Çiğdem Gül: Die Ereignisse 1915 an den Armeniern – 3/4


© Kristin Saleri

Bild „Ulkiye“ aus der Serie „Anatolische Frau“ von der internationalen armenischen Künstlerin © Kristin Saleri (1915 -2006, Istanbul).

Mitten in den Völkermord 1915 hineingeboren, wuchs das armenische Wunderkind Kristin Saleri, eine begnadete und geförderte Künstlerin, rebellisch und innovativ in Istanbul auf.
Im selben Jahr ihrer Geburt 1915 wurde ihr genauso vielbegabter Onkel Rupen Sevag, ein bekannter armenischer Arzt und Dichter, bei dem Völkermord als einer der ersten Intellektuellen
aus Konstantinopel verschleppt und getötet. Näheres über Rupen Sevag siehe Seite 4 meines Essays und meinen separaten Artikel.

Das obige Bild wurde mit freundlicher Genehmigung des Sohnes Nansen Saleri (Texas/USA) und der Tochter Rehan Saleri Saribay (Istanbul/Türkei)
der verstorbenen Künstlerin Kristin Saleri veröffentlicht.

 
 
 
 
 
 

Die Ereignisse 1915 an den Armeniern

 

Differenzierte internationale Annäherungen

aus damaliger und heutiger Sicht

 
 
 
 

NİCHTS ANDERES ALS EINE WUNDE IM GEDÄCHNİS

 

Külle örttüğüm mesafelerde ışık gibi eğilen güzelliği yetiştiriyorum,

kendi unsurlarından başkasıyla kaynaşan bir şey

bir yaradan başka bir şey olmayan bellekte.

 

Auf den von mir mit Asche bedeckten Entfernungen

züchte ich die, wie ein Licht gebeugte, Schönheit,

Ein Etwas, das seine Teile mit anderen in Verschmelzung bringt

Dies ist nichts anderes als eine Wunde im Gedächtnis.

 

ADONIS (Ali Ahmet Sait Eşber)

Deutsche Übersetzung / Almancaya çeviren: Çiğdem Gül

 

Ali Ahmet Sait Eşber, (1930) Adonis adıyla da bilinen bir Suriyeli-Lübnanlı entelektüeli ve şairdir.
Kendisi günümüzde yaşayan Arap şairlerinin en büyüğü olarak kabul edilmektedir.
Adonis Almanya’da Erich Maria Remarque Barış Ödülü’nü aldı.

Ali Ahmet Sait Eşber, (1930) ist ein syrisch-libanesischer Intellektueller und Lyriker, bekannt unter dem Künstlernamen Adonis.
In der arabischen Welt gilt Adonis – der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreisträger – als der bedeutendste Dichter der Gegenwart.

 
 
 
Çiğdem Gül
 
 
 
 
 
 

Von Çiğdem Gül

19. Juli 2020

 
 
 

Çiğdem Gül: »Wie können wir einen gemeinsamen Ort für eine Renaissance der Begegnung und Verständigung finden?« .

Sowohl meine meine Unterstützer aus der internationalen Community und Diaspora-Community als auch ich möchten unseren Beitrag leisten, dass das Thema des Schicksals der Armenier gewürdigt bleibt und sie stets lebendig gehalten wird.

Es ist mir wichtig, Menschen wie z. B. meine folgenden Ansprechpartner begegnen zu dürfen, die authentisch über das Gesamtthema, das Schicksal der Armenier und/oder über die positiven Seiten des Themas, also über die armenischen Menschen, Kunst, Kultur, Literatur etc., berichten können. Folgende Mitglieder und Experten aus der internationalen Community & Diaspora-Community aus Wissenschaft, Literatur, Film, Theater, Kunst und Kultur haben mir ihr Statement zum Thema gegeben. Aus meinem alevitisch-persönlichen Projekt wurde sowohl mein alevitisch-persönliches als auch unser internationales gemeinsames Projekt.

Ich möchte mich auch an dieser Stelle bei allen meinen Unterstützern ganz herzlich bedanken.

Am Rande sei angemerkt, dass die verschiedene Farbwahl der Schrift in meinem Essay aus ästhetischen Gründen gewählt wurde und keinerlei die Intention hat, die Farben einer Flagge abzubilden.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe im gesamten Essay die männliche Sprachform gewählt. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten jedoch für Angehörige beider Geschlechter.

 
 
 

Differenzierte internationale Annäherungen – Für mein Projekt persönlich erstellte Statements von Mitgliedern und Experten aus der Wissenschaft, Organisation, Literatur, Theater, Kunst, Kultur und Filmbranche:

 
 
 
© Andrea Brackmann

© Mit freundlicher Genehmigung von Andrea Brackmann (Deutschland)

 

Andrea Brackmann – Dipl.-Psychologin, bisherige Psychotherapeutin, im deutschsprachigen Raum führende Expertin für Hochbegabung & Höchstbegabung und viel zitierte Bestseller-Autorin in Deutschland.

 

Mögliche psychologische Erklärungen bei der Frage zu Ursachen der menschlichen und kollektiven Grausamkeit:

„Die Voraussetzung, dass es zu kollektiven Gewaltverbrechen wie einem Völkermord kommen kann, besteht meist aus zwei Komponenten: Erstens gelingt es der jeweiligen Regierung, einer breiten Masse glaubhaft zu machen, dass es sich bei bestimmten Volksgruppen um „minderwertige Individuen“ handelt. Zweitens wird verbreitet, dass diese Gruppierung eine massive Bedrohung darstellt. Die Kombination von „Entmenschlichung“ einer Volksgruppe und vermeintlicher Bedrohung der eigenen Existenz setzt Gewaltreflexe frei, die unter normalen Umständen meist kontrolliert werden können. Mitleid oder Mitgefühl werden außer Kraft gesetzt, da man in der Überzeugung handelt, keine menschlichen Wesen, sondern vielmehr eine Art „Schädlinge“ zu bekämpfen und damit der „guten Sache“ zu dienen. Wenn heute zum Beispiel die AfD im Wahlkampf flächendeckend mit dem Slogan wirbt: „Wir holen uns unser Land zurück!“ wird suggeriert, dass Einwanderer uns unser Land – und damit unsere Lebensgrundlage, unsere Arbeit, unsere Kultur – wegnehmen. Das Schüren solcher Ängste kann zum Zündfunken für rassistische Gewalt werden. Auch die Armenier wurden im Osmanischen Reich als permanente Bedrohung betrachtet. Unter anderem wurde ihnen auf perfide Weise von der Regierung die Schuld an Niederlagen und Gebietsverlusten in zwei Kriegen zugeschoben.

Laut des australischen Psychologen Alexander Haslam werden grausame Gewaltverbrechen oft dann begangen, wenn Menschen sich mit Autoritäten identifizieren, die bösartiges Handeln als positiv, sinnvoll oder tugendhaft darstellen.

Meines Wissens ist bei weitem nicht jeder, der an einem Genozid beteiligt ist, psychopathisch, narzisstisch oder anderweitig psychisch gestört. Bekannte psychologische Experimente (z. B. von Stanley Milgram oder Philip Zimbardo) zeigen, dass oft ganz normale StudentInnen, unbescholtene BürgerInnen oder liebende Eltern bereit sind, anderen ernsthaften Schaden zuzufügen, wenn es sich dabei erstens um anonyme Wesen handelt und sie zweitens den Befehl oder die ausdrückliche Erlaubnis dazu erhalten. Auch die Historikerin und Philosophin Hannah Arendt zeigte in ihren Nachforschungen über die Vernichtung der Juden im Dritten Reich, dass die Täter oft brave, angepasste Bürokraten und unauffällige Befehlsempfänger waren, und nicht, wie bis dahin angenommen, psychopathische Monster. Arendt prägte hierzu den Begriff von der „Banalität des Bösen.“

Ich glaube jedoch, dass die jeweils Herrschenden, unter denen Genozide verübt werden, tatsächlich oft Psychopathen und/oder Narzissten sind. Sie besitzen meist kein echtes Mitgefühl, andererseits aber große Verführungskraft. Sie bedienen eine tiefe Sehnsucht des Menschen nach Stärke, Unverwundbarkeit, Grandiosität, Bewunderung und Gemeinschaftsgefühl. Man findet kaum einen autokratischen Herrscher in der Geschichte, der nicht narzisstisch ist und der nicht mindestens eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert und für schädlich erklärt. Der Völkermord an den Armeniern geschah unter dem diktatorischen System eines Triumvirats, das von der Errichtung eines großtürkischen Reiches träumte. Narzissten brauchen stets Menschen, die sie erniedrigen können, um selbst größer und strahlender zu erscheinen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Donald Trump: Er verachtet alles Schwache, er demonstriert Stärke, Unnachgiebigkeit, Härte und strahlende Größe („Make America Great Again!“). Viele Menschen möchten von dieser Stärke und Großartigkeit etwas abbekommen und man suggeriert ihnen, dass dies am ehesten gelingt, wenn sie andere herabwürdigen, in diesem Fall Schwarze und Einwanderer. Diese Politik hat in den USA derzeit dramatische Auswirkungen.

Psychoanalytiker wie Helm Stierlin und Arno Gruen zeigen am Beispiel Adolf Hitler, dass dieser seine eigenen Schwächen und Minderwertigkeitsgefühle vollkommen abspaltet. Er wandelt sie zum einen in Größenwahn, zum anderen lenkt er seinen Hass auf die angeblich „minderwertigen“ Juden. Hitler fühlt, wie viele Psychopathen, keinen eigenen seelischen Schmerz und kann daher auch den Schmerz anderer nicht nachempfinden. Diese Mechanismen können, meist nach einer längeren Phase der Indoktrination und Manipulation, schließlich auf Teile der Bevölkerung übergreifen. Dies spielte vermutlich auch beim Genozid an den Armeniern eine Rolle.

Was mich persönlich betrifft, bleibt trotz aller theoretischen Erklärungsmodelle immer ein Rest Fassungslosigkeit darüber, was Menschen anderen Menschen antun können.“ © Andrea Brackmann

 
 
 
 
© Prof. Dr. Mihran Dabag

© Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Mihran Dabag (Bochum/Deutschland)

 

Prof. Dr. Mihran Dabag – International anerkannter armenischer Pionier in der Genozidforschung, Gründungsdirektor des Instituts für Diaspora & Genozidforschung, Professor an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Autor, Herausgeber der Zeitschrift für Genozidforschung in Bochum/Deutschland. Er hat 2003 den Franz-Werfel Menschenrechtspreis & 2009 den Verdienstkreuz am Bande der BRD erhalten.

 

„Ein Völkermord hat nicht zuvorderst mit Hass zu tun. Er hat vor allem mit Politik zu tun. Ja, mit einer Politik der nationalen Identität, mit dem Ziel der Verwirklichung der von mir vorhin angesprochenen nationalen Vision. Genozid ist nicht das Ergebnis eines Konflikts. Genozid ist eine Politik, eine Politik der Verwirklichung nationaler Selbstentwürfe.

Wenn ich über Genozid rede, rede ich nicht in erster Linie über die ausgeübte Gewalt. Rede ich über Gewalt, dann nur im Zusammenhang mit der politischen Zielsetzung. Das heißt: Die genozidale Politik hat in erster Linie mit der Verwirklichung und Sicherung der eigenen Identität zu tun und somit mit der Verwirklichung einer nationalen Zukunft durch Gewalt. Dabei wird die Gewalt eingesetzt, um die eigenen politischen Ziele zu erreichen, die politischen Visionen von einer Zukunft zu verwirklichen. Genozid ist der Versuch, den visionären Selbstentwurf einer Gesellschaft in kürzester Frist zu verwirklichen, nämlich innerhalb der Lebenszeit der eigenen Generation.“ © Prof. Dr. Mihran Dabag

 
 
 
 
© Prof. Dr. Taner Akçam

© Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Taner Akçam (Worcester-Massachusetts/USA)

 

Prof. Dr. Taner Akçam – International anerkannter türkischer Pionier in der armenischen Genozidforschung, Historiker, Soziologe, Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des armenischen Genozids an der Clark University in Worcester-Massachusetts/USA. Autor zahlreicher & mehrsprachiger Bücher. Sein 2018 wissenschaftlicher Nachweis der Echtheit der »Talât Pascha-Telegramme« gilt als ein Meilenstein in der Aufarbeitung des armenischen Genozids. Träger von zahlreichen Auszeichnungen wie z. B. Minnesota Best Book Award for General Nonfiction (2007), Hourani Book Prize of The Middle East Studies Association (2013), »Outstanding Upstander« Award from the World Without Genocide organization in Minnesota (2018).

 

„Frau Gül, die grundsätzliche Frage, die sich mir stellt, ist, inwieweit ist es richtig ist, in Zeiten der globalen Coronavirus-Pandemie beim 105. Jahrestag des Genozids an den Armeniern inhaltlich wie bisher gewohnt über diesen Völkermord zu sprechen. Mit der Tatsache der global andauernden Coronavirus-Pandemie sind wir gezwungen, den Genozid an den Armeniern in einem neuen Kontext, in einem größeren Rahmen und in einer höheren Dimension zu betrachten, darüber nachzudenken und zu diskutieren. Nur so kann der Völkermord an den Armeniern eine neue Bedeutung erhalten.

Die globale Pandemie ist kein von außen veranlasster Einbruch einer Naturgewalt wie Erdbeben, oder ein medizinisches Problem, die allein von der Wissenschaft und der Medizin gelöst werden kann. Die Coronavirus-Pandemie ist das Resultat bestimmter menschlicher Einstellung und seines jahrhundertelangen destruktiven Handelns, so wie ein Genozid das Ergebnis menschlicher Einstellung und seines Handelns ist. Wenn der Mensch die Ursache dieser Pandemie nicht in sich selbst begründet sieht, und diese Pandemie sogar ignoriert, dann liegt ein Selbstbetrug vor. Unsere nachhaltige Verantwortung liegt darin, dafür Sorge zu tragen, dass nie wieder ein Genozid, Krieg, Naturzerstörung etc. passiert.“ © Prof. Dr. Taner Akçam

Deutsche Übersetzung: Çiğdem Gül / Die Übersetzung wurde von © Herrn Prof. Dr. Taner Akçam zur Veröffentlichung in meinem vorliegenden Essay genehmigt.
 

„Çiğdem Hanım, benim için ortaya çıkan temel soru şudur: İçinde yaşadığımız, ve tüm dünyayı ele geçiren küresel koronavirüs salgını döneminde, Ermeni Soykırımı‘ nın 105. Yıldönümünde, Ermeni Soykırımı üzerine, hiçbirşey olmamış gibi, aynı eskiden konuştuğumuz gibi konuşmamızın doğru olmadığını düşünüyorum. Ermeni Soykırımı’nı, küresel koronavirüs salgını ile birlikte konuşmamız gerekiyor. Bu salgını göz önüne aldığımızda, Ermeni Soykırımını yeni bir bağlamda, daha geniş bir çercevede ve daha yüksek bir boyutta ele almak, düşünmek ve tartışmak zorundayız. Ermeni Soykırımı bugünlerde ancak böyle yeni bir anlam kazanır.

Bu küresel salgın, tıpkı deprem gibi veya başka bir doğal afet gibi, insan-insan ilişkilerinin dışında, dışardan gelen bir felaket olarak, sadece bilim ve tıp tarafından çözülebilecek tıbbi bir sorun değildir. Koronavirüs salgını, tıpkı soykırımın insan tutum ve eylemlerinin bir sonucu olduğu gibi, yüzyıllar boyunca süren insanın yıkıcı davranışların bir sonucudur. İnsanoğlu, bu pandeminin nedenini kendisinde aramazsa ve hatta bu pandemiyi görmezden gelirse, o zaman kendini aldatmış olur. Uzun vadeli sorumluluğumuz, dünyada savaşın, soykırımın ve doğa katliamının tekrarlanmamasıdır.“ © Prof. Dr. Taner Akçam

 
 
 
 

KEIN FOTO

AUF WUNSCH VON FRAU PROF DR. ELKE HARTMANN KEIN FOTO VON IHR HEREINGESTELLT.

 

Prof. Dr. Elke Hartmann – Historikerin, Turkologin, Expertin für Osmanische Geschichte, Gründerin des Houshamadyan e. V. und Autorin. Studium der Geschichte & Islamwissenschaft. Vertretungsprofessorin für Turkologie an der Universität Hamburg, Fakultät für Geisteswissenschaften und Asien-Afrika-Institut, Geschichte und Kultur des Vorderen Orients in Hamburg/Deutschland:

 

„Das Thema des Völkermords an den Armeniern und Aramäern im Osmanischen Reich hat auch mehr als hundert Jahre nach den Ereignissen nichts von seiner Aktualität verloren – weder für die betroffenen Gemeinschaften der Armenier und Aramäer, noch für die muslimische Mehrheitsgesellschaft in der Türkei, und auch nicht für die deutsche Gesellschaft, die zum einen historisch in die Geschehnisse verstrickt ist und zum anderen zahlreiche Nachkommen der Opfer- und Tätergemeinschaften als Einwanderer aufgenommen hat. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse von 1915 ist die Grundlage für eine produktive Auseinandersetzung. Ebenso wichtig ist es dabei, dass Aufarbeitung und Erinnerung nicht allein den Opfern überlassen werden, sondern dass alle Bevölkerungsgruppen in der Türkei dieses Thema als wichtig für sich selbst erkennen, und dass gerade auch in Deutschland Räume für die Auseinandersetzung entstehen. Umso begrüßenswerter ist es, dass sich mit Çiğdem Gül als Alevitin im Rahmen ihres Interkulturellen Netzwerks für Hochbegabte des Themas annimmt.“ © Prof. Dr. Elke Hartmann

 
 
 
 
Thomas Hartwig_Fotografin Carla Römer_© Mit Genehmigung von Stadtarchiv Gera

Foto: Thomas Hartwig, Fotografin: Carla Römer © Mit Genehmigung von Stadtarchiv Gera (Gera/Deutschland)

 

Thomas Hartwig – Regisseur, Drehbuchautor, bekannter Schriftsteller »Die Armenierin« in Berlin/Deutschland. Tätigkeiten als Dozent, Dramaturg & Skripteditor an der Filmakademie Ludwigsburg, der Bavaria-Atelier GmbH & der Hochschule für Fernsehen & Film in München. Träger zahlreicher Auszeichnungen u. a. (1986) des DAG-Fernsehpreises in Silber und des 1. Medienpreises der Rotarier Deutschland für das Hörfunkfeature.

 

„Mehrere kleine Mädchen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren spielten einige Zeit miteinander, weil sie sich mochten und es einfach schön fanden. Eines Tages kam das türkische Mädchen Suzan auf den Spielplatz und sagte zu Maria „Ich darf nicht mehr mit dir spielen. Meine Mutter hat gesagt, du bist eine Christin und Christen essen Schweinefleisch!“ Und die katholische Katrin sagte zu Rebecca: „Du bist Jüdin und die Juden haben unseren Herrn Jesus Christus getötet. Deshalb darf ich nicht mehr mit dir spielen.“

Das ist der Beginn von Intoleranz. Auf diese Weise wurden Menschen ausgegrenzt und werden es immer noch. Die Kriterien sind Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Angehörige einer ethnischen Minderheit zu sein. Die an sich harmlosen Worte der Ausgrenzung können später in Gewalt umschlagen. Es ergibt sich zwar keine Zwangsläufigkeit, aber der Samen ist gesät.

Ich habe selbst erlebt, wie 2009 in Duisburg-Marxloh ein muslimischer Junge ein katholisches Kind mit Steinen bewarf. Der zusehende türkische Großvater applaudierte dazu. Als ich Ende der siebziger Jahre in New York eine Vielzahl von Interviews mit deutsch-jüdischen Emigranten führte (in ihrer Heimat wurden sie von den Nazis verfolgt und waren vertrieben worden) wurde mir schnell klar, das Thema meines Lebens hatte mich gefunden: die Ausgrenzung von Menschen, die fast immer zu ihrer Auslöschung geführt hat.

1985 lernte ich in Jerusalem die deutsche-jüdische Dichterin Lola Landau kennen, die erste Frau von Armin T. Wegner. Ich war begeistert über sein Werk und sein Leben und kam so zu den Armeniern und dem Völkermord, der mich die folgenden Jahrzehnte in Atem hielt. Geplant war ein großer Spielfilm über Wegners Leben und sein Eintreten für die Belange der Armenier. 1988 reiste ich vier Monate durch die Türkei und nach Syrien auf den Spuren von Wegner und den Armeniern. Mein Treatment „Meine Schreibtafel ist die Erde“ wurde mit teilweise fadenscheinigen Begründungen abgelehnt, von den Filmförderungen und vom Fernsehen. Man wollte sich offensichtlich nicht die Finger verbrennen. Auch hier wieder Ausgrenzung. Dann hatte ich die Nase voll und begann 2006 meinen Roman „Die Armenierin“ zu schreiben. 2014 erschien das Werk (über 800 Seiten) im Salon-Literatur-Verlag in München. Wir bekamen keine Besprechung in irgendeiner deutschen Tageszeitung, auch nicht im Hörfunk. Stattdessen wurde mein Buch im Internet mehrfach lobend besprochen. Es gab über 25 Lesungen in Deutschland und in Wien. 2015 wurde ich von der armenischen Regierung nach Armenien eingeladen, um „Die Armenierin“ vorzustellen. Dort wurde mir klar, dass der zweite Völkermord an den Armeniern von der Türkei seit Jahrzehnten praktiziert wird, nämlich die konsequente Leugnung. Inzwischen sind von „Die Armenierin“ 2.200 Bücher verkauft worden.“ © Thomas Hartwig

 
 
 
 
© Ulrich Klan

© Mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Klan (Wuppertal/Deutschland)

 

Ulrich Klan Vorsitzender & Mitbegründer der »Armin T. Wegner Gesellschaft«, Komponist, Musiker, Pädagoge, Autor & Herausgeber von diversen Buch-, Essay- und CD-Veröffentlichungen in Wuppertal/Deutschland. Mitbegründer der bundesweiten Friedensinitiative »Lebenslaute« & Mitträger des renommierten Aachener Friedenspreises. Sein weltweites Engagement an der Seite der Armenier für die Erinnerung & gegen die Leugnung des Völkermordes; darunter (2003) unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Dr. Johannes Rau gestarteten 5-jährigen internationalen Musikprojektes, (2011) das eigene deutsch-armenisch-türkische Oratorium für den ermordeten Hrant Dink und seine Organisation von unzähligen internationalen Konzerten & Weltmusik-Projekten.

 

„In der Nachfolge von Dr. Armin T. Wegner, dem bleibend als `Gerechter unter den Völkern´ geehrten Schriftsteller und Kriegsgegner, Augenzeugen, Fotografen und lebenslangen Dokumentator des Völkermords an den Armeniern, engagiert sich die internationale Armin T. Wegner Gesellschaft e. V. unter meinem Vorsitz weltweit an der Seite der Armenier*innen für die Erinnerung und gegen die Leugnung dieses Menschheitsverbrechens. Mit unserer Edition der Werke Armin T. Wegners, mit unserer modernen Multimedia-Ausstellung „Aghet – ein Völkermord“ und vor allem in den von uns organisierten Begegnungen armenischer, türkischer, kurdischer und deutscher Künstler*innen zur Erinnerung an Aghet schaffen wir tiefgreifende Erlebnisse, welche die kalte Mauer des (Ver-)Schweigens überwinden – so etwa in unserem internationalen Musikprojekt `Bildnis einer Stimme / Görünen Ses / Patker me Zaini …´ (2003-2008, gestartet unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Dr. Johannes Rau), durch unsere Aufführungen des armenisch-türkisch-deutsch-französischen Bühnenwerkes `Les Descendents / Die Nachkommen´ (2013) oder durch mein deutsch-armenisch-türkisches Oratorium `wie eine taube / bir güvercin gibi / aghavnii me neman´ für den ermordeten Hrant Dink. Näheres siehe unter www.armin-t-wegner.de und www.armin-t-wegner.us.“ © Ulrich Klan

 
 
 
 
© Dr. med. Zaven Khatchaturian

© Mit freundlicher Genehmigung von Dr. med. Zaven Khatchaturian (Los Angeles-Kalifornien/USA)

 

Dr. med. Zaven Khatchaturian – Vorsitzender & Mitbegründer der Armin T. Wegner Society of USA in Los Angeles-Kalifornien/USA sowie Gründungsmitglied (1995) der `Arpa Foundation For Film Music and Art´. Initiator des Armin T. Wegner Humanitarian Awards beim Arpa International Film Festival 2003. Aufgewachsen in Tabriz/Iran, Studium der Zahnmedizin in Bern/Schweiz, zahnmedizinische Spezialisierung und aktive Berufsjahre bis zur Pensionierung in Los Angeles.

 

„Eine rechtmäßige Führung zur Gerechtigkeit der historisch kolossalen Unmenschlichkeit an das armenische Volk besteht darin, dass die gegenwärtige und zukünftige Regierung der Republik Türkei den unbestreitbaren Völkermord an den Armeniern anerkennt und eine Politik zur Achtung der Rechte aller verfolgten Minderheiten durchführt.“ © Dr. Zaven Khatchaturian

„A legitimate guide to the justice of the historically colossal inhumanity to the Armenian people is for the present and future government of the Republic of Turkey to recognize the indisputable Armenian Genocide and to conduct a policy to respect the rights of all minorities.“ © Dr. Zaven Khatchaturian

Armin T. Wegner Society of USA
http://www.armin-t-wegner.us

 
 
 
 
© Osman Güden

© Mit freundlicher Genehmigung von Osman Güden (Kalkar-Kleve/Deutschland)

 

Osman Güden – Sohn des armenischen Völkermords überlebenden Êzîden aus Batman/Ostanatolien, Vorsitzender der ezîdîschen Gemeinde Mala Ezdaî in Kalkar, Bauunternehmer und ehemaliger selbständiger Gastronom in Kleve/Deutschland.

 

„Früher waren alle Kurden Ezdaî, und alle Ezdaî sind die Ursprungs-Kurden. Nach Entstehung des Islams wurden die Kurden in drei Gruppierungen verzweigt. Sunnitische Kurden, alevitische Kurden und êzîdîsche Kurden. Nach den Zwangsislamisierungen entstanden durch die Muslime und Araber die Bezeichnungen `Ezidî´ und `Yezidi´. Die Bezeichnung `Êzîde´ ist relativ neu und wurde in der Diaspora, besonders in Deutschland, von den êzîdîschen Kurden und ihre Vereine vor ca. 30 Jahren neu definiert. Sie wollten die Ausdrucks- und Schreibweise mit „J“ und „Y“ (also Jesiden oder Yesiden) vermeiden, da dies sehr stark nach Abu Chalid Yazid ibn Mu´awiya, der zweite Umayyaden-Kalif, klang. Der Verein der Êzîden unter meinem Vorsitz am unteren Niederrhein e. V. mit Sitz in Kalkar war der erste Verein, der sein Gemeindehaus bzw. Begegnungsstätte in `Êzdaî´ benannt hat. Nach und nach begannen auch andere Vereine ihre êzîdîschen Namensschreibweise mit „E“ , und nicht „Y“ oder „J“ zu verwenden, ganz nach dem Kalkarer Vereins-Denkweise und Vorstellung.

Wir, die Êzîden, sind weder Christen noch Muslime. Wir haben unseren eigenen Glauben.

Das kurdisch-êzîdîsche Sprichwort `Pêshî xîret pashê îman´ bedeutet: „Die Menschenwürde steht stets über dem Glauben“. Aus dieser humanen Haltung heraus, was den Konstrukt des Êzîdentums so besonders macht, möchte ich sagen, dass Êzîden, Armenier, Aramäer und Assyrer während des Osmanischen Reiches insb. in den anatolischen Städten Diyarbakır, Batman, Serhet, Van, Muş, Ağrı (früher: Şarbulak), Viranşehir und Mardin 400 Jahre lang in bester Nachbarschaft und Freundschaft in Ruhe und in Frieden zusammengelebt hatten. In den anatolischen Regionen, die damals dicht mit Êzîden besiedelt waren, gab es wenige Aleviten.

Dann begann 1915 der Genozid an den Christen, im Fokus stets die Armenier. Mein êzîdîscher Vater, geboren 1898, hatte als Jugendlicher in Siirt Batman-Beşiri/Ost-Anatolien den Völkermord an den Armeniern mit eigenen Augen gesehen, er war also ein Zeitzeuge. Mein Vater war von den narrativen Grausamkeiten, die damals osmanische Soldaten und – aus sunnitischen Kurden bestehende – Hamidiye-Stammesmilizen an die armenischen Kinder, Frauen und Männern angetan hatten, bis ins hohe Alter traumatisiert. Mein Vater brach zu Lebzeiten auch als 90-jähriger in Tränen aus, wenn er uns Kindern von dem Völkermord an den Armeniern erzählte. Während und nach dem Genozid beschützten und unterstützen die Êzîden, darunter auch meine Vorfahren, ihre armenischen Mitmenschen.

Seit dem Genozid an den Armeniern, an dem die muslimisch-sunnitischen Kurden im Auftrag des Osmanischen Reiches maßgeblich mitgewirkt hatten, herrscht in der anschließenden Diaspora in Deutschland bis heute zwischen den êzîdîschen Kurden und den muslimisch-sunnitischen Kurden Konflikte.“ © Osman Güden

 
 
 
 

© Doğan Akhanlı_Fotograf Manfred Wegener

© Mit freundlicher Genehmigung von Doğan Akhanlı (Berlin/Deutschland)

 

Doğan Akhanlı – Türkisch-deutscher Menschenrechtsverteidiger und sein vielfältiges Engagement gegen Antisemitismus, Schriftsteller für die türkische Sprache, Drehbuchautor in Berlin/Deutschland. Er erlebte staatliche Gewalt und politische Verfolgung in der Türkei. 2019 Ehrung & Auszeichnung mit Goethe-Medaille. Herr Akhanlı setzt sich in seinen Romanen & Theaterstücken für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt, für Erinnerung sowie für die Unteilbarkeit der Menschenrechte ein.

 

„Die Genozidforschung hat das Verbrechen an Armeniern und Aramäern, neben der Vernichtung der Juden, Roma und Sinti in Europa sowie die Vernichtung der Tutsi in Ruanda als „totalen”, „endgültigen“ und „absoluten“ Völkermord eingestuft. Trotzdem wollte die türkische Politik die Vergangenheit ausradieren und ihr mörderisches Nationalstaatsprojekt fortsetzen, um die Zukunft gedächtnislos zu machen.

Wir wissen heute, dass mehrere deutsche Offiziere als osmanische Militärberater an wichtigen Entscheidungen über die Deportationen der Armenier beteiligt waren. Wir wissen heute, dass deutsche Diplomaten bzw. Militärangehörigen immer wieder Berichte nach Berlin sandten und das Ausmaß der Armeniermassaker schilderten.

Warum hält es die deutsche Bildungspolitik nicht für nötig, die Aufarbeitung der eigenen Geschichte auch auf die Mitverantwortung an dem Genozid an den Armeniern und auf die eigene Kolonialgeschichte zu erweitern? Die Beschäftigung mit dem Völkermord an den Armeniern ist keine Relativierung der Schoah, sondern eine Erweiterung und Vertiefung der Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Deshalb schlage ich vor, die koloniale und genozidale Vergangenheit nicht als nationale, sondern als transnationale Geschichte zu erzählen.“ © Doğan Akhanlı

 
 
 
 
© Artur Assoyan

© Mit freundlicher Genehmigung von Artur Assoyan (Armenien & Deutschland)

 

Artur Assoyan – Ostarmenier, Leiter der Stiftung in Armenien & Deutschland, Herausgeber und Übersetzer urchristlicher und armenischer Schriften, Künstler, Lehrer für Energetische Arbeit in Jerewan/Armenien & Neuss/Deutschland.

 

„Im 14. Jahrhundert, als das armenische Königreich untergegangen war, floh der letzte armenische König ( Leon II ) nach Frankreich. Armenien geriet in Vergessenheit. Es wurde aufgeteilt zwischen Osmanen und Persern. Seitdem gab es in diesem Gebiet ununterbrochen Krieg.

Im 18. Jahrhundert kamen auch Russen ins Spiel, und nahmen das sogenannte Ostarmenien ein.
Es entwickelte sich eine Trennung in West- und Ost-Armenien. Diese Trennung zieht sich durch die Grammatik der heute gesprochenen Sprache, die Kultur und den gesamten Lebensstil. Das, was weiterhin beide Gruppen verbindet, ist das Christentum, die armenisch-apostolische Kirche mit ihrem Oberhaupt, dem Katholikos, die Kirchen-Sprache, die Schrift und 3000 Jahre Baukunst, vorchristliche Ruinen und seit 301 n. Chr. Kirchen und Klöster.
Diese architektonischen Spuren findet man heute weit verteilt zwischen dem schwarzen, dem Kaspischen und dem Mittelmeer.

Die Fläche der heutigen Republik Armenien umfasst weniger als 10% der Fläche von dem ehemaligen armenischen Reich, 29.000 qkm. In diesem kleinen Stück gibt es 6000 vorchristliche Bauwerke und ca. 15.000 Kirchen und Klöster aus nach christlicher Zeit. 98% der heutigen Einwohner Armeniens sind Christen. In der Sowjetischen Zeit war die armenische Republik ein hochentwickeltes Industrieland mit vielen verschiedenen Produktionen.
Am dem Ende der sowjetischen Zeit gab es einen Krieg (1988-1994)mit Azerbaijan. Das ist eine Folge der stalinistischen Politik – alle Länder um Armenien herum hatten sich nach dem 1. Weltkrieg Armenien untereinander aufgeteilt. Die Armenier in den azerischen Gebieten wollten zurück in ihre Gebiete, nach Karabach. Bis heute ist dieses gebiet nicht intenational anerkanntes armenisches Gebiet. Aus Nachijevan, auch ehemaliges armenisches Gebiet, waren schon alle armenischen Einwohner vertrieben.
Seit 1994 halten die Türkei und Azerbaijan ihre Grenzen zu, die Eisenbahn fährt wegen der Georgien-Russland-Krise nur bis Tibilissi. Die armenisch-iranische Grenze ist zwar offen aber der Iran leidet selber unter den internationalen Sanktionen. Seitdem ist die gesamte Industrie stehen geblieben. In Armenien selbst gibt es wenig Arbeit. Deshalb arbeiten heute Viele im Ausland.

Meiner Meinung nach sind die Anerkennung des Genozids und andere Spannungen zwischen dem türkischen und dem armenischen Volk ein kulturelles Problem. Türken und Kurden, die in ehm. armenischen Gebieten, z.B. Anatolien leben, und das als ihr Land betrachten, treffen immer wieder überall auf armenische Spuren. Während der Genozitzeit sagte die Jungtürkische Regierung: „Solange noch ein Armenier lebt, haben wir keine Heimat“. Danach in der Ära Atatürk wurde gesagt, dass die Türkei auf den Knochen der Armenier aufgebaut worden sei. Das haben die Menschen tief verinnerlicht.

Die heutige armenische Republik ist ein von der Welt vergessenes Land. Politisch wird immer dann die armenische Karte gespielt, wenn es Probleme z.B. zw. Russland und der Türkei gibt, oder Probleme mit dem Westen und der Türkei auftauchen.
Trotz dieser Schwierigkeiten werden z. B. neue Technologien entwickelt und die Menschen versuchen das Land wieder auf neue Füsse zu stellen.“ © Artur Assoyan

 
 
 
 
© Monika Werhahn-Mees

© Mit freundlicher Genehmigung von Monika Werhahn-Mees (Neuss/Deutschland)

 

Monika Werhahn-Mees – Enkelin des Bundesrepublik Deutschlands ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, Vorsitzende der Werhahn-Mees-Stiftung in Neuss/Deutschland & des Kulturhauses auf 2000 Meter hohem Hochgebirgssee der Welt, dem Sevansee in Ostarmenien.

 

„Ich liebe Armenien, wegen seiner unendlichen Landschaften, die so menschenleer sind, dass man sich zunächst mal daran gewöhnen muss… voller Licht und Schatten.
Wenn man Armenien bügeln würde, wäre es sehr, sehr groß. Doch da es unaufhörlich hinauf und hinunter geht, ist es nur zweimal so groß wie Brandenburg.
Hinter jeder Kurve auf den zum Teil löchrigen Strassen, auf denen man zwangsläufig langsam fährt, erlebt man eine Überraschung: ein steinernes Kloster taucht plötzlich im dichten Wald aus dem Dickicht auf, manchmal öffnet sich unerwartet eine biblisch beleuchtete Ebene, oder das Tal verengt sich und klemmt den Blick ein zwischen steil aufragenden Felswänden um gleich danach wieder ein neues Gesicht zu zeigen.

Der Sevansee (2000 m) ist der zweithöchste und der zweitgrößte Süßwasser-Hoch-Gebirgssee der Erde. Er liegt zwischen den niedrig wirkenden 2300 m hohen Bergen wie eine blaue Perle. Er ist unendlich farbig und tief, wie ein Meer so groß. In sowjetischen Zeiten wurde er als Hohlspiegel und Antenne benutzt…. Es sieht aus, „als sei der Himmel auf die Erde gefallen“, schrieb Ossip Mandelstamm vor fast 100 Jahren in seinem Buch „Die Reise nach Armenien“. Dort in Tzowadsard liegt unser Kulturzentrum und Stiftungshaus.

Im Sommer kann man die Uhr nach dem Abendwind stellen, der pünktlich gegen 21:00 durch die Strassen Yerevans weht, der rosanen Hauptstadt Armeniens. Er kommt von den kaukasischen Bergen herunter und befreit die Einwohner der Millionenstadt von drückender Hitze und dem Staub des Tages. Aus rötlichem Tuffstein erbaut, wirken die alten Gebäude mit ihren Bögen und Arkaden ehrwürdig und auch irgendwie europäisch.
Am Abend tummelt sich ein feierlustiges Völkchen in Parks und tausenden Kaffees der Innenstadt und um den kleinen Kunstsee herum. Alt und Jung ist draußen und vergnügt sich miteinander. Klänge von Jazz Bands, die in den Kaffees auftreten, wehen durch die frische Luft zusammen mit dem Lachen der Kinder.

Man kann das Gefühl haben, dass alles wunderbar in Ordnung ist. Die Menschen wirken entspannt und fröhlich. Leider ist das gar nicht so, nur die Hälfte hat Arbeit, es gibt unendliche Probleme. Davon merkt der Reisende nicht wirklich viel. Die Tische biegen sich bei dem einfachsten Bauern auf dem Lande unter der Fülle der köstlichen Speisen und Getränke. Gastfreundschaft ist das Höchste und Schönste überall und die Freundlichkeit der Menschen ist grenzenlos.

Es ist ein Land der Kontraste, der starken Gegensätze und Farben, der großzügigen Landschaften und quirligen Städten, der Fülle an Ideen und Liebe zur Improvisation, des Reichtums an Früchten und Blumen zu den entsprechenden Jahreszeiten und des ungebrochenen Lebenswillens, der dem Betrachter aus der Natur entgegenquillt und und den Menschen aus den leuchtenden Augen strahlt.

Unsere Arbeit in der Werhahn-Mees-Stiftung für Kulturaustausch besteht darin, HIER von diesem Land zu erzählen, Reisende dort zu begleiten und ihnen die 5.000 jährige Geschichte des Landes, die Wurzeln unserer indogermanischen Sprache und christlichen Kultur aufzuzeigen und ein Fenster in fast vergessene Gegenden unserer eigenen Vergangenheit und der Berührungspunkte mit Armenien zu öffnen.

Umgekehrt ist es für das armenische Volk lebensnotwendig, wieder so gesehen zu werden, wie sie waren und bis heute geworden sind.“ © Monika Werhahn-Mees

 
 
 
 
© Deniz Alt

© Mit Genehmigung von Deniz Alt (Frankfurt am Main/Deutschland)

 

Deniz Alt – Ethischer Kosmopolit und gesellschaftskritischer Künstler. Mütterlicherseits mit westarmenischen-Hamschenzi und tscherkessischen Wurzeln, väterlicherseits mit deutschen und rumänischen Wurzeln in Frankfurt am Main/Deutschland.

 

„Meine türkische Mutter kam in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Später lernte sie meinen deutschstämmigen Vater kennen, den sie heiratete. Mein deutscher Großvater wurde vor dem Krieg in Rumänien geboren und war nach dem Krieg in der BRD geblieben. Er war zunächst gegen die Eheschließung meiner Eltern. Zu diesem Zeitpunkt wusste meine Mutter noch nichts von ihren westarmenischen Hamschenzi- Wurzeln. Mit Aufnahme ihres Studiums, hat sie erstmals vom Tabuthema ihrer eigenen Familie erfahren. Sie hatte erstmals als Studentin erfahren, dass sie väterlicherseits aus Rize/Türkei stammt, und mütterlicherseits von einer tscherkessischen Familie aus Samsun/Türkei. Die Eltern und Vorfahren meiner Mutter gehören also zu einer kleinen armenischsprachigen ethnischen Minderheit muslimischen Glaubens im Nordosten der Türkei. Meine ethnischen Wurzeln zeigen, dass die Familie insgesamt eine ziemlich bewegte Geschichte hat und mehrfach, um zu überleben, die Identität wechseln musste. Als Kind beider bzw. mehrerer Kulturen empfinde ich mich daher als Brückenbauer. Ich liebe die Türkei, nicht zuletzt, weil ich ein Teil meiner Kindheit dort verbracht habe. Ich habe dort viele Freunde aus allen gesellschaftlichen Schichten.

Als gesellschaftskritischer Künstler recherchiere ich seit über 20 Jahren die Historie des Osmanischen Reiches, und darin die Biografien der relevanten Akteure und ihre Familienangehörige sowie das Schicksal der Armenier u.v.a. Mich interessieren die unbeschrieben und nicht dokumentierten Themen über das Schicksal der anatolischen Kulturen. Als Künstler versuche ich über den Tellerrand hinauszuschauen und beim dem Thema stets das Gesamtbild zu betrachten. Über dieses Thema bin ich mittlerweile auf die übergeordneten universellen Fragen gekommen: Warum ist der Mensch böse? Warum neigt der Mensch zu katastrophalen Strukturen? Gerade beim Holocaust gab es Erfahrungswerte, die auf die Vertreibung der Armenier zurückzuführen sind. Dafür sind die Berichte und Dokumentation aus den Archiven des Auswärtigen Amtes zu diesem Thema belegt, wobei die Rolle des deutschen Kaiserreiches nicht ganz so tief erforscht wurde oder es zu wenig Belegbares gibt, um der deutschen kaiserlichen Regierung ihre aktive Beteiligung zum Völkermord zu bestätigen. Belegt ist nur, dass es das Ziel gab, eine Marionetten-Regierung an der hohen Pforte zu installieren und die Gegner zu beseitigen. Wie auch immer. Es ist für mich spannend in diesem Ecken zu spekulieren.

Bei diesem Thema geht es mir also nicht um eine Schuldzuweisung, wie viele es machen, sondern um die Durchdringung eines hochkomplexen Themas. Die Teile der heutigen türkischen Zivilgesellschaft, die den Völkermord an den Armeniern verleugnen und diesen folglich nicht anerkennen, sind selber auch Opfer einer geschichtlichen Verklärung. Oder sie haben andere Gründe dafür. Viele Menschen heute allerdings sollten sich nicht nur mit dem Glanz der Macht und der großen Paläste des damaligen Osmanischen Reiches schmücken, sondern sich auch mit den Schattenseiten und Erbe dieser Epoche – vor allem mit dem Völkermord an den Armeniern – befassen. Dabei differenziere ich bei ihnen zwischen den einfachen und bildungsfernen Menschen und von den gebildeten Akademikern in der Türkei. Wenn ich bei meinen bisherigen unzähligen Aufenthalten in den verschiedenen Städten der Türkei z. B. mit den Handwerkern, Gemüsehändlern und Schustern über das Thema spreche, die gar keine Chance auf Schulbildung und historische Bildung hatten, sowie mit dem seit 80 Jahren von Kemalisten vorgepredigten Weltbild großgeworden sind, dann habe ich eher Verständnis für sie. Denn sie sagen, ohne das Wort Genozid zu verwenden, dass es damals ein Krieg gab und viele Ungerechtigkeiten passiert sind. Wenn ich in der Türkei aber mit Akademikern über das Thema spreche, die trotz besseren Zuganges zur Bildung und Forschung hatten, die katastrophalen Ereignisse von 1915-1917 verdrehen und verleugnen, dann ist es für mich aus meinem erforschtem Wissen heraus nicht akzeptabel. Glücklicherweise wird die Akzeptanz und die Diskussion über den Genozid bereits von vielen in der Türkei nicht mehr geleugnet. Natürlich unter Vorbehalt. Ich weiß, dass es heute in der Türkei viele Menschen gibt, die sich intellektuell mit dem Thema auseinandersetzen und viel zum Thema publiziert wurde und wird.
Wann und wie es eine politische Anerkennung über dieses traurige Kapitel Anatoliens geben wird, kann ich nicht sagen, aber solange es nicht vertieft und über die Rolle der verschiedenen Protagonisten und Verantwortlichen nicht genauer in Frage gestellt wird, desto länger kann es dauern. Ich habe die Hoffnung, dass, wenn es eine osmanische Nostalgie geben sollte, dann wird man früher oder später auch über die Grundstrukturen dieser Gesellschaftsform besser Bescheid wissen. Auch um die Bedeutung der osmanischen Armenier im Osmanischem Reich. Siehe Kultur, Architektur, Handwerk, Kunst, Musik, Theater etc..“ © Deniz Alt

 
 

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© Çiğdem Gül – 19. Juli 2020

 

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