Prof. G. Roman Niethammer: „Sommer ist nicht jeden Tag“


Bato Dugarzhapov

Picture thanks to © Bato Dugarzhapov – Courtesy of Bato Dugarzhapov (Russia)

 
 

Kurzgeschichte – 2010 

Von Prof. G. Roman Niethammer 

 
 

Laura war nicht zurückgekommen. Wenn aber, dann hätte das für Gregor viel bedeutet.
Sehr viel sogar. Dann nämlich hätten bald die Hochzeitsglocken im Dorf geläutet, dabei war Gregor sich noch nicht einmal ganz sicher, ob er sich das wünschte.
Laura war sehr jung und Gregor dagegen schon sehr alt.
Aber ganz ohne Laura zu leben? Nein, das war undenkbar…

 
1

Zwischen Stauden und Blumenrabatten wuchern Brennnesseln und Quecken. Schmetterlinge haben dort ihr Quartier. Bei den kleinblütigen Sonnenblumen sitzen sie in Scharen. Gelbe Zitronenfalter und Pfauenaugen. Viele. Ganze Großfamilien. Darüber türkissilberne Libellen wie Hubschrauber über einem Wald.
Ultramarin leuchtender Rittersporn stand seit Tagen zum Wettstreit mit orange leuchtender Kapuzinerkresse bereit. Spieglein Spieglein an der Wand…
Die Dahlien sehen jetzt aus, als habe einer mit einem gewaltigen Pinsel eine Farborgie gefeiert. Sie lassen ein wenig schon die schweren Köpfe hängen.
Erste Ermüdungserscheinungen nach der Orgie?

Gregor musste lächeln. Im Rücken spürte er die Wärme der von der Sonne geküssten Hausfassade. Hitze des Südens. Das Fenster zum Alkoven stand offen. Kühle Luft, die unter dem Reetdach sich nicht erwärmte, zog aus dem alten Haus zu ihm heraus. Lauras Düfte schwangen noch in jedem Luftzug mit.
Hier draußen in der Sonnenglut, die bleischwer auf Gregors Augenlider lastete, wirkte der Duft fast noch verführerischer als vor Tagen, wo er noch unberührt von Vergangenheit gewesen war. Doch nur die unmittelbare Nähe von Lauras Haut machte, was seine Sinne betörte.

Noch knirschte der alte Schaukelstuhl bei jeder Bewegung. Die Holzkufen zerrieben auf den Steinfliesen kleinste Kiesel zu Sand. Laura konnte stundenlang schaukeln. Sie liebte dieses zarte Geräusch. Erinnerung an knirschenden Schnee, der am Morgen zu Harsch gefroren war. Laura hatte gezittert. Ein Gänsehautschauer zog über ihre Haut, wie das leichte Kräuseln der Wasserfläche eines Sees, wenn der Sommerwind darüber haucht.

„Es ist Spätsommer.“, hatte damals Gregor zu ihr gesagt.

„Sommer ist nicht jeden Tag.“, war Lauras Antwort und er hätte schwören können, dass sie stets ein wenig fror.

Doch es war heiß wie jetzt und absolut windstill gewesen, obwohl sie immer behauptet hatte, hier im Norden würde man den Begriff der Windstille nicht kennen. Doch es war so ein Tag gewesen. Die Sonne tat ihr kleines teuflisches Werk. Und Gregor fühlte an seinen Fingerspitzen die Gänsehaut, die hastig über Laura hinweg zog.

Sie wollte im Süden Urlaub machen.

Er nicht.

Teutonengrill am Sonnenstrand!

Gregor sah in Gedanken schneeweiße und feuerrot verbrannte Fettleiber nebeneinander wie Ölsardinen aufgereiht in einer riesigen Blechdose irgendwo am Strand liegen. Doch hier war nicht irgendwo. Lauras Haut fühlte sich makellos und weich an. Er verteilte die weißgelbe Milch auf ihrem Rücken. Wenn der Apotheker beim letzten Einkaufsbummel nicht nur Worthülsen verschossen hatte, war diese Soße der dermatologische Sonnenschutz schlechthin.

 

2

Es machte Gregor Spaß und Angst zugleich mit Laura zusammen einzukaufen. In einer kleinen Modeboutique, wo kurz zuvor die Welt noch restlos in Ordnung gewesen war, Chaos. Kein T-Shirt, Pullover, Rock, Kleid oder sonst etwas sind noch da, wo sie vor kurzem noch ordentlich gelegen oder gehangen hatten.

„Du hast nichts gekauft?“ hatte er anfangs noch verwundert gefragt.

Inzwischen wusste er, dass sie nur Schlussverkäufe abwartete und Vorbesichtigungen zur merkantilen Informationspflicht einer verantwortungsbewussten Frau gehörten. Wenigstens behauptete sie das.
Als Ladenbesitzer hätte er sie eigenhändig erwürgen mögen. Aber er war kein Ladenbesitzer und er liebte sie. Es machte ihm inzwischen Spaß, dieses weibliche Spiel zu verfolgen, die Gestik des Verkaufspersonals zu studieren und zu beobachten, wie gut dieses war. Es gab welche, die fielen auf Laura reihenweise herein, vergeudeten ihre Zeit mit Beratungen, die weit unter dem Fachwissen seiner Begleiterin lagen. Andere, und diese Gruppe war nicht klein, zählte er zum „Null-Bock-Personal“ .Langeweile vermittelte deren Körpersprache. Und dann gab es noch die Frommen. Sie beobachtete Gregor in einem Wechselbad der Gefühle. Zwischen tiefstem Mitgefühl und hämischer Freude wurde er hin und her gerissen. Eines hatten die Frommen gemeinsam, das nie laut, aber desto deutlicher gestikulierte Dankgebet, wenn Laura endlich den Laden verließ.

Wer aus dieser Schilderung dem Trugschluss verfiel, Laura wäre in Schottland geboren worden, wurde von ihrer außergewöhnlichen Großzügigkeit überrascht.
Entdeckte sie im Sommerschlussverkauf einen Pelzmantel der ihr gefiel, erwarb sie das gute Stück, koste es, was es wolle.

„Sommer ist nicht jeden Tag!“

Da war er wieder, dieser Satz, der für Gregor keinen Widerspruch, für Laura aber immer eine Entschuldigung, zuließ.

„Warum durfte ich dir das minikleine Sommerkleidchen nicht kaufen?“ fragte er und sie schüttelte nur ihren Kopf. Natürlich: Sommer ist nicht jeden Tag!

Aber auch der Reifenhändler, der für die verwegen profillosen Winterreifen ihres Wagens, ein günstiges Sommerreifenangebot abgab, und ein Gartenstuhlverkäufer ebenso wie der Regenschirmvertreter, der dazu auch noch das Stichwort lieferte, indem er auf häufige Sommergewitter hinwies, bekamen Lauras lakonischen Sommersatz zu hören. Beim Apotheker dagegen fand sie ihre Herausforderung.

„Noch ein Sonnenschutz-Gel für die zarte Haut, Gnädigste?“ bot er sein Hautschutzprogramm an.

„Sommer ist nicht jeden Tag!“ winkte Laura mit einem bezaubernden Lächeln ab.

„Aber, aber, meine Dame, habe ich das behauptet?“

Laura war sprachlos. Nur für einen Moment. Aber immerhin.

Der Apotheker taxierte Lauras Haut mit einem Blick, den Gregor mit einem unguten Gefühl registrierte. Nur Laura genoss diesen Blick, obwohl er auch Zonen einschloss, die für gewöhnlich nicht als besonders sonnengeltauglich galten.

„Gnädige Frau, wir müssen nicht die Sommertage zählen. Addieren Sie nur die erlittenen Sonnenbrände…“Laura rechnete. Gregor sah das winzigkleine senkrechte Fältchen über ihrer Nasenwurzel. Der Mann im weißen Kittel sah es auch. Doch bevor Laura noch ein weiteres Fältchen bewegen musste, platzte er mit seiner Botschaft heraus.

„Bemühen Sie sich nicht weiter, gnädige Frau, bereits wenn das Ergebnis Ihrer Addition Zwei hieße, wären es zwei Brände zuviel für Ihre wunderschöne Haut…“

„Wirklich?“ hauchte dieselbe Laura, die an diesem Vormittag schon vier Boutiquen durchpflügt hatte, mit einem so unschuldigen Augenaufschlag, dass selbst die Boutique-Inhaber ihr verziehen hätten.

„Keineswegs möchte ich Sie verängstigen, Gnädigste, aber jeder auch noch so kleine Sonnenbrand beschleunigt den Alterungsprozess der Haut!“

Das saß.

Lauras sensible Haut, trotz professionell aufgetragenem Make up, verblasste. Ihre Pupillen weiteten sich und vom tiefen Dekolleté über die miniberockten, strumpflosen Beine, bis hinab in die hochhackigen Sandaletten, zog ein Gänsehautschauer, den der Apotheker ungebührlich lange verfolgte.
Gregor war nichts verborgen geblieben. Er fror bei dem Gedanken, was für Schlüsse Laura daraus zog.

 

3

Sie hatte genau zugehört. Der TV-Mann hatte zwar schnell, aber deutlich gesprochen. Sie schrieb sich den letzten Teil sogar auf: „…fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker…“ Dann strich sie das Wort Arzt durch und besuchte den glutäugigen Sonnenschutzfachmann in der Apotheke. Mehrmals, wie Gregor vermutete. Inzwischen wusste Laura so ziemlich alles über den High-Tech-Schutz für Sonnenanbeter und wunderschöne junge Damen. Vom UVB-Schutz vor Sonnenbrand, über den fotostabilen UV-Filter, bis zu fett- und emulgatorfreien Produkten, die ohne Parfüm und Konservierungsstoffe, nicht klebend, wasserfest und dermatologisch getestet sein sollten, war der Apotheker bei ihr vorgestoßen. Natürlich alles nach dem neusten australischem Standard.

„Warum australischer Standard?“ wollte Laura beim Frühstück von Gregor wissen.

„Weil über Australien das bisher größte Ozonloch gemessen wurde!“

„Aha.“, flüsterte Laura.

 

4

Gregor fühlte eine sentimentale Stimmung in sich aufsteigen. Dabei verabscheute er jede Art von Sentimentalität. Trotzdem konnte Gregor sich gegen die momentane Gefühlslage nicht wehren. Die Hitze, der Blütenduft, Lauras köstliche Gerüche und die schnurrende Katze auf seinem Schoß umnebelten sein Gehirn. Bienen summten und Wasser plätscherte im Teich. Es hätte alles so schön sein können. In Gedanken ließ Gregor immer wieder den Moment Revue passieren, in dem er besser geschwiegen hätte.

„Darling,“ hatte Laura bei einem weiteren Frühstück gefragt, „mag der liebe Gott die Australier nicht?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Weil er doch das große Guckloch ins Ozon über Australien gebohrt hat“.

„Wer hat dir denn so einen Blödsinn erzählt?“

„Der süße Apotheker. Weißt du das nicht mehr?“

Gregor erinnerte sich sehr genau an die Blicke des Apothekers. Und es verwirrte ihn, weil Laura diesen Mann süß nannte und dabei auch noch rote Wangen bekam. War sie bereits schon wieder in der Apotheke gewesen? Dieser Gedanke beunruhigte ihn so sehr, dass er sein neustes Zeitungswissen unbedacht aussprach.

„Ach, mein Schatz, dann würde dein lieber Gott uns Norddeutsche erst recht nicht lieben, weil er hier ein noch größeres Loch in die Ozonschicht bohrte!“

Sarkasmus.
Es sollte ein Scherz sein.
Aber Laura lachte nicht.
Eine Pause entstand. Stille. Ganz kurz nur. Dann stieß Laura einen schrillen Ton hervor. Das Frühstücksei von Gregors glücklichem Landhuhn klatschte auf den Boden. Laura sprang auf.

„Was hält dich hier noch fest?!“ schrie sie.

„Wo?“

„Im Norden!“

„Das ist doch unser Zuhause!“ erwiderte Gregor, der Lauras Aufregung noch gar nicht begriff.

„Los, pack flott einen Koffer, wir ziehen in eine ozonlochfreie Zone!“

„Was soll ich? Hier wegziehen wegen des Ozonloches? Bist du von Sinnen?“ Gregor wurde blass. Er begriff, dass er zuviel gesagt hatte.

„Wenn dir dein Leben nichts mehr wert ist, dann rechne nicht damit, dass auch ich meines wegwerfe. Ich verlasse dich!“

Gregor glaubte ihr nicht. Doch Laura überzeugte ihn, dass sie keinen Tag länger unter einem Reetdach wohnen könne, über dem ein Ozonloch klaffte.

„Wir lieben uns doch,“ hatte er noch gesagt.

„Ich heiße Laura, nicht Julia. Ich will nicht sterben!“

Was hätte er antworten sollen? Konnte man weglaufen von einem Stück Erde, das Heimat hieß? Er liebte jeden Grashalm des großen Gartens, das Haus und die Katze.

„Und mich?“ fragte Laura.

„Dich liebe ich auch.“

„Auch? Das ist mir zu wenig!“ flüsterte Laura.

„Du weißt genau, wie sehr ich dich liebe, mehr noch!“

„Dann fliege mit mir.“

„Wohin?“

„Dorthin, wo kein Ozonloch ist!“

Gab es noch einen Fleck auf dieser Erde, wo kein Ozonloch, kein Umweltgift, keine Bedrohung war?
Gregor wusste es nicht. Und sie ließ ihm keine Zeit es herauszufinden.

„Ich kann nicht!“ sagte er laut.

„Dann springe über deinen Schatten, lass Haus Haus und Garten Garten sein. Wir kommen zurück, wenn sie das Ozonloch geflickt haben.“

Gregor schüttelte verzweifelt den Kopf. Sie sah ihn verwundert an. Schüttelte auch ihren Kopf und ging wortlos in ihr Zimmer, packte hastig die nötigsten Dinge zusammen, türmte die Koffer zu einem gewaltigen Schutzwall vor sich auf, hinter dem hervor sie seine Unvernunft lautstark beschimpfte.

„Noch kannst du mitfliegen!“ schrie sie.

„Und die Katze?“

„Nimm sie mit!“

„Einen alten Baum kann man nicht verpflanzen!“

Sie wusste, dass er die Katze gar nicht meinte…

Auf der Fahrt zum Flughafen sprachen sie kein Wort. Was hätte Gregor noch sagen sollen? Und Laura hatte bereits alles gesagt.

Gregor weinte beim Abschied.

„Sommer ist nicht jeden Tag.“, tröstete Laura ihn fast zärtlich, drehte sich um und stieg in den Flieger, wo der süße Apotheker einen Platz neben sich für sie freihielt…

 
 

© Prof. G. Roman Niethammer

 
 
 
 

Prof. G. Roman Niethammer studierte Psychologie und Kunst. Er ist Bildender Künstler und Autor. Seine Kunst-Ausstellungen fanden großes Interesse und Nachfrage im In- und Ausland. Prof. Roman G. Niethammer hat unter dem Pseudonym „Roman RomanoW“ zahlreiche Bücher veröffentlicht. Im Jahr 2003 wurde er Honorar-Professor für interdisziplinäre Forschungsarbeit, wirkte bis 2010 als Dozent an zwei Akademien und er bot Kunsttherapie an (Demenz + Alzheimer).

Prof. G. Roman Niethammer

Webseite: http://roman-niethammer.de

Instagram: @ro_ma_now

E-Mail: roman@roman-niethammer.de

 
 
 
 

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