Çiğdem Gül: Die Ereignisse 1915 an den Armeniern – 1/4


Ilya Vartanian

Bild © Ilya Vartanian (Moskau/Russland). In Armenien ist der Granatapfel Nationalsymbol.

 
 
 
 

Die Ereignisse 1915 an den Armeniern

 

Differenzierte internationale Annäherungen

aus damaliger und heutiger Sicht

 
 
 
 
 

GARTEN IM WINTER

 

Wir, die wir diese Zeiten durchquerten mit dem / Geschmack von

Blut auf den Lippen,

von Trümmerrauch, von toter Asche,

und nicht fähig waren, den Blick zu verlieren,

wir hielten oftmals inne vor den Namen Gottes,

hoben sie auf mit Zärtlichkeit, weil sie uns gemahnten

an die Vorfahren, an die Ersten, an die, welche fragten,

an die, welche den Hymnus fanden, der sie verband / im Unglück,

und jetzt, die hohlen Scherben vor Augen, Bruchstücke,

ehmals bewohnt von jenen Namen,

fühlen wir diese linden Substanzen,

verbraucht, vertan, von der Güte und von der Bosheit.

 
 

Pablo Neruda

Chilenischer Dichter & Nobelpreisträger (1904-1973)
Garten im Winter (Auszug)[1]

 
 
Çiğdem Gül
 
 
 
 
 
 

Von Çiğdem Gül 

19. Juli 2020 

 
 
 

Einführung in den Themenkomplex

 

Das Osmanische Reich war das Reich der Dynastie der Osmanen von ca. 1299 bis 1922. In Westeuropa wurde das Land ab dem 12. Jahrhundert auch als „Turchia“ („Türkei“ oder Türkisches Reich) bezeichnet, nach der ethnischen Abstammung der Dynastie.[2] Das vom Islam geprägte Osmanische Reich, Devlet-i ʿOsmānīye bestand 600 Jahre und war ein Vielvölkerstaat. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstreckte es sich fast über den gesamten Balkan, die heutige Ukraine und die meisten arabischen Gebiete. Absoluter Herrscher war der Sultan. Zwar verfügte er über ein Beratungsgremium und auch über Minister, aber es gab kein Parlament und keine andere Vertretung der Bevölkerung. Im 16. Jh. dehnte sich damals das Osmanische Reich über mehrere Kontinente aus. „Jahrhundertelang beanspruchte das Osmanische Reich politisch, militärisch und wirtschaftlich eine europäische Großmachtrolle neben dem Heiligen Römischen Reich, Frankreich und England. Durch die ununterbrochen intensiven politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen ist die Geschichte des Osmanischen Reichs mit derjenigen Westeuropas eng verbunden.“[3]

Das armenische Volk ist das älteste christliche Volk der Welt. Es wurde im Laufe seiner Geschichte zwischen 3 Herrschaftsgebieten aufgeteilt. Persien, Russland und dem Osmanischen Reich.

Es gibt die West-Armenier, die westarmenische Hemşinli (armenisch: Hamschenzi) und die Ost-Armenier. West-Armenier waren die osmanisch-türkischen Armenier, die im Osmanischen Reich überwiegend in Anatolien, und vor allem in den folgenden Provinzen (vilayat-ı sitte) von Ostanatolien beheimatet waren: Trapezunt (heute: Trabzon), Mamuret ül-Aziz (heute: Elazığ), Yerzınga / Erznka (heute: Erzincan), Ersrum (heute: Erzurum), Sebastia (heute: Sivas), Charpert (heute: Harput), Bitlis, Van, Adana, Urha (heute: Şanlıurfa / Urfa), Diyâr-i Bekr / Amid (heute: Diyarbakır) und Aleppo. Einige wenige Intellektuelle und/oder gut situierte Armenier lebten in der damaligen Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Die Ost-Armenier waren die irakisch-iranischen oder russischen Armenier, die im Land Armenien gelebt haben und immer noch dort beheimatet sind. Nachdem die Gegend um Hemşin in der heutigen Provinz Rize/Türkei im 14/15. Jahrhunderts von den Osmanen erobert worden war, konvertierte in der darauffolgenden Zeit ein Teil der christlich-armenischen Bevölkerung zum Islam. Diese kleine armenischsprachige ethnische Minderheit muslimischen Glaubens im Nordosten der Türkei bezeichnet man als Hemşinli, gesprochen: Hemschinli (auf Armenisch: Hamschenzi), die sich wiederum in drei Teilgruppen weiterentwickelte, auf die ich hier aus Platzgründen nicht näher eingehen möchte.

Die armenische Sprache der West-Armenier ist nicht identisch mit der armenischen Sprache der Ost-Armenier. Beide armenische Sprachen unterscheiden sich vor allem in der Aussprache und im Vokabular sowie Satzbau und Fälle. Ostarmenisch ist heute die offizielle Sprache der Republik Armenien und wird auch von der armenischen Sprachgemeinschaft im Iran gesprochen. Westarmenisch, welches ursprünglich von den Armeniern im Osmanischen Reich gesprochen wurde, ist heute in der Türkei und bedingt durch den Genozid an den Armeniern von 1915, zerstreut in der ganzen Welt, im Nahen Osten, in Europa und den USA verbreitet. Hemşinli sprechen in der Nordtürkei den Homschezi, einen Dialekt der Westarmenischen.

Die Ostarmenier waren aufgrund ihrer geographischen Entfernung und die Hemşinli waren aufgrund ihrer islamischen Religion vom Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich nicht betroffen. Vom Völkermord betroffen waren die Westarmenier, die damals in der heutigen Geografie der Türkei lebten.

 
 

Hrant Dink: »Ich glaube, wir sollten uns erst darüber austauschen, wie man mit der Geschichte umgeht, bevor wir uns mit der Geschichte selbst befassen.

So wie man zur Diskussion historischer Ereignisse Archive braucht und Dokumente, so braucht man für den Umgang mit Geschichte einen gewissen Anstand, eine Ethik. Wo beides fehlt, nützen die Dokumente wenig. Die ethische Haltung, die wir in der Armenierfrage brauchen, ist Empathie – Einfühlung.« 

 

Aus: Hrant Dink: Für Anstand braucht es keinen Beleg aus dem Archiv / Deutsche Übersetzung: Dr. Günter Seufert

 

Im Frühjahr 1915 begann im Osmanischen Reich unter der Verantwortung der jungtürkischen Regierung der Völkermord an den Armeniern. Das Deutsche Kaiserreich, Verbündeter des Osmanischen Reiches, leistete als Mitwisser Beihilfe zum Völkermord, in dem es das Verbrechen deckte. Aus Sorge, seinen Verbündeten am Bosporus zu verlieren, aber wohl auch, weil viele Einheimische in Deutschland die Abneigung der Türken gegen die Armenier teilten. Die Armenier waren zudem zu einem Störfaktor in der deutschen Orientpolitik geworden, die auf den Erhalt des osmanischen Ancien Régime setzen.[4] „Friedrich Schiller hatte das in seinem Buch `Geisterseher´ so ähnlich gesehen. Deutsche Offiziere, die als Ausbilder in die Türkei kamen, sprachen von den `Juden des Osmanischen Reiches´. Der evangelische Theologe und spätere deutsche Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann nahm 1898 sogar das Wort des Bazillus in den Mund und rechtfertigte Massaker an den Armeniern mit den Worten: `Die Türken haben Recht getan.“[5] Der vermeintlich liberale Politiker Friedrich Naumann (1860-1919), Namenspatron der FDP-nahen Stiftung und Kämpfer für die Frauenrechte, verhielt sich auch sehr zurückhaltend bzgl. einer Intervention zu Gunsten der Armenier und betonte stets die Wichtigkeit der Partnerschaft mit dem Osmanischen Reich.[6] Sogar Karl May (1842-1912) schrieb „Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt“ [7], obwohl er selbst Deutschlands bekanntester gerichtlich verurteilter Kleinkrimineller war, und später erfolgreichster Schriftsteller der deutschen Sprache wurde (siehe seine Geschichten und ihre Verfilmungen um den Indigenen „Winnetou“), der in seinem Leben nie mit Armeniern zusammengetroffen war. Der Ich-Erzähler bei Karl May bekundete oft ebenso eine tiefe Abneigung gegen Armenier, die er in seinem Buch Der Kys-Kaptschiji (in: Benziger’s Marien-Kalender. Jg. 1896, S. 173, siehe Onlineausgabe) so begründet: „Ein Jude überlistet zehn Christen; ein Yankee betrügt fünfzig Juden; ein Armenier aber ist hundert Yankees über: so sagt man, und ich habe gefunden, daß dies zwar übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht. […] Damit soll nicht etwa gesagt sein, daß dieses Urteil für jeden Armenier gelte, o nein! Ich habe ja selbst so manchen Armeni als einen braven, ehrlichen und zuverlässigen Menschen kennen gelernt. […]“ Karl Mays „letzter Vortrag am 22. März 1912 in Wien wurde zu einem Triumph. „Empor ins Reich der Edelmenschen!“ war das Thema. Im Publikum: die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner und der arbeitslose Anstreicher Adolf Hitler.[8]

Entgegen Karl Mays Abneigung gegenüber den Armeniern, spielte ausgerechnet ein sehr begabter und sehr gut ausgebildeter Armenier 1950 auf der Naturbühne Blauer See in Ratingen/Deutschland bei den dort stattfindenden zweiten Karl-May-Spielen die Titelrolle (!) Winnetou unter der Regie von Johannes Felgner. Er ist kein geringerer als Krikor Melikyan. Der in Köln/Deutschland 1924 geborene Regisseur, Schauspieler, Autor und Synchronsprecher – heute ein sehr bekannter 96-jähriger Schauspieler in Deutschland – hat nicht nur eine bewegte Biografie, sondern er pflegte auch zahlreiche Freundschaften und Zusammenarbeit mit berühmten Zeitgenossen wie Armin T. Wegner, Gustav Gründgens und Erwin Piscator. Herr Krikor Melikyan hat in Deutschland Theater- und Filmgeschichte geschrieben. Er ist Ehrenmitglied der internationalen Armin T. Wegner Gesellschaft. Herr Melikyan hat übrigens das Gedicht Meine verwüsteten Lieder des großen armenischen Dichters Jeghische Tscharenz ins Deutsche übersetzt. Am 27. Juni 2020 habe ich mit Herrn Krikor Melikyan telefoniert. Dazu später mehr.

 

Nur sieben Jahre später nach dem ersten deutschen Kolonialgenozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, beteiligte sich das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg erneut an einem Genozid, diesmal jedoch indirekt – wie erwähnt – an dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. „Anstelle eines Diktators hatte die osmanische Großtürkei drei bekommen“, schrieb der Historiker und Schriftsteller Philippe Videlier in seinem herausragenden französischsprachigen und übersetzten Artikel „Türkische Nacht: Die Geschichte von dem Sultan und den drei Paschas“.[9] Dabei weist er auf die drei Generäle hin – im Türkischen Paşa, gesprochen: Pascha, genannt –, die das eigentliche Triumvirat der Macht gebildet hatten und die Hauptakteure vor allem bei der Einleitung des Völkermordes an den Armeniern darstellten. Das Bündnis dieser drei Generäle, die gemeinsame Interessen verfolgten, bestand aus dem Kriegsminister Enver Pascha, dem Marineminister Cemal Pascha und dem ehemaligen Postbeamten, später jedoch mächtigen Innenminister, Großwesir des Osmanischen Reichs und Führer der Jungtürken namens Talât Pascha. Der Anglist und Journalist Hannes Stein bezeichnet in seinem offenen Brief „Mein armenischer Freund“ [10] den Talât Pascha als türkischen Eichmann und den Enver Pascha als türkischen Himmler, der als Kommentar bei Europas Kultur Zeitung Lettre International Frühjahr 1999 veröffentlicht wurde. Talât Pascha leitete im Frühjahr 1915 den Völkermord an den Armeniern ein, und damit das Ende des osmanischen Vielvölkerstaates. Ab Ende April 1915 wurden auf seinem Befehl hin in Konstantinopel verhaftete und verschleppte 235 intellektuelle Armenier getötet. Am 27. Mai 1915 wurde das Gesetz über Bevölkerungsumsiedelung erlassen. Es erlaubte die Deportation von Nichtmuslimen aus den frontnahen Gebieten im Osten. Durch Gewalt von Seiten der Gendarmerie, des Militärs und von Milizen, durch Massenmord infolge von Hungermärschen, durch geduldete Überfälle wegen mangelnden Polizeischutzes sowie durch fehlende Lebensgrundlagen an Deportationsorten in der syrischen Wüste starben sehr viele armenische Menschen. Während des Völkermordes an den Armeniern wurden auch assyrische, chaldäische und griechische Christen sowie muslimisch-alevitische Türken und muslimisch-alevitische Kurden verfolgt, vertrieben und ermordet. Während des späten osmanischen Reichs kamen ebenso muslimisch-sunnitische Türken und Kurden sowie Araber in großer Zahl um.

Nicht nur die Mehrheit der muslimisch-osmanischen Türken, sondern auch die Mehrheit der muslimisch-sunnitischen Kurden in Anatolien, sog. Hamidiye-Stammesmilizen, beraubten und töteten ab 1915 in Anatolien armenische Kinder, Frauen und Männer. Bei diesem Massenraubmord wurden viele sunnitische Kurden an der Seite von Spezialeinheiten und eigens entlassene Kriminelle zu lokalen Tätern. Weil in Ostanatolien damals nur verhältnismäßig wenige Türken lebten und regulär ausgebildete Truppen an den Fronten gebraucht wurden, übertrug die osmanische Kriegsregierung die Deportation von Armeniern 1915 häufig Hamidiye-Veteranen, die die Gelegenheit nutzten, um sich und ihre Familien mit massenhaftem Raubgut zu bereichern.[11] „Die Mehrheit der muslimischen Kurden dienten bereits vor dem Völkermord für den Sultan Abdülhamid II., indem sie in Ostanatolien mit Pferden und modernen Waffen dafür sorgten, dass die nicht gleichgestellten christlichen Armenier weiterhin Untertanen und Steuerzahler des Sultans blieben. […] Auch Tscherkessen, die sich nach der russischen Eroberung ihrer Heimat 1864 in großer Zahl ins Osmanische Reich abgesetzt hatten, fielen durch besondere Grausamkeit auf.“[12] Die Aleviten, ebenfalls Nicht-Gleichgestellte wie die Armenier im Osmanischen Reich, beteiligten sich indes nicht an dem Völkermord an den Armeniern. „Aufgrund der jahrhundertlangen Verfolgung durch den osmanischen Staat war diese Glaubensgemeinschaft gezwungen, sich einerseits in abgelegene und unwirtliche Gebiete zurückzuziehen und andererseits ihren Glauben in geheimen zu praktizieren.“[13] Die Aleviten hatten vor dem Völkermord 1915 in Anatolien mit den Armeniern bereits ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis gepflegt, sodass insbesondere sie diejenigen waren, die während des Völkermordes armenische Kinder, Frauen und Männer heimlich versteckt und sie beschützt hatten; was übrigens auch einige Türken, Kurden und Andere es taten – und ihr Leben dafür riskierten. Nach dem armenischen Völkermord adoptierten insbesondere Aleviten überlebende und verwaiste armenische Kinder, gingen Eheschließungen mit Armenierinnen (keine Sklavinnen!) ein und/oder pflegen bis heute ein gutes Verhältnis mit den Armeniern. Es gab viele Armenier in Anatolien, die sich während des Völkermordes aus Schutzgründen als Aleviten ausgaben. Eine Konvertierung in das Alevitentum ist jedoch nicht möglich. „Alevit kann nur derjenige werden, dessen Vater Alevit ist.“[14]

In meinem aus den zahlreichen Quellen zusammengefassten Bericht über die Geschehnisse darf nicht das Bild entstehen, dass ich persönlich Menschen in Gruppen einteilen und Schablonen pressen würde. Täter gab es schließlich auf allen Seiten des Völkermordes. Ich hoffe sehr, dass auf allen Seiten gegenwärtig und in Zukunft keine Täter-Generationen herangezüchtet werden. 

Nach armenischen Angaben kamen in der Zeit vom 1915 bis 1917 kamen anderthalb Millionen armenische Menschen ums Leben, während nach türkischen Angaben 300.000 – bis 500.000 Armenier, Griechen, syrische (aramäische, assyrische, chaldäische) Christen, aber auch Türken und Kurden ums Leben kamen. Die Türkei, Rechtsnachfolgerin des osmanischen Imperiums, lehnt es bis heute ab, von Genozid zu sprechen. Die türkische Regierung behauptet, dass die Zahl der Opfer von der armenischen Seite überdimensioniert worden sei. Außerdem seien die Geschehnisse ein Bürgerkrieg gewesen und die Getöteten Opfer von Bürgerkrieg und Unruhen.

Es gibt nur einen einzigen Grab für die bis zu anderthalb Millionen (!) armenische Opfer des Völkermords. Dieser befindet sich auf dem Zizernakaberd-Hügel als Genozid-Denkmal in Jerewan/Armenien, wo jedes Jahr am 24. April Blumen zum Gedenken an die Ermordeten niedergelegt werden.

Die grausamen Ereignisse, die von den Armeniern selbst mit dem Begriff Aghet, übersetzt Katastrophe, bezeichnet werden, war der erste Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhundert. Der Genozid an den Armeniern ist durch umfangreiches dokumentarisches Material – unter anderem im deutschen Bundesarchiv – aus unterschiedlichen Quellen und internationalen wissenschaftlichen Ergebnissen belegt und bewiesen worden. Weltweit erkennen die meisten Historiker diesen Völkermord daher als Tatsache an. Im Jahr 2018 hatte der renommierte Historiker Prof. Dr. Taner Akçam und sein Team in den USA – er gehört international zu einer der wichtigsten und bekanntesten Experten zu diesem Thema – in seinem veröffentlichten Buch „Killing Orders: Talat Pasha’s Telegrams and the Armenian Genocide (Palgrave Studies in the History of Genocide) / „Tötungsbefehle – Talat Paschas Telegramme und der Völkermord an den Armeniern“ die Echtheit der verschlüsselten Talât-Pascha-Telegramme wissenschaftlich nachgewiesen. Einige dieser Telegramme, die auf Papier mit offiziellem Briefkopf verfasst worden waren und den offiziellen osmanischen Siegel trugen, beschreiben klar die Planung und Durchführung des Völkermords durch die osmanische Regierung. Talât Pascha ordnete nämlich als Innenminister am 24. April 1915 die Verhaftung armenischer Intellektueller in Konstantinopel an, was den Völkermord an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich einleitete. Herr Prof. Dr. Taner Akçam hat somit auch belegt, dass die osmanisch-türkische Regierung die Vernichtung der Armenier beabsichtigt und legitimiert hatte. Frau Tessa Hofmann schreibt in ihrem Gastbeitrag „Die Vernichtungsabsicht kann belegt werden“ für die Berliner Zeitung Der Tagesspiegel vom 17.06.2020, dass die historischen Forschungen nämlich unmittelbar nach dem Genozid an den Armeniern begonnen hatten.

In meinem Interview Ursachen und Strukturen kollektiver Gewalt im 20. & 21. Jahrhundert und der Völkermord an den Armeniern mit Prof. Dr. Mihran Dabag vom 24.04.2020 sind vor allem die historischen und politischen Hintergründe für den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich zu lesen. Siehe zum Thema das Bundesarchiv, das zentrale Archiv der Bundesrepublik Deutschland, und die Webseite Der Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg – Dokumente aus staatlichen Archiven. Dort haben die Herausgeber Wolfgang und Sigrid Gust, Prof. Dr. Taner Akçam, Dr. Matthias Bjørnlund und Vagharshak Lalayan die Vorgeschichte und Ereignisse des Völkermordes an den Armeniern anhand von Dokumenten aus staatlichen und privaten Archiven in deutscher, englischer und türkischer Sprache veröffentlicht.

Der bekannte Journalist und Publizist Wolfgang Gust veröffentlichte im Jahr 2005 in seinem Buch „Der Völkermord an den Armeniern 1915/16: Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts“ eine Auswahl der im Auswärtigen Amt gesammelten Berichte von Zeitgenossen und unmittelbaren Augenzeugen. Ihm war gelungen, anhand der Dokumente die Mitwisser- und Mittäterschaft der deutschen Reichsregierung an dem Völkermord zu belegen. Ich habe Dank Herrn Vorsitzenden Ulrich Klan der Armin T. Wegner Gesellschaft mit Herrn Wolfgang Gust Kontakt aufgenommen. Gerne hätte Herr Gust für mein Projekt auch ein Statement zur Verfügung gestellt; jedoch ist es ihm derzeit nicht möglich.

 
 

Çiğdem Gül: »Der Völkermord an den Armeniern ist nicht nur ein Thema zwischen den Türken, Kurden, Tscherkessen, Deutschen und Armenier, sondern auch ein Thema der Menschenwürde und der Menschenrechte. Der Völkermord an den Armeniern ist somit ein Thema der gesamten Menschheit.«

 
 

Wie oben beschrieben, kam es im Ersten Weltkrieg zunächst zu einer moslemischen Allianz zwischen den kurdischstämmigen und turkstämmigen Osmanen gegen Armenier und Russen. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches und eines von den Alliierten in Aussicht gestellten unabhängigen Staates „Kurdistan“ rivalisierten sowohl die von Gazi Mustafa Kemal Pascha (spätere Begründer der Türkei) geführte Bewegung als auch Großbritannien um die Loyalität kurdischer Clans. Die meisten Kurdenstämme gingen Bündnis mit den Kemalisten ein, die ihnen lokale Autonomie versprachen. Trotzdem wurde ein paar Monate später das Kurdische Freiheitskomitee gegründet und ein Aufstand für 1925 geplant. Das ganze passierte noch vor dem Abschluss der Friedensverhandlungen in Lausanne, vor der Ausrufung der Türkischen Republik und vor allem vor der Einführung der neuen türkischen Verfassung, die einen stark zentralistischen Einheitsstaat ohne beschränkte kommunale Selbstverwaltung vorsah.[15]

 

Der Erste Weltkrieg führte zum Untergang des osmanischen Reiches, was zunächst so nicht absehbar war. Tâlat Pascha floh nach dem Ersten Weltkrieg – und somit auch nach dem Völkermord an den Armeniern – 1918 mit deutscher Hilfe auf einem U-Boot von der Geografie des Blutes nach Berlin. In seiner Abwesenheit in der osmanischen Großtürkei wurde er durch einen türkischen Gerichtshof zum Tode verurteilt. Enver Pascha wurde nach dem Krieg ebenfalls zum Tode verurteilt und floh ebenfalls nach Deutschland. „Die Regierung in Istanbul wusste Bescheid und forderte Talâts Auslieferung, denn in seiner Heimat war er nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wegen Massenmords zum Tode verurteilt worden, in Abwesenheit. Aber die Deutschen hielten zu Talât. Er war im Krieg ein treuer Verbündeter gewesen, der deutsche Kaiser hatte ihm die höchste Auszeichnung verliehen, die er zu vergeben hatte.“ [16] Den Armeniern sei es damals in Deutschland nicht möglich gewesen, Talât Pascha vor Gericht zu bringen. Das Konzept staatlicher Souveränität machte es nicht möglich, einen Mann wegen seiner Verantwortung für einen Völkermord in einem anderen Land zu verurteilen. Am 15.03.1921 wurde Tâlat Pascha in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg von einem jungen Armenier namens Soghomon Tehlirian erschossen. Der junge Student handelte im Auftrag des geheimen armenischen Kommandos Operation Nemesis, das Anfang der Zwanzigerjahre in Form einer Selbstjustiz ranghohe türkische und aserbaidschanische Politiker verfolgte und tötete. Der frühere osmanisch-türkische Regierungschef Talât Pascha wurde für den Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern gehalten. Grund genug für Soghomon Tehlirian, der laut eigener Aussage 89 Personen seiner Familie bei dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges verloren hatte. Folglich wurde Soghomon Tehlirian in Berlin wegen Mordes angeklagt. Der Gerichtsprozess folgte. Auf diesen Prozess wurde ein polnisch-jüdischer Student namens Raphael Lemkin aufmerksam, der sich schon länger für den Völkermord an den Armeniern interessierte. Lemkin nahm die von ihm empfundene Ungerechtigkeit, dass ein Massenmörder wie Talât Pascha in Deutschland aufgrund seiner staatlichen Souveränität wegen der Verantwortung für einen Völkermord in einem anderen Land nicht verurteilt werden durfte als Anlass, seinen Studienfach von Linguistik auf Recht zu wechseln. 1926 erwarb Lemkin, der zwischenzeitlich auch Philosophie in Heidelberg studiert hatte, den juristischen Doktorgrad an der Universität Lemberg. Wir haben dem Juristen, Historiker und Friedensforscher Dr. Raphael Lemkin zu verdanken, dass wir einen Völkermord als „Genozid“ bezeichnen dürfen und seit 1948 ein juristisches Instrument schaffen wurde, um ein Staatsverbrechen wie das eines Völkermords zu ahnden oder verhindern zu können. Der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich und der Völkermord an den Juden im Dritten Reich bildeten die Grundlage der von ihm 1943 entwickelten Genozid-Definition. Im Jahr 1947 legte Lemkin für die UNO einen Gesetzesentwurf zur Bestrafung von Völkermord vor. Der Entwurf wurde 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit 55:0 Stimmen von den Unterzeichnerstaaten fast unverändert als Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes beschlossen. Durch die UN-Völkermordkonvention im Artikel I bestätigen die Unterzeichnerstaaten, dass Völkermord, ob im Frieden oder im Krieg begangen, ein Verbrechen gemäß des Völkerrechts und internationalem Recht ist, zu dessen Verhütung und Bestrafung sie sich verpflichten. Das entscheidende Kriterium für eine juristische Einstufung als Völkermord ist der Nachweis der Vernichtungsabsicht der Täter. Ein Völkermord verjährt zudem nicht.

Trotz der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg und zeitgleich der deutsch-türkischen Allianz während des Völkermords an den Armeniern, gelang es dem Theologen, Orientmissionaren, Politiker, Historiker, Gründer und Vorsitzender der Deutsch-Armenischen Gesellschaft Johannes Lepsius (1858–1926), damals, „ausgerüstet mit einer Fülle von Dokumenten, das Gericht davon zu überzeugen, dass in Anatolien fünf Jahre zuvor tatsächlich ein Menschheitsverbrechen stattgefunden hatte. Soghomon Tehlirian wurde bei diesem Prozess in Berlin vom Geschworenengericht freigesprochen, wenn auch nur wegen Schuldunfähigkeit aufgrund vorübergehender geistiger Verwirrung“[17], da er vermutlich zur Tatzeit nicht wusste, was er tat, weil er unter psychasthenische Epilepsie litt. In den 1950er Jahren wanderte Tehlirian in die USA aus und lebte dort bis zu seinem Lebensende. Auch heute wird er von vielen Armeniern als Helden gefeiert.

 

Mitte der 1970er Jahre bis in die frühen 1990er Jahre operierte in der Türkei die Armenische Geheimarmee zur Befreiung Armeniens, eine marxistisch-leninistische Untergrundorganisation (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), kurz Asala.“ Während die Asala von sich selbst als Guerilla eingestuft wurde, beschrieben andere Autoren die Asala als terroristische Gruppe. Die Außenministerien Aserbaidschans und der Vereinigten Staaten ebenso wie das türkische Kulturministerium haben sie als terroristisch und bewaffnet aufgelistet. Asala verübte Attentate auf Türken. Bei den 84 dokumentierten Anschlägen der Asala wurden 46 Personen, darunter über 40 Diplomaten, getötet und 299 verwundet. Die Absicht der Asala war es, „die türkische Regierung zum Eingeständnis ihrer Verantwortung für den Völkermord an den Armeniern ab 1915, die Zahlung von Reparationen und Gebietsabtretungen an das armenische Heimatland zu zwingen“. Das wichtigste Ziel der Asala war es, das historische Armenien wieder zu etablieren, welches nach ihrer Auffassung Westarmenien und Sowjetarmenien umfasste. Das beanspruchte Gebiet entspricht dem, welches den Armeniern 1920 von US-Präsident Woodrow Wilson im nicht ratifizierten Vertrag von Sèvres versprochen wurde (Wilsonsches Armenien). Als Reaktion auf die Morde entstand in der Türkei die offizielle Geschichtsschreibung zum Jahr 1915.“ (Siehe Wikipedia, Stand: 12.07.2020)

 

Albert Einstein: »Man kann nicht mit demselben Denken, das Probleme geschaffen hat, die entstandenen Probleme lösen.«

 

Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2016 eine Resolution beschlossen und darin den Völkermord an den Armeniern offiziell anerkannt, während er bis heute den deutschen Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia immer noch nicht anerkannt hat. Türkei, die Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches, und darin die Regierung in Ankara gesteht zwar den Tod von 300.000 bis 500.000 Armeniern während des Ersten Weltkrieges ein, weist aber die Einstufung als Völkermord strikt zurück. Zahlreiche Staaten und auch internationale Organisationen haben hingegen diesen als Genozid anerkannt. Nach meinem Wissen haben sich einige kurdische Gemeinschaften für ihre Mitschuld an dem Völkermord öffentlich entschuldigt. Eine kollektive Begegnung, Verständigung, Aussprache, Trauer, und für alle Seiten gemeinsame Verarbeitung des Themas, vor allem des Traumas für die Überlebenden und ihren Nachfolge-Generationen in der Türkei und in der weltweiten Diaspora bleiben bis heute eine große Herausforderung.

 

Die politische und die gesellschaftliche Brisanz des Themas zeigt sich auch gegenwärtig inmitten der weltweiten Corona-Pandemie 2020 in der Türkei, in dem zwei zunächst Unbekannte am 27.05.2020, am 28.05.2020 und am 31.05.2020 die Vorsitzende Frau Rakel Dink der Hrant Dink Stiftung in Istanbul, die Witwe des Hrant Dink, über E-Mail Morddrohungen gesendet haben. Die Rechtsanwälte der Stiftung – zu ihnen gehört auch die bekannte armenische Rechtsanwältin und damalige Verteidigerin von Hrant Dink und Schriftstellerin Fethiye Çetin (Buch „Meine Großmutter“ – Siehe den Artikel in der armenischen Wochenzeitung der Türkei AGOS vom 01.06.2020, www.agos.com.tr ) bekamen ebenfalls eine E-Mail mit demselben Wortlaut. Frau Rakel Dink und die Stiftungs-Anwälte wurden aufgefordert, das Land zu verlassen. Die Täter Hüseyin Ateş und Ersin Başkan wurden inzwischen identifiziert, festgenommen und müssen sich vor Gericht verantworten. Frau Fethiye Çetin meldete sich öffentlich mit einer Stellungnahme zum Vorfall. Mit zivilgesellschaftlichen Organisationen haben auch in der Türkei 209 Intellektuelle, Autoren, Künstler, Aktivisten, Journalisten und Politiker, unter ihnen auch der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, Hasan Cemal, Oya Baydar und Mustafa Yeneroğlu eine Erklärung dazu veröffentlicht. In der Erklärung heißt es: „Diese Bedrohung ist das Ergebnis eines Gedankengutes, das vom politischen und rechtlichen Klima erzeugt wird. Dieses Klima ermutigt sie, da die Straflosigkeit bei solchen Angriffen zur Norm geworden ist. (…) Wir stehen hinter der Hrant-Dink-Stiftung und verurteilen die Drohungen auf das Schärfste.“ Unterdessen haben nicht-muslimische Gemeinschaften in der Türkei vor „rassistischen Übergriffen“ auf ihre Mitglieder gewarnt und die Regierung in Ankara um Schutz gebeten. Vorausgegangen war eine provozierende Veröffentlichung der regierungsnahen Zeitschrift „Gerçek Hayat“. Zeitgleich mit der Veröffentlichung gab es einen Brandanschlag auf eine armenische Kirche, an mehrere andere Kirchen der Metropole schmierten Unbekannte Todesdrohungen.“[18]

 
 
 
Komitas
 

KOMITAS VARDAPET

 Chinar es 

Wunderschön gesungen von der gebürtigen Libanesin und
armenisch-kanadischen Opernsängerin Isabel Bayrakdarian

 
 

Es ist sehr wichtig, dass wir uns – völlig losgelöst von einer politischen Anerkennung des Genozids an den Armeniern in der Türkei – um eine gemeinsame authentische und achtsame Begegnung und Verständigung bemühen. Dabei ist es hilfreich, dass wir uns sowohl mit der Historie als auch mit der Gegenwart beschäftigen. Chinas bedeutendster moderner Intellektueller Liang Qichao meinte in einem anderen Zusammenhang schon 1918: „Übergang und Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft“. Es ist mir auch sehr wichtig, die Armenier nicht nur als Diskriminierte, Schutzbedürftige, Leidende, Vertriebene, Opfer und Überlebende des Genozids vorzustellen (was aus meiner Sicht für sie als Betroffene und der Nachfolgegenerationen schon schlimm genug ist), sondern sie der Weltöffentlichkeit auch mit ihrer Würde, Kultur, Reichtum, Einfluss, Kunst, Literatur, Musik, Liebe und Familiengefüge zu zeigen. Wussten Sie, dass im Jahr 1955 der reichste Mann der Welt ein Armenier war? Der Selfmade-Öl-Mil­li­ar­där Calouste Sarkis Gulbenkian, der sieben Sprachen sprach, hinterließ nach seinem Tod in Portugal nicht nur eine millionenschwere Stiftung und ein weltbekanntes Museum, eine spektakuläre Kunstsammlung, ein landesweit von ihm aufgebautes Netz von Bibliotheken und die Förderung von Geisteswissenschaften, sondern er hinterlässt auch seine bis in die Ewigkeit andauernde Inspiration bei dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der die Milliardärswitwe in seinem Stück „Besuch der alten Dame“ (eine Tragikomödie in drei Akten) Zachanassian nannte. Das Stück wurde zu einem Welterfolg und brachte Dürrenmatt die finanzielle Unabhängigkeit. Ohne Gulbenkian wären die Kultur und die Wissenschaft in Portugal auch viel ärmer.

 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe im Text die männliche Sprachform gewählt. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten jedoch für Angehörige beider Geschlechter.

 
 
 
Rakel & Hrant Dink_Yıldırım İncealemdaroğlu

Das wunderschöne Foto »Rakel Dink und Hrant Dink« stammt von dem verstorbenen Fotojournalisten Yıldırım İncealemdaroğlu (Istanbul/Türkei).

In Gedenken an Herrn Hrant Dink und an Herrn Yıldırım İncealemdaroğlu.

 
 

Hrant Dink: »Gelin önce birbirimizi anlayalım. Gelin önce birbirimizin acılarına saygı gösterelim. Gelin önce birbirimizi yaşatalım.«[19]

Նախ եկէք՝ զիրար հասկնանք, Նախ եկէք՝ մէկզմէկու ցաւերւոն յարգանք ցոյց տանք… Նախ եկէք՝ իրար ապրեցնենք:

»Lassen Sie uns zuerst einander verstehen. Lassen Sie uns zunächst den gegenseitigen Schmerz respektieren. Lassen Sie uns zunächst einander leben.«

 

Deutsche Übersetzung: Çiğdem Gül / Das Zitat wurde im Original in türkischer Sprache © mit freundlicher Genehmigung von Hrant Dink Foundation (Istanbul/Türkei) veröffentlicht. – https://hrantdink.org/tr

 
 

Hrant Dink (* 15.09.1954 in Malatya/Türkei; † 19.01.2007 in Istanbul/Türkei) war Christ, Armenier und Staatsbürger in der Türkei. Der intellektuelle und friedenstiftende Journalist, Zeitungsgründer und Herausgeber der armenisch-türkischsprachigen Wochenzeitung „AGOS“ war links orientiert, ungewöhnlich mutig und offen. Er führte in der Türkei sowohl seine christlich-armenischen Landsleute als auch die muslimischen Türken und Kurden sowie auch Juden und Atheisten an eines der größten Tabuthemen der modernen Türkei heran. Respekt und Einfühlung, vor allem für Diskriminierte und „Vergessene“, das war, was er lebte und forderte. Hierzu schreibt Sibylle Thelen in ihrem Buch Die Armenierfrage in der Türkei, dass Hrant Dinks Credo sei: den Menschen zuzuhören; sich heranzutasten an vergessenes, verdrängtes und verleugnetes Leid. Hrant Dink war es, der Opfergeschichten zu erfragen und zu erzählen begann. Dabei nutze er eine neue Sprache, die vermittelnd, klar und voller Wärme war. Hrant Dinks jahrelanges Bemühen, zwischen den Armeniern und Türken in der Gesellschaft Brücken zu bauen, wurde von den türkischen Nationalsozialisten als ein Dorn im Auge gesehen. Der in der Türkei von nationalistischen Kräften in Gesellschaft und Justiz jahrelang verfolgte Dink wurde am 19.01.2007 in Istanbul von einem aufgehetzten Siebzehnjährigen am helllichten Tag auf offener Straße vor dem Gebäude seiner Redaktion erschossen. „Er war nicht der erste Journalist in seinem Land, der auf solche Weise zum Schweigen gebracht werde sollte, aber vielleicht der erste, dessen Worte ein Mord nicht auslöschen kann. Viele wollen sein Werk fortsetzen.“ [20] Hrant Dink wurde weltweit zum Symbol für Zivilcourage und gewaltloses Engagement für Menschenrechte, für mehr Demokratie und wahrhaftigen Umgang mit der Geschichte. Hrant Dink erhielt internationale Ehrungen – in Deutschland wurde er mit dem Henri Nannen Preis ausgezeichnet.

Hrant Dink bleibt für mich als einer der beeindruckendsten großen Persönlichkeiten, die diese Welt je gesehen hat.

Information zum obigen Video: In Wuppertal/Deutschland wurde am 02. April 2011 unter der Leitung von Wolfgang Kläsener das vom Komponisten und Musiker Ulrich Klan komponierte und an Hrant Dink gewidmete deutsch-armenisch-türkische Oratoriumwie eine taube / bir güvercin gibi / aghavnii me neman“ gemeinsam mit den folgenden Mitwirkenden uraufgeführt: Gevorg Dabaghyan (Jerewan/Armenien: Duduk), Aslı Dila Kaya (Saz-Bağlama), Trio Con Voce mit Robert Dißelmeyer (Klavier), Ulrich Klan (Violine), Anja Hinger (Violoncello), Michael Pattmann (Schlaginstrumente), Ralf Grobel und Günfer Çölgeçen (Sprecher/in). Die Hauptsprache dieser Uraufführung in Deutschland ist deutsch. Dieses Oratorium ist – wie das Werk Hrant Dinks – ein Beitrag zur interkulturellen und interreligiösen Verständigung. In dem obigen Video sind in den Chorsätzen auch Passagen in türkischer, armenischer und kurdischer Sprache zu hören. Näheres unter: www.armin-t-wegner.de und www.armin-t-wegner.us.

 
 
 
Vahan Boyacıyan_Houshamadyan e V

Berlin´deki Houshamadyan derneğine Levon Avdoyan tarafından gönderilen bu fotoğraf, doğum yerleri Hüseynik’te (Harput/Kharpert ovası) olan ve sonradan 19. Yüzyılın sonları ile 20. Yüzyılın başlarında Amerika Birleşik Devletleri’ne göç etmiş olan Avdoyan ailesi koleksiyonuna aittir. Harput’a çok yakın olan Elazığ mahallerinden Hüseynik´te çekilmiş bu fotoğrafta, elinde bir kitap tutan küçük çocuk Levon Avdoyan’ın anne tarafından büyük dayısı Vahan Boyacıyan.

Dieses Foto, das Levon Avdoyan der Houshamadyan e. V. in Berlin zur Verfügung stellte, gehört zum Archiv der Familie Avdoyan, deren Geburtsort in Huseynik liegt. Das ist eine von Armeniern dicht besiedelte Straße in der türkischen Provinz Elazığ… in der Nähe von der bedeutenden antiken Stadt „Harput“ (armenisch Խարբերդ Charpert). Familie Avdoyan wanderte Ende des 19. Jh. / Anfang des 20. Jh. in die USA aus. Auf diesem Foto ist in Huseynik- Elazığ/Türkei als kleiner Junge mit einem Buch in der Hand mütterlicherseits der Großonkel von Levon Avdoyan namens Vahan Boyacıyan abgebildet.

© Mit freundlicher Genehmigung von Houshamadyan e. V. (Berlin/Deutschland) www.houshamadyan.org / Türkische Zusammenfassung und deutsche Übersetzung: Çiğdem Gül

 
 

Antoine de Saint-Exupéry: Der Kleine Prinz:

»Man sieht nur mit dem Herzen gut.«

 
 
 

Mein sowohl alevitisch-persönliches als auch internationales 14-monatiges Projekt – in Form des bereits veröffentlichten Interviews mit Herrn Prof. Dr. Mihran Dabag und dieses 4-seitigen Essays – widme ich an alle Opfer des Völkermordes 1915/1916, Herrn Rupen Sevag, Herrn Komitas Vardapet, Herrn Jeghische Tscharenz, Herrn Armin T. Wegner, Herrn Hrant Dink und an Frau Ulrike Schloemer.

 
 

Mein Dank

 

Ich habe für dieses Projekt Unterstützung von der internationalen Community und Diaspora-Community mit Mitgliedern und Experten aus der Wissenschaft, Wirtschaft, Non-Profit-Organisationen, Literatur, Theater, Kunst, Kultur und Filmbranche erhalten. Die wertvollen Gespräche, der lebhafte Austausch und/oder die Diskussionen mit ihnen sowie ihre persönlichen Statements zum Thema (siehe Seite 3) haben meiner Arbeit sehr wertvolle Anregungen gegeben.

Mein besonderer Dank gilt sehr herzlich dem armenischen Pionier Herrn Prof. Dr. Mihran Dabag und dem türkischen Pionier Herrn Prof. Dr. Taner Akçam zum Thema. Es ist mir eine große Ehre, mit den international wichtigsten Experten der Diaspora- und Genozidforschung zusammenarbeiten zu dürfen. Der in Bonn und Bochum Philosophie, Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft studierte Herr Prof. Dr. Mihran Dabag ist Professor an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Autor und Herausgeber. Er leitete bis Ende 2019 als Gründungsdirektor das Institut für Diaspora und Genozidforschung in Bochum/Deutschland. Herr Prof. Dr. Mihran Dabag war mein erster Ansprechpartner und Interviewpartner zu diesem Thema. Meine sehr gute Zusammenarbeit mit ihm für ein Interview veranlasste mich, dem Thema in den Folgemonaten weiter auf den Grund zu gehen und diesen 4-seitigen Essay zu verfassen. Herr Prof. Dr. Taner Akçam ist Soziologe, Historiker und Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des armenischen Genozids an der Clark University in Massachusetts/USA. Herr Prof. Dr. Taner Akçam war einer der ersten türkischen Wissenschaftler, die den Genozid an den Armeniern öffentlich thematisierte. Mit seinem  2018 wissenschaftlichem Nachweis der Echtheit der »Talât Pascha-Telegramme« gilt als ein Meilenstein in der Aufarbeitung des armenischen Genozids. 

Mein besonderer Dank gilt sehr herzlich des Weiteren an Frau Rakel Dink in Istanbul/Türkei, ihrer Stiftung Hrant Dink Vakfı und der zuständigen Projektleiterin Frau Zeynep Taşkın.

Sehr herzlich gilt mein besonderer Dank ebenso an Frau Prof. Dr. Elke Hartmann von der Universität Hamburg in Hamburg/Deutschland und Herrn Dr. phil. Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und PolitikDeutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin/Deutschland. Frau Prof. Dr. Elke Hartmann ist Historikerin, Turkologin, Expertin für Osmanische Geschichte und Autorin. Sie hat Geschichte und Islamwissenschaft studiert und ist Vertretungsprofessorin für Turkologie an der Universität Hamburg, Fakultät für Geisteswissenschaften und Asien-Afrika-Institut, Geschichte und Kultur des Vorderen Orients.  Herr Dr. phil. Günter Seufert ist Türkei-Experte und Übersetzer von Hrant Dinks Buch sowie Texten. Auf meinen Wunsch hin hat Herr Dr. Seufert freundlicherweise die für mich feinfühligste und tiefsinnigste Widmung an die Armenier und Türken vom türkischen Dichter Şükrü Erbaş ins Deutsche übersetzt. Das Original und die Übersetzung sind auf Seite 2 zu lesen.

Mein großer Dank gilt an dem bekannten türkischen Dichter, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler Herrn Şükrü Erbaş in Antalya/Türkei, dem bekannten Schriftsteller („Die Armenierin“), Drehbuchautor und Regisseur Herrn Thomas Hartwig in Berlin/Deutschland und dem bekannten türkischen Menschenrechtsverteidiger und Schriftsteller Herrn Doğan Akhanlı in Berlin/Deutschland.

Mein großer Herzensdank gilt an die verstorbene Frau Ulrike Schloemer, an Herrn Vorsitzenden Ulrich Klan der internationalen Armin T. Wegner Gesellschaft e. V. in Wuppertal/Deutschland, an Herrn Vorsitzenden Dr. med. Zaven Khatchaturian in Los Angeles-Kalifornien/USA, an Herr Vorsitzenden Osman Güden der ezîdîschen Gemeinde „Mala Ezdaî“ in Kalkar-Kleve/Deutschland, Frau Diplom-Psychologin Andrea Brackmann in Deutschland und Herrn Aygün İsmet Bakır in Wuppertal/Deutschland.

Frau Ulrike Schloemer (1944 -2011) war einer der ganz großen deutschen Schauspielerinnen und Regisseure. Sie gehörte zu Lebzeiten zur Schauspielgeneration, die in den 1960er-Jahren das Theater in Deutschland revolutionierte. Mit ihrer legendären Bühnen- und Sprechkunst machte sie für alle, die sie erlebten, die Erinnerung an Aghet, den Völkermord an den Armeniern, und die Erinnerung an die Shoah, den Völkermord an den europäischen Juden, unvergesslich. Frau Ulrike Schloemer war Gründungsmitglied internationalen Armin T. Wegner Gesellschaft e. V. in Wuppertal/Deutschland. Meinen Essay möchte ich auf Seite 2 mit dem Stück „Den Eseln Stambuls“, wunderschön vorgelesen von Frau Ulrike Schloemer und atemberaubend Bağlama-Saz-Musik gespielt von Herrn Aygün İsmet Bakır, abschließen. Herr Ulrich Klan hat mir monatelang stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden und auf meinen Wunsch hin bei Vimeo und bei YouTube zum Thema Videos zusammengestellt und veröffentlicht, damit ich sie in meinem 4-seitigen Essay verwenden kann. Herr Dr. med. Zaven Khatchaturian hat mir ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Frau Diplom-Psychologin und bisherige Psychotherapeutin Andrea Brackmann gibt uns in ihrem Statement auf Seite 3 mögliche Erklärungen bei der Frage zu Ursachen der menschlichen Grausamkeit. Ich möchte auch erwähnen, dass Frau Brackmann im deutschsprachigen Raum einer der führenden Expertinnen für Hochbegabung und Höchstbegabung und Bestseller-Autorin ist. Herr Osman Güden unterstützt mein Projekt ebenfalls mit einem Statement auf Seite 3.

Sehr herzlich gilt mein besonderer Dank auch an Frau Monika Werhahn-Mees und Herrn Artur Assoyan. Frau Werhahn-Mees ist die Enkelin des Bundesrepublik Deutschlands ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer und gemeinsam mit Herrn Artur Assoyan Vorsitzende der gleichnamigen Stiftung in Neuss/Deutschland und Ostarmenien. Herr Artur Assoyan ist Leiter der Stiftung in Armenien,  Herausgeber und Übersetzer urchristlicher und armenischer Schriften, Künstler, Lehrer für Energetische Arbeit.

Mein großer und herzlicher Dank gilt erneut an Frau Prof. Dr. Elke Hartmann, diesmal dem Gründungsmitglieds und der Vorsitzenden des Houshamadyan e. V. sowie dem Gründungsmitglied und Redakteur Herrn Vahé Tachjian in Berlin/Deutschland. Ich bin sehr begeistert von dem Projekt Houshamadyan.

Des Weiteren möchte ich mich für die Fotografie des armenischen Modefotografen Herrn Ilya Vartanian in Moskau/Russland und des verstorbenen Fotojournalisten Herrn Yıldırım İncealemdaroğlu in Istanbul/Türkei, für die Kunstbilder des deutsch-türkisch-armenischen Künstlers Deniz Alt in Frankfurt am Main/Deutschland und der Familie der verstorbenen armenischen Künstlerin Kristin Saleri in Istanbul/Türkei und USA ganz herzlich bedanken.

Ebenso gilt mein herzlicher Dank der zuständigen Ansprechpartnerin Frau Lena Hartmann vom Wallstein Verlag GmbH in Göttingen/Deutschland, Frau Christel Gäbler vom Stadtarchiv Gera in Gera/Deutschland und Herrn H. Thorn von der Stadtbibliothek Wuppertal-Elberfeld in Wuppertal/Deutschland.

 
 
 
 
Susanne Bisovsky_Haute Couture_Frida_Wolfgang Zajc

© Mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Zajc (Fotograf) und Susanne Bisovsky (international bekannte österreichische Designerin für Haute Couture & Prêt-à-porter) in Wien/Österreich, www.bisovsky.com Haute Couture Kollektion „Frida“ (2013), getragen von der deutschen Schauspielerin Alexandra Liedtke. „Frida“ Kahlo war eine bekannte mexikanische Künstlerin. Übrigens gilt im Alevitentum die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau; daher ist für Frauen das Kopftuch-tragen nicht vorgeschrieben. Wenn sie dennoch Kopftuch tragen sollten, dann geschieht es zumeist nur aus traditionellen Gründen.

 
 
 

Wie ich als Alevitin monatelang in Tränen durch die Schlaflosigkeitskorridore lief und einen Ausnahmemoment nach dem anderen erlebte…

 

Auf Europas größtem Messe-Kongress für Frauen und Karriere „woman&work“ hielt ich als Referentin im Mai 2019 zum Schwerpunktthema „Humanismus 4.0″ meinen Vortrag Ethics for She-Conomy: Erfolgsstrategien aus den Entwicklungsländern“, und stellte darin die von mir persönlich interviewten sehr erfolgreichen Frauen in Kolumbien, Argentinien, Pakistan und in der Türkei vor. Nach dem Messe-Kongress beschäftigte ich mich im Hintergrund weiter mit dem Thema Humanismus und Menschenrechte. Ich war noch nie „Freund“ des Globalierungskäfigs gewesen. Globalisierung, die aus meiner Sicht auf Ausbeutung von Entwicklungsländern basiert. Als Change Management Consultant muss ich leider sagen, dass sich die Fortschrittsillusion auch in der Digitalisierung (Industrie 4.0, Humanismus 4.0, Arbeitswelt 4.0 etc.) fortsetzt, weil die moderne Welt des Menschen enthumanisiert ist. Der Verlust der Seele im technischen Zeitalter geht parallel mit der Enthumanisierung, Krieg, Völkermord, Diskriminierung und Unterdrückung einher. Ist deshalb die globale Herausforderung doppelt so schwer, eine humane Welt zu schaffen? Was verliert der Mensch in unserer Zeit noch? Gibt es in der gegenwärtigen Praxis in Europa – die in der Historie mehrere Völkermorde aufweist und damals inhumane Strukturen schaffte – flächendeckend Menschenrechte? Ist Humanismus 4.0 eine Illusion? Fragen über Fragen, die mich in meinen vielen Gedankenbibliotheken besuchten und beschäftigten. Die Antwort auf solche grundsätzlichen Fragen kann sich jeder von uns – auch in Zeiten der gegenwärtigen globalen Corona-Pandemie – selbst geben. Ich stellte für mich persönlich fest, dass es sich für mich richtig anfühlt, mich vor allem für die Menschenrechte von Minderheiten einzusetzen. So begann mein persönliches großes Projekt in diesem Netzwerk über die Aleviten, Êzîden, Armenier und Indigene in Kolumbien. Ich wollte ursprünglich „nur“ einen kurzen Beitrag über den Genozid an den Armeniern verfassen und veröffentlichen. Daraus ist ein 14-monatiges persönliches Projekt geworden, das mein Leben unerwartet auf den Kopf gestellt hat. 

 

Mein Name ist Çiğdem Gül. Ich bin turkmenische Nomadin mit türkischer Herkunft, persischen Wurzeln und deutscher Staatsangehörigkeit bin. Seit über 40 Jahren eine Migrantin in Deutschland. Meine Vorfahren stammen aus Chorasan.
Meine erste Sozialisation durchlebte ich in einem kleinen Dorf in Gümüşhane im Nordosten Anatolien, Nähe Schwarzmeer-Region. Ich fühle mich reichlich beschenkt, weil ich damals dort trotz fehlender Infrastruktur, hoher Rate an Kindersterblichkeit, nicht erkannter Hochbegabung und nicht vorhandener westlicher Zivilisation mich sehr zufrieden und glücklich fühle. In den Bergen Anatoliens gab es in unserem Dorf keine Geschäfte, kein Strom, kein Telefon, kein Fernsehgerät, keine Bibliothek, kein Esstisch auf vier Beinen, keine Heizung, kein Waschbecken, kein Warmwasser, kaum Infrastruktur, kaum Zugang zur Außenwelt. Mir fehlte trotzdem an nichts. Als beliebtes und lebhaftes Kind im Dorf, spielte ich unbeschwert mit anderen Kindern, aß an Melonenschalen am Bach und pflückte fröhlich Çiğdem-Krokus-Blumen. Mein Street Style – euh – Dorf- Fashion Look bestand überwiegend aus der Kombination von handgenähten Klamotten, die liniert, zugleich gepunktet, zugleich geblümt und zugleich kariert waren.  In Anatolien hatte meine Mutter keine Möglichkeiten, mir klassische Musik von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Pyotr Ilyich Tchaikovsky vorzuspielen, um meine Intelligenz zu fördern. Dafür sang sie mir unter den Flammen des Himmels die dort üblichen wunderschönen alevitischen  Klagelieder, und förderte darüber wahrscheinlich meine Intelligenz… und meine Melancholie hinterher. Für die Geburt der unzähligen Perspektiven und Erfahrungen außerhalb meines Dorfes stand mir nichts mehr im Wege. Meine östliche Sozialisation prägte mich dahingehend sehr positiv, dass ich als kleines Kind in meinem Gesamtweltgefühl sehr im Einklang mit der Natur lebte und meine kindliche Neugierde sowie Begeisterungsfähigkeit bis heute aufrechterhalten kann. Ich fühle mich der Lebensfreude stets sehr tief verbunden.

Nach einem Jahr Aufenthalt in Frankreich, holte Mitte der 70er Jahren mein Vater die Familie nach Deutschland. Eine Zeit später begann ich als 6-7 Jährige intuitiv europäische Frauen in eleganten Abendkleidern zu zeichnen. In meinen Bleistiftzeichnungen trugen die Frauen in ihren Abendkleidern keine Muster und keine Farben, dafür teilweise Tüll um die Schultern. Eine der High Society-Damen hielt sogar einen kleinen ausgewachsenen Hund an der Leine. In meinem anatolischen Herkunftsdorf existierten keine ausgewachsenen kleinen Hunde wie Pudel, Dackel oder Yorkshire, sondern fast 1 Meter große und bis zu 70 kg schwere Sivas Kangal-Hirtenhunde, außerdem hatte ich damals nirgendswo in der Türkei und in Deutschland Abendkleid, Tüll und ausgewachsene kleine Hunde gesehen, gelesen oder gehört. 

Meine Schullaufbahn durchlebte ich in Duisburg. Ich wuchs in zwei konträren Kulturen auf, saß aber nie zwischen zwei kulturellen Stühlen, sondern immer im Einklang auf allen kulturellen Stühlen gechillt gleichzeitig. Das ist in Deutschland im Migrationsprozess der Mehrheit der Türkischstämmigen  nicht üblich. Rückblickend betrachtet war und ist es mir deshalb möglich, weil ich als Hochbegabte mit einer Bandbreite an Interessen und mehreren Begabungen grundlegend die Fähigkeit besitze, die widersprüchlichen Bedürfnisse in mir selbst und die der Außenwelt sehr gut in Einklang zu bringen. Siehe zu diesem Thema das Buch von Katharina Fietze „Kluge Mädchen – Frauen entdecken ihre Hochbegabung“ und mein Interview mit der führenden Expertin Andrea Brackmann für Hochbegabung und Höchstbegabung vom 25. April 2020. Wenn ich auf der Metaebene über das Thema Hochbegabung im Zusammenhang mit Land- und Kulturzugehörigkeit denke, stelle ich fest, dass es unterm Strich egal ist, in welchem Land / in welche/r Kultur/en ich lebe und aus welchem Land und aus welcher Kultur ich komme. Als Hochbegabte bin ich gefühlt immer und überall in der falschen Kultur. Und da spielt es keine Rolle, ob ich Einheimische oder Migrantin bin. Es liegt daran, dass mit Hochbegabt-sein auch das Gefühl der Fremdheit einhergeht. Man fühlt sich oftmals nirgendswo dazugehörig. Dennoch fühle ich mich paradoxerweise zugleich in allen Kulturen Zuhause, weil ich mir wiederum die Freiheit nehme, Kulturen nicht als Grenze zu begreifen, sondern als Luxus, Diversität, Vielfalt und Bereicherung.

Für mich gibt es kaum „entweder – oder“, sondern vielmehr „sowohl – als auch“.

Wenn eine sehr hohe Intelligenz mit einer sehr hohen Sensibilität und Gefühlstiefe zusammenkommt, dann öffnen sich das Herz und das Auge sehr weit. Es tut aber genauso weh am Auge und Herzen, was man zu sehen und zu spüren bekommt. Als hochsensible Hochbegabte nehme ich alles in der Welt um ein Vielfaches differenzierter wahr und empfinde sie auch als sehr tief und intensiv. Ich lebe jedoch mit meinem hohen Gerechtigkeitssinns und hoher Sensibilität in dem Gefühl, etwa 80% meiner Begabungen – Hochbegabung und Hochsensibilität – rein dafür zu brauchen, die Welt zu ertragen.

Ich war als Kind aus den einfachsten Verhältnissen Anatoliens in die komplex-komplizierte-westliche Zivilisation gekommen, um als Mittzwanzigerin bei einem intensiven Gespräch mit einem buddhistischen Mönch in Bangkok/Thailand festzustellen, dass mich ein Lebensstil mit Einfachheit immer noch viel mehr faszinierte und fasziniert, als die digitalisierte Welt es bei mir je erreichen könnte.

Ich bin Diplom-Ökonomin, freie Journalistin, Autorin, Gründerin und Publizistin unseres Intercultural Network For The Highly Gifted. Unser Netzwerk ist politisch und religiös unabhängig und ist nicht kommerziell ausgerichtet. Es verankert das Thema der Hochbegabung weder als Label noch als Auszeichnung, sondern als ein ganzheitliches Thema. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt, und um ihn herum seine Bedürfnisse, Sozialisation, Kultur/en, Religion, familiäre, gesellschaftliche, historische und berufliche Kontexte und Rahmenbedingungen. Wir betrachten alle Themen aus der Perspektive der Menschenrechte und dann erst im Begabungskontext. Für uns reicht es nicht aus, nur „hoch intelligent“ / „hoch begabt“ / „hoch kreativ“ zu sein. Wir wollen auch mit unserem Portfolio an Horizont und Handlungsmöglichkeiten Verantwortung tragen, auch  für Menschen am anderen Ende der Welt. Es ist für mich als kritischer Geist also keine Verpflichtung, sondern ein Grundbedürfnis, einem Thema auf den Grund zu gehen, Dinge zu hinterfragen und viele Fragen zu stellen. Ungeachtet der mir zugetragenen Informationen mache ich mir stets mein eigenes Bild von einem Thema. Das Thema des armenischen Völkermordes ist für mich auch deswegen wichtig, weil ich begabten, hochbegabten traumatisierten und gesellschaftlich tabuisierten Kriegskindern/Genozid-Kindern und Kriegsenkel/Genozid-Enkel auf unserem Netzwerk mehr Raum geben möchte.

 

Wir empfinden das Leben und die einzelnen Situationen darin als eine permanent in der Reihenfolge stattfindende Kontinuität. In Wahrheit ist das Leben jedoch ein Puzzle, bei dem wir später oder verspätet die Freiheit haben, die zueinander zusammenhangslos liegenden einzelnen Puzzleteilchen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Wir erkennen zunächst keinen Sinn bei den einzelnen Puzzleteilchen. Doch dann, wenn wir sie zusammengefügt erneut betrachten, sie reflektieren, sie analysieren und daraus lernen, stellen wir fest, dass alles einen – auch übergeordneten Sinn – ergibt. Mit zunehmendem  Sensibilitäts- und Reifegrad betrachten wir rückblickend zum Gesamtbild eine andere Verknüpfung und Interpretation.

In den letzten Monaten musste ich meine Puzzleteilchen zu einem neuen Bild zusammenlegen. Zu meiner Überraschung entstand ein komplett anderes Puzzle-Bild, als ich es erwartet hatte.

 
 
Çiğdem Gül
 

Çiğdem Gül: »Als Kind alevitischer Eltern durchlebte ich meine erste Sozialisation in Anatolien.

Während ich in unserem kleinen Dorf in Gümüşhane, und auch in den Nachbardörfern in Erzincan, aus Ästen und Wolle meine Puppen bastelte und draußen mit meinen jüngeren Geschwistern und anderen Kindern fröhlich spielte, wusste ich nicht, dass unter meinen Füßen tausende beim Völkermord 1915 getötete und begrabene armenische Kinder, Frauen und Männer lagen.

Und während ich singend Blumen vom Boden pflückte, wusste ich ebenfalls nicht, dass diese aus der Erde, Wasser und Verwesung der getöteten Armenier wuchsen.

Meine Geschwister und ich durften lange Jahre nicht einmal wissen, dass wir Aleviten sind und selbst einer Minderheit angehören. Aus Angst und Schutzgründen, wie wir später von unserer Mutter erfuhren.«

 
 

Verantwortungsvolle Hochbegabte und Höchstbegabte setzen sich mit ihrem Weitblick aktiv gegen Ungerechtigkeiten und Missstände in der Welt ein. Vor dem Hintergrund, dass ich einen sehr ausgeprägten und unbeirrbaren Gerechtigkeitssinn besitze, stellt den ersten Grund dar, weshalb ich mich diesem Thema der großen Ungerechtigkeit widme. Bis vor Beginn dieses persönlichen Projektes vor 14 Monaten kannte ich mich mit dem Thema des Völkermordes an den Armeniern kaum aus. Weder in meiner Familie und Verwandten in der Türkei und im europäischen Ausland noch in meinem Umfeld, Schul- und Hochschulzeit in Deutschland wurde der Genozid an den Armeniern je erwähnt oder thematisiert. Zudem habe ich mich ein Leben lang nie für Geschichte interessiert. Nicht einmal für den historischen Hintergrund der Aleviten. Folglich las ich kaum etwas über diese Themen in den von mir selektiert konsumierten deutsch-türkisch-englischsprachigen Medien. Erst nachdem ich Europas beste Kultur Zeitung Lettre International kennenlernte, entfachte meine Neugierde und Interesse an historische Themen. Mit diesem Projekt setze ich mich mich zum ersten Mal in meinem Leben persönlich mit den Geschehnissen eines historischen Ausschnitts überhaupt auseinander, und zudem auch noch so intensiv. Das Schicksal der Armenier hat mich mitten ins Herz getroffen.

Wenn man berücksichtigt, dass ich meine eigene alevitische Herkunft erst als Jugendliche erfuhr, weil meine Eltern uns Kinder schützen wollten vor Diskriminierung, Angriffen seitens der Gruppe der sunnitischen Muslime, kann man erkennen, wie gravierend das Thema der Minderheiten ist.

In der Asche der Wörter von der Schande eines Völkermords zu sprechen, ist nicht einfach. Auch für mich nicht; denn der zweite Grund, weshalb ich diesen Artikel verfasse, ist, dass ich eine Alevitin bin und folglich auch einer Minderheit angehöre. Eine Minderheit, der seit Jahrhunderten mehrere Massaker, bis in die Gegenwart reichende Unrecht, Diskriminierung, gar Gewalt angetan wird. Zuletzt hatten vor einigen Monaten in der Westtürkei Unbekannte an die Haustüren der Aleviten in Rot ein Kreuz markiert, was nichts anderes bedeutet als, dass man dort die Aleviten angreifen sollte.

Mit Beginn meiner intensiven Recherche, Vorbereitungen und unzähligen Gespräche mit Experten und Diskussionen mit Privatpersonen begann auch mein innerer Prozess und innere Reise in die menschlichen Katastrophen. Ich lief monatelang in Tränen durch die Schlaflosigkeitskorridore und erlebte einen Ausnahmemoment nach dem anderen, weil… 

1) … ich inmitten meiner Recherche unerwartet und überraschend herausgefunden habe, dass bis zum Beginn des Völkermordes 1915 in der Geografie der heutigen Türkei in meinem anatolischen formalen Herkunftsdorf in Gümüşhane und in meinem gefühlten Herkunftsort in Erzincan überwiegend Armenier gelebt hatten. Dies bestätigten mir meine Eltern, langjährige Bekannte und auch Herr Prof. Dr. Mihran Dabag. Meine Vorfahren hatten also Armenier als Nachbarn gehabt. Und sie müssen im Osmanischen Reich 1915 miterlebt haben, dass ihre armenischen Nachbarn von Jungtürken und muslimisch-sunnitischen Kurden in die Wüstengebiete Syriens in Todesmärschen vertrieben wurden, damit sie dort hungernd und verdurstend starben, oder ihre armenischen Nachbarn – darunter auch Kinder – bereits vor Ort in Gümüşhane und Erzincan getötet wurden. 

2) Mit anderen Worten und rückblickend betrachtet: Während ich als Kind in meinem anatolischen Dorf in Gümüşhane fröhlich mit meinen jüngeren Geschwistern und anderen Kindern spielte, oder als Jugendliche fast jährlich meine Sommerferien in mehreren Dörfern in Gümüşhane und in Erzincan verbrachte, lagen unter meinen Füßen beim Völkermord 1915 getötete und begrabene armenische Kinder, Frauen und Männer. Und während ich singend Blumen vom Boden pflückte, wusste ich ebenfalls nicht, dass diese aus der Erde, Wasser und Verwesung der getöteten Armenier wuchsen. Der Schock und das Gefühl der Ohnmacht begleiteten mich bis heute. Was für ein Albtraum! Meine Geschwister und ich durften lange Jahre nicht einmal wissen, dass wir Alevitinnen sind. Aus Schutzgründen, wie ich später in Deutschland von meiner Mutter erfuhr.

3) Meine alevitischen Vorfahren waren über Jahrhunderte ebenfalls vertriebene und unterdrückte Minderheit gewesen. War das der Grund, weshalb seit 3-4 Generationen kein (!) einziges (!) Mitglied meiner Familie und Verwandten vom Zusammenleben mit den Armeniern in Anatolien und vom Genozid 1915 erzählten?

4) Ich erfuhr bei einem persönlichen Gespräch, dass während des Genozids auch Armenier gab, die sich als Aleviten ausgaben, um sich vor dem Völkermord zu retten. Ich schloss also gedanklich nicht aus, dass vielleicht einige Mitglieder meiner Vorfahren oder Verwandtschaft seit den Ereignissen 1915 aus Schutzgründen getarnte  Armenier sein könnten. Also führte ich im Oktober 2019 erstmals Gespräche zu diesem Thema innerhalb meiner Familie und Verwandten. Mein Vater hat mir zum ersten Mal erzählt, dass damals in anderen Stadtteilen unseres Herkunftsdorfes in Anatolien die Armenier gelebt hätten. Er habe von seinen Eltern über den Genozid an den Armeniern erfahren, dies aber nie kommuniziert. Meine Mutter erzählte mir erstmals, dass meine Tante – verheiratet mit meinem Onkel ersten Grades -, die seit fast 50 Jahren räumlich in meiner Nähe wohnt, eine Armenierin ist. Wie bitte???!!! Und das erfahre ich erst jetzt??? Ich stand plötzlich auch inmitten meiner eigenen Geschichte, die Geschichte der Aleviten, für die ich mich ein Leben lang kaum interessiert hatte. Meine Cousine  bestätigte mir, dass ihre Mutter tatsächlich Armenierin ist… und dies weder in der Familie noch in der Verwandtschaft thematisiert wird. Sie erzählte mir die Details. Meine als armenische neu gewonnene Tante befindet sich derzeit für einen längeren Zeitraum in Anatolien, daher konnte ich mit ihr noch nicht sprechen. 

5) Seit meiner Kindheit liebe ich die kurdische Kultur und Musik. Im Laufe meiner bisherigen Biografie gaben mir viele Kurdischstämmige in meinem Freundeskreis und Umfeld nebenbei die Rückmeldung, dass ich die Gesichtszüge einer Kurdin hätte und fragten mich, ob ich vielleicht doch eine Kurdin sei. Aufgewühlt und verunsichert über meine Identität, fragte ich in meiner Jugend meine Eltern an mehreren Silvesterabenden, ob sie mir etwas beichten möchten. Jedes Mal antworteten sie mir im Gespräch, dass wir keine kurdischen Wurzeln hätten. Ich habe während meiner Recherche zum Thema des Genozids an den Armeniern erstmals erfahren, dass vor allem die muslimisch-sunnitischen Kurden den Massenmord an den Armeniern ausgeübt haben. Ich brauche einige Zeit, um meine Enttäuschung über die damaligen muslimisch-sunnitischen Kurden zu verarbeiten.

 
 

Mascha Kaléko: »Mir ist zuweilen so als ob das Herz in mir zerbrach.«

 
 

Man stirbt nicht nur seinen einen Tod im Leben, sondern gefühlt mehrere Tode… so wie man sein eigenes „Wie-Neugeboren-sein“ mehrfach erlebt. Damit meine ich nicht die Reinkarnation, sondern die  tiefen inneren Entwicklungs- und Veränderungsprozesse. In den letzten 14 Monaten habe ich diese inneren Entwicklungs- und Veränderungsprozesse bei mir sehr stark beobachtet und gefühlt, während meine Seele sehr viel Blut verlor. Hinter fast jeder Zeile meines Essays liegen Tränen von mir. Ich habe alles gefühlt und gelebt, was ich hier schreibe. Ich musste immer wieder einige Tage oder Wochen Pausen einlegen, weil ich nicht in der Lage war, weiter zu recherchieren und zu schreiben. Seit Jahresbeginn 2020 dann ein weiterer Todesfall zu den zahlreichen privat durchgestandenen Todesfällen, dann die globale Coronavirus-Pandemie… der erste Corona-Todesfall in meiner Verwandtschaft… Die Rahmenbedingungen waren also nicht einfach, über solch´ ein Thema zu schreiben. Es gab Momente, bei denen ich mein persönliches Projekt über die Armenier, Aleviten und Êzîden sowie Indigene in Kolumbien hinschmeißen wollte. Eine innere leise Stimme hielt mich jedoch jedes Mal davon ab… Sie half mir, die inneren Tode, die ich die letzten Monaten mehrfach u. a. mit den Ereignissen 1915/1916 und mit den erlebten Ausnahmemomenten in ein „Wie Neugeboren- werden“ umwandeln konnte… Die Energie eines Menschen ist generations- und kulturübergreifend, sie geht nie verloren. Die Ur-Energie, mit der man verbunden ist, lädt dazu ein, sie ständig zu fühlen… Ja, ich fühle mich mit den Energien und Geschichten der armenischen Menschen sehr verbunden… Es gibt mir die Hoffnung, dass die Welt ein guter Ort sein kann, wenn jeder von uns lernt, Menschen wie MENSCHen zu begegnen und zu behandeln. Mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings übe ich weiterhin die höchste Achtsamkeit. Dabei fühle ich mich mit der Lebensfreude stets in Verbundenheit.

 

ENDE  – Seite 1 von 4

© Çiğdem Gül – 18. Juli 2020


 
 
 

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Fußnoten

 

[1] Pablo Neruda: (1904-1973; chilenischer Dichter und Nobelpreisträger): Garten im Winter (Auszug), in: Ders.: Letzte Gedichte (spanisch-deutsch). Nobelpreisrede 1971 [1975], hg. Und aus dem Spanischen übertragen von Fritz Vogelgsang, Darmstadt/Neuwied 1975, S. 55-56, hier S. 56

[2] Wikipedia, Stand 24.05.2020: Zitat über das Osmanische Reich. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches_Reich

[3] Wikipedia, Stand 24.05.2020: Zitat über das Osmanische Reich. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches_Reich

[4] Fuhrmann, Malte: „Der Traum vom deutschen Orient: Zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851 – 1918“, S. 185, Campus Verlag, Frankfurt / New York. Siehe hier.

[5] Reichardt, Lars: Sein Interview mit dem Kulturwissenschaftler Hermann Goltz vom 2010, Magazinheft 16/2010 in: Süddeutsche Zeitung am 22. APRIL 2013. – „Friedrich Schiller hatte das in seinem Buch `Geisterseher´ so ähnlich gesehen. Deutsche Offiziere, die als Ausbilder in die Türkei kamen, sprachen von den `Juden des Osmanischen Reiches´. Der evangelische Theologe und spätere deutsche Reichstagsabgeordnete Friedrich Naumann nahm 1898 sogar das Wort des Bazillus in den Mund und rechtfertigte Massaker an den Armeniern: `Die Türken haben Recht getan.´,“ erzählte Hermann Goltz im Interview. Siehe: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/geschichte/aghet-war-der-erste-voelkermord-in-der-geschichte-des-20-jahrhunderts-79653

[6] Weber, Sebastian: „Der Völkermord an den Armeniern: Die Rezeption der armenischen Frage in Deutschland von 1894 – 1921“, Seite 17, Zitat „Friedrich Naumann verhielt sich sehr zurückhaltend bzgl. einer Intervention zu Gunsten der Armenier und betonte stets die Wichtigkeit der Partnerschaft mit dem Osmanischen Reich..“ Diplomica Verlag GmbH. Siehe hier.

[7] Magazin „Der Spiegel Special“, 1/2004, Seite 122. Siehe: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/30300044

[8] Lütkehaus, Ludger: „Genie und Hochstapler: Vor 100 Jahren starb Karl May. Zwei neue Biografien führen uns in die Wunderwelt eines großen Aufschneiders“, Zeit Online, 29. März 2012. Siehe: https://www.zeit.de/2012/14/L-S-Karl-May

[9] Videlier, Philippe: Sein französischsprachiger Artikel „Türkische Nacht: Die Geschichte von dem Sultan und den drei Paschas“, der von Ullrich Kunzmann für Europas Kulturzeitschrift „Lettre International“ (Ausgabe Frühjar 2005, Seite 10) übersetzt wurde, erhält das folgende Zitat: „Anstelle eines Diktators hatte die osmanische Großtürkei drei bekommen.“

[10] Stein, Hannes: Anglist und Journalist bezeichnet in seinem offenen Brief „Mein armenischer Freund“ den Talât Pascha als türkischen Eichmann und den Enver Pascha als türkischen Himmler, der als Kommentar Europas Kulturzeitschrift „Lettre International“, Ausgabe Nr. 92, Frühjahr 1999 veröffentlicht wurde.

[11] Kieser, Hans-Lucas: Artikel „Todgeweihte im Wüstensand“ in: Neue Zürcher Zeitung vom 23.04.2015, 21.11 Uhr. Siehe: https://www.nzz.ch/international/todgeweihte-im-wuestensand-1.18528634. Kieser ist Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und Mitherausgeber des Buches «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah», 3. Aufl., Zürich 2014.

[12] Mühlbauer, Peter: Artikel “Die kurdische Verantwortung für den Massenmord an Armeniern“ vom 09.06.2016 in: https://www.heise.de/. Siehe auch: https://www.heise.de/tp/features/Die-kurdische-Verantwortung-fuer-den-Massenmord-an-Armeniern-3233134.html

[13] Kehl-Bodrogi, Krisztina: „Die Kızılbaş-Aleviten“, Seite 162, Berlin 1988

[14] Gümüş, Burak: „Türkische Aleviten: Vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei, Seite 87, Konstanzer Schrifte zur Sozialwissenschaft, herausgegeben von Horst Baier und Erhard R. Wiehn, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2001 / Dressler, Markus: Die alevitische Religion. Traditionslinien und Neubestimmungen, Seite 174, Würzburg 2002

[15] Gümüş, Burak: “Türkische Aleviten. Vom Osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei“. Siehe Fußnote auf S. 121-122. Konstanzer Schrifte zur Sozialwissenschaft, herausgegeben von Horst Baier und Erhard R. Wiehn, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz 2001. – Vgl. auch: Mumcu, Uğur: “Kürt-Islam Ayaklanmasi (= Der kurdisch-islamische Aufstand). 20.A. Ankara 1995, S. 56)

[16] Neshitov, Tim: Artikel “Rächer für Völkermord an Armeniern: Der Adler – Für die Armenier ist Soghomon Tehlirian bis heute ein Held. Sein Sohn aber fragt: Wie kann man einen Mörder verehren?“. In: Süddeutsche Zeitung vom 19. April 2015, 18:54 Uhr. Siehe: https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermordderadler1.2442261

[17] Gottschlich, Jürgen: FAZ-Auslandskorrespondent Türkei. Sein Artikel „Völkermord im Osmanischen Reich: Schweigsamer „Waffenbruder“- Das deutsche Kaiserreich war im 1. Weltkrieg Verbündeter der Osmanen. Deshalb tut man sich schwer, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen“ vom 01. 09. 2014 ist zu lesen unter: https://taz.de/Voelkermord-im-Osmanischen-Reich/!5034733/

[18] Die vollständige Erklärung der erwähnten 209 finden Sie in Englisch unter Bianet. Siehe auch die Berichterstattung in der Frankfurter Rundschau.

[19] Hrant Dinks türkischsprachiges Zitat: „Gelin önce birbirimizi anlayalım. Gelin önce birbirimizin acılarına saygı gösterelim. Gelin önce birbirimizi yaşatalım.“ Quelle: Hrant Dink Vakfı istanbul -> Hakkımızda. Siehe: https://hrantdink.org/tr/hakkimizda/vizyon-ve-misyon

[20] Thelen, Sibylle: “ Die Armenierfrage in der Türkei“, S. 11. Politik bei Wagenbach – 2. Auflage, Verlag Klaus Wagenbach 2015.

 
 
 
 

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