Das Êzîdentum – Êzîdîn Zarya Azadi & Alevitin Çiğdem Gül


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Zarya
Azadi

 

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Çiğdem
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Êzîdentum

 

und

 

Alevitentum

 
 
 

Liebe Mitglieder,

liebe Besucherinnen und Besucher des „Intercultural Network For The Highly Gifted“.

Im Rahmen unserer interkulturellen Friedensarbeit und der damit verbundenen Themen „Minderheiten, Genozid, Krieg, Flüchtlinge und Frieden“ haben Zarya Azadi und ich, Gründerin Çiğdem Gül, mit Begabungskontext das Projekt gestartet, mit einem vierseitigen Beitrag einen Einblick in das Êzîdentum und in das Alevitentum sowie mit den beidseitig durchgeführten zwei Interviews einen Einblick in unsere eigene persönliche Welt zu gewähren.

Vor dem Hintergrund der seit Jahrhunderten andauernden vielen Genozide, und seit 2014 der andauernde 74. (!) Genozid an die Êzîden, bildete sich in der weltweit relativ kleinen êzîdîschen Community die zum Schutz notwendige Geheimhaltung „Taqîye“ aus. Daher gilt das Êzîdentum als „Geheimreligion“. Die internen und strengen Heiratsregeln haben ebenfalls zur Folge, dass weltweit nur noch 1 Mio. Êzîden, also gefühlt nur noch eine Hand voll Êzîden leben. Somit hat das persönliche Gespräch zwischen der Êzîdîn Zarya Azadi und mir in der Weltöffentlichkeit, und konkret in der Hochbegabtenlandschaft eine hohe Bedeutung und einen Seltenheitswert.

 

Das Alevitentum ist keine Religion, sondern ein humaner, gleichberechtigter und friedenstiftender Weg. Es ist der Weg des Alis, dem Cousin und zugleich Schwiegersohn des Propheten Muhammed, vierter Kalif und Fortführer der Prophetenfamilie, des Ehlibeyit, und der erste Imam der Zwölf Imame. Das Alevitentum weicht in seiner Lehre und Riten vom Sunnitentum ab, und darin auch von den als Referenzkriterien geltenden Fünf Säulen des Islams. Die Aleviten hatten in der Historie in den verschiedenen Ländern keine Daseinsberechtigung gehabt und mussten über Jahrhunderte ihre Lehre aus Schutzgründen über mündliche und musikalische Überlieferungen (Deyiş) weitergeben. Auf Seite 3 dieser Projektarbeit werde ich auf das Alevitentum detaillierter eingehen.

 

Das Êzîdentum ist ein eigenständiger Glaube. In der modernen Wissenschaft herrscht Konsens darüber, dass das Êzîdentum weder dem Islam, Christentum oder Judentum noch anderen heute existierenden Religionen zugeordnet werden kann. Die êzîdîsche Religion entstand vor dem Christentum und gehört zu einer der ältesten Religionen der Welt, deren Ursprung ca. 2000 Jahre v. Chr. in die Zeit des Mithraismus zurückgeht. Die Siedlungsgebiete der Êzîden umfassten eins Teile der Türkei (Osttürkei), Irak (Nordirak), Syrien, Armenien und Georgien.

Wie bereits erwähnt, haben die Êzîden in ihrer Geschichte bereits 74 (!) Genozide erlitten, schon seit Anbeginn der Zeit waren sie verfolgt. Seit dem 03.08.2014 ist die êzîdîsche Minderheit im Irak dem Genozid durch den IS ausgesetzt. Doch wer sind die Êzîden? Kurden sind eines der ältesten Kulturvölker. Ursprünglich bezeichnete man alle Kurden „Ezdaî“, erst danach wurde die Bezeichnung „Kurden“ eingeführt. Ethnisch gehören die Êzîden zu den Ursprungs-Kurden, den sog. Êzîdî-Ezdaîs. Erst vor 30 Jahren haben sie die Bezeichnung „Êzîden“ erhalten. Während in der Historie die Mehrheit der Ursprungs-Kurden zum Islam bekehrt wurde, blieben die Êzîden eigenständig. Man wird als Êzîde geboren und kann nicht zum Êzîdentum konvertieren. Die Êzîden sprechen die kurdische Sprache Kurmandschi.

Die êzîdîsche religiöse Tradition ist das Resultat einer langen Phase mündlicher Überlieferung. Das jahrhundertlange Fehlen einer schriftlich überlieferten Religionstradierung hat dazu geführt, dass beim Êzîdentum weder eine formale Theologie noch ein starres Glaubenssystem entstanden ist. „Die mündliche Tradition half vielmehr dabei, ein flexibles und anpassungsfähiges Glaubenssystem zu errichten, welches auf die Bedürfnisse einer in den kurdischen Bergen isoliert lebenden Gemeinschaft ebenso Rücksicht nahm wie auf die Limitierungen, die durch den bis in das 20. Jahrhundert weit verbreiteten Analphabetismus innerhalb der Gemeinschaft entstanden waren (Kreyenbroek 1995). Die Mechanismen der mündlichen Überlieferung machten es jedoch Wissenschaftlern, Medien und anderen interessierten Kulturen und Ländern lange Zeit schwer, einen Zugang zu dieser Religion zu finden.

 

Die humane Architektur des Alevitentums und des Êzîdentums haben das große Bestreben nach Frieden und Gewaltfreiheit im Umgang mit Menschen und Staaten, weil für sie das Zusammenleben und Frieden mit anderen Glaubensgemeinschaften nur mit Liebe, Respekt, Toleranz und Akzeptanz möglich sind. Sie betrachten alle Menschen, Völker und Religionen gleichwertig. „Möge Gott erst die 72 Völker dieser Erde schützen und dann uns,“ heißt es im Êzîdentum beim Gebet und im Alevitentum in der musikalischen Überlieferung (Deyiş) und Zeremonie. Die Zahl „72“ steht hier für „alle Völker“. Das Alevitentum und das Êzîdentum pflegen einen tiefen Respekt vor den Naturelementen Feuer, Wasser, Erde, Luft, weil Gott alles erschaffen hat. Das Alevitentum bezieht die Natur in seine Lehre und das Êzîdentum in seine Religion und mit ein, sodass sie Pilgerstätte, heilige Quellen, Berge und Flüsse haben. Beide unterscheiden sich diesbezüglich gegenüber den klassisch Monotheistischen (Ein-Gott-)Religionen.
Trotz oder gerade wegen der humanen und friedenstiftenden Grundhaltung werden die Êzîden und die Aleviten als Minderheiten seit Jahrhunderten in verschiedenen Ländern durch Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, missbrauchenden Machtträger in der Politik, fanatisierten Fundamentalisten und Terrororganisationen diskriminiert, unterdrückt, vertrieben, verfolgt, geschändet und getötet.

Die Êzîden glauben an einen einzigen und allmächtigen Gott, verehren aber auch Tawusî Melek, einen Engel in Pfauenform. Aus der Verehrung dieser Figur, in der so manche Muslime eine Ähnlichkeit zum islamischen Teufel Iblis erkennen, lässt sich das Missverständnis zurückführen, dass die Êzîden immer wieder als Teufelsanbeter verunglimpft werden. Dabei ist den Êzîden die Existenz eines Teufels bzw. des Bösen als Gegengewicht zum Gott, fremd. Nur der Mensch, glauben die Êzîden, kein höheres Wesen würde Böses tun. Ferner unterstellte man den Êzîden, dass der Engelspfau als „Beigesellung“ zu Gott galt, eine in muslimische Sicht todeswürdigen Häresie (Gotteslästerung).

Aleviten sind seit Jahrhunderten insbesondere seitens der Mehrheit der sunnitischen Muslime der Verleumdung ausgesetzt, dass sie bei ihren Zeremonien die Kerzen auslöschen, und dann Orgien und Inzest feiern würden. Des Weiteren  seien alle Aleviten ein „Kızılbaş“ („Rotkopf“), der/die Blutschande begehen würde. Fakt ist jedoch, dass vor allem der Alevitische Weg und folglich die Aleviten einen sehr großen Wert auf die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau legen, sodass sie bei ihren Cem genannten Zeremonien in ihren Cem- Häusern (Aleviten beten nicht in der Moschee) sogar gemeinsam zur Musik eines Saiteninstruments („Saz ve Deyişler“) singen und einen besonderen Tanz  namens „Semah“ aufführen. Über Jahrhunderte mussten diese Zeremonien aus Furcht vor Übergriffen nur im Verborgenen stattfinden. Fakt ist auch, dass bei dem Alevitischen Weg weder Orgien noch Inzest gibt. Das türkische Wort „Kızılbaş“ („Rotkopf“) bezeichnet ursprünglich Aleviten, die über die Jahrhunderte einst an ihrer typischen roten Mütze erkennbar waren. In der anti-alevitisch ausgerichteten Verleumdung wurde daraus „einer, der Blutschande begeht“.

 

Deutschland ist mittlerweile zum wichtigsten Ort der Diaspora für Êzîden und Aleviten geworden.

 

ENDE Seite 1

 

Einführungstext von © Çiğdem Gül – 14. Februar 2020

Gründerin des „Intercultural Network For The Highly Gifted“

 
 

Siehe zu unserem Projekt die folgenden Seiten:

Seite 1: Das Êzîdentum – Êzîdîn Zarya Azadi & Alevitin Çiğdem Gül

Seite 2: Êzîdîsches Model Zarya Azadi: „Zwischen Genozid & Fashion Week“

Seite 3: Das Alevitentum – Alevitin Çiğdem Gül & Êzîdîn Zarya Azadi

Seite 4: Çiğdem Gül: „Aleviten zwischen Universum, Semah & Verfolgung“

 
 
 
 
 

Bild / Picture „Zarya Azadi“ thanks to © 2020 Courtesy of Photographer Adrian Krajewski (Poland & Oxford/England)

Bild / Picture „Çiğdem Gül“ thanks to © 2020 Courtesy of Çiğdem Gül (Wuppertal/Germany)

 
 
 
 
 

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