Franziska Dittrich: Die Illusion der Sicherheit


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Bild: Yılmaz Aynalı (Fotograf in Edirne/Türkei)

 

Die Illusion der Sicherheit

Franziska Dittrich - Kopie
 
 

Von Franziska Dittrich   

09. April 2019 

 

Schön, dass Du heute wieder hier bist. Den heutigen Beitrag möchte ich der Illusion der Sicherheit widmen, da dies ein Thema ist, das mich selbst seit vielen Jahren – wenn nicht sogar schon mein ganzes Leben – begleitet.

Ich möchte direkt mit einem Zitat von Benjamin Franklin starten, das mich in der letzten Zeit sehr intensiv beschäftigt hat.

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu finden, wird am Ende beides verlieren.“

Wann gab es in Deinem Leben zuletzt etwas, auf das Du verzichtet hast, das Du nicht getan hast, weil Du Angst vor den Konsequenzen hattest? Wann hast Du zuletzt Deine Komfortzone verlassen, auf Dein Herz gehört und bist einfach losgegangen – wohl wissend, dass nach dem ersten Schritt nichts mehr so sein wird wie vorher? In welchen Vorhaben steht Dir Dein tiefer Wunsch nach Sicherheit im Weg? Wo in Deinem Leben hast Du auf Freiheit verzichtet, um vermeintliche Sicherheit zu gewinnen?

In diesem Beitrag erfährst Du, weshalb es diese Sicherheit, die wir uns alle so sehr wünschen, nicht gibt und warum das auch vollkommen in Ordnung ist. Außerdem sehen wir uns genauer an, woher dieser dringende Wunsch überhaupt kommt. 

 

Was ist diese „Sicherheit“ eigentlich?

 

Viele Menschen leben tagein, tagaus ein Leben, mit dem sie vermeintlich „zufrieden“ zu sein scheinen. Diese Zufriedenheit gründet nicht selten darauf, dass alle Grundbedürfnisse gestillt sind und alles „schon ganz gut läuft“. Sicherheit wird im alltäglichen Sprachgebrauch oft definiert als Vorhersehen und Abschätzen möglicher Konsequenzen unseres Handelns. Als ein Gefühl und eine Erfahrung, die wir bereits gut kennen, etwas Vertrautes. Wir machen das Beste aus unserem Schicksal, weil wir überzeugt davon sind, dass wir ihm ohnehin nicht entkommen können und die Geschehnisse in unserem Leben unvermeidlich sind. Wir möchten planen, Dinge in unserem Besitz wissen und die Zukunft vorhersagen. Dafür sind wir bereit, uns mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben, in dem Fortschritt und Veränderung Fremdwörter sind. Wir möchten keine Fehler machen und trauen uns nicht einmal, groß zu träumen, denn schließlich könnte es dann passieren, dass unser Geist nicht wieder zu seiner Ausgangsposition zurückkehrt und fortan Größeres von uns verlangt – wie ungünstig wäre das denn?

Hinter all meinen Sicherheitsgedanken, so habe ich gemerkt, steckt ausschließlich Angst. Die Angst vor Ungewissheit, die Angst vor dem Treffen von Entscheidungen, die Angst vor dem Verlassen meiner Komfortzone, die Angst vor Kontrollverlust, die Angst, nicht mehr zurück zu können, die Angst davor, dass es unbequem und anstrengend werden könnte und ganz besonders auch die Angst vor dem Versagen.

Das bedeutet umgekehrt, dass ich – solange ich mich sicher fühle – nicht bereit bin, meine Komfortzone zu verlassen, Kontrolle durch Vertrauen zu ersetzen, neue Herausforderungen freudig anzunehmen und mich weiterzuentwickeln. Die Folge davon ist wiederum, dass ich unflexibel werde, in einer Art Sackgasse festsitze und am Ende vielleicht sogar breche wie ein Baum, der sich weigert, seine Bewegung dem Wind anzupassen. Willst Du das wirklich?

Ganz grundsätzlich stelle ich immer wieder zwei Dinge fest.

1. Das Leben, das wir heute im Außen führen, in einer Welt, in der alles möglich ist, stellt einen diametralen Gegensatz zu der Sicherheit dar, die wir uns so sehr wünschen.

2. Das Leben, das wir heute im Innen führen, projiziert das Gefühl der Sicherheit auf Dinge, Menschen, Besitz, Aufgaben, Geschehnisse und Umstände im Außen.

Erkennst Du den Widerspruch?

Neben all den Herausforderungen, die wir ohnehin täglich bewältigen, führen wir auch noch einen ständigen Kampf mit uns selbst. Wir lassen uns durch unbedeutende Kleinigkeiten und Banalitäten fehlleiten und von den großen Dingen und unseren Zielen abhalten. Zu 95% der Zeit nutzen wir ausschließlich unseren Verstand, haben unsere Intuition, unser Herz und unseren Zugang zu unserem unterbewussten, unerschöpflichen Wissen weitestgehend ausgeschaltet. Wir packen Dinge gar nicht erst an, denn am Ende könnten sie uns ja unsere heißgeliebte „Sicherheit“ kosten. Aus diesem Grund vermeiden wir selbst jegliche Gedanken an etwas Größeres, an Veränderung, denn unterbewusst wissen wir genau, dass unsere Gedanken zu Gefühlen werden, unsere Gefühle zu Worten und unsere Worte schließlich zu Taten. Und dann gäbe es kein Zurück.

Durch all das schaffen wir uns einen konstanten Zustand von Mangel in unserem Leben. Einen Mangel an Lebensfreude, psychosozialer und physischer Gesundheit, Flexibilität, Freiheit, Wachstum und Wohlstand.

Wenn Du einmal all das in eine Waagschale wirfst und auf die andere Seite Deinen Gewinn (die Sicherheit) legst, wirst Du feststellen: Diese Sicherheit ist ganz schön teuer.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal explizit auf das Thema Mangel eingehen, denn die Folgen dessen sind weitreichender, als Du es Dir vielleicht vorzustellen vermagst.

Um das Gefühl von Sicherheit und Stabilität aufrechtzuerhalten sind wir einen Großteil unserer Zeit damit beschäftigt, Rollen auszufüllen. Rollen, die uns vertraut sind, deren Erwartungshaltungen wir kennen und deren Erfüllung uns einen Rahmen gibt, der uns wiederum das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Wir nehmen in unserem Leben ganz verschiedene Rollen ein, sind Tochter/Sohn, Mutter/Vater, Angestellte/r, vielleicht Führungskraft, erfolgreich, wohlhabend und Vieles mehr. Das Ausfüllen dieser Rollen ist ein Teufelskreis: Wir arbeiten hart, um mehr Geld oder Anerkennung zu erlangen, wollen immer mehr werden und haben, um das innere Gefühl des Mangels zu überwinden und unsere vermeintliche Sicherheit und Identität künstlich aufrechtzuerhalten. Schließlich identifizieren wir uns ausschließlich mit all dem, was wir im Außen haben und sind.

Diesen Mechanismus macht sich übrigens auch die Industrie zunutze, nicht nur die Konsumgüter- sondern besonders auch die Pharma- und die Kosmetikindustrie. Wir lassen uns suggerieren, dass wir in jeglicher Hinsicht nicht gut genug, gar mangelhaft sind und geben bereitwillig unser hart verdientes Geld dafür aus, um diese mutmaßlichen Mängel an uns selbst oder in unserem Leben zu beseitigen. Schließlich sind wir fixiert auf unsere Außenwahrnehmung und tun alles dafür, um Idealen zu entsprechen. Wir verbieten uns insgeheim, uns für unser Leben und das, was wir eigentlich sind, zu begeistern, rotieren stattdessen wie ein kleines Zahnrad im System und jagen täglich noch mehr hinterher. Für uns ist es nahezu unerträglich, unser wahres, ganz nacktes „Ich“ auszuhalten. Daher nutzen wir unseren Besitz und die Unterhaltungsindustrie, um uns abzulenken von dem, was wir eigentlich sind. Wir geben jegliche Verantwortung ab, begeben uns in eine Opferrolle und sind allen Reizen von außen treu ergeben.

Wir haben uns also im Laufe der Zeit eine falsche Realität geschaffen, in der wir seither eingesperrt sind.

Wir vermeiden es tunlichst, uns die folgenden Fragen zu stellen:

Wer bin ich noch, was bleibt von mir übrig, wenn ich alle Rollen in meinem Leben ablege?

Was zählt im Innen, wenn im Außen alles schwindet?

Lass uns im nächsten Step einmal schauen, weshalb wir diesen schlechten Deal freiwillig und dauerhaft einzugehen bereit sind.

 

Menschen und ihr Wunsch nach Sicherheit

 

Woher kommt denn nun dieser Wunsch nach Sicherheit, den so viele von uns heutzutage explizit oder implizit haben? Mit dieser Frage habe ich mich lange und ausführlich beschäftigt, denn spätestens als ich festgestellt habe, wie hoch die Kosten dieser vermeintlichen Sicherheit eigentlich sind, habe ich mich selbst nicht mehr verstanden.

Sicherlich könnte man den Wunsch nach Sicherheit auch als ein Laster unserer „neuen Welt“ bezeichnen. Schließlich wird es um uns herum immer schneller, lauter, herausfordernder und die Möglichkeiten, zwischen denen wir uns entscheiden können, expandieren ins Unermessliche. Wo kommen wir denn da hin, wenn es nicht irgendetwas in unserem Leben gibt, das uns ein Gefühl von Sicherheit, von Beständigkeit, Stabilität und Kontinuität gibt?

Das meiste läuft hinter den Kulissen ab, daher sehen wir uns einmal die ständig stattfindenden Mechanismen unserer Innenwelt etwas näher an. Wir Menschen versuchen immer wieder, unsere zukünftige Realität, also die „sichere Zukunft“ so zu erschaffen, wie sie bereits in der Vergangenheit stattgefunden hat und in der Gegenwart stattfindet. Eine gewohnte Routine und vertraute Gedanken und Gefühle führen zu den immer selben Verhaltensweisen, die wiederum die immer selbe Realität hervorbringen. So behalten wir das Gefühl, dass wir alles unter Kontrolle haben, wiegen uns in einer Illusion der Sicherheit.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass unsere Gedanken in unserem Gehirn eine biochemische Reaktion auslösen. Das bedeutet, dass das Gehirn in dem Moment, in dem wir einen Gedanken denken, ein chemisches Signal an unseren Körper senden, der daraufhin sofort reagiert und ein entsprechendes Signal zum Gehirn zurückschickt. Wenn wir nun also über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg immer die gleichen Überzeugungen hegen und somit immer wieder dieselben Gedanken denken, festigen sich die Verbindungen zwischen unseren Nervenzellen, eine Routine entwickelt sich.

Das ganz logische Resultat dieser biochemischen Vorgänge ist, dass wir unsere vertrauten Gefühle immer wieder als Maßstab heranziehen, wenn wir Veränderungsversuche unternehmen, also erste Schritte auf vermeintlich unsicheres Terrain machen. „Vertrautes Gefühl“ und „unsicheres Terrain“ stehen hier bereits im Widerspruch. Wenn wir etwas ganz Neues tun, haben weder Gehirn noch Körper zugehörige Gefühle parat und versuchen, die Gefühle unserer alten Erfahrungen den neuen Erfahrungen überzustülpen. Innerlich führt das zu dem typischen „komischen Bauchgefühl“, dem Gefühl, dass sich etwas „nicht richtig anfühlt“.

Wenn wir nun also Zeit unseres Lebens alle Bemühungen auf Sicherheit und Stabilität ausrichten, modellieren wir dadurch die Struktur unserer Zellen, unserer Neurotransmitter (chemische Botenstoffe, die Signale zwischen Nervenzellen übertragen), der Neuropeptide (chemische Signalgeber, die zwischen Gehirn und Körper vermitteln, damit wir uns so fühlen, wie wir denken) und Hormone (chemische Verbindungen, die für unsere Gefühle zuständig sind). Der Wunsch nach Sicherheit ist also nicht nur etwas bewusst oder unbewusst Konditioniertes, sondern tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes „in Fleisch und Blut“ übergegangen.

Dank der Neuroplastizitätsforschung wissen wir, dass unsere Zellen und Synapsen dazu imstande sind, sich je nach Beanspruchung zu verändern und neu zu verschalten. Solche Veränderungen können wir natürlich nur vornehmen, wenn wir uns über die Vorgänge in unserem Inneren bewusst sind. Unser Gehirn ist der mächtigste Computer der Welt und wenn wir lernen, ihn richtig und zu unseren Gunsten zu bedienen, das wertvollste Instrument unseres Lebens.

Wir können wiederkehrende Gedanken und Gefühle durchaus mit einer Sucht vergleichen. Wenn Du nun versuchst, etwas zu verändern, wird Dein Gehirn anfangs heftigen Widerstand leisten und Dir feuerwerksartig alle möglichen Gründe um die Ohren werfen, die für Deine alte und gegen Deine neue Denkweise sprechen. Diese Phase kann eine ganze Weile dauern – schließlich haben sich die alten Denkstrukturen auch nicht von heute auf morgen entwickelt. An dieser Stelle sind Deine Ausdauer und Dein unermüdlicher Wille gefragt. Es gilt, alle möglichen Gefühle, Gedanken und Körperwahrnehmungen auszuhalten. Dich einmal nicht (wie so oft) ablenken zu lassen vom Außen, sondern alles was ist einfach sein zu lassen.

 

Was ist jetzt also mit der Sicherheit? Gibt es sie oder ist sie nur eine Illusion?

 

Was ist schon sicher?

Wenn Du einmal ganz ehrlich mit Dir bist, kennst Du die Antwort. Das Leben gibt uns die Antwort auf diese Frage, indem es uns zeigt, dass alles entsteht und vergeht. Jeder kommt auf diese Welt und jeder geht zu einem gewissen Zeitpunkt wieder von dieser Welt. Letztendlich gibt es also nichts, das bleibt. Wenn schon nicht das Leben selbst, was dann soll bleiben? Wenn es nichts gibt, das Du am Ende mitnehmen kannst, was ist dann sicher? Alles geht vorüber. An dieser Tatsache lässt sich nicht rütteln.

„Die Qualität Deines Lebens steht in direktem Verhältnis zur Intensität an Ungewissheit, mit der Du entspannt leben kannst.“, sagt Jim Rohn. Und erfahrungsgemäß hat er damit uneingeschränkt Recht.

Die Illusion der Sicherheit bringt uns täglich dazu, die Erfüllung unserer kurzfristigen Bedürfnisse vor den langfristigen Gewinn zu stellen. Sie bringt uns dazu, dass wir es nicht einmal wagen, die Dinge, die wir im Außen gerade scheinbar nicht verändern können, in unserem Kopf zu bewegen. Sie hält uns davon ab, unseren Fokus auf das zu richten, was wir eigentlich wollen und quält uns gleichzeitig mit dem Gedanken, dass wir den Weg dorthin noch nicht kennen. Sie lässt uns in Zeiten des Sturms erstarren und unflexibel werden, will uns vermeintlich schützen und bringt uns letzten Endes dazu, zu brechen. Sie zwingt uns, auf der Reise unseres Lebens immer mehr zu werden und zu haben und dafür weniger zu sein, was wir eigentlich sind.

Bevor Du nun gleich starten kannst, zu ein paar Fragen zum Thema Sicherheit in Deinem Leben zu reflektieren, möchte ich Dir noch drei Dinge mit auf den Weg geben.

=> Jedes Ziel, von dem Du bereits weißt, wie Du es erreichen kannst, ist viel zu klein.

=> Alles, was Du tust, macht etwas aus. Für uns alle. Für immer.

=> Egal, was es ist: Mach es jetzt!

 

Alles Liebe auf Deinem Weg,

 

Franziska

 
 
 
 

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