Eine Hochbegabte und ihre Sicht auf die Endlichkeit des Lebens


Hochbegabte haben mit ihrem Weitblick oft mehr als andere die Endlichkeit des Lebens vor Augen. Ich habe mich als Hochbegabte und Hochsensible gewagt, mich einem Tabu-Thema zu stellen… und mich auf einer schönen Art und Weise mit ihm auseinanderzusetzen. Ich lade euch herzlich dazu ein, meine Perspektive zum Thema kennenzulernen.

 

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Teil 1

„Ja, dieser weiße Sarg ist wunderschön. In Deutschland werden zwar in weißen Särgen bekanntlich Kinder beerdigt, aber irgendwie passt die Farbe sehr gut zu Ihnen. Ich empfehle Ihnen diesen weißen Sarg, Frau Müller…“ sagte ich vor einigen Jahren zu meiner 93-jährigen Klientin (Name von der Autorin geändert), und zeigte dabei auf einen wunderschönen weißen Sarg im Katalog des Bestattungsunternehmens.

„Was halten Sie von den roten Rosen?“, fragte ich Frau Müller, während ich im Katalog umblätterte. Sie überließ mir vertrauensvoll weitgehend ihre Entscheidungen und antwortete: „Oohhh ja, sie sehen schön aus. Die roten Rosen würden zum weißen Sarg wirklich sehr gut passen.“

In ihrer Eigentumswohnung saß Frau Müller im Wohnzimmer auf der gemütlichen und hellen Couchgarnitur links von mir. Gegenüber von uns saß der junge sympathische Betriebswirt, ein Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens. Er war gekommen, um unsere Bestellungen aus dem Katalog aufzunehmen und unsere Entscheidungen in dem abzuschließenden Bestattungsvorsorgevertrag zu integrieren. Seine kompetente und feinfühlige Art kamen uns zugute.

Eine kuriose Situation. Bis zu dem Zeitpunkt hätte ich niemals gedacht und für möglich gehalten, dass ich aus dem Katalog einen Sarg bestellen würde; geschweige denn, sie als schön empfinden würde. Denn Särge lösten bei mir vor dem Hintergrund der sehr hohen Anzahl an Verlusterfahrungen durch Tod in der Familie, Verwandtschaft, Freundes- und Bekanntenkreis in einem relativ kurzen Zeitraum, tiefen Schmerz und viel Angst aus. Ich hatte mir im Jahr 2005 nach dem Studium deshalb bewusst ein Jahr Zeit für die zu bewältigende Trauer genommen und besuchte sogar eine Trauergruppe.

Zum Wohl meiner alleinstehenden Klientin ohne jegliche Familienangehörige, die mir sehr am Herzen lag, entschied ich mich, für sie bei einem von mir gut ausgewählten Bestattungsunternehmen einen Bestattungsvorsorgevertrag abzuschließen, der auch den Kauf des Grabmals und die langfristige Grabpflege beinhaltete. Für Alleinstehende ist es sogar zu Lebzeiten der einzige Weg, für den Fall des eigenen Todes ihre Wünsche für die Art der Todesanzeige, der Grabstätte, des Blumenschmuckes, der Dekoration, der Trauerfeier, der Musik und des Grabredners etc. sowie die Unterstützung für alle weiteren Formalitäten vertraglich festzulegen und dafür zu sorgen, dass sie im verfügbaren finanziellen Rahmen umgesetzt werden. Umfassende Bestattungsvorsorge heißt aber auch, den eigenen Abschied finanziell abzusichern und dem Einfluss Dritter zu entziehen. Das Bestattungsunternehmen legte das dafür von mir eingezahlte Geld in Höhe von ca. 7.000,00 € bei der Deutschen Bestattungsvorsorge Treuhand AG an, die eigens für diesen Zweck gegründet wurde. Die Anlage wird verzinst und im Todesfall an das Bestattungsunternehmen ausgezahlt. Dritte haben keinen Zugriff auf das Geld, das nur für den Bestattungsfall reserviert ist.

Meine Angst und mein mulmiges Gefühl verflogen allmählich. Ich spürte, dass an diesem sonnigen Tag die Situation für meine betroffene Klientin und für mich entspannter wurde. „Die Tatsache, dass ich mich so poetisch artikulieren kann, liegt an meiner Erziehung. Meine Eltern legten viel Wert darauf. Ich bin fast unschuldig daran…“ sagte Frau Müller und brachte sogar den ernsten Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens zum Schmunzeln. „Frau Müller, welche Musik wünschen Sie sich für Ihre Trauerfeier?“, fragte er sie schließlich. „Wissen Sie, ich bin ganz raus aus dem Spiel. Ach, ich wünsche mir Musik von Sebastian Bach,“ antwortete sie.

 

Nachdem Frau Müller und ich nun alle unsere Wünsche aus dem Katalog bestellten und dem Mitarbeiter des Bestattungs-unternehmens weitere Entscheidungen mitteilten, unterschrieb ich endgültig den Vertrag. Mir war aufgefallen, dass ich Frau Müller an diesem Tag sehr aufgewühlt und ambivalent erlebte. Auf der einen Seite war sie als mündige Klientin froh, dass ich für sie einen Bestattungsvorsorgevertrag abschloss. Auf der anderen Seite war sie traurig, dass sie im Leben so allein und einsam stand. Sie zeigte sich den Betriebswirten jedoch von ihrer entspannten und fröhlichen Seite. „Meine erste große Liebe galt den Kanarienvögeln und meine letzte große Liebe wird auch ihnen gelten. Kanarienvögel sind ein Traum! Sie sind so vernünftig, dass sie seit dem Tag, wo sie bei mir sind, keinen Umstellungsprozess brauchten. Kanarienvögel werden noch in Mode kommen. Sie sind so wunderbare Geschöpfe,“ sagte sie vergnügt. Später verabschiedete Frau Müller den Betriebswirten, Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens, und mich mit den Worten: „Es sind fast reine und himmlische Gedanken. Es ist biblisch! Geradezu wunderbar!…“

Keiner der Anwesenden ahnte ihre beginnende Demenz.

Während meiner jahrelangen Berufserfahrung als selbständige rechtliche Berufsbetreuerin bei drei Amtsgerichten, habe ich viel für meine Praxis der Betrachtung der eigenen Vergänglichkeit gelernt. Meine Tätigkeit beinhaltete die gerichtliche und außergerichtliche Vertretung volljähriger Menschen insbesondere mit – auch schwersten – psychischen Erkrankungen, physischer Behinderung, altersbedingte Einschränkungen in vielen oder in allen Lebensbereichen und geflüchtete Asylsuchende aus Ländern, in denen Krieg oder legitimierte Gewalt herrschen. Die Mehrheit dieser Klientel hatte sich mehr oder weniger biografisch mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Die Begegnungen und Begleitungen im rechtlichen Rahmen mit schwerkranken und sterbenden Menschen ermöglichten mir den Umgang dieser Menschen mit ihrem eigenen Tod lebensnah zu beobachten und zu erleben.

 

Teil 2

In meiner Jugend hatte ich nie verstanden, dass das Älterwerden, das Altern und Altsein Schwierigkeiten bedeuten würde und letztendlich sie jeweils ein Prozess des Annehmens sein würden. Ich stellte mir als sehr reife Seele in den letzten Jahren immer wieder die Frage: „Kann ich das alles so annehmen?“ Heute denke ich anders darüber. Ich frage nicht mehr, sondern erinnere mich an das folgende Gedicht von Thích Nhất Hạnh:

 

„Wenn du die Vergänglichkeit voll einsiehst, wirst du dein Bestes tun,

Deine Lieben hier und jetzt glücklich zu machen.

Der Vergänglichkeit bewusst, wirst du positiv, liebend und weise.

Vergänglichkeit ist eine gute Nachricht.

Ohne Vergänglichkeit wäre nichts möglich.

Durch die Vergänglichkeit stehen alle Türen für Änderungen offen.

Vergänglichkeit ist ein Werkzeug für unsere Befreiung.“

 

Thích Nhất Hạnh

 

Ich empfinde das Leben als ein Wechselspiel zwischen Werden und Vergehen. Jedem Werden wohnt ein Vergehen inne. Alles auf der Welt ist also ein ständiges Werden und Vergehen und letztlich kein Kommen und kein Gehen. Je mehr ich mir dies immer wieder vor Augen führe und bewusst mache, desto leichter fällt mir das Loslassen – bis hin zum Loslassen des Lebens.

„Nichts geht verloren“, sagt Thay Phap An, Leiter des Europäischen Instituts für angewandten Buddhismus (EIAB), immer wieder in seinen Vorträgen. Das ist für viele Menschen jedoch kein großer Trost, weil sie diese Sicht auf das Leben und Sterben – beziehungsweise Nichtsterben – oft schwer begreifen können. Viele von uns erleben täglich in uns eine andere Seite: Gefühle und Empfindungen, die im Zusammenhang mit dem Tod auftauchen: Die Angst vor dem Sterben, vor der Auflösung des Ich´s, die Wut und die Trauer, wenn ein geliebter Mensch verstorben ist.

In den heutigen Gesellschaft und in vielen Kulturen ist der Tod tabuisiert. Aus Angst vor der Konfrontation mit dem Tod werden die Menschen zum Sterben ins Krankenhaus gebracht. Der Totenschein wird ausgestellt und Bestattungsunternehmen übernehmen alles Weitere. Es bleibt keine Zeit des Abschieds. Früher wurden die Menschen aufgebahrt und man hatte die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Wir haben also die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und menschenwürdig zu handeln.

Jeder von uns stirbt irgendwann seinen eigenen Tod. Die Frage ist nur: wie? Ich möchte das Tabu um dieses Thema brechen – und es gibt gute Ansätze für ein angstfreies Sterben. Es ist also Zeit, darüber zu reden. Wir alle müssen mit den zuvor genannten Gefühlen umgehen. Jeder von uns, Tag für Tag. Für einige Menschen gilt sogar: Augenblick für Augenblick. Es hilft, wenn wir sie erkennen, denn dann können wir sie liebevoll umarmen und verwandeln. Allein oder auch im Austausch mit Anderen.

 

Was bedeutet Sterben?

Beim Sterben spielt es keine Rolle, wie viel Geld man hat. Es hat auch keine Bedeutung, ob man berühmt ist. All das kann man nicht besitzen. Genauso wenig, wie man Menschen, Orte, Materielles und persönliche Geschichten nicht besitzen kann und diese folglich loslassen muss.
In Frieden sterben hängt davon ab, ob unsere Beziehung zur Herkunftsfamilie und wichtigen Menschen geklärt ist. Andernfalls ist es ein großer und quälender Schmerz, auf die eigenen nicht gelungenen und/oder ungeklärten Beziehungen zu schauen. Zu wissen, dass vieles noch nicht ausgesprochen und benannt wurden, was beide Seiten auf dem Herzen lag, in erfreulichen wie bedrückenden Fällen. Wenn Vergebung und Versöhnung versäumt und die Worte nicht ausgesprochen wurden, die Liebe und Dankbarkeit wertschätzend ausgedrückt hätten. Sterbende erleben der Tod viel sanfter, wenn sie zuvor die Zeit hatten und sich erlaubten, ihre Dinge zu ordnen, wenn sie ihre Familie versorgt wissen und letzte Konflikte ausräumen konnten. Nicht selten warten schwerkranke Menschen solange mit dem Sterben, bis das eigene Kind oder eine andere nahestehende Person endlich angereist kommt. Erst dann sterben sie in Frieden.

In Frieden sterben bedeutet auch, dass mein Geist in Frieden sein muss – wenn ich im Augenblick des Sterbens akzeptieren kann, was ist: Das Loslassen des „Besitzes“ und zugleich die tiefe Akzeptanz meiner Selbst und der Welt. Um dahin zu kommen, kann ich schon im Leben diese Akzeptanz üben und verinnerlichen.

In jedem Augenblick.

Unser Leben ist eine Vorbereitung auf unser Sterben. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit und Vergehens hilft uns, uns auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren.

Ich persönlich habe keine Angst vor dem Tod.

Nicht mehr.

Ich fühle mich zunehmend freier, seit ich vor Jahren begonnen habe, Menschen und alles Materielle loszulassen. Ich werde zunehmend gelassener, je mehr ich mich mit dem Thema des Todes auseinandersetze und meinen dazugehörigen Gefühlen viel Raum gebe. Ich werde ruhiger, je mehr ich fühle, dass ich mir erlaube, das Leben zu leben, wofür mein Ich in Anatolien geboren wurde und es später in vielen Kulturen ein Zuhause findet. Die Meditation hilft mir, im Hier und Jetzt zu sein. Mein Geist trainiert durch sie die Akzeptanz meiner Selbst und meiner Umwelt, die Gelassenheit zu üben. Dies ist der entscheidender Moment, in dem die Angst aus meinen Gedanken und Gefühlen heraustritt. Da ist nichts, woran sich die Angst festhalten kann. Da ist Nichts, und doch ist da alles. In einer Meditation geht es nur um diesen Atemzug. Darin ist das ganze Leben verborgen. Alles Vorher und alles Nachher sind nur noch ein imaginärer Konstrukt. Auch im Augenblick des Todes gibt es einen letzten Atemzug: nur diesen Atemzug. Friedliche Präsenz im jetzt, das ist alles, was letztendlich zählt.

 

Teil 3

Zwei Jahre später, nachdem ich den Bestattungsvorsorgevertrag für Frau Müller abschloss, saß ich im Krankenhaus an ihrem Sterbebett. Die behandelnde Ärztin teilte mir zuvor unter vier Augen mit, dass Frau Müller jeden Moment sterben könnte. Im Krankenzimmer hielt ich vier Stunden lang ihre Hand und streichelte sie, während die feinfühlige und sehr kompetente Hospizhelferin ihre andere Hand hielt und sie streichelte. Frau Müller zitterte im Bett. Sie war bereits extrem abgemagert und konnte nicht mehr sprechen. Sie hatte in den letzten Monaten mehrere Krankenhausaufenthalte gehabt. Diesmal war ihr die blanke Angst vor dem Tod in ihren Augen abzulesen. Ihr Körper und ihre Schmerzen waren ein qualvolles Gefängnis für ihren Geist geworden. Die ersten zwei Stunden waren für mich geprägt von großer Traurigkeit, Schmerz und Angst. Frau Müller´s Sterbebett hatte mich zudem an meine eigene Vergänglichkeit und Sterblichkeit erinnert. Thay Phap An schreibt zu diesem Thema: „Wir tragen das Reich der Geburt- und Todlosigkeit in uns. Aber wir berühren es nicht, weil Ideen und Vorstellungen unser Leben bestimmen. Sie sind es, die verhindern, dass wir zu dieser Dimension vorstoßen. Sie sind verantwortlich, dass wir in ständiger Furcht leben und Leiden uns überwältigt.“

 

Als rechtliche Berufsbetreuerin ließ im Krankenhaus einen Pastor mit Bibel aufs Zimmer kommen und bat ihn, einen CD-Player und klassische Musik von Sebastian Bach zu besorgen. Der Pastor ging und kam einige Minuten später leise mit dem CD-Player wieder zurück. Er las aus der Bibel und legte die klassische Musik ein, die Frau Müller so sehr liebte. In diesen Momenten passierte etwas, was ich nicht zu träumen wagte. Ich verlor zunehmend meine Angst und Schmerz. Meine Tränen umarmten mein Lächeln. Der Raum füllte sich für uns alle mit viel Liebe, Verbunden-sein, Erleichterung, Gelassenheit und nur Schönes. Ich empfand die Situation nun als natürlichen Prozess des Werdens und Vergehens.. Noch nie zuvor hatte ich in meinem Leben das Abschiednehmen als so wunderschön erlebt. Ich begriff zwar noch nicht, wie es möglich sein konnte, genoss es aber sehr.

 

Die Sonne sank, bevor es Abend wurde.

 

„Rückblickend betrachtet war der Tod ein Schmetterling,

der seine Flügel in Richtung seines Lichtes flatterte.“ Adonis

 

Auf Frau Müller´s Sarg lag das große Blumengesteck roter Rosen mit einer weißen Schleife, auf dem mein Name stand. Darauf hatte das Bestattungsunternehmen bestanden. „Frau Gül, Sie haben für Frau Müller so viel getan. Mehr als das, was eine rechtliche Berufsbetreuerin tun müsste. Wir wünschen, dass Ihr Name auf der Schleife steht.“ Ich war sehr berührt. Die Trauerfeier fand im kleinsten Rahmen statt, weil Frau Müller keinerlei Familienangehörige und Verwandte in Deutschland hatte. Es war für mich die schönste Trauerfeier, die ich jemals erlebt hatte. Meine Tränen begleiteten mich den ganzen Tag. Zum Glück hatte ich beruflich keine weiteren Termine gehabt. Die Hospizhelferin und ich umarmten uns. Wir beide wussten, dass es für uns nicht nur ein beruflicher Termin war, sondern eine Frage der Herzensangelegenheit. Das folgende Gedicht gab mir nach jedem Todesfall viel Trost.

 

„Der Tod ist nichts,

ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.

Ich bin ich, ihr seid ihr.

Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.

Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.

Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.

Gebraucht keine andere Redeweise, seid nicht feierlich oder traurig.

Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben.

Betet, lacht, denkt an mich, betet für mich, damit mein Name ausgesprochen wird,

so wie es immer war, ohne irgendeine besondere Betonung,

ohne die Spur eines Schattens.

Das Leben bedeutet das, was es immer war.

Der Faden ist nicht durchschnitten.

Weshalb soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,

nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?

Ich bin nicht weit weg, nur auf der anderen Seite des Weges.“

(Autor unbekannt)

 

Teil 4

 

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Irgendwann im Leben werde ich auch für mich einen Bestattungsvorsorgevertrag abschließen. Auch für mich werde ich einen weißen Sarg mit roten Rosen aus dem Katalog bestellen. Die Musik würde jedoch Türkisch ausfallen. Soviel Exotik muss sein…;-) Anatolische Musik… die Musik meines Herzens… Die Musik, die mit jeder Melodie und mit jedem Wort ausnahmslos Herzschmerz- Weltschmerz etc. zelebriert… An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich diese Komponente an der anatolischen Musik genial finde; denn sie zelebriert Traurigkeit, Schmerz und Trauer mindestens mit der gleichen Gewichtung wie Lebensfreude und Lachen.

Während auf einer Trauerfeier in Anatolien die Frauen sich vor Schmerz und Trauer am liebsten die Haare aus dem Kopf reißen und Klagelieder singen, kamen viele deutschstämmige Damen in Deutschland zu einer christlichen Trauerfeier (die ich in den letzten 20 Jahre vielfach so erlebte) zumeist frisch frisiert vom Coiffeur. Die Mimik war versteinert und keine Träne durfte fließen. Die Gefühle wurden brav unter Kontrolle gehalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Damen weniger trauerten. Auf meiner Trauerfeier können meine Trauergäste kommen und sich verhalten, so wie sich am wohlsten fühlen; mit Kopfbedeckung, ohne Kopfbedeckung, mit frisierten Haaren, mit Mittelscheitel, ohne Mittelscheitel oder auch ohne Haare auf dem Kopf…;-)

Meine Trauerfeier würde nicht – wie üblich bei Türken – in der Türkei stattfinden und mein Grab würde nicht dort stehen, sondern in Deutschland. Ein Land, dem ich so viel zu verdanken habe.

Obwohl ich keine Muslima bin, möchte ich ausnahmsweise auf meiner Trauerfeier einen moslemischen Hodscha anwesend wissen, der wunderschön auf Arabisch betet. Ich liebe den arabischen Gebetsruf. Als geborene und überzeugte Nachteule war ich in der Vergangenheit während meiner Aufenthalte in Istanbul oftmals um 5.00 Uhr morgens freiwillig aufgestanden, nur um das morgige arabische Gebetsruf des Muezzin einer nächstgelegenen Minarett zu hören. Es ist so wunderschön und beruhigend. Sehr gerne möchte ich euch diesbezüglich ein Video vorstellen, das ich so unendlich schön finde:

Ezan

https://www.youtube.com/watch?v=oK0Wbc6e6A8

https://www.youtube.com/watch?v=UODKRwZ4p2Q&feature=youtu.be

„Nur um meine weinende Tochter, meinen wahr gewordenen Traummann, meine Kanki und alle meine anderen Liebsten noch einmal umarmen zu können sowie dieses grandiose Gebetsruf einmal live zu hören, wäre ich gerne für einen Moment wieder in das Lebendig-sein zurückgegangen“, würde ich im Sarg meiner Seele zuflüstern.

 

Ich wünsche mir, dass auf meiner imaginären Trauerfeier der Hodscha die Anwesenden jedoch nicht wie üblich in türkischer Sprache fragt“ Was halten Sie von der Verstorbenen? Wie habt ihr sie in Erinnerung?“ Ich glaube, dass in diesem Moment meine sensible Seele im Sarg die Tränen nicht mehr zurückhalten würde. Sie wäre bereits sehr überglücklich, dass sie im Herzen der erlesenen Anwesenden eine bleibende positive Spur im Leben hinterlassen konnte.

 

Ich wünsche mir keine große Trauerfeier mit verlogenen Gesichtern, die aus Pflichtbewusstsein oder Imagegründen – wie es auch in meiner Herkunftskultur so üblich ist – anwesend sind. Auf meiner imaginären Trauerfeier wünsche ich mir eine Auswahl an erlesenen Trauergästen, denen ich mich im Leben mit sehr viel Liebe verbunden fühlte und sie von Herzen auf meiner Trauerfeier anwesend sind.

 

Auf meiner Trauerfeier wünsche ich mir, dass mein Sarg von meinen engsten Vertrauten getragen wird, die in meine Seele der Stille eintauchen.

 

Ich wünsche mir, dass irgendwann auf meinem Grabstein das folgende hauchzarte Zitat meines persischen Lieblingsdichters Sohrab Sepehri in türkischer und deutscher Sprache als Schriftzug steht:

 

„Gelecek olursanız eğer benim mezarıma,

usulca ve yavaşça gelin ki,

aman çatlamasın yalnızlığımın ince porseleni.“

 

„Wenn Ihr zu meinem Grab kommen solltet,

so nähert euch langsam und leise,

damit das zarte Porzellan meiner Einsamkeit nicht zerbricht.“

 

Sohrab Sepehri

 

Ich schreibe diese Zeilen über meine imaginäre Trauerfeier sowohl mit Tränen und Traurigkeit als auch mit entspannten und positiven Gefühlen; denn je mehr wir uns mit dem Thema Tod beschäftigen und es nicht verdrängen, desto mehr kann er Bestandteil von und in uns werden, vor dem wir uns nicht fürchten müssen.

Ich möchte anmerken, dass ich meine imaginäre Trauerfeier und meinen imaginären Grab deshalb so ausführlich beschrieben habe und sie der Öffentlichkeit ganz bewusst stelle, weil ich dich ermutigen möchte, dich auch mit dem Tabu-Thema „Tod“ auseinanderzusetzen. Dafür muss man weder depressiv/ krank noch selbstmordgefährdet sein. Je mehr du dich in gesunder Form gedanklich mit dem Thema Tod und deiner eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzt, umso weniger wird deine Angst und Traurigkeit darüber sein. Deine Angst vor dem Sterben wird sich in Schönheit verwandeln.

 

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„Ein gutes Gefühl:

auf diesen Planeten nur

beurlaubt zu sein.“

 

Mit diesem Zitat von Ernst Jünger aus „Siebzig Verweht II“ (Die Tagebücher 1965-1996) möchte ich das Thema nun im Raum stehen und wirken lassen. Entscheide du selbst, ob und wenn ja, wie viel du von meinen Gedanken, Gefühlen, Anregungen und Erfahrungen für dich mitnehmen magst.

 

© Çiğdem Gül, 02.06.2015

 

Pictures thanks to © Paul Hedley

 

Nachtrag am 19.02.2016:

Ich möchte euch zum Thema „Tod“ einen besonderen Film und ein interessantes Buch empfehlen:

Der japanische Film „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ von Yōjirō Takita aus dem Jahr 2008 wurde bei der Oscarverleihung 2009 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Bei diesem Film gelingt das Kunststück, das Tabuthema Tod mit ergreifend würdevollen Szenen der Nokan-Zeremonie und besonders liebevollem Humor zum versöhnlichen Lehrthema des Lebens zu machen.

Wer keine Berührungsängste, dafür aber Interesse an dem Thema „Tod“ und damit verbundenen Unterthemen hat, dem empfehle ich wärmstens das Buch „Geschichte des Todes“ von Philippe Ariès.
„In zwanzigjähriger Forschungsarbeit hat Ariès eine Fülle archäologischer, literarischer und liturgischer Quellen gesichtet, Sterberiten und Bestattungsbräuche untersucht, die Geschichte der großen städtischen Friedhöfe studiert und zahlreiche Testamente durchforscht. Entstanden ist eine Geschichte der Einstellungen des Menschen zum Tod und zum Sterben…“ Quelle: http://goo.gl/Kvuyn4