Doris Gassner: Mein Traum vom Clown


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Mein Traum vom Clown

 

Ich liebe Clowns. Das Geheimnisvolle, traurige, nachdenkliche, melancholische, sensible, fröhliche. Ganz einfach die vielen Gesichter eines Clowns . . .

Eines Tages, ich war ungefähr sieben Jahre jung, erwachte in mir die Idee zu sammeln. Kein Geld, nein, sondern brauchbare Gegenstände wie: Stoffe, Hüte, Zylinder, kleine Täschchen, Boxen, Fächer, Bücher, Bälle, Tücher, Holzstäbe, Buntstifte, Mäppchen, Flacons, Masken, Tassen, Stofftiere, Musikinstrumente, Spielkarten, Würfel, altes Spielzeug. Herzen in jeder Form und Größe, rote Pappnasen. Eine Liste mit Gegenständen, die sicher noch viel länger wird.

Wozu das alles sein soll, entpuppte sich im Moment als berechtigte Frage. Ich bin ein kreatives und ideenreiches Kind,
sagt meine Oma immer wieder. Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine Oma liebt mich und sie hat verstanden. Sie sagt auch immer mach du nur, es wird schon für irgendwas gut sein.

Nur ganz langsam häufen sich meine gesammelten Gegenstände und langsam reift in mir die Idee, dass ich irgendwann einen Kinderzirkus eröffnen möchte. Ich mittendrin als Clown, meiner Traumfigur.

Der Winter steht vor der Tür und damit meine Überlegung, wohin mit allem. Meine Oma und ich sind immer sehr erfinderisch und sie erlaubte mir, ihre Holzkiste auf dem Dachboden zu benutzen, bzw. sie zu füllen, damit das bisher gesammelte keinen Schaden nimmt. Und wenn mein Traum im Frühjahr weiter geht, dann wird es kunterbunt und spannend.

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Über den Winter verbringe ich viel Zeit inmitten meiner bereits gesammelten Utensilien und meine Oma hat mir versprochen, aus einem der Stoffe ein Clownkostüm für mich zu nähen. Meiner Mama haben wir noch nichts von unserem Vorhaben erzählt, es soll eine Überraschung werden. Im Frühjahr erwachten neue weitere Ideen und meine Oma hat es doch tatsächlich geschafft, mir ein Clown-Kostüm zu nähen. Sie war so eifrig und kreativ während ich im Kindergarten war. Das Kostüm war so schön geworden ich war einfach sprachlos.

Es passte genau zu mir. Eine grüne weite Hose mit großen Seitentaschen, am Knöchel mit Gummiband, damit die Hose unten geschlossen und dadurch füllig wirkte. Das Oberteil war aus Rauten genäht in den Farben rot, weiss, grün und schwarz. Die Ärmel waren ebenfalls weit und hatten ein Bündchen, auf der rechten Seite rot, auf der linken grün. Vorne runter bekam ich statt Knöpfe , Wollbommel in den Farben wie die Rauten. Der krönende Abschluss war am Hals eine Halskrause aus weißem Tüll. Wow, es hat einfach super gepasst. Ich nahm meine Oma in meine kleinen Arme und drückte sie vor Freude. Wir konnten gar nicht anders als weiter machen.

Da wir auf dem Land in einem 890-Seelendorf lebten, ohne Telefon, ohne Fernseher, nur mit einem Gemeindeblatt als °Nachrichtenverteiler“, erweist sich alles etwas schwierig. In der Zeit um 1955, kurz nach dem Krieg, hatten die Menschen nicht viel und das was sie besaßen, hielten sie erst mal zusammen und es wurde gespart.

Wir gingen gemeinsam zum Bürgermeister, der uns erlaubte, einen großen Karton an einem Platz zu deponieren, an dem jeder vorbei laufen musste.

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Auf diesen schrieben wir in großen Buchstaben den Hinweis: Ihr dürft mich füllen mit Allerlei aus dem täglichen Leben, außer mit Lebensmittel. Es erwartet Euch als Dankeschön eine ganz besonders große Überraschung.

Eines Tages fanden wir einen Briefumschlag ohne Absender zwischen all den Gegenständen. Wir waren ganz schön neugierig was uns hier anonym übermittelt wurde und wir lesen: „Liebe Sammler und Inhaber dieser Box. Ihr macht mich neugierig, was habt ihr vor mit all den Dingen?“ „Auch ich habe einige brauchbare Dinge für Eure Sammlung zu Eurem Vorhaben, aber ich möchte Euch gerne persönlich kennen lernen, um meine Spende zu übergeben. Es gibt eine Geschichte dazu, die ich Euch zu passender Zeit erzählen möchte. Meine Artikel könnten für Euch wichtig sein, denn irgendwie habe ich das Gefühl, ich selbst hatte einen
ähnlichen Trau vor vielen Jahren und Ihr seid dabei, diesen auch meinen Traum in die Realität umzusetzen. Hinterlasst bitte im Rathaus wo und wann wir uns persönlich treffen können. Unser Bürgermeister bot uns den kleinen Raum hinterm Bürgersaal, da hätten wir auch Stühle zum Sitzen.
Es war an einem Montag im Mai gegen 14:00 Uhr. Wir saßen schon ganz erwartungsvoll und aufgeregt im kleinen Bürgerraum und ich rutschte nervös und gespannt auf meinem Stuhl hin und her. Bald vernahmen wir Stimmen von draußen und die Tür wurde geöffnet von einem im Rollstuhl sitzenden Herrn mittleren Alters.

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Er war in Begleitung einer Dame, die er uns als seine Haushälterin und Vertrauens- person vorstellte. Es wurde eine sehr angenehme und freundliche Begegnung.

Seine Ehrlichkeit zeigte uns schnell mit wem wir es zu tun hatten. Er erzählte, dass er ein sehr aktiver Unternehmer war bevor der Unfall passierte, der ihn an den Rollstuhl fesselte. Er wohnt in der Nähe vom Bodensee und da seine Mutter in Emmingen auf dem Friedhof begraben ist, legte er wie jedes Jahr, tags zuvor am Muttertag persönlich einen Rosenstrauß auf ihre Ruhestätte. Auf unserem Rathaus hat er öfters zu tun und entdeckte eines Tages unsere recht ungewöhnlich gestaltete Sammelbox mit unserer unübersehbaren schriftlichen, aber auch freundlichen Aufforderung, die ihn beeindruckte. Da er bekannt war für seine Großzügigkeit und sein großes Herz, entstand bei ihm der Wunsch, dass er uns kennen lernen möchte um auch uns zu unterstützen.

Er ließ sich unsere Geschichte von mir erzählen und war zwei Stunden später mächtig beeindruckt von unseren Ideen, die doch schon recht fortgeschritten waren.

Als ich mit erzählen fertig war, wirkte er ein wenig traurig und nachdenklich unbd doch zeigten seine Augen ein Leuchten und seine weichen Gesichtszüge eine beginnende Begeisterung.

Er nahm uns beide in den Arm und antwortete: „Das Vorhaben planen und machen wir gemeinsam wenn ihr wollt“, dann den Blick auf mich gerichtet, °Ich wünsche mir sehr, dass Du niemals °Trapezkünstlerin“ wirst, sondern als °Clown“, deiner Traumfigur am Boden die Menschen glücklich machst. Wir begannen alle vier zu lachen und zu planen. „Hermann“ und seine „Trude“, meine Oma war ab sofort die „Oma Dora“ und mich nannte man °Clown-Pippa“.

Im Vierer-Pack ergaben wir ein gutes Gespann und waren fortan am Planen und kreieren. Meine Oma war von seiner Idee und seinem Angebot so gerührt, dass sie gleich als Dank für uns 5 anbot – meine Mama inbegriffen – bei uns zu Hause ein feines Essen zu kochen.

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Seine Freude war groß, denn er liebte die Landküche und er wollte auch meine Mama kennen lernen, um sie zu einer solch ideenreichen Tochter und Mutter zu beglückwünschen. Meine Oma zauberte eine Woche später am Sonntag ein richtiges Festmahl mit Mamas und Trudes Unterstützung. Sie hatten gemeinsam ein tolles Menü zusammengestellt: Frittatensuppe, Schweinebraten mit Soße, Kartoffel-Püree und Rotkraut, zum Nachtisch gab es Omas beste Apfelküchle, diese sind immer ein Gedicht. Beim Essen erzählte er uns ein bisschen über seine Vergangenheit, er hatte nämlich eine ähnliche Idee. Der Zirkus ließ ihn nie ganz los, obwohl er seine junge Frau und seine Tochter, die beide Trapezkünstler waren, bei einem tragischen Unfall im Zirkus verloren hatte.

Im weiteren erzählen stellte sich heraus was uns noch verbindet und zwar haben wir beide am selben Tag Geburtstag, was uns als Waagegeborene zu „Schöngeistigen Menschen“ entwickelte. Wir liebten Kunst, Kreativität und Musik.

Er ist ein liebenswerter Mensch und glaubt immer an das „Gute“ im Menschen. „Hermann“, wie wir ihn von nun an nannten, unterstützte uns finanziell und mit weiteren umsetzbaren Ideen. Als Unternehmer hatte er wieder eine Aufgabe, die ihn voll beanspruchte. Ein Konzept zu erstellen und zu planen scheint ihn richtig zu begeistern und neu zu motivieren. Hermann bot uns an, seine sowieso brach liegende Halle abzubrechen und ein zeltartiges Zirkusgebäude zu errichten, in dem wir unsere Ideen umsetzen können. Es war eine gigantische Idee.

Von nun an waren wir öfter zusammen. Er half mir beim lernen und anschließend übten wir „Clown-Nummern“ ein. Meine Oma hatte sich in unserem eh schon kleinen Haus eine Nähecke eingerichtet und sie nähte für mich die tollsten Clown-Kostüme, in den schillerndsten Farben und Stoffe.

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Unser Vorhaben nahm Formen an. Die Halle fiel inzwischen dem Abbruch zum Opfer und wurde bereits entsorgt, der Platz war geebnet. Hermann hatte Pläne und ein Konzept für den Architekten erstellt, die er rasch umsetzte. Er erarbeitete ein richtiges „ZirkusProgramm“, sozusagen ein Drehbuch mit Szenen zum Lachen und zum Weinen. Am Klavier möchte er selbst sitzen und spielen, das war sein Lieblingsinstrument und auch Handorgel. Ich spielte Flöte, Geige und Mundharmonika. Wir hatten eine Menge zu tun, vor allem Hermann hatte vieles zu organisieren.

Zwei Jahre später war es dann soweit. Aus unseren Ideen wurde ein Unternehmen: Der „Clown-Zirkus Pippa & Co“. Während dieser Zeit hatten wir viele Nummern einstudiert, Musikstücke wurden geschrieben. Hermann hatte für alles seine Beziehungen und gute Kontakte aktiviert. Er war beliebt und hatte für jeden ein offenes Ohr und nie ein böses Wort. Und vieles was manchmal unmöglich schien, war letztendlich umgesetzt und verwirklicht worden.

Die Eröffnung sollte im Mai stattfinden, an dem Tag als wir unser erstes gemeinsames Gespräch hatten. Wir ernannten den Tag auch als unseren zweiten Geburtstag. Das Zirkushaus war einfach wunderbar geworden, genauso wie wir es uns vorgestellt haben, vielmehr wie Hermann es plante. Es wurde rund mit viel Glas gebaut und in weiss gehalten. In der Mitte erstreckte sich eine Kuppel, auf die im Außenbereich ein bandartiges Gebilde montiert wurde mit dem Namen: Clown-Zirkus-Pippa&Co. Am oberen Rand des Gebäudes in etwa vier Meter Höhe wurden bunte Kreise angebracht, mit Text beschriftet und Illustrationen bemalt, mit allem was im Programm geboten wird.

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Es gibt Ponys und auch Kleintiere mit denen wir lustige Szenen eingeübt haben. Pudel, kleine Eisbären Hasen, Kaninchen. Der kleine Affe „Cocco“ ist mir besonders ans Herz gewachsen. Wir haben viel gemeinsames eingeübt, wir haben gelernt, gemeinsam zu lachen zu weinen und zu tanzen. In der Mitte gab es die runde Manege, um diese verteilte sich eine bunte Bestuhlung, die Platz für 500 Zuschauer bietet. Diese ist in bunten Farben gehalten, rot, blau, grün und violett in Reihen gestaltet.

Die Eröffnung fand am Mittag statt und war ein gigantisches Erlebnis, bis zum letzten Platz gefüllt. Es waren überwiegend Kinder gekommen, die Kleinsten mit ihren Eltern oder Mamis und Omas. Ich selbst war mächtig nervös und hatte Lampenfieber was sich aber bald legte, da mich Hermann am Klavier musikalisch begleitete.

Meine Darbietungen waren meist stumm mit vielen Tricks, Tanz- und Turnnummern. Mein Äffchen „Cocco“ begleitete mich und brachte mit mir zusammen das gemischte Publikum zum Lachen und auch zum Weinen. Die vordersten in der Reihe holte ich teilweise in die Manege für manche Tiernummern. Die vielen Kulleraugen-Paare zeigten Begeisterung. Ich wechselte hinter der Bühne öfters mein Kostüm, um mit meinem Äffchen neu verkleidet zu erscheinen. Hermann konnte wundervoll Klavier spielen. Er bekam natürlich auch eine rote Nase und eine riesige bunte Schleife zum schwarzen Jacket. Seine Hände waren in weiße Handschuhe verpackt, die gekonnt über die Tasten tanzten.

Unsere erste Vorstellung war einfach wunderbar gelungen, reich beklatscht und in der Presse höchst gelobt worden.

 
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Viel später, als alle gegangen waren, haben wir uns noch zusammengesetzt und sind uns gegenseitig in den Armen gelegen. Wir waren einfach glücklich und zufrieden. Die erste Vorstellung war für uns ein Traum mit traumhafter Resonanz . . .

 

– Ende –

 
 

Erstes Bild / First picture thanks to © Doris Gassner

http://www.gassner-wandart.com

Zweites Bild / Second picture thanks to © Christine Ellger

https://www.facebook.com/christine.ellger

 
 
 

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