Dr. Karsten Beuchert: Fern der Heimat


1391458509
 

Von Dr. Karsten Beuchert – 13.05.2017

 

Ich fühlte mich merkwürdig berührt. Besonders ein Abschnitt der Ta­gungs­ankündigung ging mir nicht mehr aus dem Sinn: Migration hat viele Facet­ten. Auch das Älterwerden und Sterben fern der Heimat gehört mittlerweile in Deutschland dazu.

Meine Gedanken kreisten, und in mir breitete sich ein merkwürdiges Gefühl aus, das ich zunächst nicht einordnen konnte. Theoretisch hatte ich natürlich zur Kenntnis genommen, dass wir in einer solchen zunehmenden Migrations­gesellschaft lebten, und dass dies ganz spezifische Herausforderungen und Probleme mit sich bringt. Tatsächlich hatte ich auch im Freundeskreis von Integrationsproblemen in Deutschland gehört − eine gute Freundin von mir war Kasachstan­deutsche, eine andere stammte ursprünglich aus Ostafrika. Darüber hinaus hatte ich mich von diesem Thema nicht persönlich betroffen gefühlt. Bis ich auf eben jene Information stieß, die diese Fragestellung mit dem großen Menschheitsthema Tod und Sterben zusammenbrachte. Ich begann nachzudenken, es fügten sich mehrere Stränge meiner Herkunft und meines Lebens zusammen, und plötzlich hatte das Thema Migration − wenn auch nicht im amtlichen Sinn von seit 1949 eingewanderte Personen und deren Nachkommen − etwas mit mir selbst zu tun.

Ich intensivierte meine Selbsterforschung. Rein numerisch hatte ich die Mitte meiner voraussichtlichen Lebensspanne gerade überschritten. Physio­logisch war ich gesund, befand mich in einer wundervollen Beziehung, meine Kreativität hatte einen neuen Hochstand erreicht und die berüchtigte Midlife-Crisis äußerte sich moderat nur darin, dass ich in meinem Leben ungeahnte Tore und Potenziale aufgehen sah. Auch wenn sich viele dieser neuen Möglichkeiten nicht wirklich realisieren wollten − eigentlich schien es keinen Grund zu geben, dass mich das Thema Tod und Sterben ausgerechnet jetzt derart anrühren sollte.

Doch es gab auch die Kehrseite der Medaille. Seit meiner ausgehenden Jugend hatte ich mit Depressionen und Neurosen zu tun, von denen meine Kreativität und Lebensfreude über lange Zeit in Schach gehalten wor­den waren. Auch wenn ich nie Selbstmordgedanken gehegt hatte –  das Leben in einer scheinbar sinnentleerten Welt konnte sich zeitweise anfühlen wie langsames Sterben, und in anderen Momenten so, als wäre man in einem großen Automaten nichts weiter als ein unbelebtes Zahnrädchen: Das Leben war zu Ende, bevor es überhaupt beginnen konnte. Rückblickend hatte ich das Gefühl, dass ich über lange Jahre wie ein Zombie der Moderne durch die Postmoderne gestolpert war.

Über die letzten Jahre hatte ich jedoch meinen Horizont erweitern und auch mich und meine Prägungen in größeren Kontexten betrachten können − und auf diese Weise ergaben sich Antworten auf Fragen und Probleme, die vorher unverstehbar erschienen waren.

Im selben Frühjahr, in dem besagte Tagung stattgefunden hatte, war ich bei einem Vortrag zum Thema Flucht und Vertreibung über das Schicksal deutscher Aussiedler zum Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen, in dem auch der wunderbare Begriff transgenerationale Weitergabe traumatischer Kriegs­erlebnisse gefallen war.

Beide Themen verbanden sich, und meine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Hatte das alles etwas mit mir zu tun? Ja, es hatte.

Kaum jemand hat von Bessarabien gehört. Ich beschäftigte mich seit einiger Zeit zunehmend damit − meine Mutter war als Nachfahrin schwäbischer Aussiedler Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts dort geboren worden. Ich erinnerte mich, dass ich einmal von einem Mit­schüler darauf angesprochen worden war, ob meine Mutter tatsächlich Araberin wäre. Bessarabien war ein vergessener Landstrich. Meine Mutter war unzweifelhaft Deutsche und hatte sich meines Wissens nie anders gefühlt, auch wenn ihr Geburtsort heute in Moldawien oder der Ukraine lag − ich wusste es nicht genau. Aus diesem Grund war es für mich so überraschend, dass ich mich beim Thema Migration plötzlich so involviert fühlte.

Meine Gedanken zogen größere Kreise. Heimat − für mich war dies ein Wort mit einem sehr seltsamen Klang. Darauf angesprochen musste ich meistens eingestehen, dass ich keinen Ort und keine Gegend als Heimat empfand. Manchmal drückte ich mich vor einer Antwort und sagte, ich empfände mich als Kosmopolit, was mehr Absichtserklärung darstellte, als dass es auf fundierter Kenntnis der Welt beruhte. Hätte mich jemand gefragt, was meine Mutter zum Begriff Heimat empfand − ich hätte es nicht sagen können. Irritiert stellte ich mir diese Frage und versuchte, einer Antwort näherzukommen.

Zwischen Deutschland und dem ehemaligen Bessarabien lagen mehrere Landesgrenzen und knapp 1700 Kilometer. Zwischen der Umsiedelung der dort lebenden Deutschen und heute lagen fast 70 Jahre. Inwieweit mochte meine Mutter dies als Älterwerden fern der Heimat empfinden − mit der realistischen Perspektive, das Land ihrer Herkunft niemals wiederzusehen? Hätte ich sie nicht einfach fragen können? Gewiss − und doch spürte ich eine deutliche Hemmung, derart persönliche Themen anzusprechen. War auch dies möglicherweise ein Aspekt der transgenerationalen Weitergabe traumatischer Erlebnisse?

Es gab natürlich das Internet und Bücher, in denen die Fakten nachgelesen werden konnten, zur Umsiedelung der deutschen Aussiedler aus Bessarabien − und anderen Gegenden − nach Polen, und zur weiteren apokalyptischen Flucht nach Westen. Ich wusste wenige dieser allgemeinen Fakten und hatte auch nicht viele persönliche Informationen − lediglich ein paar Fotografien und Erzählungen, und diese prägten meine inneren Bilder. Ich bekam nicht mehr als ein vages Empfinden dazu, wie derartige schmerzhafte Erlebnisse auf ein gerade heranwachsendes Kind wirken mussten − ich meinte, einen Cocktail aus Angst, Traurigkeit, Verzweiflung zu erahnen, dazu eine für ein Kind untragbare Verantwortung, und über allem eine große Ungläubigkeit, ob dies tatsächlich Wirklichkeit sein kann. Und ich hatte keine Ahnung, ob diese Vorstellung auch nur annähernd beschrieb, was meine Mutter damals gefühlt hatte.

Und doch − war es vielleicht ihre Sinnlosigkeit, die ich in meinen Depres­sionen fand, war es möglicherweise ihre Angst, die sich in meinen Neurosen äußerte?

Ich hatte Bilder von den Aussiedlertrecks im Kopf, ein Planwagen nach dem anderen­ − während gleichzeitig hochtechnisierte Kampfgeräte Europas zusammenbrechende Grenzen überrollten. Ich las in einem Buch ein Kapitel über die erzwungene Umstellung der Umsiedler vom freien Bauern zum Lagerinsassen und ich fragte mich: Wie konnte ich mir diese deutsche Kultur vorstellen, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in einem vergessenen Landstrich namens Bessarabien gelebt hatte? Und was für ein Migrationsschock musste das wohl gewesen sein, aus dieser − möglicherweise − ländlichen Idylle herausgerissen und in ein Land versetzt zu werden, dass sich gerade für einen modernen Krieg technisch hochgerüstet hatte?

Doch was mochte dies alles für mich bedeuten − und für die heutige Gesellschaft, in der ich lebte? Die aktuelle psychologische Forschung ging gemäß meinen Recherchen also davon aus, dass schwere Traumata üblicher­­weise über eine oder mehrere Generationen weitergegeben wur­den, wobei die Symptome der Nachkommen den ursprünglichen Verlet­zungen der Vor­fahren häufig nur schwer zuzuordnen sein mochten.

Die Bessarabiendeutschen und andere Zwangsumgesiedelte waren eine Minderheit in Deutschland. Dies war nichts Außergewöhnliches: In der Geschichte fanden sich viele Gruppen von Menschen, die es − häufig als Subkulturen − in völlig fremde Gegenden und Länder gezogen oder verschlagen hatte. Und dennoch fragte ich mich, ob bei der Diskussion um Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie nur auf Zuwanderer nach 1949 bezogen wird, nicht etwas Essenzielles übersehen wird: Dass dieses Thema beileibe kein neues ist, und dass unsere heutige Gesellschaft die trans­generationale Weitergabe traumatischer Erlebnisse − und sei es nur über das Älterwerden und Sterben fern der Heimat − noch aus Generationen erlebt, von denen wir es gemeinhin nicht mehr für möglich halten würden.

Das Wirrwarr meiner Gedanken kam zur Ruhe. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich mit meinen neu gewonnenen Erkenntnissen anfangen wollte − aber ein vages Gefühl von Stimmigkeit, als hätte sich ein Kreis geschlossen.

Und die menschliche Gesellschaft? Die Welt war mit dem Ende des Maya-Kalenders wieder einmal nicht untergegangen, und wer weiß, vielleicht würden die herbeigesehnten neuen Zeitalter tatsächlich helfen, die alten Fehler nicht weiter und weiter zu wiederholen.

 

© Dr. Karsten Beuchert
Promovierter Physiker und Autor in München/Deutschland

https://www.realtraum-muenchen.de/mitglieder/literatur/karsten-beuchert/

 

(Erstveröffentlichung im Wendepunkt-Verlag in der Anthologie „WendePunkt“, weitere Veröffentlichungen in „Fremde Heimat Deutschland? „Literaturblätter der Deutschen aus Russland“ – Almanach 2014“ und in der Anthologie „Gewaltige Metamorphose: Wir brauchen konstruktive Erzählungen“ im Geest-Verlag)

 

Bild / Picture thanks to © REALTRAUM e. V. in München/Deutschland – Verein zur Förderung von Literatur, Bildender Kunst und Musik https://www.realtraum-muenchen.de/