Dr. Katja Isabell Wrase: Die Corona-Pandemie, China und seine Intellektuellen – 1/2


ÇİĞDEM GÜL: „Ein spannender zweiseitiger Essay von der philosophischen Wissenschaftlerin Frau Dr. phil. Katja Isabell Wrase aus Duisburg/Deutschland, den sie exklusiv für unser „Intercultural Network For The Highly Gifted“ (INHG) verfasst hat. Im Namen unseres Teams bedanke ich mich ganz herzlich bei Frau Dr. Wrase für diese anspruchsvolle und wertvolle Arbeit.

Die studierte Sozialwissenschaftlerin und Doktorin der Philosophie Frau Dr. phil. Wrase arbeitet und forscht zur Chaostheorie, Systemevolution, nachhaltiger Entwicklung, Wissenschaftstheorie und zur politischen Theorie- und Ideengeschichte als auch zu Fraktalen. Sie hat sich in ihrem, aus 7 Kapiteln bestehenden Essay zunächst auf Spurensuche begeben, um den Ursprung des Coronavirus‘ und die Ursache für die gegenwärtige globale Covid-19-Pandemie herauszufinden. In diesem Zusammenhang hat Frau Dr. phil. Wrase die prekäre Situation der vor allem nicht-etablierten chinesischen Intellektuellen im totalitären System und Praxis Chinas näher beleuchtet.

Wie faszinierend, dass bestimmte Theorien von Hannah Arendt, der bedeutendsten Philosophin des 20. Jahrhunderts, ihre Relevanz und Aktualität auch bei dem Thema der gegenwärtigen globalen Pandemie nicht verliert. (Übrigens bezeichnete sie sich selbst jedoch als Historikerin). Hannah Arendt machte sich als höchstbegabte jüdisch-deutsch-amerikanische Denkerin mit ihren hochintellektuellen Texten (1906-1975) in den USA und später weltweit einen Namen: als Philosophin, Schriftstellerin, Publizistin und vor allem als Professorin für Politische Theorie. Arendt schrieb umstrittene Bücher über den Eichmann-Prozess, Revolutionen und totalitäre Systeme, und stellte radikal Traditionen und Ideologien in Frage. So hat Frau Dr. phil. Wrase für ihre Auseinandersetzung mit ihrem Thema Hannah Arendts Klassiker „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ hinzugenommen. Abschließend geht sie der Frage nach, inwieweit eine Zivilgesellschaft in China (immer noch) chancenlos ist.“

 
 
 
 
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Die Corona-Pandemie,

 

China

 

und seine Intellektuellen

 
 

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Dr. phil. Katja Isabell Wrase

Duisburg, Deutschland – 14. Juli 2021

Gewidmet für Jonas und Saskia

 
 

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung 
  2. Ursprung des Coronavirus?
  3. Definition: Intellektuelle
  4. Der Umgang mit den nicht-etablierten Intellektuellen 
  5. Das totalitäre System China – Kritik unerwünscht
  6. Zivilgesellschaft in China – chancenlos?
  7. Zusammenfassung und Ausblick
  Literaturverzeichnis

 
 

1. Einleitung

 

Dieser Essay widmet sich, wie der Überschrift zu entnehmen ist, der Corona-Pandemie, China und seine Intellektuellen.

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass durch Repressalien in Bezug auf die nicht-etablierte Intellektuelle in China und deren Unfreiheit denken, veröffentlichen und vor allem kritisieren zu können, sich in China keine Zivilgesellschaft ausbilden kann. Dazu wird zunächst in Kapitel 2 nach der schwierigen Suche des Ursprungs des Coronavirus gefragt. Insbesondere auch deswegen, da das Virus in China eine unklare Herkunft hat. Vermutungen reichen von einem Wochenmarkt in der Millionenstadt Wuhan, dem Verzehr von Fledermäusen bis hin zum Freisetzen von Covid-19 durch ein nahegelegenes Biolabor, ein Unfall sozusagen, das eben an diesem Markt liegt. In diesem Kapitel wird das Einschalten der Weltgesundheitsorganisation, WHO, thematisiert, die mit einem wissenschaftlichen Expertenteam vor Ort den Ausbruch und dessen Ursprung untersuchen wollen.

Gäbe es eine Zivilgesellschaft und eine entsprechend frei agieren könnende Intellektuellenschicht, hätte diese auch investigativ zur Aufklärung der verheerenden Umstände in Wuhan beitragen können. Daher wird sich Kapitel 3 des Essays der Definition des Begriffs „Intellektuelle“ widmen. Das Buch von Dietz Bering „Die Intellektuellen“ wird hierüber zentral Auskunft geben, so dass mit diesem der Intellektuellenbegriff herausgearbeitet wird.

Der Umgang mit den nicht-etablierten Intellektuellen, also jenen, die weder an Universitäten, wissenschaftlichen Instituten, bei Behörden und Verwaltungen bzw. für den Staatsapparat arbeiten, wird im Kapitel 4 in den Fokus der Betrachtung gerückt. In diesem Kapitel werden einige zu trauriger Berühmtheit gelangten Intellektuelle vorgestellt, die entweder früh schon vor der Gefährlichkeit der Lungenerkrankung warnten oder Missstände seitens des chinesischen Systems aufdeckten und dadurch nicht nur bloß durch den Staatsapparat abgemahnt, sondern regelrecht bestraft wurden.

Das so ausgearbeitete Kapitel leitet zu Kapitel 5 über, indem das totalitäre System China, trotz aller Öffnung hin zu den Weltmärkten, Kritik als unerwünscht kategorisch zurückweist. Dass es sich hier immer noch um ein totalitäres System handelt, wird durch Hinzunahme des Klassikers von Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ manifestiert.

Kapitel 6 schließlich stellt die Frage, inwieweit eine Zivilgesellschaft in China (immer noch) chancenlos ist.

In dem Nachdenken darüber wird die Literatur, abermals Hannah Arendt, „Sokrates“ und „Denken ohne Geländer“, in den Essay einfließen.

Kapitel 7 schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf das Essaythema.

 
 

2. Ursprung des Coronavirus?

 

Im November/Dezember 2019 breitet sich eine rätselhafte Lungenerkrankung in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan aus. Diese ersten Erkrankungen meldet China der Weltgesundheitsorganisation, WHO, offiziell am 31. Dezember 2019. Am 09. Januar 2020 verkünden chinesische Behörden die bis dato unbekannte Lungenerkrankung gehe auf ein neuartiges Coronavirus zurück. An diesem Tag gibt es auch den ersten Todesfall in Wuhan, der in Zusammenhang mit dem Coronavirus steht. Blitzschnell innerhalb von ca. 14 Tagen verbreitet sich das neuartige Virus von China über Thailand, erreicht am 21. Januar 2020 die Vereinigten Staaten von Amerika und schließlich erreicht Corona auch Europa, als am 24. Januar 2020 erste Erkrankungen in Frankreich gemeldet werden.[1]

Nun endlich, mehr als ein Jahr später, ist ein Expertenteam der WHO in der chinesischen Stadt Wuhan eingetroffen, die sich auf die Suche nach dem Ursprung des Covid-19 Virus begeben wollen. Einig sind sich die Experten mittlerweile darüber, dass das Virus , Covid-19, von Fledermäusen übertragen worden ist, wann es aber auf den Menschen übertragen wurde, so der Leiter der WHO-Experten-kommission Peter Embarek, ist immer noch unklar. Der Fisch- und Wildtiermarkt der chinesischen Millionenmetropole war lange Zeit im Fokus der Ursachen-fahnder. So hatten einige Erkrankte Verbindungen zum Markt in Wuhan, andere aber eben nicht.[2]

Der am Berliner Robert Koch Institut arbeitende Epidemiologe Fabian Leendertz und Spezialist für Krankheitserreger aus dem Tiereich, äußert sich zweifelnd: „Die große Frage ist ja, ob dieser Übersprung vom Tier auf den Menschen tatsächlich in diesem Markt stattgefunden hat. Die wahrscheinliche Hypothese ist ja, dass der Markt kontaminiert wurde von symptomatischen Menschen und dass das nur eines der ersten Superspreading-Events dort war.“ [3] Und auch die Behauptung das an Fledermäusen forschende Labor und Institut für Virologie in Wuhan habe den Erreger freigesetzt, kann bis heute nicht erhärtet werden.

China indes verbreitet seit Monaten eigene Theorien, nach denen, so die Staatsmedien, das Covid-19-Virus gar nicht aus China stammt. Verbreitet wird unter anderem die Behauptung, dass Corona bei einem großen Sportereignis von Ausländern eingeschleppt wurde: Den Militärfestspielen 2019. Die WHO ordnet solche Vermutungen als „hoch spekulativ“ ein. Der Außenamtssprecher Zhao Lijian zweifelt ebenfalls an, dass das Covid-19-Virus aus China stammt: „So wie die Pandemie-Lage sich ständig verändert, vertieft sich auch das Wissen über das Virus. Immer mehr ganz frühe Krankheitsfälle werden entdeckt. Daher wird die Suche nach dem Ursprung des Virus sicherlich noch in anderen Ländern und Orten weitergehen.“ [4]

Nachdem nun endlich das WHO-Expertenteam in Wuhan und China seine Arbeit aufnehmen kann, selbstverständlich war und ist dies nicht, haben doch chinesische Behörden die Einreise monatelang blockiert und verzögert[5], wollen Hinterbliebene die Wissenschaftler von der WHO treffen und fordern Aufklärung im Zusammenhang mit dem Corona-Tod ihrer nahen Angehörigen. Zhang Hai ist einer dieser Angehörigen, hat er doch vor einem Jahr seinen 76-jährigen Vater in einem Krankenhaus aufgrund dessen, dass dieser an Covid-19 erkrankte, verloren. Zhang Hai glaubte damals noch den Behörden, die ihm ausdrücklich versichert hatten, dass das neuartige Virus nicht von Mensch zu Mensch übertragbar sei. Nur kurze Zeit später verstarb Zhangs Vater.[6] Nun fordert Zhang Hai klipp und klar gegenüber den WHO-Experten: „Ich denke, wenn sie den Ursprung des Virus untersuchen wollen, müssen sie unsere Erfahrungen anhören. Das könnte ihnen sicherlich helfen die Wahrheit herauszufinden.“ [7] Zhang Hai möchte die WHO-Wissenschaftler treffen, um ihnen von den ersten katastrophalen Wochen in Wuhan erzählen zu können, davon, dass die Krankenhäuser überlastet und die Behörden überfordert waren. 3800 Menschen sind alleine in der Millionenmetropole Wuhan an dem Coronavirus gestorben. Und Zhang Hais Vorwurf lautet nun, die Stadt hat die Viruskrise am Anfang vertuscht. Wofür, so Zhangs Meinung, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen: „Bislang hat weder die Verwaltung in Wuhan noch die Provinz ihre Fehler eingestanden. Das war kriminell. Das war mehr als nur Vertuschung.“ [8] Doch das Zhang Hai und andere Hinterbliebene mit den Wissenschaftlern der WHO sprechen können, ist wenig wahrscheinlich, denn wirklich ungezwungen und frei bewegen in Wuhan kann sich das WHO-Expertenteam nicht. An Menschen wie Zhang Hai hat die chinesische Führung kein Interesse.[9] „Während er Schuldige für den Tod seines Vaters sucht, fürchtet China, wegen der Pandemie international an den Pranger gestellt zu werden. Auch deshalb versucht die Regierung seit Wochen, von Wuhan abzulenken.“ [10] Die kommunistische Partei unterdrückt jegliche Art von Kritik, der Außenamtssprecher Zhao Lijian: „Die Suche nach dem Ursprung des Virus ist ein Prozess, bei dem möglicherweise verschiedene Ausbrüche an verschiedenen Orten in Betracht gezogen werden müssen“, erst wieder am 28.01.2021.[11] Zhang Hai charakterisiert sich als Patriot, der sein Land liebt und alleine deswegen die Wahrheit ans Licht bringen will. Bei und in der Kommunistischen Partei Chinas stößt allerdings dies Liebe auf keine Gegenliebe. So ist Zhang mehrmals verhört worden und das Social-Media-Konto durch das Zhang Hai Kontakt zu über 80 weiteren Angehörigen hatte, ist kurz nach der Ankunft der WHO-Wissenschaftler gelöscht worden.[12]

Diese ausführliche Darstellung eines Hinterbliebenen und sein politisches Engagement und Ansinnen mit Hilfe der WHO-Experten für Aufklärung in der Pandemie und über diese zu sorgen, macht deutlich, dass zum einen nicht-etablierte Intellektuelle in China durch den Staatsapparat nicht nur kein Gehör finden, sondern regelrecht unterdrückt werden.
Zivilgesellschaft und die Bildung dergleichen ist natürlich so schon in ihren Anfängen zum Scheitern verurteilt, da sie vom chinesischen System zum Schweigen gebracht wird und wurde. An dieser Stelle des Essays wird es nun also notwendig sein, den Begriff „Intellektuelle“, der nun schon häufiger gefallen ist, dem Versuch zuzuführen ihn zu definieren und zu erläutern. Dies erfolgt nun im Essaykapitel 3.

 
 

3. Definition: Intellektuelle

 

Mit Beginn der „Dreyfus Affäre“ wurde der Begriff der Intellektuellen in unserem Nachbarland, Frankreich, geboren. Die Lage der Republik Frankreich war zur Zeit um 1894 desolat: Der Revolution 1830 folgte jene von 1848, die Monarchie wechselte (Napoléon Bonaparte) sich ab mit der „Dritten Republik“, reaktionäre Kräfte erwachten, so dass 1873 die „Dritte Republik“ wieder kurz vor Einführung einer Monarchie stand. 1887 kam es unter General Boulangers beinahe zur Militärdiktatur als schließlich 1884 die zunächst letzte Republikkrise mit der „Affäre Dreyfus“ begann:[13] „[…] die parlamentarische Demokratie stellte sich in der Öffentlichkeit dar als ein Gebilde der Ohnmacht und Verderbtheit. Die Abgeordneten begannen in den Augen der Massen verdächtig zu werden.“ [14]
„Daß trotz dieser Lage die Republik gegen den konzentrischen Angriff des Militarismus, des Klerikalismus und des Antisemitismus nicht nur verteidigt, sondern sogar endgültig gesichert werden konnte, läßt sich nur durch den Eingriff völlig neuer Kräfte erklären. Sie brachten die Entscheidung, und wie neuartig ihr Eingreifen, so neu ist auch ihre Bezeichnung: les intellectuels.“ [15] Die Frage des Ursprung und eigentlichen Wortschöpfers bleibt indes ungeklärt, so Bering.[16]

Beschrieben würden Intellektuelle indes mit vielerlei Adjektiven wie
– abstrakt – instinktlos
– antinational
– jüdisch
– dekadent
– inkompetent von den nationalistischen Revisionsgegnern während der Affäre Dreyfus.[17]

Hingegen ist für die Dreyfuser festzustellen, dass sie
– demokratisch waren
– das Gewissen oben an stand
– wissenschaftlich
– jugendlich6 und
– politisiert waren: „[…] „Les Droits de L`Homme zeigt deutlich den Grund, der zur Verwendung eines neuen Wortes drängte. Er nennt nämlich das Neue, das es zu bezeichnen galt: Menschen, „die sich zur politischen Praxis bisher schweigend oder verächtlich verhalten haben.“ Dieses Novum erschien „den Intellektuellen“ und ihren Parteigängern so wichtig, daß sie es immer wieder mit besonderem Pathos unterstrichen haben: „Politisierung“ – das war der Aufbruch in eine neue Dimension!“ [19]

Insofern kann man Intellektuelle zu Recht als Träger und Kritiker politischer Kultur bezeichnen. [20]

 
 

4. Der Umgang mit den nicht-etablierten Intellektuellen

 

Ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in der Millionenmetropole Wuhan ist es nicht möglich, offen über die schwerwiegenden gemachten Fehler vor Ort in China zu reden. So ist Wuhan zwar auf den ersten Blick wieder zurück im Alltag, aber der Schein trügt. Auch wenn Bewohner Wuhans sich wie folgt äußern: „In Wuhan ist wieder alles normal! Schon seit langem, schon seit einem halben Jahr oder so. Verglichen mit Europa und den USA hat Wuhan das Virus viel erfolgreicher in den Griff bekommen. In China herrscht eine starke staatliche Aufsicht, und die Bevölkerung befolgt die Vorgaben sehr gewissenhaft. Nicht so wie in den Ländern, in denen ständig nur über Freiheit und Menschenrechte geredet wird.“ [21] In Wuhan äußern sich in diesen Tagen, so wie der 35-jährige Unbekannte, viele Menschen in Wuhan. Dabei sind diese selbstbewusst, patriotisch und zufrieden mit ihrem Land und der Situation vor Ort. Doch es gibt auch nachdenkliche und kritische Stimmen, die sich aber nicht offen äußern wollen, da ihre Meinung unter den gegebenen Umständen von der offiziellen kommunistischen Staats- und Parteiführungslinie abweicht. Die Ärztin, die in einem Krankenhaus in Wuhan arbeitet, Wu Xiaoyu [richtiger Name der tagesschau bekannt] gehört zum Beispiel dazu. Am 31. Dezember 2019, also Silvester, ist Wu Xiaoyu klar geworden, dass das Coronavirus und die damit verbundene Lungenerkrankung viel gefährlicher ist als angenommen.[22] „Silvester, das war der erste Tag meines lange geplanten Jahresurlaubs Um 9 Uhr vormittags kam ein Anruf meines Chefs. Ich sollte zurück ins Krankenhaus für eine wichtige Sitzung. Bei der Sitzung ging es um eine Mitteilung der Gesundheitsbehörden über den Ausbruch einer unbekannten Lungenkrankheit. So habe ich es erfahren.“ [23] Die Anzahl der Notfallpatienten stieg den Januar über in Wuhan stetig an. Gleichzeitig gab es seitens Chinas Staats- und Parteiführung unter zu Hilfenahme der Medien den Versuch zu beschwichtigen, das Problem wollte man herunterspielen. Noch am 06. Januar 2020 gab eine Sprecherin im nationalen Nachrichtensender folgendes Statement ab: „Bisher haben Untersuchungen keinen eindeutigen Beweis erbracht, dass die Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, oder dass sich medizinisches Personal anstecken kann.“ [24] Der Ärztin Wu Xiaoyu war bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass es sich hier um eine Falschinformation handelt: „Die Wahrheit ist: Schon am 31. Dezember, bei unserem Treffen Silvester, waren wir alle überzeugt, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist. Der oberste Seuchenschutz-Beauftragte der Regierung, Zhong Nanshan, aber erklärte erst am 20. Januar 2020 offiziell über die Medien, dass Menschen sich gegenseitig anstecken können. Erst dann erfuhr es die Öffentlichkeit und die Leute begannen die Krankheit wirklich ernst zu nehmen.“ [25]

Zhang Hai ist einer der entschiedensten offenen Kritiker bezogen auf die chinesische Führung und dessen Corona-Management. Ursprünglich kommt Zhang Hai aus der Millionenmetropole Wuhan, er lebt mittlerweile jedoch gemeinsam mit seinem 76-jährigen Vater, einem hochdekorierten Militärveteranen, im südchinesischen Shenzen. Der Vater Zhang Hais ist an den Folgen einer Covid-19-Infektion im Krankenhaus verstorben [vgl. Kapitel weiter oben]. Zhang Hai im Interview mit dem Schweizer Radiosender SRF: „Wuhans Stadtregierung hat damals gelogen und tut es auch heute noch!“ [26] Deswegen hat Zhang Hai die verantwortlichen Behörden auch verklagt, dies ist in der chinesischen Volksrepublik jedoch mangels Rechtsstaatlichkeit geradezu aussichtslos. „Die Regierung von Wuhan übt eine Menge Druck auf uns aus. Viele haben deswegen aufgegeben. Was ich gut verstehen kann. Ich werde aber nicht aufgegeben. Obwohl sie auch mich behelligen und mich bedrohen.“ [27]

Chinas Propagandamaschine versucht hingegen ein anderes Bild zu zeichnen, wonach das Covid-19-Virus aus dem Ausland eingeschleppt worden ist. Dazu eine Verkäuferin, die Krabben in früherer Markthallennähe verkauft: „Das Virus kam nicht aus Wuhan. Ausländer haben es eingeschleppt – die Amerikaner! Mit Wuhan oder Hubei hatte das nichts zu tun. Dank unseres kommunistischen Systems hat China die Krise gut gemanagt. Für die Zentralregierung ist die Gesundheit des Volkes wichtiger als alles andere.“ [28]

Der Journalist Wieland Giebel kommt auf den Internetseiten von Telepolis/Heise zu einem anderen Schluss und vermittelt in seinem Beitrag auch ganz andere Eindrücke. So sind die Ärzte, welche Ende 2019 vor der Corona-Pandemie warnen wollten, von der Kommunistischen Partei Chinas zum Schweigen verdammt worden, indem sie eine Schweigeerklärung mit Fingerabdrücken unterschreiben mussten und die Medien nicht verständigen durften. So ist einer der ersten kritischen Mahner vor Covid-19-Infektionen und der gefährlichen Lungenerkrankung, der Arzt Li Wenliang, selbst Opfer geworden und ist an Corona verstorben.[29]

Dazu Xu Zhangrun, Professor der Rechtswissenschaften an der Tsinguha University: „Die Coronavirus-Pandemie hat den verfaulten Kern der chinesischen Staatsführung offenbart.“ [30] Xu Zhangrun ist außerdem ein bekannter Essayist, der die Führung rund um Xi Jingping kritisiert. Xu Zhangrun wurde daraufhin kurzer Hand der Internetzugang gesperrt und seine IP-Adresse ist gelöscht worden.

Der weiter oben bereits genannte Arzt Li Wenliang kam am 12. Oktober 1986 in Beizhen zur Welt, gestorben ist er an einem Freitag des 07. Februars 2020 mit nur 33 Jahren. Li Wenliang hinterlässt einen Jungen und seine Frau, die bis Juli 2020 ihr zweites Kind erwartete. Der Arzt Wenliang studierte Medizin an der Universität Wuhan und arbeitete danach im Südosten von China, in Xiamen. Seit 2014 war Li Wenliang am Zentralkrankenhaus in Wuhan beschäftigt. Der Arzt, Mitglied der Kommunistischen Partei, war weder Oppositioneller, noch politisch aktiv und kein Dissident. Aber er war der erste der vor der Gefährlichkeit vom Covid-19-Virus frühzeitig und nachdrücklich warnte. Als Li Wenliang im Sterben lag stattete ihm kein Offizieller des Staatsapparats einen Besuch im Krankenhaus ab. Erst als der Arzt tot war, posthum quasi, wurde die Maßregelung aufgrund seiner Warnung vor einer Pandemie durch die Kommunistische Partei in China zurückgenommen. Die Partei entschuldigte sich ganz „feierlich“. Nachzulesen ist das bei einer Mitteilung des Disziplinarkomitees der KP, der öffentliche Druck war zu groß geworden.[31] Der Direktor des Zentrums für Gesundheitssicherheit der Johns Hopkins Blomberg School of Public Health, Tom Inglesby, drückte sich im Zusammenhang mit dem Tod von Li Wenliang so aus: „Es braucht Intelligenz und Mut, um sich in einem solchen Fall zu melden, selbst unter den ungünstigsten Umständen. [32] Und ähnlich wie Li Wenliang ist es auch anderen Ärzten gegangen, die diagnostizierten und warnten. „The Lancet“ schrieb von Ärzten des Jinyitan Hospital in Wuhan, in dem am 01. Dezember 2019 die erste Covid-19-Infektion behandelt worden ist. Dr. Ai Fen, eine erste Whistleblowerin, unterrichtete im März 2020 die Zeitschrift Renwu via Online-Interview darüber, welches umgehend gelöscht wurde, dass bereits der erste Fall des noch unbekannten Coronavirus am 16. Dezember 2019 im Wuhan Central Hospital dokumentiert ist. Alle weiteren infektiösen Proben von weiteren nachfolgenden Erkrankten sendete Dr. Ai Fen an ein Labor. Am 30. Dezember 2019 unterrichtete sie Vorgesetzte und andere Ärzte, woraufhin die am 01.01.2020 vor die Disziplinarkommission des Krankenhauses zitiert und von der Parteivertretern zum Schweigen gebracht wurde: Dr. Ai Fen solle keine Gerüchte mehr verbreiten, da sie damit die Stabilität Wuhans gefährden würde. Und vor seinem Tod wurde auch der Arzt Li Wenliang wurde beschuldigt, Gerüchte zu verbreiten und die öffentliche Ordnung zu stören; daher nötigte man ihn eine Unterlassungserklärung mit dem Wortlaut „Ich habe verstanden“ zu unterzeichnen, zeitgleich wurde er dazu verpflichtet Stillschweigen zu bewahren.[33]

Genauso sind mehrere Journalisten nicht mehr auffindbar, welche die Corona-Berichte des Staatsapparates kritisch hinterfragten. Li Zehua, 25 Jahre alt und ursprünglich beim chinesischen Staatsfernsehen beschäftigt, kündigte seinen Job, um als unabhängiger Berichterstatter aus der Millionenmetropole Wuhan berichten zu können. Aufgrund seiner verdeckt entstandenen Aufnahmen in einem Krematorium stellte er fest, dass „der hohe Auslastungsgrad dort nicht mit den offiziellen Covid-19-Todeszahlen übereinstimmen konnte.“ [34] Li Zehua veröffentlichte am 26. Februar 2020 seinen letzten Beitrag, er dokumentierte aus seinem Wagen, wie die Staatssicherheit ihn verfolgte. Ein letztes Lebenszeichen kam von Li Zehua über einen Livestream, den er aus seiner Wohnung absetzte. Seither fehlt jede Spur von ihm. Zwei chinesische Intellektuelle übten über internationale Medien scharfe Kritik an den kriminellen Machenschaften rund um die chinesische Informationspolitik durch die kommunistische Partei. Die beiden Regimekritiker Xu Zhangrun als auch Xu Zhiyong veröffentlichten unabhängig voneinander Artikel zur Verantwortung Pekings. Seither wird Xu Zhiyong seit dem 15. Februar 2020 an einem nicht bekannten Ort festgehalten, er hat keinen Zugang zu einem Anwalt und im Falle eine „Aburteilung“ drohen ihm wegen eben dieser kritischen Veröffentlichung 15 Jahre Gefängnis. „Die Ursache für all dies […] liegt letztlich bei Xi Jingping und den Leuten […], die ihn umgeben. Es begann mit den strengen Verboten über das Virus zu informieren… Die Bürokraten im ganzen System legten die Verantwortung für die sich entwickelnde Krise bewusst ab und warteten weiterhin auf Genehmigungen ihrer Vorgesetzten. Sie sahen fröhlich zu, als das entscheidende Zeitfenster, das sich zur Bewältigung des Ausbruchs bot, vor ihnen zusammenbrach… Unser System ist ein System, in dem der höchste Schiedsrichter, die höchste Instanz […] alle effektive Macht monopolisiert… Dadurch wurde eine politische Kultur gepflegt, die im Hinblick auf das tatsächliche öffentliche Wohl ethisch bankrott ist, denn sie ist eine Kultur, die sich bemüht, ihren privatisierten Parteistaat oder, wie sie es nennen, ihre „Berge und Flüsse“ zu sichern, während sie die Menschen, über sie die Macht hat, den Wechselfällen eines grausamen Schicksals ausliefert. Es ist ein System, das jede Naturkatastrophe in eine noch größere vom Menschen verursachte Katastrophe verwandelt. Die Coronavirus-Epidemie hat den verfaulten Kern der chinesischen Staatsführung offenbart; das zerbrechliche und leere Herz des zitternden Staatsgebäudes ist damit so zerbrechlich und leer gezeigt worden wie nie zuvor.“ [35] Dem Professor für Rechtswissenschaften Xu Zhangrun hat die Tsinghua University zu Peking im März 2019 verboten zu unterrichten, zu schreiben und zu veröffentlichen. Da er sich nicht beugte, wurde ihm nach diesem letzten Artikel das Internet abgeschaltet.[36] Vorläufiger Höhepunkt der Einschüchterungen und Drangsalierungendurch den Staatsapparat Chinas stellt die Verhaftung, Verurteilung und mehrjährige Gefängnisstrafe der chinesischen Journalistin Zhang Zhan da. Sie hatte über die Pandemie-Lage in Whuan berichtet. Das Urteil wurde nach einem kurzen Gerichtstermin in Shanghai gesprochen. Die 37-Jährige Zhang Zhan ist für schuldig befunden worden durch ihre Berichte, die in den sozialen Netzwerken in Form von Videos für Aufsehen gesorgt haben, „Streit geschürt und Unruhe gestiftet“ zu haben. Die Bloggerin und ehemalige Rechtsanwältin hinterfragte kritisch die Reaktion der Behörden auf das neuartige Coronavirus. Im Mai 2020 erfolgte die Festnahme, im Juni des gleichen Jahres trat Zhang Zhan in den Hungerstreik. Der extrem schlechte gesundheitliche Zustand der jungen Frau, so ihre Anwälte, sei besorgniserregend. Mit Verhaftung der Bloggerin wurden drei weitere Blogger von der Polizei verhaftet, von zweien fehlt jede Spur.[37]

 

Ende Seite 1 von 2 des Essays.

 
 

Dr. Katja Isabell Wrase:

E-Mail Adresse: wrasek@web.de

 
 
 

Fußnoten

 

[1] Vgl. MDR Aktuell: Die Chronik der Coronakrise. 30.12.2020, 21.55 Uhr.

[2] Vgl. tagesschau: Die schwierige Suche nach dem Ursprung. 15.01.2020, 18.56 Uhr.

[3] MDR Aktuell: Die Chronik der Coronakrise. 30.12.2020, 21.55 Uhr.

[4] MDR Aktuell: Die Chronik der Coronakrise. 30.12.2020, 21.55 Uhr.

[5] Vgl. Allgemeine Berichterstattung in den diversen Medien

[6] Vgl. tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[7] tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[8] tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[9] Vgl. tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[10] tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[11] tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[12] Vgl. tagesschau: Hinterbliebene wollen WHO-Experten treffen. 29.01.2021. 02.26 Uhr.

[13] Vgl. Bering 1982. S. 33

[14] Bering 1982. S. 33

[15] Bering 1982. S. 33

[16] Vgl. Bering 1982. S. 39 ff. .

[17] Vgl. Bering 1982. S. 43 ff. .

[18] Vgl. Bering 1982. S. 53 ff. .

[19] Bering 1982. S. 55.

[20] Vgl. Hauptseminar GH-Universität Duisburg. WS 1996/97, Prof. Dr. Marieluise Christadler.

[21] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[22] Vgl. tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[23] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[24] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[25] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[26] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[27] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[28] tagesschau: Schweigen und verschleiern. 31.12.2020. 03.04 Uhr.

[29] Vgl. Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[30] Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[31] Vgl. Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[32] Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[33] Vgl. Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[34] Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[35] Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[36] Vgl. Telepolis: Für die Coronavirus-Pandemie ist die KP-China verantwortlich. 06.04.2020. 00.00 Uhr.

[37] Vgl. Deutsche Welle: Chinesische Corona-Bloggerin muss in Haft. 28.12.2020 und tagesschau: Die verschwundenen Blogger von Wuhan. 23.05.2020. 05 Uhr 00.

 
 
 
 
 

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