Gedankenstil? – Normalbegabte, Hochbegabte, hochbegabte Migranten


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Von Çiğdem Gül – 07.03.2017

 

Teil 1: Zur Einführung in das geistige Gebäude des Menschen

Warum denken wir Menschen?

Was bedeutet „Denken“?

„Denken“ als zentrales Thema in der Philosophie hat in allen Zeitepochen wichtige Vertreter beschäftigt. Alle Philosophen sind Denker. Während in der Historie andere Philosophen über die Welt nachgedacht hatten, war Sokrates der erste bekannte Philosoph, der sich mit Erkenntnissen und mit Generieren von Erkenntnissen beschäftigt hatte. Er hatte über das Verstandesmäßige „Nous“ als Instanz im Menschen, die die für das Erkennen und Denken zuständig ist, nachgedacht. Nach seiner Meinung sollten Metaphysik und Intuition mit dem Ratio bzw. Verstand in Einklang gebracht werden.Wissenschaftler, Dichter, Geistliche etc. beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit dem Thema des Denkens. „Von allen Gaben des Menschen ist gesunder Menschenverstand die am gleichmäßigsten verteilte, denn jedermann hält sich für so reichlich damit versorgt, dass selbst diejenigen, die sonst in jeder Beziehung am schwersten zufriedenzustellen sind, für gewöhnlich kein größeres Maß an dieser Eigenschaft beanspruchen, als sie bereits besitzen“, hielt der französische Philosoph René Descartes [1] ironisch fest.

Denken findet nicht nur während der Stunden des Wachseins statt. Wir Menschen nehmen nur den bewussten Teil des Denkens wahr, das jedoch nur ein Bruchteil unseres Unterbewusstseins ausmacht. Der bewusste Teil des Denkens beinhaltet z. B. Wahrnehmen, Überlegen, Verstehen, Urteilen, Glauben und Wollen. Die meisten Menschen entwickeln daraus auch ein Gefühl, dass die unbewusste Ebene des Denkens gar nicht existiert. Der unbewusste Teil unseres Denkens basiert auf der Summe von allen Vorstellungen, Erinnerungen, Eindrücken, Motiven, Einstellungen, Wünschen und Handlungsbereitschaften, die in uns sind, aber nur auf der unbewussten Ebene aktiv sind. Unser Unterbewusstsein filtert also Informationen und Eindrücke, weil wir bewusst nicht alles aufnehmen können und andernfalls sehr überfordert wären. Folglich werden wir geschützt. Vor dem Hintergrund, dass unser Unterbewusstsein sehr viel mehr aufnimmt, als wir bewusst registrieren, kann es uns in entscheidenden Momenten z. B. den Weg weisen. Das nennen wir dann Intuition. Wie entsteht Intuition? Welche Hirnregion könnte bei der Intuition beteiligt sein? Diese Fragen kann ich leider nicht beantworten. Ich weiß nur, dass unser Unterbewusstsein  die Führung für kurze Momente übernimmt, wenn Unstimmigkeiten, drohende Gefahr etc. besteht, z. B. bei einer anstehenden Entscheidung. Dann macht sich das Unterbewusstsein durch ein komisches  Bauchgefühl bemerkbar. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir mit unserem Bauchgefühl in enger Verbindung stehen. Es gibt z. B. Normalbegabte mit ausgeprägter Intuition, die nicht bewusst denken, aber über ihr Denken intuitiv das  Richtige tun. „Denken ist erheblich schwieriger und mühevoller als Träumen, und wir nehmen es übel, unseren Verstand `aufwecken´ zu müssen, wenn wir uns gerade einer angenehmen Träumerei hingeben“, [2] schrieb James Harvey Robinson im Jahr 1949 in seinem Buch „Die Schule des Denkens – Von der Bedeutung des Verstandes für den Aufstieg der Menschheit“ .

Ich hätte es bis vor wenigen Jahren niemals für möglich gehalten, dass die Gedankenstile der Menschen so unterschiedlich sein können. Der Gedankenstil der Normalbegabten auf der einen Seite und der Gedankenstil der Hochbegabten (zu ihnen zähle ich auch die Vielbegabten und Höchstbegabten) auf der anderen Seite. Dann gibt es noch Unterschiede im Denken zwischen Frauen und Männern, zwischen Menschen die mit beiden Hirnhälften und Menschen, die mit nur einer Hirnhälfte geboren wurden. Unterschiede im Denkstil gibt auch es zwischen hochbegabten Einheimischen und hochbegabten Migranten.

In der Gesamtbevölkerung in Deutschland sind zwei Prozent der Menschen hochbegabt. Sie verfügen über einen IQ von mindestens 130. Entgegen der allgemeinen Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft macht jedoch z. B. eine sehr hohe Intelligenz nur einen kleinen Teil des Themas Hochbegabung aus. Es gibt auch einige andere Merkmale, die über einen IQ-Test nicht erfasst sind. Wenn wir jedoch bei dem Merkmal „Intelligenz“ bleiben, dann fragen wir uns irgendwann, wie unser geistiges Gebäude uns das Denken überhaupt ermöglicht.

Mein vorliegender Text dient als Versuch und Annäherung, die Kunstwerke der Denkweisen und ihre unterschiedlichen Denkweiten – ich bezeichne sie als „Denkstile“ – von Menschen zu beschreiben und ihren Sinn zu analysieren. Wenn z. B. bei Migranten die mehreren kulturellen Komponenten hinzukommen, taucht das Denken zusätzlich in andere Welten und Gefühle ein. Ich habe autobiografische Auszüge offenbart, um die Situation von hochbegabten Migranten – auch wenn sie nicht repräsentativ sind – deutlich zu machen. Mein subjektiver Text hat keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Sprachform gewählt. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten jedoch für Angehörige beider Geschlechter.

 
 

Teil 2: Veranlagung ist nicht erlernbar – Die verschiedenen Arten des Denkstils

Bei der Verwendung der Bezeichnung „Hochbegabter“ kann ich ein gewisses Gefühl des Unbehagens nicht unterdrücken, weil mir dieser Begriff in keinster Weise gefällt. Ich möchte zumindest mitteilen, dass ich in allen meinen Texten, wie auch in diesem Text,  den Begriff „Hochbegabter“ nicht als Auszeichnung oder als Label verwende, sondern lediglich als Fachbegriff und Beschreibung des Trägers. Ich verwende den Begriff „Normalbegabter“ und „Durchschnittsbegabter“ nicht als Abwertung, sondern lediglich als Fachbegriff und Beschreibung des Trägers. Auch diese Begriffe gefallen mir nicht. Ich kenne leider keine adäquate Alternativen.

 

2.1  Wie denken Normalbegabte?

Menschen denken nicht genug nach über das Denken oder besser gesagt: Sie denken vor allem nicht über das eigene Denken nach. Wenn ich z. B. Normalbegabte frage,  wie ihr Denken funktioniert, dann schauen sie mich zumeist verwundert oder erschrocken an, weil sie sich über dieses Thema nie Gedanken gemacht haben. Denken läuft mit so hoher Geschwindigkeit ab, dass es eigentlich unmöglich zu sein scheint, einzelne Gedanken lange genug festzuhalten, um es genug zu studieren. Ich weiß nicht 100-prozentig, wie Normalbegabte in der Mehrheitsgesellschaft denken. Daher kann ich nur wagen,  ohne Bewertung und ohne Abwertung, Vermutungen  aufzustellen.  Ich vermute,  dass Normalbegabte einen eigenen Gedankenstil und Gedankensprünge haben, jedoch anders, nicht in der Komplexität, Schnelligkeit und Art und Weise wie bei den Hochbegabten. Ich gehe einen Schritt weiter und meine, dass ihre Gedankensprünge eher punktuell und temporär stattfinden, während bei Hochbegabten dies permanent als Dauerprozess stattfindet.

 

2.2. Wie denken Hochbegabte?

Man muss nicht hochbegabt sein, um vom Standard-Denkstil der Normalos abzuweichen; doch Hochbegabte denken oft anders. Es gibt verschiedene Arten zu denken, ob in Worten, in Zahlen oder in Bildern. Dozentin und Autistin M. Temple Grandin[3] beschreibt das Bilderdenken sinngemäß so, dass man im Matrix seines Erinnerungsvermögens das Gesuchte abstrakt in Bild abrufen kann. Menschen, die in Bildern denken, ersparen sich  z. B. beim Einkaufen den  Einkaufszettel. Während des Rundganges im Supermarkt unternimmt man einfach einen imaginären Rundgang durch die eigenen Küchenschränke und den Kühlschrank und weiß dann, was man noch einkaufen wollte oder muss.  

Ich beobachte und erlebe, dass auch viele Hochbegabte über ihr eigenes Denken nicht nachdenken. Als Hochbegabter kriegt man den eigenen Denkstil kaum bewusst mit, weil, die Gedankensprünge so automatisiert, schnell und intensiv ablaufen, als würde ein Ferrari neben einem selbst rasen, obwohl das Fahrzeug in einem selbst, im eigenen Geist, ist.

Der eigene Gedankenstil und Gedankensprünge bei hohem Tempo sind einer der wichtigen Merkmale von Hochbegabung, die über einen IQ-Test nicht erfassbar sind.

Bei Hochbegabten gibt es Ausschnitte von schnellen und mehrkanaligen Gedankengängen  – vergleichbar mit mehrspurigen und mehrdimensionalen Autobahnen, auf denen zeitgleich viele Ferrari´s bei sehr hoher Geschwindigkeit fahren.

Siehe Bild unten:

 
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Des Weiteren finden im Wechsel gedankliche Beobachtungen der eigenen, mehreren Themenstränge statt. Der zentrale Punkt bei diesem Thema ist es, dass das Wechseln der Beobachtungen von Gedankensträngen an sich, die sogenannten „Gedankensprünge“, bei Hochbegabten den Gedankestil ausmacht. Es findet eigentlich ein Wechsel der Beobachtung, aber nicht ein Wechsel der Gedanken statt. Dabei scheinen die Themenfelder weiterzulaufen. Der Hochbegabte richtet also während eines Gespräches kurzzeitig seine Aufmerksamkeit – wie eine innere Buchführung – auf innere andere Themen,  aber in Wahrheit laufen alle diese Gedanken parallel weiter. 

Hochbegabte besitzen zudem die Fähigkeit, auch Gedankenebenen miteinander zu verbinden und zu vernetzen. Nicht nur Beobachtungswechsel der eigenen Gedankenstränge, sondern auch die Gedankenverbindungen spielen bei den Hochbegabten also eine große Rolle. Hochbegabte können komplexe Informationen zu einem Gesamteindruck integrieren und erfassen somit größere Zusammenhänge. Ich habe mir von einer sicheren Quelle sagen lassen, dass Hochbegabte bis maximal zu sieben Schritten vordenken können. Bei Schachpielern könnte es anders sein. Hochbegabte haben die Fähigkeit, gedankliche Zugänge zu höheren Ebenen zu denken.

Obwohl ich mich tagtäglich mit dem Thema Hochbegabung beschäftige und in vielen meiner Texte auch meine selbst erkannte Hochbegabung thematisiere: Wenn ich privat auf Normalbegabte treffe, gibt es auch Momente im Gesprächsfluss, bei dem ich wirklich vergesse,  dass ich Hochbegabte bin. Ich rede einfach drauf los und bemerke zunächst gar nicht, dass mein Gegenüber sich bereits überfordert fühlt oder mich missverstanden hat. Erst wenn ich feststelle, dass ich nicht verstanden wurde oder mein Gegenüber an seine Grenzen stößt und ich meine Gedanken bremsen soll, wird mir wieder bewusst, dass ich anders bin. Die Tatsache, dass ich mein Sprachlevel an meinen normalbegabten Gegenüber anpassen kann ändert nichts daran, dass ich meinen Gedankenstil und Gedankenverbindungen auf hohem Tempo schwer bremsen kann. Der Bremsvorgang fühlt sich für mich an wie ein innerer Absturz. Es ist dasselbe, als würde man einen auf der Autobahn rasenden Ferrarifahrer während des Überholvorganges zwingen,  plötzlich zu bremsen. Ein Crash ist dann nicht mehr auszuschließen. Und stellt euch vor, wenn die Gedanken der Hochbegabten wie ein Ferrari rasen und die Außenwelt den Hochbegabten ständig bremsen will, wie er sich dann fühlt. Ich fühle mich in solchen Situationen innerlich wie gecrashed. Kein schönes Gefühl, so zu leben.

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Im Gegensatz zu Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, die mit ihrem grandiosen Ich meinen, bei Gesprächen die Satzenden ihres Gesprächspartners zu kennen und sie deswegen ständig unterbrechen zu müssen, sind Hochbegabte wirklich in der Lage, bei Gesprächen die Satzenden ihres Gesprächspartners vorauszusehen. Daher kann es vorkommen, dass auch Hochbegabte, die gelernt haben, aktiv zuzuhören, ihren Gesprächspartner deswegen unterbrechen.  In der Außenwelt wird jedoch solch ein Verhalten als respektlos erlebt, während der Hochbegabte aus seiner Sicht nur seinem eigenen Gedankenstil folgt.

Hochbegabte werden innerlich unruhig, traurig und sogar krank, wenn sie dauerhaft kein geistiges „Futter“ bekommen und ihr Denken unterfordert ist. Dann fühlt es sich an wie ein innerer Absturz. Und das in ständiger und lebenslanger Gratwanderung zwischen geistiger Unterforderung und äußerlich erwarteter und gezwungener Bremsvorgang.

 
 

2.3. Wie denken hochbegabte Migranten? 

   – Am Beispiel der eigenen Ausgangspunkte und Entwicklungslinien

 

Mein Name ist Çiğdem Gül.

Ich bin ein Arbeiterkind.

Ein Gastarbeiterkind.

Und mittlerweile seit über 40 Jahren eine Migrantin.

Als Migrant bezeichnet man einen Menschen, der innerhalb eines Landes oder über Staatsgrenzen hinweg freiwillig an einem anderen Ort zieht, um seine Lebensbedingungen zu verbessern.

Ich stamme aus einem Dorf in Anatolien. In unserem Dorf gab es damals kein Strom, keine Heizung, kein Warmwasser, keine herkömmliche Toilette, kein Waschbecken, kein Fernsehgerät, kein Telefon, kein Esstisch auf vier Beinen, keine Einkaufmöglichkeiten, keinen Kindergarten und kein Nutella. Und die wenigen Uhren tickten dort anders… nur nach Zeitgefühl. Ich jammere deswegen nicht. Ich bin stolz, sehr stolz, dass ich den unbezahlbaren Luxus hatte, auch ein Leben ohne Zivilisation erlebt zu haben.

In der Fruchtblase meiner Mutter gab es keine Bibliothek, an dem ich mich als Ungeborene schon mal bedienen konnte. Auch hörte meine Mutter während der Schwangerschaft in Anatolien keine klassische Musik von Bach, Mozart und Tschaikowski, um meine Intelligenz zu fördern. Meine Eltern hatten uns Kindern keine Rechenaufgaben –  sei es auch spielerisch – beigebracht. Unsere Puppen bastelten wir fünf Schwestern selbst aus kleinen Stöcken und Stoffmaterialien. Mit diesen und anderen Beispielen möchte ich nicht demonstrieren, dass hochbegabte Einheimische all´ dies gehabt hätten, sondern die Unterschiedlichkeiten und die unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten einer anderen Kultur und Welt aufzeigen. Als beliebtes und lebhaftes Kind im Dorf, spielte ich unbeschwert mit anderen Kindern, aß an Melonenschalen am Bach und pflückte fröhlich Çiğdem-Krokuss-Blumen auf den Bergen. Mein Street Style – euh – Dorf- Fashion Look bestand überwiegend aus der Kombination von handgenähten Klamotten, die liniert, zugleich gepunktet, geblümt und kariert waren. In meinem Gesamtweltgefühl war ich in Anatolien stets in großer Begeisterung und voller Freude.

Als ich auf „Papier“ vier Jahre alt war,  verabschiedeten meine Mutter – mit Ausnahme meiner ältesten Schwester – und wir vier Schwestern uns von unseren Verwandten und verließen das Dorf. Ich stieg zum ersten Mal in ein Flugzeug ein und konnte noch gar nicht ahnen, was für ein ereignisreiches Leben mich in der Zivilisation erwarten würde. Und das noch in einem fremden Land. In Deutschland. Damals spürte ich als Vierjährige nur, dass zu meinen Lieblingsspielzeugen nicht mehr die Mäuse gehören würden, die ich an ihren Schwänzen hielt und mit kreisenden Bewegungen in die Luft schleuderte und zu meiner Mutter mit viel Überzeugung fröhlich sagte: „Schau mal Mama, das ist ein Vogel!“ Die Tatsache, dass ich aber einen „Vogel wirklich abgeschossen“ hatte, und mich folglich in Demut zu den begabten Menschen zählen darf, erkannte ich erst September 2013.

Nach Ankunft in der Zivilisation und in Deutschland stand ich ein Jahr später im Alter von ca. fünf Jahren als kleines Mädchen vor meinem Vater mit eingehakten Händen auf der Hüfte und wollte mit ihm in unserem Dorfdialekt diskutieren. Hochtürkisch kannte ich ja noch nicht. Diskutieren ???!!! Mit einem anatolischen Vater???!!! Ja. Man darf ja wohl diskutieren dürfen!…;-) Lauter Begeisterung und Spielen kam ich schließlich in Anatolien nicht dazu. Eine Zeit später begann ich, Frauen in Abendkleidern zu zeichnen, obwohl ich nie welche gesehen hatte.

Die gesamte Grundschule verbrachte ich in Duisburg in einer reinen Klasse mit fast nur türkischstämmigen Mitschülern. Trotz Gymnasialempfehlung in der Grundschule schickten mich meine Eltern auf eine  Hauptschule. Ausgewanderte Menschen, vor allem aus ländlichen Regionen ihres Herkunftslandes, halten instinktiv vielmehr an der eigenen Tradition und Mentalität fest. Das ist ein Phänomen, das man weltweilt bei fast allen Migranten beobachten und feststellen kann. Zudem haben Gastarbeiter- und Migranteneltern ohne Deutschkenntnisse größere Angst, dass ihren Kindern in dem noch für sie fremd anfühlendem Land etwas Schlimmes passieren könnte. Daher haben meine Eltern eher die innere Beruhigung gefunden, mich auf der anderen Straßenseite meines Elternhauses in dem Gebäude einer Hauptschule zu wissen, obwohl sie mich schon sehr gerne auf eine „bessere“ Schulform geschickt hätten.

Meine Schulzeit verlief nach der Grundschule weitgehend happylos. Da half es auch nicht, meine Spielwiese aus der Anatolienzeit in der Zivilisation mir überall  als imaginären roten Teppich auszurollen. Aus mir wäre vielleicht auch ein Klassenclown geworden, wenn ich damals Deutsch sprechen könnte. Auf der Schule fühlte ich mich jahrelang fehl am Platz. Zu meinen Elternsprechtagen ging ich oftmals selbst und allein; schließlich konnten meine Eltern – Vater: Arbeiter und Mutter: Hausfrau und Analphabetin – kein Deutsch. Meine älteren Schwestern (meine älteste Schwester zog später auch nach Deutschland) konnten auch kaum Deutsch. Ich war auf der einen Seite eine schüchterne Außenseiterin mit wenigen Freunden und auf der anderen Seite eine Rebellin, die sich in den Folgejahren verbal lautstark oft mit den (Klassen-)Lehrern schlug. Rückblickend betrachtet verwechselten solche Lehrerinnen und Lehrer mein geistiges Gebäude, selbstständiges Denken und (Hinter-)Fragen mit Angriffen auf ihre Autorität. Die Mehrheit der Gesellschaft bildet aus meiner Sicht keine eigene Meinung, sondern wählt auch bei für sie wichtigen Themen aus den fertigen Meinungen eine aus oder übernimmt, ohne zu hinterfragen, eine von Fachautoritäten vorgegebene Meinung. Folglich sind Menschen, die nicht selbständig denken können, im Allgemeinen nicht fähig, selbständiges Denken als solches zu erkennen. Mein einziger Mentor auf der Hauptschule war mein Türkischlehrer und zugleich der bekannte türkische Schriftsteller Fakir Baykurt.[4] Er war der zweite Mensch in meiner Biografie, der das Licht in mir erkannte und mich auf seine Weise förderte. Er motivierte mich, Texte zu schreiben und wünschte, dass seine Schüler – auch ich – ein Schriftsteller werden sollten. Ich verneige mich vor diesem großartigen Menschen, der nicht mehr unter uns weilt.  Meine damalige Schulleiterin – ihr Name ist mir leider entfallen – aus der Hauptschulzeit unterstützte und beschützte mich sehr. An dieser Stelle möchte ich meiner damaligen Schulleiterin meinen großen Dank aussprechen; denn sie tröstete mich und machte mir immer Mut, nicht aufzugeben, z. B. die schriftlich durchgefallene entscheidende Mathematik-Prüfung am selben Nachmittag als mündliche Prüfung anzutreten, wovon mein Klassenlehrer mir abriet. Und siehe da. Ich bestand die Prüfung und durfte nun die Klasse 10b besuchen. Die Schulleiterin nahm meinen Klassenlehrer im Hintergrund jedes Mal „auseinander“, wenn sie erfuhr, dass er mich wieder einmal vor der Klasse beleidigte. Beispiel: Der Klassenlehrer fragte uns in der 10. Klasse, was wir nach Abschluss der Hauptschule machen oder werden möchten. Ich antwortete als Einzige, dass ich ein Gymnasium besuchen und anschließend studieren werde. Er sagte: „Wenn XY und YX (dabei zeigte er mit dem Zeigefinder auf einige deutschstämmige Schüler und nannte ihren Vornamen) ein Gymnasium nicht schaffen werden, wirst du es ERST RECHT NICHT SCHAFFEN !!!“ Nach dem Unterricht ging ich zu derr Schulleiterin und beschwerte mich mit unsicherem Deutsch bei ihr über den Klassenlehrer. Sie muss ihn später bei meiner Abwesenheit „zusammengefaltet“ haben, so dass er am Folgetag in die Klasse kam, seine Schultasche auf den Lehrertisch warf und mich anschrie, wie ich wagen würde, mich bei der Schulleiterin über ihn zu beschweren.

Schlechte Bewertungen für überragende Leistungen:
In der globalisierten Welt, besser gesagt: Arbeitswelt, erwarten Unternehmen bei ihren Beschäftigten keine Generalisten, sondern Spezialisten. Fachleute spezialisieren sich also auf ein Teilgebiet ihres Faches, das ihnen besonders liegt. Und sogar dann können sie nicht alle Details wissen und diese angemessen überprüfen. Im Gegennsatz dazu muss ein Lehrer einen Überblick über das ganze Fach bieten, deshalb kann sein Wissen nicht sehr in die Einzelheiten gehen. Des Weiteren müssen Lehrer oft fachfremd unterrichten. Da kann es sogar dem besten Lehrer passieren, dass ihm ein Schüler im Unterricht überlegen ist, Wenn dann noch dieser Schüler Dinge weiß, die er zwar seinen Lehrern sehr gut erklären kann, die ihn aber trotzdem nicht verstehen,  weil denen das Vorwissen oder die intellektuellen Fähigkeiten fehlen, kann dies zu Lasten des Schülers enden. Mit einer schlechteren oder schlechten Note. Je geringer das Selbstwertgefühl und je größer die Projektion, Vorurteile und Machtgefühl des Lehrers, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er dazu neigen könnte, seinen Schüler zu beleidigen, zu diskriminieren und zu sanktionieren. Solche Fälle findet man nach meinem Wissen und meiner fast 40 Jahre Beobachtung viel häufiger bei Migrantenkindern. Und  die Öffentlichkeit wundert sich dann, warum Migrantenkinder als Hochbegabte nicht erkannt werden. Im Studium läuft derselbe Film ab.

Mein Stil ist es, anders zu denken. Anders-denken ist jedoch im starren Bildungssystem, Hochschulsystem und in der Arbeitswelt nicht gefragt und wird auch nicht als solches identifiziert, verstanden und anerkannt. Im Rahmen meines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums an der Bergischen Universität Wuppertal sah ich im Hauptstudium im Fach Betriebswirtschaftslehre, dass der zuständige Professor unter meiner 15-seitig geschriebenen Klausur auf jeder zweiten Seite mit einem roten Stift folgendes wortwörtlich schrieb:

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

„Sie sind unqualifiziert!“

Warum hatte ein deutschstämmiger Professor an einer Universität es nötig gehalten, meine recht gut geschrieben Prüfung, die ich mindestens mit „gut“  bestehen müsste, so negativ, diskriminierend und angriffslustig zu bewerten und mich dann auch noch bei der Prüfung durchfallen zu lassen? Ich ging nämlich mit meiner damaligen besten Freundin zum Prüfungsamt und sah in meine Prüfung ein. Auch sie war entsetzt vom Verhalten des Hochschullehrers, mit dem ich in keinem Konflikt stand. Eine höhere Intelligenz führt nicht nur dazu, dass man dieselben Aufgaben besser lösen kann als andere, sondern auch dabei auch ganz andere Denkwege einschlägt Damals erkannte ich mich jedoch noch nicht als einen begabten Menschen. Ich weiß aber noch, dass ich im Studium zwölf Prüfungsscheine in nur zwei Semestern mit guten Noten bestand. Im Ersteren war ich sogar in Umständen. Nur drei Tage vor der Entbindung schrieb ich in der Unihalle noch eine wichtige Prüfung, die ich bestand. Mein Studium schloss ich trotz alledem insgesamt mit einer guten Note ab. 

Meine Rebellion und Durchsetzungsfähigkeit in der Schulzeit und Studium klingen wahrscheinlich auch nach sehr vielen Jahren in den Ohren bestimmter Lehrer und Hochschullehrer nach. Schließlich richtet z. B. mein Klassenlehrer aus der Hauptschulzeit in Duisburg auch nach 30 Jahren (!) über meine Geschwister persönlich liebe Grüße an mich. Auch meinen Vornamen erwähnend. Mein oben beschriebener Hochschullehrer, der mir im Studium das Leben auch mit vielen anderen Themen unnötig schwer machte, begrüßte mich z. B. in einer Situation vor wenigen Jahren  fröhlich und kumpelhaft beim Bäcker beim Vornamen: „Hallo Çiğdem. Was macht dein Leben?“ In einer anderen Situation erwähnte er in einem Cafe meinen Bekannten, in dem er zufällig am Nachbartisch saß und später an unserem Tisch kam, dass ich damals eine sehr gute Studentin gewesen sei.

Die Persönlichkeit meiner Frage hat sich mein ganzes Leben lang gewundert und sich gefragt, warum so viele Menschen, die mir begegneten und immer noch begegnen, ein Problem damit haben, mir zu folgen und mich zu verstehen. Viel zu oft wurde mir dies auch ungebeten als Feedback von meinem unzähligen Gegenüber gegeben. Dabei spreche ich mehrere Sprachen wie Türkisch und Deutsch als Muttersprachen, Englisch und Aserbaidschanisch gut und dreijähriges Schulfranzösisch ein bisschen. Im April 2016 habe ich begonnen, die arabische Sprache zu erlernen. Mittlerweile bin ich in der Lage, in der jeweiligen Sprache, die ich gut beherrsche, mein Sprachlevel spielend auf mein Gegenüber anzupassen, so dass mich eine einfach gestrickte Persönlichkeit genauso gut verstehen könnte wie ein Professor oder Berufsrichter, mit dem ich fachsimple. Als gradliniger Mensch spreche ich auch noch eine sehr deutliche Sprache… und weniger durch die Blume. Neben dem Gefühle-zeigen beherrsche ich auch noch die Gefühlssprache, für die man verpflichtend ein Gefühlsmensch sein muss.

„Was und wo also ist das Problem?!“, fragte ich mich jahrelang oft in bestimmten Situationen verärgert.

Ich führte ich die Ursache des jahrelangen Nicht-Verstandenwerdens in der eigenen Gesellschaft in Deutschland auf meine zu sehr westliche Einstellung bereits iim Kindesalter zurück, ohne die westliche Welt damals kennengelernt zu haben.

Die türkische Gesellschaft in Deutschland, die mich kaum versteht und kaum akzeptiert, ist nicht nur aus meiner Sicht betrachtet, sondern auch objektiv gesehen, ca. 60 Jahre zurückgeblieben, und steht in der Entwicklung nicht dort, wo sie stehen müsste. Das ist ungerecht. Dies hat vielschichtige Ursachen und Gründe, die sowohl auf der türkischen Seite als auch auf der deutschen Seite ohne Schuldfrage betrachtet werden müsste. Als ich jedoch irgendwann feststellte, dass unabhängig von Migranten- und Integrationsthemen, die westliche Welt mich genauso wenig verstand, brachen für mich türkische und deutsche Welten gleichzeitig zusammen. Ich suchte und fand später zum Glück meine Welten auch in vielen anderen Kulturen. Aber an dem Hauptthema hatte sich trotzdem nichts geändert.

 
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Persönlichkeiten, die gesegnet und befähigt sind, zu fragen, zu hinterfragen, denen wird kulturübergreifend fast kein Raum in dieser Welt gegeben. Die Mehrheit der Hochbegabten sind insgesamt leidenstrainierte und krisengeübte Menschen. Obwohl meine hohe Intelligenz in der Herkunftsfamilie zumindest von meinem Vater, der nur über ein Grundschulabschluss aus Anatolien verfügt, wahrgenommen, anerkannt, emotional gefördert und zelebriert wurde, hatte Ich als Kind und Jugendliche in Deutschland oft geglaubt, dass ich nicht „richtig“ sei. Der Grund hierfür war, dass bei vielen Situationen und Themen die Anderen immer in der Mehrheit waren. An meiner Intelligenz zweifelte ich aber nie. Dafür hatte mir mein Vater, der sich mir zwar unterlegen und von mir extrem überfordert fühlte, mir unter seinen sechs Kindern als Einzige das Gefühl gegeben, dass ich mit meiner Intelligenz, meinem eisernen Willen und Durchhaltevermögen Berge versetzen könnte.

Hochbegabte Menschen denken viel komplexer und viel komplizierter als normalbegabte Menschen. Sie denken zu komplex um einfache Zusammenhänge zu erkennen. So habe ich für die Erlangung meines Führerscheins vor wenigen Jahren (auch vor dem Hingrund der hohen Anzahl an Verlusterfahrungen durch Tod von Nahestehenden und Bekannten) fast genauso viel gelernt und fast genauso lange gebraucht wie für mein gesamtes Hauptstudium an der Universität, das ich als Alleinerziehende mit Kind, Haushalt und bis zu drei Nebenjobs vier Jahre lang bewältigte. Die mir – auch bei Prüfungen – gestellten sehr einfache Fragen irritieren mich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man wirklich so eine einfache Frage gestellt bekommt und beginne, den Haken  und die Falle in der Frage zu suchen.  Auf der anderen Seite bewege ich mich leicht und eloquent durch komplexe Themen. Insbesondere im Studium legte ich viel Wert darauf, die Hintergründe aller Fächerthemen zu verstehen. Rückblickend betrachtet waren sowohl in meiner gesamten Schullaufbahn als auch während der Studienzeit die von Lehrern, Dozenten, Professoren etc. an mich mündlich und schriftlich gestellten  Fragen nicht deutlich genug oder irritierend. Mir fielen nämlich fast immer mehrere Antworten ein und ich wusste nie genau, welche der Antworten mein Gegenüber genau meinte/abfragte. Wenn ich mein Anliegen diesbezüglich thematisierte, wussten meine Gegenüber nicht, was ich meinte und wollte. Ich fühlte mich nicht verstanden. Ich hatte als Hochbegabte also meinen  „Break Even Point“ für die Zufriedenheit und die Verzweiflung noch nicht erreicht. 

Im Fach „Medienökonomie“ meines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums lehrte ca. im Jahr 2001 ein Dozent in einer Übung, wie toll die Globalisierung doch sei. Als Einzige unter den 25 Studenten wagte ich ihm zu widersprechen und sagte sinngemäß: „Allen Vorteilen voran: So toll ist die Globalisierung nun auch nicht! Wohlstandsländer, die sehr arme Länder skrupellos bis in den Mark ausbeuten,  schmücken sich gerne mit dem Label `Globalisierung´. „Das gefiel meinem Dozenten gar nicht. Mit diesem einfachen Beispiel möchte ich deutlich machen, dass ich nie etwas blind übernehmen wollte, sondern eigenständig mir mein Bild über alle Themen der Welt mache, nachdem ich Dinge hinterfrage, das Thema mit vielen unterschiedlichen Quellen recherchiere und mir dann eine Meinung bilde. Selbstständiges Denken ist jedoch im Studium bedingt gefragt.

Hochbegabte genießen den Vorteil, dass sie über eine erhöhte Problemlösekompetenz verfügen. Da sie Zusammenhänge sehr schnell erkennen können und über Ecken denken, können sie auftauchende schwierige und komplexe Probleme selbständig, schnell und mit kreativen Lösungswegen bewältigen. 

Während der Schulzeit freute ich mich nach Unterrichtsschluss nicht auf mein türkisches Zuhause, denn dort erwarteten mich fünf Geschwister und meine Eltern, die ich sehr liebe, die mich aber genauso wenig verstanden und verstehen. Mein Vater war der einzige in meiner Familie, der meine Freude authentisch mit mir teilte, wenn ich schulische oder berufliche Erfolge nachweisen konnte. Eine meiner Schwestern sagte mir vor einigen Jahren: „Keiner aus unserer Herkunftsfamilie kann dich einschätzen und verstehen. Wir wissen nicht, wer du wirklich bist (wie du denkst und fühlst).“ Ich war froh, dass einer von ihnen endlich offen und ehrlich mit mir redete.

Ich habe meine Hochbegabung und Vielbegabung erst als Erwachsene im September 2013 erkannt. Bis zu diesem Zeitpunkt  hatte ich mich mit dem Thema Gedankenstil nie beschäftigt. Ich hörte und las ich in der Folgezeit – auch im intensiven Austausch mit Gleichgesinnten – kurz und oberflächlich über die Begrifflichkeit der sogenannten „Gedankensprünge“. Ich konnte damit nichts anfangen, weil ich bei mir als frisch erkannte Hochbegabte keine Gedankensprünge bewusst feststellen konnte und mir darunter auch nichts Genaueres vorstellen konnte. Ich wusste nur, dass ich mich in meiner Biografie in Gesprächen mit fast allen Menschen sehr langweilte. Nachdem ich mich als sehr begabten Menschen erkannte, fragte ich mich unwissend, warum bei hochbegabten und kreativen Menschen die Gedanken überhaupt springen. „Was sollte das? Geht es auch nicht ohne Sprung? Springen die Gedanken auch bei Normalbegabten? Wenn ja, welchen Unterschied gibt es im Gedankenstil und Gedankensprung der Normalbegabten zu dem der Hochbegabten? 

Ich habe viele Jahre weder gewusst noch begreifen können, dass die Mehrheit der Bevölkerung überhaupt einen anderen Denkstil und Denktempo haben als die Hochbegabten.

Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich vor ca. einem Jahr nach einem beruflichen Vorstellungsgespräch meinen eigenen Gedankenstil bewusst wahr.

Was war genau passiert?
Während des vorherigen Vorstellungsgespräches trug ich in Nadelstreifen-Hosenanzug mit frisch aufgedrehten Haaren und Gedanken in vollem Elan meine Präsentation auf die berufliche Position gestellte Frage vor. Ich beantworte anschließend die Fragen von meinen zwei Gegenübern. Bei einer Frage gab ich als Antwort bestimmte Informationen mit einer großen Selbstverständlichkeit, und andere Informationen s ließ ich unbewusst aus. Ich konnte nicht so schnell sprechen, wie ich denken konnte, vor allem wenn ich im intensiven Gedankenfluss und -tempo bin… So stellte ich erst kurz nach dem Gespräch fest, dass ich bei meiner Antwort bestimmte Infos über die Situation übersprang. „Meine Gegenüber muss es doch wissen, warum sollte ich es wiederholen?“, dachte ich wohl. Nein, meine Gegenüber konnten die bestimmten Informationen  nicht kennen. Woher und wie denn auch?! Nach diesem Gespräch fiel es mir wie Schuppen vor den Augen, dass ich meinen eigenen Gedankenstil erkannte.

In der realen und virtuellen Welt bin ich – rückblickend betrachtet – seit ca. 10 Jahren von Hochbegabten, vielbegabten Scanner-Persönlichkeiten und Hochsensiblen umgeben und in Kontakt. Seit anderthalb Jahren nehme ich mit großer Begeisterung an dem Mensa-Stammtischtreffen meines Wohnortes teil. Begegnungen und Gespräche mit Gleichgesinnten, die zudem hochsensibel sind, erlebe ich als ein Paradies auf Erden. Bei solchen Begegnungen und Gesprächen entspanne ich mich sehr, tanke energetisch, emotional und geistig auf,  schlürfe an meinem imaginären Cocktail in der Oase und begebe mich anschließend der imaginären gemütlichen Hängematte. Für Normalbegabte, die Hochbegabte untereinander in solchen Gesprächen als stundenlang kreuz- und quer von einem Thema zum nächsten zu springend erleben würden, würden dieses Bild als Chaos wahrnehmen, von dem sie sich erst erholen müssten. Diesen vermeintlichen „Chaos“ erleben wiederum Hochbegabte selbst als ihre Art der Matrix- Ordnung in einer Kommunikation mit Gleichgesinnten und alles ist für sie im Einklang. Wenn man sich als Hochbegabte nach einem solchen Gespräch mit Gleichgesinnten wacher, freudiger, aufgetankter, lebensfreudiger fühlt, dann liegt es daran, dass man sich bei seinem  Gegenüber verstanden und erreicht gefühlt hat.

Als Individuum wie auch als Migrantin entscheide ich bewusst oder unbewusst, in welcher Sprache und Kultur ich mir selbst begegne und mich spüre. Wenn mir z. B. ein Text, ein Gedicht, ein Zitat oder ein Wort inhaltlich identisch in zwei Sprachen vorliegt, dann kann es vorkommen, dass diese mich nur in der einen Sprache ansprechen, berühren oder gar innerlich bewegen und ich intensive Gefühle empfinde, aber in der anderen Sprache nicht. Das liegt daran, dass ich die jeweilige kulturelle und gesellschaftliche Komponente hineinfließen lasse und diese dann ihre Gewichtung zu diesem Text, Gedicht, Zitat oder Wort anspricht. Ich glaube nicht, dass man es in jeder Sprache kann.

Hochbegabt sein ist sehr schön. Hochbegabt zu sein ist auch anstrengend, wenn man mit Normalbegabten in Beziehung und Kommunikation ist. Normalbegabter erlebt Hochbegabten ebenfalls als anstrengend. Hochbegabt sein ist noch anstrengender, wenn man einen bestimmten kulturellen und geographischen Hintergrund hat. Für mich persönlich ist es fast schon gruselig, in der türkischen Gesellschaft in Deutschland eine, spät erkannte, Hochbegabte zu sein. Alles, was einheimische Hochbegabte in der deutschen Kultur und Gesellschaft erleben, erleben türkischstämmige Hochbegabte – insbesondere spät erkannte Hochbegabte – Migranten negativer in höheren Dimensionen. In Wechselwirkung mit dem starren Bildungssystem, Hochschulsystem und Arbeitswelt werden hochbegabte Migranten doppelt diskriminiert. Ich kenne zwar die Denkhaltung und Denkkultur der Mehrheit meiner eigenen Landsleute in Deutschland und die der kulturell anders basierten Migranten, aber gekoppelt an ihre traditionellen, kulturellen und religiösen Hintergründe. Ich mag keine Flaggen und geographische Grenzen, sondern verschiedene Kulturen und ihre Vielfalt.

 
 

Teil 3: Schlussbetrachtung

Niemand ist besser oder schlechter als die Anderen. Und niemand braucht niemandem das Wasser nicht reichen zu können. Der Andere ist wertvoll, weil er anders ist.  Und es ist gleichgültig, ob der Andere der „Normalbegabte“ für den Hochbegabten ist, oder „Hochbegabte“ für den Normalbegabten ist. Die Begabung ist als Gabe bei jedem Menschen vorhanden, deshalb kann ich den Neid, die Missgunst und das Sanktionieren mancher Normalbegabte gegenüber Hochbegabten nicht nachvollziehen und auch nicht akzeptieren. Auf der anderen Seite gibt es wiederum manche Hochbegabte, die sich mit dem Label „Hochbegabung“ automatisch zur Elite  der Gesellschaft zählen, ohne jegliche Verantwortung für sie zu tragen. Das gefällt mir nicht. Sie sind in meinen Augen die Hochbegabtenhaie, die sich durch das Thema Hochbegabung privat und beruflich rücksichtslos und skrupellos bereichern. Nur Wenige von uns sind fähig, schöpferisch zu denken. Die Hochbegabten, die es können und zudem noch Verantwortung für die Gesellschaft tragen, sind meines Erachtens die Elite  (nicht zu verwechseln mit: Oberschicht oder Privilegierte) dieser Gesellschaft.

Ich habe die unterschiedlichen Denkstile von Normalbegabten, Hochbegabten und hochbegabten Migranten aus meiner Sicht beschrieben. Die Frage ist nicht, wer den besseren oder schlechteren Denkstil hat, sondern, wie gut man, mit dem, wie man ausgestattet ist, umgeht und/oder sein Gegenüber inspiriert. Es ist also eine Frage der eigenen Veranlagung und – mit oder ohne Förderung und Unterstützung – der optimale Umgang damit. Des Weiteren geht es um die Frage, wie man den eigenen Denkstil mit dem Denkstil seines Gegenübers kompatibel gestaltet, um eine gegenseitige fruchtbare Kommunikation zu realisieren. Ist eine Kompatibilität überhaupt möglich? Sind die Denkstile und Kommunikation der Hochbegabten mit Hochbegabten mit Migrationshintergrund ohne jegliche kulturelle Übersetzung überhaupt kompatibel? Die Unterschiedlichkeit der Denkweisen kann die Kommunikation in allen Arten von privaten und beruflichen Beziehungen erschweren,  stören  oder gar verhindern, da jeder der inneren Logik nur seines eigenen Denkstils folgt und sein Gegenüber nicht versteht oder selber nicht verstanden wird. Zudem fehlt das nötige Vorstellungsvermögen, um den anderen Denkstil seines Gegenübers in seinem Geist abzubilden.

Nun stellt sich für mich die Frage, wozu die verschiedenen Denkstile nützlich und sinnvoll sein könnten. Ich finde, dass unterschiedliche (Lebens-)Aufgaben unterschiedliche Denkstile verlangen. In der globalisierten und komplexer werdenden Arbeitswelt ist es von großer Bedeutung, dass die Führungskraft und/oder Arbeitgeber den Denkstil seiner hochbegabten Mitarbeiter – auch mit Migrationshintergrund – erkennt.

Die Vielfalt der Denkwelten liegt allen Arten der Denkstile zugrunde. Nach M. Temple Grandin braucht die Welt alle Arten des Denkens („The world needs all kinds of minds).“

Wann wird Denken und Denkstil zu einem Phänomen?
Wer sich neben seiner Begabung oder Hochbegabung vor allem ethisch weiterentwickelt, revolutioniert seine eigene Würde und strahlt Größe aus. Aus meiner Sicht wird erst dann Denken und Denkstil des Trägers zu einem Phänomen.

Intelligenz und Begabung reichen nicht aus, um Großes in der Welt zu bewegen und Lebenserfolg zu haben. Stellt euch „Begabung“ bildlich als einen Boden im Garten vor. Dieser Boden (= Erde) muss angepflanzt werden. Intelligenz und Begabung reichen als Anlagen nicht aus, um im leeren Garten Blumen gedeihen und wachsen zu lassen. Dazu bedürfen unbedingt das Aktiv-werden, die Begeisterungsfähigkeit, die Lebensfreude und die Fähigkeit, diszipliniert zu bleiben sowie Ziele und Träume zu befolgen, als nur rebellisch zu sein oder anzuecken. Und wenn dann noch die Gesellschaft, die Kulturen, das starre Bildungssystem und die Arbeitswelt aus ihrem Gefängnis des Geistes herauskommen würden und insgesamt authentischer, verständnisvoller, toleranter, mit einheimischen und immigrierten Hochbegabten eingestellt wären, dann wäre ich sehr glücklich.

 

© Çiğdem Gül – 09.03.2017

Diplom-Ökonomin, Interkultureller Coach für Hochbegabte und Hochsensible, freie Journalistin

 

Ich danke meiner lieben Freundin ganz herzlich für die wertvollen Anregungen, die ich in meinem Text mit einfließen lassen durfte.

 

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Görsel / Bilder / Pictures thanks to © Margarita Kareva & Vadim Makhorov (Russia)

 
 

Fußnoten:

[1] Robinson, James Harvey  (1949). Die Schule des Denkens – Von der Bedeutung des Verstandes für den Aufstieg der Menschheit (Originaltitel: The Mind in the Making), Seite 33.

[2] Robinson, James Harvey (1949). Die Schule des Denkens – Von der Bedeutung des Verstandes für den Aufstieg der Menschheit (Originaltitel: The Mind in the Making), Seite 40.

[3] Grandin, M. Temple  (* 29. August 1947 in Boston) ist die führende US-amerikanische Spezialistin für den Entwurf von Anlagen für die kommerzielle Viehhaltung. Sie ist Dozentin für Tierwissenschaften an der Colorado State University in Fort Collins und Autistin. https://de.wikipedia.org/wiki/Temple_Grandin Quelle: Wikipedia

[4] Baykurt,  Fakir (* 15. Juni 1929 in Akçaköy, Türkei; † 11. Oktober 1999 in Essen) war ein türkischer Lehrer und Schriftsteller. Siehe Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Fakir_Baykurt

 
 

Literaturempfehlung:

Arendt, Hannah: „Vita Contemplativa“

Jaspers,  Karl: „Von der Weite des Denkens“

Kaku, Michio: „Die Physik des Bewusstseins: Über die Zukunft des Geistes“

Pessoa, Fernando: „Genie und Wahnsinn“

Vester, Frederic: „Denken, Lernen und Vergessen“

Vitale, Barbara Meister: „Frei Fliegen. Eine Ermutigung für alle, die mehr intuitiv als logisch, mehr chaotisch als geordnet, mehr phantasievoll als realitätsbezogen denken und leben“

Wilson, Frank R: „Die Hand – Geniestreich der Evolution“