Dr. Katja Isabell Wrase: Die Corona-Pandemie, China und seine Intellektuellen – 2/2


ÇİĞDEM GÜL: „Ein spannender zweiseitiger Essay von der philosophischen Wissenschaftlerin Frau Dr. phil. Katja Isabell Wrase aus Duisburg/Deutschland, den sie exklusiv für unser „Intercultural Network For The Highly Gifted“ (INHG) verfasst hat. Im Namen unseres Teams bedanke ich mich ganz herzlich bei Frau Dr. Wrase für diese anspruchsvolle und wertvolle Arbeit.

Die studierte Sozialwissenschaftlerin und Doktorin der Philosophie Frau Dr. phil. Wrase arbeitet und forscht zur Chaostheorie, Systemevolution, nachhaltiger Entwicklung, Wissenschaftstheorie und zur politischen Theorie- und Ideengeschichte als auch zu Fraktalen. Sie hat sich in ihrem, aus 7 Kapiteln bestehenden Essay zunächst auf Spurensuche begeben, um den Ursprung des Coronavirus‘ und die Ursache für die gegenwärtige globale Covid-19-Pandemie herauszufinden. In diesem Zusammenhang hat Frau Dr. phil. Wrase die prekäre Situation der vor allem nicht-etablierten chinesischen Intellektuellen im totalitären System und Praxis Chinas näher beleuchtet.

Wie faszinierend, dass bestimmte Theorien von Hannah Arendt, der bedeutendsten Philosophin des 20. Jahrhunderts, ihre Relevanz und Aktualität auch bei dem Thema der gegenwärtigen globalen Pandemie nicht verliert. (Übrigens bezeichnete sie sich selbst jedoch als Historikerin). Hannah Arendt machte sich als höchstbegabte jüdisch-deutsch-amerikanische Denkerin mit ihren hochintellektuellen Texten (1906-1975) in den USA und später weltweit einen Namen: als Philosophin, Schriftstellerin, Publizistin und vor allem als Professorin für Politische Theorie. Arendt schrieb umstrittene Bücher über den Eichmann-Prozess, Revolutionen und totalitäre Systeme, und stellte radikal Traditionen und Ideologien in Frage. So hat Frau Dr. phil. Wrase für ihre Auseinandersetzung mit ihrem Thema Hannah Arendts Klassiker „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ hinzugenommen. Abschließend geht sie der Frage nach, inwieweit eine Zivilgesellschaft in China (immer noch) chancenlos ist.“

 
 
 
 
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Die Corona-Pandemie,

 

China

 

und seine Intellektuellen

 
 

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Dr. phil. Katja Isabell Wrase

Duisburg, Deutschland – 15. Juli 2021

Gewidmet für Jonas und Saskia

 
 

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung 
  2. Ursprung des Coronavirus?
  3. Definition: Intellektuelle
  4. Der Umgang mit den nicht-etablierten Intellektuellen 
  5. Das totalitäre System China – Kritik unerwünscht
  6. Zivilgesellschaft in China – chancenlos?
  7. Zusammenfassung und Ausblick
  Literaturverzeichnis

 
 

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5. Das totalitäre System China – Kritik unerwünscht

 

In Hannah Arendts epochalem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, kommt die theorie- und ideengeschichtlich angelegte Analyse der Autorin zu dem Schluss, dass man es bei totalitären Systemen um eine ganz und gar neue Staatsform zu tun hat, denn: „[…] die Institutionen totaler Herrschaft [sind] nicht nur radikaler, sondern prinzipiell verschieden von den Formen politischer Unterdrückung, die uns als Despotie, Tyrannis und Diktatur aus der Vergangenheit und Gegenwart bekannt sind. Damit erhebt sich die Frage nach dem eigentlichen Wesen totaler Herrschaft, in dem Sinne, daß wir uns fragen müssen, ob wir hier nicht vielleicht mit einer neuen, in der Geschichte noch unbekannten >>Staatsform<< konfrontiert sind.“ [38] Zu dieser Einschätzung gelang Arendt aufgrund dessen, dass diese neue Staatsform, die totale Herrschaft, auf menschliche Erfahrungen gründet, die zuvor in der Geschichte der Politiksysteme Tyrannis, Monarchie, Aristokratie und Demokratie, noch nie zur Grundlage menschlichen Miteinanderlebens gemacht worden ist, die politisch niemals zuvor produktiv war.[39] „Die Originalität totalitärer Herrschaft, deren Taten in der uns bekannten Geschichte und deren Organisationsform unter den von der klassischen politischen Theorie definierten ohne Parallele dastehen, zeigte sich vorerst in dem, was man gemeinhin als die Verbrechen dieser Systeme bezeichnet.“ [40]

Insofern galt noch in den Totalitarismustheorien der 50ger und 60ger Jahre, dass man es dann mit einer totalitären Herrschaft zu tun hat, wenn 6 Wesensmerkmale gleichzeitig vorhanden sind:

1. eine charismatisch-imperiale Ideologie
2. eine einzig zugelassene Massenpartei
3. eine Befehlswirtschaft
4. eine terroristische Geheimpolizei
5. ein Waffenmonopol
6. ein Nachrichten- bzw. Propagandamonopol.[41]

Man kann nun im Fall China trefflich darüber streiten, ob und inwieweit alle diese Wesensmerkmale zutreffend sind, daher sollte man sich was das eigentlich neue dieser Staatsform betrifft auch noch anders nähern. Und zwar philosophisch.

Hannah Arendt stellte sich die Frage, die vor ihr schon unzählige andere stellten und stellen, die mit der Problematik zu tun haben und vertraut sind, was denn wohl der Sinn von Politik ist. Die einfache und schlüssige Annahme Arendts lautet nun, dass der Sinn von Politik Freiheit ist.[42] „In der so gestellten Frage – … – schwingt zweierlei mit: einmal die Erfahrung mit den totalitären Staatsformen, in denen ja angeblich das Gesamtleben der Menschen eben total politisiert worden ist – mit dem Erfolg, daß es Freiheit in ihnen überhaupt nicht mehr gibt. Von ihnen aus gesehen, und das heißt unter anderem von Bedingungen her, die gerade spezifisch modern sind, ob nicht Freiheit überhaupt erst da anfängt, wo Politik aufhört, so daß es eben Freiheit dort nicht mehr gibt, wo das Politische nirgends sein Ende und seine Grenze findet.“ [43] In Übereinstimmung mit der klassischen Theorie kann man somit festhalten, dass die Gesetzesherrschaft das Wesen des verfassungsmäßigen Regierens ist, während es in der totalitären Herrschaft der Terror ist. Dieser totalitäre Terror ist weder willkürlich noch dem Machthunger eines einzelnen, wie in der Tyrannis, geschuldet, sondern ist in Übereinstimmung mit den außermenschlichen Prozessen und den natürlichen oder geschichtlichen Gesetzten. Damit, so Arendt, wird der Gesetzeszaun ersetzt, der die Freiheit der Menschen garantiert, durch ein „eisernes Band“. Dieses „eiserne Band“ zementiert Menschen derart, dass jede noch so freien und unvorhersagbaren Handlungen null und nichtig werden. Terror ist das >>Gesetz<<, welches nicht mehr übertreten werden kann. Zementierung eines solchen Terrors dienst einzig alleine einer Befreiung der sich bewegenden Geschichte oder Natur. Demzufolge ist es ganz und gar sinnlos mit Anhängern totalitärer Bewegungen über Freiheit zu diskutieren, da diese menschliche Freiheit und die Freiheit menschliches Handeln als gefährlich für die Befreiung von natürlichen oder historischen Prozessen interpretieren. Versucht man diese natürlichen oder historischen Prozesse auf einen Körper zu beziehen, so ist nicht nur die menschliche Freiheit passe, vielmehr wurde stattdessen „das von Natur und Geschichte Gezwungenwerden“ zur und die Grundlage sämtlichen Lebens. Dieser Zwang wird durch den und beruht auf dem Terror. Weniger weil dieser Terror gerechte oder ungerechte positive Gesetzte erlässt oder anwendet als vielmehr da er zum Vollstrecker des Bewegungsprozesses dieser Kräfte im Sinne der Exekution wird. Also ist der Terror nicht Zweck an sich, sondern eine beständig nötige Exekution der Gesetzt natürlicher oder geschichtlicher Prozesse.[44] Die Fortbestand menschlichen Zusammenlebens wird immer wieder dadurch erschüttert, was man die Freiheit des Menschen nennt, politisch ist das die Geburt eines jeden neuen Menschen. Denn mit jeder Geburt beginnt ein neuer Anfang und Freiheit von vorne. Die oben genannten Zäune der Gesetzt umranden diesen neuen Anfang und sichern diesem so gleichzeitig Freiheit. Schaffen den Raum der Freiheit, in dem sich diese Freiheit dann verwirklichen kann. Das Gesetzt garantiert die Möglichkeit eines bedingungslos Neuen und die „Präexistenz einer gemeinsamen Welt.“ Gewaltherrschaft hingegen ist dazu gleichsam verdammt die Gesetzeszäune einzuebnen.[45] „Terror als der folgsame Vollstrecker natürlicher oder geschichtlicher Prozesse fabriziert […] Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radikal vernichtet.“ [46] Das „eiserne Band“ von Terror instituiert den politischen Körper, macht ihn gleichsam zum Instrument die natur- oder geschichtlichen Bewegungsprozesse zu beschleunigen. Menschen werden in der Art organisiert, dass sie nicht mehr Plural, sondern nur noch Singular sind, so als gäbe es nur noch diesen einen gigantischen Menschen.[47] Das „eiserne Band“ des Terrors, das aus vielen Menschen den einen Menschen macht, muss verhindern, dass mit jeder Geburt ein neuer Anfang anhebt die Welt in Freiheit zu konstituieren.[48] Der Zwang von außen durch den Terror vernichtet alle Beziehungen zwischen Menschen, indem dieser den Raum der Freiheit zerstört. [49] „[…] zusammengepresst mit allen anderen ist ein jeder ganz und gar von allen anderen isoliert.“ [50] Ganz anders die Grunderfahrung in der Republik, die das Zusammensein mit gleich starken Mitbürgern ist. [51] Während die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins in der totalitären Herrschaft die Erfahrung der Verlassenheit ist.[52] Diese Verlassenheit entsteht immer dann, wenn „[…] ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird […].In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrung, zugleich zugrunde.“ [53]

Die oben gemachte ausführliche theorie- und ideengeschichtliche Ausarbeitung möge der Leser nun anhand der Geschichtsereignisse rund um das chinesische Massaker am 04. Juni 1989 auf dem Tian’anmen Platz, auch als Platz des himmlischen Friedens bezeichnet, mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung seit 2019 in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, und den Kapiteln dieses Essays vergleichen.

 
 

6. Zivilgesellschaft in China – chancenlos?

 

„Hannah Arendts Denken, so die Chefredakteurin Catherine Newmark vom Philosophie Magazin, war immer politisch und streitbar. Sie hat die Öffentlichkeit nie gescheut, ja, im öffentlichen Engagement geradezu eine staatsbürgerliche Pflicht gesehen. Eine Trennung zwischen Akademie und Agora [! Hervorh.. d. Verf.], zwischen Wissenschaft und Marktplatz gab es für sie nicht. Philosophieren hieß für sie immer öffentliches Nachdenken im Dienste der Demokratie.“ [54] Denken war dabei für Hannah Arendt, ganz in der Tradition Sokrates stehend, eine mäeutische Funktion, Geburtshilfe also.[55] In der Lage zu sein, die Dinge aus der Perspektive des anderen zu sehen, ist politische Einsicht „par excellence.[56] „Wenn wir die wichtigste Tugend eines Staatsmannes auf traditionelle Weise definieren wollten, könnten wir sagen: Sie besteht darin, die größtmögliche Zahl und die verschiedensten Arten von Wirklichkeiten […] zu verstehen – zu verstehen, wie diese Wirklichkeiten sich den jeweiligen doxai, den Meinungen der Bürger, eröffnen und gleichzeitig zwischen den Bürgern mit ihren Meinungen kommunikativ so zu vermitteln, dass die Gemeinsamkeit der Welt erkennbar wird.“ [57] Und wichtig nun in Bezug auf eine sich etablierende Zivilgesellschaft: “Soll ein solches Verständnis – mit der sich daraus ergebenden Praxis – ohne [! Hervorh. d. Verf.] die Hilfe eines Staatsmannes entstehen, dann wäre die Voraussetzung hierfür, dass jeder Bürger sich artikulieren kann, um seine Meinung in ihrer Wahrhaftigkeit zu zeigen und deshalb auch seine Mitbürger zu verstehen.“ [58]

Bei Sokrates ist der Mensch noch kein „vernünftiges Tier“, also ein Wesen, das mit der Fähigkeit zur Vernunft ausgestattet ist. Bei Sokrates ist der Mensch ein denkendes Wesen, dessen Gedanken in Form des Sprechens erscheinen. Sokrates fügte der Konzentration auf die Sprache den Dialog mit sich selbst als hervorstechendste Voraussetzung des Denkens hinzu. Politisch brisant an dieser Entdeckung des Sokrates und der griechischen Polis als antipolitisch verdächtig vorkommend war die Tatsache, war die Behauptung, dass die Einsamkeit notwendige Voraussetzung für das gute Funktionieren der Polis ist. Im Gegenteil dies ist gar fruchtbarer als Verhaltensregeln, die durch Gesetzte und Angst vor Bestrafung implementiert waren bzw. sind. Kein Zweifel solch eine Lehre beschwört geradezu den Konflikt mit dem Staat herauf, denn dieser muss Gesetzestreue einfordern und das unabhängig von persönlichen Gewissensentscheidungen. Sokrates wusste das nur zu gut![59] „Wir unsererseits, die wir unsere Erfahrung mit totalitären Massenorganisationen haben, deren hauptsächliches Anliegen es ist, jegliche Möglichkeit des Alleinseins abzuschaffen (von der unmenschlichen Form der Einzelhaft abgesehen), können dafür einstehen, dass in dem Augenblick, da ein Minimum des Mit-sich.selbst-Alleinseins nicht mehr garantiert ist, nicht nur das säkuläre Gewissen, sondern jegliche Gewissensform verschwinden wird.“ [60]

Konzepte der Zivilgesellschaft können nicht nur auf westliche demokratische Staaten angewendet werden, sondern auch auf alle anderen Staaten. Vorausgesetzt es werden die sozio-kulturellen und historischen Unterschiede berücksichtigt. In China ist das Besondere, dass der Staatsapparat versucht, zivilgesellschaftliche Strukturen top-down zu initiieren. Der chinesische zivilgesellschaftliche breit angelegte Diskurs begann im Land in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das konzeptionelle Verständnis ist jedoch ein anderes als in westlichen Politiksystemen. So steht die bürgerliche Verantwortung hinsichtlich öffentlicher Güter und gutes Verhalten im Fokus der Betrachtung und nicht so sehr die Frage nach politischer Macht. Und daher [! Hervorh. d. Verf.] geht es in China auch um ein nicht-konfrontatives zivilgesellschaftliches Modell, das den Staatsapparat nicht herausfordern soll.[61]

Das ist zu dem im vorangegangen Kapitelabschnitt über die Bürger im antiken Griechenland und zu Zeiten des Sokrates als auch im Hinblick auf Hannah Arendt ein eklatanter Unterschied zu westlichen Politiksystemen! In China hat dies ursächlich nicht nur mit dem politischen System zu tun. Vielmehr damit, dass China sich noch immer im state-building-Prozess befindet. Die staatlichen Institutionen sind noch im Entstehen begriffen, so vor allem hinsichtlich Rationalisierung, Verrechtlichung und Schaffung eines Rechtssystems. Die Regeln gesellschaftlichen Verhaltensregeln, welche noch ein Novum sind, müssen erst noch erlernt und verinnerlicht werden.[62] “Eine kontrollierte Öffentlichkeit und ein Prozess der „Zivilisierung“ im Umgang miteinander sowie im Umgang des Staates mit seinen Bürgern müssen sich erst noch herausbilden.“ [63] Da der Staat China, in dem die oben genannte Institutionalisierung noch nicht sehr fortgeschritten ist, übt das System eine übermächtige Kontrolle aus und schränkt die Handlungsfreiheiten seiner Bürger übermäßig ein. Daher kann in China von einer vom Staatsapparat autonomen Zivilgesellschaft keine Rede sein.[64] „Um „zivilgesellschaftliche Kompetenz“ als Voraussetzung für Civil Society zu erlangen, bedürfe es einer Unternehmenskultur als Voraussetzung für Teilnahme an der Marktwirtschaft; einer Bürgerkultur als Vorbedingung für Partizipation an einer demokratischen Ordnung; einer Diskurskultur als Voraussetzung für eine Teilnahme an einer freier geistiger Auseinandersetzung und einer Alltagskultur als Vorbedingung für die tägliche Interaktion in einer modernen Gesellschaft.“ [65] Gerade aber eine „Streitkultur“ hat sich im politischen System von China immer noch nicht herausgebildet.

Hinsichtlich eines privaten Wirtschaftssektors und einer Unternehmerschaft soll in diesem Essay nicht vertiefend eingegangen werden. Das auch, da dazu ausführlich in der aktuellen Presse- und Medienberichterstattung berichtet wird. Aber soviel dann doch dazu: Unlängst berichten die Medien in Deutschland immer wieder vom Verschwinden nicht nur Dissidenten, sondern auch verschiedenste Millionäre. Das Ganze scheint ein Muster zu haben, denn es sind vor allem solche Personen der Öffentlichkeit und des Marktes, die erstens qua ihrer Unternehmertätigkeit sehr mächtig innerhalb des nationalen und internationalen Geschehens geworden sind und zweitens, die allesamt und sonders mit ihrer deutlichen Kritik und Meinungsäußerung an den herrschenden politischen Verhältnissen den Mächtigen des chinesischen Staatsapparats ein Dorn im Auge sind.[66]

Die Entstehung einer Bürgerkultur und von Bürgern wird im politischen System Chinas auf der Mikroebene durchaus gefördert, indem Partizipationsmöglichkeiten und -rechte ausgeweitet wurden. Dies zum Beispiel durch Einführung von Wahlen auf Dorfebene und urbanen Nachbarschaftsvierteln qua Gesetz. Untersuchungen von Heberer weisen in dem Zusammenhang nach, dass die Menschen dies zunehmend als ihr „Recht“ begreifen und rationale Wähler generiert werden: Der Zusammenhang zwischen Wahlen und Verantwortlichkeit durch die Gewählten ist erkannt worden. Auf der anderen Seite ist die Partizipation und Freiwilligenanzahl noch da gering, wo es darum geht in einem zunehmend differenzierten Politiksystem, dass nicht mehr alle Aufgaben alleine bewerkstelligen kann, sich in Wohnvierteln um sozial Schwache, Alte, Behinderte und Randgruppen als auch für eine saubere Umwelt zu sorgen oder/und ein Kulturleben zu entwickeln. Es lassen sich allerdings Protoformen eines Bürgerlebens beobachten, so zum Beispiel NGOs, Vereins- und Interessengruppentätigkeiten, wie Berufs- und Fachverbände und Hobbyvereine. Im städtischen Raum wandeln sich also langsam Maos „Massen“ Bürgergesellschaft. Der Staatsapparat unterstützt freilich nur solange derartige Vereinsgründungen, wie nicht explizit brisante politische Ziele verfolgt werden.[67]

Das Anwachsen einer Autonomie gesellschaftlicher Art wie oben im Abschnitt angerissen, wirkt sich auch günstig auf die Autonomie der Intellektuellen aus. Intellektuelle machen sich immer mehr Gedanken über die Zukunft des chinesischen Politiksystems.[68] „Es gibt in der Auseinandersetzung etwa um politische Reformen einen Diskussionsspielraum auch für Intellektuelle, die offen Kritik üben. Solange [!Herv. d. Verf.] sie die symbolische Grenze politischer Äußerungen (…) einhalten, werden ihre Meinungen weitgehend toleriert. […] Die offiziell gezogenen Akzeptanzgrenze, der „Vertrag“ zwischen Parteiführung und Intellektuellen, sieht vor, die Herrschaft der KP und das politische System nicht direkt in Frage zu stellen: political correctness im chinesischen Sinne zu wahren.“ [69] Aber der Staat China spielt nach wie vor eine zentrale Rolle. So soll in China eine top-down-Zivilgesellschaft etabliert werden.

 
 

7. Zusammenfassung und Ausblick

 

In dem hier vorgelegten Essay ging es um die Corona-Pandemie, China und seine Intellektuellen. Deutlich geworden ist, dass der Ursprung des Coronavirus kaum mehr nachverfolgt werden kann, was mit Sicherheit auch damit zusammenhängt, dass sich China a) hinsichtlich einer möglichen Aufklärung wenig kooperativ gegenüber internationalen Experten verhielt und b) da chinesische Intellektuelle, die früh vor einer gefährlichen Pandemie gewarnt hatten, durch Einschüchterungen, Repressalien und Schikane durch den chinesischen Staatsapparat zum Schweigen gebracht worden sind. Dabei gelten Intellektuelle nach dem aktuellen Stand der Forschung immer noch als Träger und Kritiker politischer Kultur. Im Umgang mit kritischen Bürgern Chinas und seinen nicht-etablierten Intellektuellen zeigt China wenig Einsicht, diese frei und offen ihre Meinungen kund tun zu lassen und reagiert auch hier mit der ganzen Härte des Systems. Im totalitären System des Landes China ist Kritik nach wie vor höchst unerwünscht, die breit angelegte Ausarbeitung rund um die Gedanken und Ergebnisse vor allem von Hannah Arendt haben dargelegt, dass Totalitarismus und Freiheit ein offener Widerspruch sind. Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine Zivilgesellschaft im System China zwar versucht wird top-down zu institutionalisieren, aber trotz und alledem unter den gegebenen Umständen chancenlos ist!

 

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Dr. Katja Isabell Wrase:

E-Mail Adresse: wrasek@web.de

 
 
 

Fußnoten

 

[38] Arendt 2020 a. S. 944.

[39] Vgl. Arendt 2020 a. S. 944.

[40] Arendt 2020 a. S. 945.

[41] Vgl. Funke 1996. S. 153.

[42] Vgl. Arendt 2020 b. S. 80.

[43] Arendt 2020 b. S. 80.

[44] Vgl. Arendt 2020 a. S. 954 f.

[45] Vgl. Arendt 2020 a. S. 957.

[46] Arendt 2020 a. S. 958.

[47] Vgl. Arendt 2020 a. S. 958.

[48] Vgl. auch Arendt: Politik und das Wunder des Neuanfangs. 2020 b. S. 79 ff.

[49] Vgl. Arendt 2020 a. S. 970.

[50] Arendt 2020 a. S. 970.

[51] Vgl. Arendt 2020 a. S. 972.

[52] Vgl. Arendt 2020 a. S. 975.

[53] Arendt 2020 a. S. 977.

[54] Philosophie Magazin: Denken ohne Geländer. Editorial. 06.2016. S. 3 & vgl. Young-Bruehl. 1996.

[55] Vgl. Young-Bruehl. 1996. S. 615.

[56] Vgl. Arendt 2019. S. 53.

[57] Arendt 2019. S. 53.

[58] Arendt 2019. S. 53.

[59] Vgl. Arendt 2019. S. 62 f.

[60] Arendt 2019. S. 63.

[61] Vgl. Heberer 2006. bpb.

[62] Vgl. Heberer 2006. bpb.

[63] Heberer 2006. bpb.

[64] Vgl. Heberer 2006. bpb.

[65] Heberer 2006. bpb.

[66] Vgl. ntv: Wieso verschwinden in China Milliardäre?, 23. 01. 2021

[67] Vgl. Heberer 2006. bpb.

[68] Heberer 2006. bpb.

[69] Heberer 2006. bpb.

 
 
 

Literaturverzeichnis

 

a) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Piper Verlag: München 1986. 22. Aufl. 2020.

b) Hannah Arendt: Denken ohne Geländer. Texte und Briefe. Piper Verlag: München. 11. Aufl. 2020.

Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität. MSB Mathes & Seitz Verlagsgesellschaft mbH: Berlin 2016. 4. Aufl. 2019. Fröhliche Wissenschaft 078.

Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes. – Ungekürzte Ausg.-. Clett Cotta im Ullstein Taschenbuch: Frankfurt/M.; Berlin; Wien: 1982. Ullstein-Buch Nr. 39031.

Deutsche Welle: Chinesische Corona-Bloggerin muss in Haft. 28.12.2020.www.m.dw.com.

Manfred Funke: Braune und rote Diktaturen – Zwei Seiten einer Medaille?: Historikerstreit und Totalitarismustheorie. S. 152 – 159. In: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden – Baden 1996. 1. Aufl. .

Hauptseminar: Intellektuelle – Träger und Kritiker politischer Kultur. GH-Universität Duisburg. WS 1996/97, Prof. Dr. Marieluise Christadler.

Heberer, Thomas: China – Entwickelung zur Zivilgesellschaft? Aus Politik und Zeitgeschichte 2006. Bundeszentrale für politische Bildung. 24.11.2006. Abgerufen 01.03.2021.

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