soldat wollte die Rückseite eines Gebäudes beschützen.

 
 
 
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MITTELAMERIKA – GUATEMALA, 1984: Arun Nevader vor einer Hütte bei den guatemaltekischen Spezialeinheiten in Salquil.

 
 
 
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MITTELAMERIKA – GUATEMALA, 1984: Guatemaltekische Truppen der regulären Armee, die zivile Aktivitäten in der Stadt Nebaj überwachten,

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 20 Jahre später: KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 20 Jahre später: Arun Nevader war als Modefotograf in Downtown, der Innenstadt von Los Angeles, auf der Fashion Week unterwegs.

 

15 Jahre später in Hollywood bei den Independent Spirit Awards in Santa Monica, Kalifornien im Jahr 2001, hing ich mit meinem Sohn ab, der das erfolgreiche Medienunternehmen `WireImage´ leitete. Wir saßen zusammen im Presseraum, als er sich zu mir umdrehte und sagte: „Dad, nimm bitte diese Kamera! Wir brauchen Dich sofort im Award Room. Die Preisträger:innen kommen und wir brauchen einen zweiten Fotografen. Komm´ bitte und hilf mir!“ Er gab mir eine Nikon D1—die neue Profi-Digitalkamera – und sagte: „Beeile Dich, verpasse sie nicht!“ Ich hatte zuvor noch nie eine Digitalkamera in der Hand gehabt und hatte keine Ahnung, was passieren würde. Ich lief in den Raum und gleichzeitig kam Scarlett Johansson heraus und hielt ihre Trophäe strahlend, wunderschön, lächelnd und bereit für Fotos. Ich war dort dicht gedrängt mit 50 anderen Fotograf:innen. Und wir fingen alle an zu fotografieren. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Es war alles in ungefähr 2 Minuten vorbei und irgendwie bekam ich meine Aufnahme hin— mein erstes Promi-Foto. Es hat mich in dem Moment in den Bann gezogen. Später fand ich aber keinen Gefallen an Celebrity- Fotografie, dennoch öffnete sie mir die Tür zur Fashion-Fotografie. Als ich meine erste Runway-Show auf der Los Angeles Fashion Week fotografierte, war ich begeistert und wusste, dass ich nichts anderes mehr machen wollte—für immer. Es war, als würde man zum ersten Mal eine neue Kunstform entdecken. Ich hatte zuvor noch nie eine Modenschau erlebt und auch kein Interesse an Mode—bis zu diesem Moment, der mein Leben veränderte.

 

Çiğdem Gül: Der Beruf des Fotojournalisten in Krisen- und Kriegsgebieten und der Beruf des Streifenpolizisten hinterlassen beim Betroffenen unerwartete Spuren und Traumata. Meine jahrelange berufliche Zusammenarbeit mit einigen solcher Fotojournalisten und Polizisten hat mir gezeigt, dass sie von ihrem Job traumatisiert sind. Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Wie hast Du die schrecklichen Szenen überwunden?

Arun Nevader: Meine eigene Arbeit in Mittelamerika hatte mehr mit der Berichterstattung über die katastrophalen Folgen von institutionellem Völkermord und Kriegsführung zu tun als mit tatsächlichen Kampfhandlungen. Ich muss ein wenig abschweifen, um mein Verhältnis zu diesen Konflikten zu skizzieren. In Guatemala zum Beispiel konnten wir uns mit einer Eliteeinheit guatemaltekischer Armeesoldaten zusammenschließen, deren Aufgabe es war, die dichten Waldberge des sogenannten Ixil-Dreiecks zu durchsuchen, um in den Bergdschungel geflohene Indigene zu lokalisieren und zu repatriieren während der Schlachten der „weißen Schürze“, die Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre in ganz Guatemala stattfanden. Ganze Dörfer und Gemeinden wurden ausgerottet, aber sie ließen eine Handvoll Menschen aus jedem Weiler (Dörfchen) leben. Diese Massaker sollten die indigene Bevölkerung terrorisieren und aufständische Truppen demoralisieren. Es hatte funktioniert. Wir reisten mit diesen Soldaten viel und erlebten, wie überlebende Zivilisten zurückerobert und dann in abgelegene Bergregionen in Internierungslager namens Modelldörfer umgesiedelt wurden, um diese Überlebenden an eine neue nationale guatemaltekische Sozialethik zu indoktrinieren, die die Schlüsselwerte für die indigene Identität leugnete. Genauer gesagt hatten wir geprüft, wie die Armee eine Rückführungspolitik entwickelte, die es ihnen ermöglichte, sowohl die Nahrungsmittelversorgung als auch die Arbeitskräfte zu kontrollieren. Die gesamten Kriegsanstrengungen in Guatemala wurden von israelischen Militärausbildern überwacht, die ihre eigenen Praktiken der Bevölkerungskontrolle der Palästinenser als Maßstab für die Messung der Kampagne zur Aufstandsbekämpfung in Guatemala ausübten. Das israelische Militär lehrte die Guatemalteken, dass sie, wenn sie Nahrung und Arbeit kontrollieren könnten, die Bevölkerung kontrollieren könnten. Während das US-Militär die Aufstandsbekämpfung in El Salvador mit weitaus weniger Erfolg durchführte, führte Israel die guatemaltekische Operation mit effizientem und brutalem Erfolg durch, zu der auch der Verkauf von Waffen, Uniformen und Ausrüstung an das Militär gehörte. Es gibt mehrere Situationen, die ich mir gerade vorstellen kann, die für uns damals eine echte Bedrohung darstellten.


Wir haben Tod und Zerstörung in beiden Konfliktgebieten erlebt; aber ich kann nicht sagen, dass ich an Posttraumatischer Belastungsstörung leide. Ich erinnere mich, wie ich für eine kurze Zeit von den Konflikt- und Kriegsgebieten nach Hause kam und später an der Schulveranstaltung meiner Tochter in Berkeley teilnahm. Sie war damals 8 oder 9 Jahre alt. Ich erinnere mich an meine damals emotionale Spaltung von der Realität, die ich empfand—eine Unfähigkeit, meinen inneren Konflikt zu lösen, bei dem ich das privilegierte Leben meiner Tochter mit dem Trauma, dem Entsetzen und der Verzweiflung der verwaisten Kinder verglich, die ich in den guatemaltekischen Bergen zurückgelassen hatte. Die meisten dieser verwaisten Kinder mussten ein oder zwei Jahre zuvor mit ansehen, wie ihre Eltern vor ihren Augen getötet wurden.

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 11. Oktober 2018: Das Model auf dem Laufsteg im `The Majestic Downtown´ trägt ein Kleid aus der Kollektion des amerikanischen Stardesigners Michael Costello bei der Los Angeles Fashion Week (LAFW) Sommer 2019, gesponsert von Art Hearts Fashion.

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 15. Oktober 2003: Der 10. Jahrestag des Dream Halloween Los Angeles Fundraising-Event: Der gewählte Gouverneur Arnold Schwarzenegger und Jamie Lee Curtis.
Wusstest Du, dass Arnold Schwarzenegger nachweislich einen IQ von 135 hat? Er wanderte mittellos von Österreich in die USA aus, und verwirklichte mit seiner Karriere den „amerikanischen Traum“. Schwarzenegger schloss sein Studium 1979 an der University of Wisconsin-Superior mit einem Abschluss in Internationalem- Fitness-Marketing und Betriebswirtschaftslehre ab.

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 4. März 2010:
Sylvester Stallone ist ein US-amerikanischer Schauspieler, Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor. Er nahm am 5. jährlichen „Los Angeles Italia Festival“ zu Ehren des Schauspielers Samuel L. Jackson und seiner Frau Latanya im `Mann Chinese 6´ teil. Am Rande sei erwähnt, dass Silvester Stallone einen IQ von160 hat.

 
 
 
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KALIFORNIEN – SAN FRANSISCO, 25. April 2002: Das „San Francisco International Film Festival“ ist eines der ältesten Festivals der USA. Sharon Stone und ihr damaliger Ehemann Phil Bronstein kamen während des 45. San Francisco International Film Festival – Film Society Awards Night zu einem privaten Empfang im Argent Hotel.
Sharon Stone ist ebenfalls hochbegabt und hat einen IQ von 154. Sie ist Mitglied bei der MENSA.

 
 
 

Arun Nevader »Als Fotograf fühle ich mich der legendären Modeschöpferin Madeleine Vionnet verbunden—Wie Vionnet bin ich immer wieder fasziniert von der Vielfalt und Schönheit der weiblichen Form.«

 
 
 
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KALIFORNIEN – MERCED, 16. Mai 2009: Der Standort Merced ist der zehnte Campus
der Universität von Kalifornien. Die Universität ist die erste amerikanische Forschungs-Universität, die im 21. Jahrhundert gebaut wurde. Frau Michelle Obama, die damalige First Lady der Vereinigten Staaten, hielt im Rahmen der allerersten Absolventenfeier am 16. Mai 2009 eine Rede. Die 500 Diplomanden sind der erste Abschlussjahrgang seit der Eröffnung der Universität im Jahr 2005.

 
 

Çiğdem Gül: Arun, was hat dich als Fotograf dazu bewogen, von einem Extrem ins andere zu gehen?

Arun Nevader: Im Jahr 1986 verließ ich Mittelamerika. Ich änderte meine Lebensrichtung. Meine beiden kleinen Kinder brauchten ihren Vater mehr als mein Bedürfnis, weiteren Gefahren im Ausland nachzugehen. Ich hatte meine Ziele in Mittelamerika erreicht. Paradoxerweise führte im Laufe der Zeit die Erfahrung der zurückliegenden Konflikte zu einer erhöhten Gefahr und Exposition. Ich hatte das Gefühl, dass die Gefahren nur noch zugenommen hatten. Also kehrte ich an die Hochschule in Berkeley zurück, vielleicht als eine Art Therapie, um mich von den bisherigen Einsätzen in Konflikt- und Kriegsgebieten als Fotojournalist zu erholen. In der Folgezeit von 15 Jahren nahm ich keinen Fotoapparat mehr in die Hand. Im Jahr 2000 gründete mein Sohn ein bemerkenswert erfolgreiches Medienunternehmen, WireImage (www.wireimage.com). Seine neue Fotoagentur revolutionierte die Art und Weise, wie Publikationen weltweit auf Fotos zugreifen und diese hauptsächlich in der Unterhaltungsindustrie veröffentlichen konnten. Das Unternehmen wurde schnell zur wichtigsten Entertainment-Fotoagentur der Welt und übertraf damit die Big Player wie Getty, AP, UPI, Corbis, Image-Direct und andere. Er brauchte Unterstützung und sagte eines Tages zu mir: „Dad, lege los! Ich möchte, dass Du für mich arbeitest.“ Das nächste, was ich wusste, war, dass ich ein Celebrity- Fotograf geworden war. Es war eine spannende Zeit, da ich gerade einen Lehrauftrag als Dozent in Vollzeit am College of Engineering der UC Berkeley angenommen hatte. [ Anmerkung von Çiğdem Gül: „Das College of Engineering ist eine von 14 Schulen und Colleges an der University of California in Berkeley. Das 1931 gegründete College gilt als eine der renommiertesten Ingenieurschulen der Welt.“ Quelle: Wikipedia: Englisch] Im Grunde hatte ich zwei neue Berufswege eingeschlagen, die ich bis heute, also 20 Jahre später, immer noch miteinander kombiniere.

 

Çiğdem Gül: Wer hat Dich dazu inspiriert, Fotograf zu werden? Welche Fotografen aus der Vergangenheit oder Gegenwart haben Dich am meisten beeinflusst?

Arun Nevader: Ich wurde nie inspiriert, um Fotograf zu werden. Es ist einfach passiert. Als ich in Mittelamerika zum ersten Mal einen Fotoapparat in die Hand nahm, sollte es die Wahrheit dokumentieren und Geschichten erzählen. Nachdem ich Mittelamerika verließ, ließ ich auch die Fotografie hinter mir zurück. 15 Jahre später kehrte ich wieder zur Fotografie zurück, weil ich dachte, dass ich einen positiven Beitrag zum neuen Unternehmen meines Sohnes leisten könnte.
Als ich anfing, Unterhaltungsveranstaltungen für WireImage zu fotografieren, wusste ich sofort, dass ich es liebe. Ich hatte das große Glück, für ein Unternehmen zu arbeiten, das Zugang zu allen hochkarätigen Unterhaltungsveranstaltungen weltweit hatte. Meine Möglichkeiten waren endlos, und ich verdanke all´ diese Möglichkeiten meinem Sohn. Trotz alledem ist WireImage ein auf Leistung basiertes Unternehmen von einer Gruppe hart umkämpften Fotografen, die meinen Fähigkeiten skeptisch gegenüberstanden. Ich hatte zwar die Chance, aber ich musste trotzdem qualitativ hochwertige Bilder produzieren. Das Handwerk der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung musste ich sofort erlernen. Für Schule und Handwerk war keine Zeit.—Ich musste einfach auf den Veranstaltungen fotografieren und die Bilder bis 5 Uhr morgens des darauffolgenden Tages veröffentlichen. Dieses anfängliche Training führte im Laufe der Zeit zu Disziplin in meinem Arbeitsablauf. Vor allem lernte ich schon früh, wie es mir gelingen würde, dass meine Fotos direkt aus der Kamera bereits nahezu perfekt sein würden.

In den Anfangszeit meiner Tätigkeit in der Celebrity-Fotografie wurde ich mit Mode-Events beauftragt, weil keiner der erfolgreicheren Pressefotografen Mode fotografieren wollten. Fotografien von Mode-Events verkauften sich nicht annähernd so gut wie Fotografien von Prominenten; also war das Feld für mich weit offen. Ich stellt für mich fest, dass ich es insgesamt liebte, bei Runway und Fashion Weeks zu fotografieren. Bis vor 2001 hatte ich beruflich das Thema Mode nicht favorisiert. Ich erinnere mich an meine ersten Show-Aufträge, und wie ich darin dieses bemerkenswerte Gefühl empfand, als hätte ich eine ganz neue Kunstform entdeckt, die vergänglich und dauerhaft zugleich ist. Der Laufsteg-„Look“ dauert vielleicht 1 Minute, aber in diesen wenigen Momenten scheint die Zeit stehen zu bleiben. Und die Herausforderung besteht darin, eine Dimension der Schönheit einzufangen, die mit bloßem Auge allein nie zu sehen wäre. Ein fotografisches Bild ist ein Moment, der in der Zeit eingefangen und eingefroren ist. Das ist ein starker Anreiz, Fotograf werden zu wollen. Wenn das Bild erfolgreich ist, hat es den Betrachter dazu bewegt, etwas zu sehen, das über unsere gewöhnliche visuelle Erfahrung hinausgeht.

Den größten Einfluss auf mich hatte der Fotograf Herb Ritts, wobei ich stets auch Fotografen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wie Helmut Newton, Louise Dahl-Wolfe, Frank Capa, Martin Munkacsi, Erwin Blumenfeld, Irving Penn und natürlich Richard Avedon sehr schätze, weil sie die Studio- und Location-Fotografie in die Moderne gebracht haben. Als Meister einer modernistischen Form setzen sie heute Maßstäbe für die Modefotografie.

 
 
 

KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 20. Oktober 2019: Während der Los Angeles Fashion Week SS/20, präsentiert von Art Hearts Fashion, lief Valentina Sampaio für den bekannten Modedesigner Michael Costello über den Laufsteg. Sie ist ein brasilianisches Supermodel und das erste Transgender-Model des Dessous-Labels `Victoria’s Secret´.

 
 

Çiğdem Gül: In einem externen Interview sagtest Du, dass Du in der Fotografie sehr nach optimalen Farben, Ausgewogenheit, Tiefenschärfe und zeitloser Fremdheit seltener Schönheit suchst, denn diese Dinge sind oft die Dinge, die ein Shooting ausmachen. Wie schafft man es, all diese Kriterien in der Fotografie zu erfüllen, wenn Glück allein nicht ausreicht?

Arun Nevader: Na ja, wir sollten zunächst differenzieren, welche Aufgabe ein Fotoapparat hat, und was die Aufgabe eines Fotografen ist. Bei dem Fotoapparat haben wir die technischen oder mechanischen Themen, die jedes Foto beeinflussen. Qualitäten wie Farbe, Weißabgleich, Belichtung und Schärfentiefe werden unter anderem von der Kamera gesteuert. Dann haben wir das, was der Fotograf macht—das ist schwieriger zu erklären. Die Beziehung zwischen Kamera und Fotograf variiert je nach Art der Fotografie. Bleiben wir beim Runway, denn dort ist es, was ich in erster Linie mache. Runway ist Action-Fotografie—denke an Sport und Wildtiere. Unsere Models sind fast immer in Bewegung, und es gibt keine zweite Chance, einen Moment zu wiederholen, wenn man ihn verpasst hat. In jedem Model-Fashion-Look, der über den Laufsteg geht, liegt ein Geheimnis und eine Schönheit. Es ist die Aufgabe des Fotografen, das Geheimnis und die Schönheit des Models zu finden. Um sie auf dem Laufsteg zu finden, müssen wir wissen, wo wir danach suchen müssen. Sie sind fast immer in Übergangsmomenten zu finden, wo das Model post, bevor es umkehrt. Sie sind auch im Profil, im Detail, und meistens auch bei dem richtigen Standort des Fotografen am Laufsteg der Show zu finden. Den richtigen Standort am Laufsteg der Show zu finden ist ein großes Thema bei den Fotografen, die sie aber nicht ganz verstehen. Fotografen-Positionen auf dem Riser sind hochgradig `politisch´ und werden streng kontrolliert. Ich habe viele Jahre damit verbracht, aus der obersten Reihe zu fotografieren, oft auf die eine oder andere Seite; Ich brauchte Jahre und viele `politische´ Beziehungen, um einen zentralen Platz zu beanspruchen. Sie müssen genau in der Mitte des Runways sein. Und ich mag es, nur ein paar Zentimeter niedriger als das Modell zu stehen. Also fotografiere ich leicht nach oben. Das verleiht dem Bild immer Dramatik und Gewicht, da das Modell den Rahmen dominiert. Wenn man ein Model fotografiert, erscheint sie kleiner und die Kamera dominiert den Blickwinkel. Ich möchte, dass das Model so aussieht, als ob es die Kontrolle hätte. Ich könnte hier mehr über Schönheit sprechen, aber ich denke, wir kommen später in diesem Gespräch dazu. Die Erkenntnis hier ist, dass die Kamera lediglich ein Gerät ist. Ein erfahrener Runway-Fotograf kann das Gerät steuern, indem er instinktiv weiß, wie das Licht zu lesen ist, wie man sofortige Anpassungen vornimmt und vor allem die bevorstehende Aufnahme bereits vor dem geistigen Auge sieht. Ein letzter Gedanke zu diesem Thema: Es gibt eine Menge Glück in der Laufsteg-Fotografie, aber die Kameras haben sich in den letzten fünf Jahren so weit entwickelt, dass es viel einfacher ist, technisch perfekte Bilder einzufangen. Ob das Bild diesen atemberaubenden „Wow“-Faktor zeigt, hängt von der Fähigkeit des Fotografen ab, diesen Moment zu `sehen´ und einzufangen.

 
 

[ „Als Laufsteg (engl. auch Catwalk oder runway) bezeichnet man in der Modewelt ein verlängertes Bühnenpodest ohne Geländer, das dem Defilieren während einer Modenschau dient und meist weit in die Zuschauerreihen hineinreicht. Der Laufsteg ermöglicht es den Models, den Zuschauern ihre zur Schau gestellte Mode von allen Seiten zu präsentieren.“ Quelle: Wikipedia]

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 8. November 2003: COLORADO – TELLURIDE, 3. September 2011: Die Schauspieler George Clooney und Lori Woodley nahmen an den Fragen und Antworten für The Descendants während des 38. Telluride Film Festivals teil.

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES, 08. November 2003: Der britische Schauspieler Hugh Grant während der 12. jährlichen BAFTA/LA Britannia Awards im Century Plaza Hotel, einem 19-stöckigen Luxushotel in Century City.

 
 
 
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KALIFORNIEN – LOS ANGELES COUNTY – BEVERLY HILLS, 10. September 2003: Hugh Hefner (1926-2017), Gründer und Chefredakteur des US-amerikanischen Playboy-Magazins und Herausgebers während Christies Playboy-Ausstellung. `Christies´ ist ein weltweites und sehr edles Auktionshaus für alles Einzigartige und Schöne, das seit 1766 existiert.

 
 

Çiğdem Gül: Was macht eine Person fotogen?

Arun Nevader: Fotogen zu sein—ist ganz einfach. Menschen, die fotogen sind, lieben die Kamera einfach. Ich meine, sie brauchen es und wollen es so sehr, wie der Fotograf es will. Sicher, es gibt keinen Ersatz für auffallend radikale oder klassische Schönheit, aber die „Photogenesis“ — habe ich gerade ein neues Wort erfunden?— ist ein Geisteszustand, die Auseinandersetzung eines Subjekts mit etwas Größerem als sich selbst, ein Bedürfnis, sich mit dem Betrachter in einer Ökonomie des visuellen Austauschs zu verbinden, von einer inneren Energie angetrieben, die das Subjekt mit dem Betrachter verbindet. Selbst die stillschweigende Einreichung eines Fotos löst eine solche Reaktion aus, wenn wir sagen, das Motiv sei fotogen.

 
 
 
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NEVADA – LAS VEGAS, 18. Juni 2005: Wilhelm Ernst `Wim´ Wenders beim CineVegas Film Festival 2005 unter dem Vorsitz von Dennis Hopper im Brenden Theater im Palms Casino Resort in Las Vegas. – Wim Wenders Vanguard Director Award und Filmvorführung.

Win Wenders ist als Filmemacher, Dramatiker, Autor und Fotograf die Schlüsselfigur einer Generation deutscher Filmemacher, der frischen Wind in die Szene brachte und gerne mit unterschiedlichen Storytelling-Formaten experimentierte. Wenders ist weltweit bekannt für Arthouse-Klassiker wie „Paris, Texas“ und „Wings of Desire“ und Oscar-nominierte Dokumentarfilme.

 
 

Çiğdem Gül: Auf welchen Events und Festivals hattest Du beispielsweise Pierce Brosnan, Harrison Ford und Ashton Kutcher fotografiert? Gab es etwas, das Dich beeindruckt oder zu Kritik an diesen Prominenten geführt hat?

Arun Nevader: Fast alle meine Celebrity-Fotografien entstanden zu Beginn meiner Karriere, als ich routinemäßig große Filmfestivals, Preisverleihungen, Promi-Partys und andere Unterhaltungsveranstaltungen fotografierte. Sie waren herausfordernd, stressig und lohnend. Ich hatte Pierce Brosnan auf einer für A-Prominenz exklusiven Ski-Party fotografiert, die vom InStyle Magazin veranstaltet wurde. Ich war ein vom Hausherr beauftragter Fotograf. Für das Z!NK Magazin hatte ich Harrison Ford beim Telluride Film Festival fotografiert, und Ashton Kutcher beim Sundance Film Festival. Diese Schauspieler waren alle pflegeleicht und wunderbar zu fotografieren, obwohl es bei männlichen Schauspielern nicht immer so ist. Ich hatte unter anderem große Schwierigkeiten mit Sean Penn, Tobey Maguire und Alec Baldwin. Ich beschuldige sie nicht für ihre Feindseligkeit, aber es ist immer noch nicht einfach. Fotografen halten eine Momentaufnahme fest. Männer mögen es nicht, dabei als Bildmotiv eingefangen zu werden, erst recht nicht von männlichen Fotografen. Aber ich habe beide Seiten der Medaille gesehen. So hatte ich auch wundervolle Momente mit Persönlichkeiten wie Warren Beatty, Kevin Spacey, Mickey Rooney, Jon Voight, Peter O’Toole, Ralph Fiennes, Daniel Day Lewis und vielen anderen. Ich versuche durch das Thema des Geschlechts hindurchzusehen, was ein Bild ein zweites Mal wert ist, betrachtet zu werden wie jedes visuelle Design—seine kompositorischen Elemente, die das menschliche Subjekt als Form im Raum einbezieht. Wenn wir uns darin verfangen, wen wir fotografieren, dann sollten wir Geschichten schreiben und keine Fotos machen. Der ganze Rahmen zählt, nicht nur sein Thema.

 
 
 
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KANADA, BC – VANCOUVER, March 25, 2017: KANADA, BC – VANCOUVER, 25. März 2017: Auf der Vancouver Fashion Week Herbst/Winter 2017 ging ein Model im chinesischen Kulturzentrum von Greater Vancouver für das Label Jemmila über den Laufsteg.

 
 

Çiğdem Gül: Im islamisch geprägten Land Jordanien warst Du auf der Fashion Week 2018 als Fotograf tätig. Erzähle uns doch bitte von Deinen Eindrücken und Erfahrungen dort.

Arun Nevader: Dies ist eine weitere komplexe Frage, die es zu beantworten gilt. Ich muss meine Arbeit dahingehend trennen, dass ich ein Team von `Getty Image´- Fotografen zu leiten hatte, um Jordaniens erste große Modewoche zu filmen, um meiner persönliche Erfahrung zu machen, das Land zu bereisen und Menschen aus allen Schichten der jordanischen Gesellschaft zu begegnen. Jordanien ist samt des dortigen Volkes ein Land von tiefer Schönheit und menschlicher Güte. All´ das, was ich gerade über Modenschauen gesagt habe, gilt auch für das, was sich während der Jordanien Fashion Week in Amman abgespielte. Modest Fashion [Verfasserin: „Modest Fashion = Die Lust an der Verhüllung zum globalen Mode-Phänomen] als Designbewegung in der internationalen Modeszene hatte mich schon immer interessiert. Ich war zutiefst berührt von einer Modest Fashion-Ausstellung in San Francisco einige Monate vor der Jordanien-Reise. Das Shooting der Jordanien Fashion Week mit Blick auf Modest Fashion hatte mir völlig neue Perspektiven geöffnet, was Kleidung und Stil anbelangt. Ich hatte mich auch gefreut, europäische Designer und Teilnehmer in Amman zu sehen. Wir hatten einen sehr engen Dreh- und Reiseplan, aber die Dreharbeiten führten uns über den Laufsteg hinaus ins Land selbst. Die Fashion Week hat das möglich gemacht.

Allein in Jordanien zu sein, inspirierte mich dazu, tiefer in die jahrhundertealte Geschichte dieses außergewöhnlich schönen Landes zu blicken – ein Land, in dem Jesus gewandert war, ein Land, in das das Römische Reich seine fortschrittliche Architektur, Infrastruktur und dominierende Besatzung brachte. Aber wenn wir über das frühe Christentum und den römischen Einfluss sprechen, sollten wir erkennen, dass all´ diese außergewöhnliche frühe Geschichte und kulturelle Interaktion sieben Jahrhunderte vor der Geburt des Islams liegt. Jordanien ist heute ein Land des Friedens, der Schönheit und der menschlichen Güte, umgeben von Konflikt-, Zerstörungs-, Unterdrückungs- und Katastrophengebieten. Natürlich wurde Jordanien von den Ereignissen in der Region, insbesondere Syrien, seinem wichtigsten Handelspartner, stark getroffen.

Abschließend möchte ich sagen, wie ich Jordanien erlebt habe: Ich erinnere mich, wie an einem sonnigen frühen Nachmittag im März mich von unserem Fotografenteam entfernte und alleine durch die Ruinen des Herkules-Tempel, römische korinthischen Säulen im Citadel Hill, hoch oben auf der Stadt Amman spazieren ging. Ich war dort, um Landschafts- und Stadtfotos der Ruinen und Amman für das Jordan Tourism Bureau zu machen. Ich war total fasziniert von der Art und Weise, wie solch steinige architektonische Pracht selbst zur Landschaft geworden war— als hätte die Erde diese einst römische Zitadelle gerade wieder in sich aufgenommen. Wenn nicht die Zeit, so schien das Leben selbst in diesem Moment still zu stehen vor dem weißen, brillanten Licht dieser monolithischen Kalksteinruinen, sanften Hügeln, die mit grünem Gras unter einer formicablauen Himmelskuppel bedeckt waren. Die Szene schien mit Licht geschmückt zu sein mit einer Geschichte, die zugleich uralt, mir aber zutiefst seltsam vertraut war. Es war gegen Mittag an diesem Tag, als der Gebetsruf über die Hügel erklang und das ganze Tal mit einer Erinnerungsmusik erfüllte, die mich wie ein Blitz traf. Ich blieb stehen, ich saß, ich hörte zu, ich verstand. Dieses Gebet erklang und schien die Luft selbst zu werden, die als Naturtatsache, zeitlos schöne Melodie des Heiligen aufgenommen werden konnte. Bis heute, wenn ich an genau den Moment denke, als der Ruf ertönte, erlebe ich diesen Moment mit bleibender Dankbarkeit. Die Mode hatte mich dorthin gebracht.

 
 
 
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NEW YORK – NEW YORK CITY, 14. Februar 2009: Barbie Fashion Week im Herbst 2009 während der Mercedes-Benz Fashion Week im The Tent im Bryant Park. Models im Backstage.

 
 
 
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JORDANIEN- AMMAN, 30. März 2019: Der weltbekannte Meister-Chocolatier Matthew Muller spricht auf der Lindt Chocolate Couture Show während des Jordanien Fashion Weeks im 5-Sterne Kempinski Hotel Amman.

 
 

Çiğdem Gül: Ich bin sehr positiv überrascht, dass international bekannte Produktmarken wie das deutsche Auto „Mercedes-Benz“, die Schweizer Schokolade „Lindt“, die amerikanische Modepuppe „Barbie“ der Spielwarenfirma Mattel, Inc. während der Fashion Weeks ihre eigenen Modenschauen oder Couture-Shows haben. Warum steigen solche Unternehmen und Konzerne ausgerechnet in die Modebranche ein?

Arun Nevader: Fast jede Fashion Week sucht einen Hauptsponsoren. Ein Sponsor bringt Liquidität und große finanzielle Unterstützung für die Veranstaltung. 2007 wählte IMG, der globale Fashion Week Produzent, Mercedes-Benz als Hauptsponsor für die New York Fashion Week. M-B verpflichtete sich schnell, Fashion Weeks in Miami, Los Angeles, Berlin, Melbourne, Istanbul, Moskau und Bangalore zu sponsern. Vor Mercedes war es die Olympus New York Fashion Week. Mode spiegelt die neuesten Trends im Lifestyle auf gehobenem Niveau (High-End-Lifestyle) wider. High-End-Konsumprodukte steigern die Markenbekanntheit und präsentieren ihre Produktlinien Hunderttausenden von Menschen auf einer großen Fashion Week. New York zum Beispiel lockt zweimal im Jahr fast eine Viertelmillion Gäste zu den Shows. Angesichts der Allgegenwart von Social Media führt ein Unternehmen, das ein großes Sponsoring erhält, zu neuen Möglichkeiten der Marktdurchdringung durch virale Exposition, wenn Gäste mit Autos und anderen gesponsorten Produkten posieren und ihre Bilder auf Instagram, Facebook und anderswo posten. Verbraucher als Gäste können das Produktsortiment hautnah erleben. Wenn es sich um Speisen oder Getränke handelt, werden die Teilnehmer mit offenen Bars, Vorspeisen, kostenlosen Getränkekiosken und so weiter verwöhnt. Mit anderen Worten: Eine Fashion Week bietet die Gelegenheit, eine Produktlinie einem interessierten Publikum vorzustellen. Man kann sagen, dass diese Bemühungen im Einklang mit neuen Theorien und Praktiken für virales „Inbound“-Marketing stehen, bei dem potenzielle Kunden nicht durch kommerzielle Werbung unterbrochen, sondern in das Erlebnis des Produkts selbst aufgenommen werden. Es ist ein äußerst effektiver Weg, um Markenbekanntheit aufzubauen. Letztendlich ist Mode ein sich ständig veränderndes Verbrauchererlebnis. In seiner komprimiertesten Form auf einer Fashion Week bietet es eine ideale Atmosphäre und Gelegenheit für Marken, die sich das Sponsoring leisten können, um eine enorme Marketing- und Branding-Chance zu nutzen.

 
 
 
Rocky Gathercole at New York Fashion Week NYFW Art Hearts Fashion SS/18

NEW YORK, 11. September 2017: Während des „Art Hearts Fashion“ der New York Fashion Week (NYFW) in der „Angel Orensanz“ Stiftung liefen Models über den Laufsteg der Modenschau von Rocky Gathercole.
Rocky Gathercole, der weltweit bekannte und gefeierte philippinische Avantgarde-Designer, der Hollywood-Stars von Lady Gaga bis Jennifer Lopez einkleidete, starb am 3. März 2021 unerwartet im Alter von 54 Jahren.

 
 
 

Coco Chanel »„Mode ist nicht etwas, das nur in Kleidungsstücken existiert. Mode ist im Himmel, auf der Straße, Mode hat mit Ideen zu tun; mit der Art und Weise, wie wir leben – und mit dem, was geschieht.«

 
 
 
 

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© Çiğdem Gül – 06. April 06 2021 – Deutsche Übersetzung: 31. August 2021

 

Alle Fotografien wurden mit ausdrücklicher und freundlicher Genehmigung des renommierten US-Fotografen © Arun Nevader veröffentlicht.

 
 
 
 
 
 

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