Synästhesie – kurzer wissenschaftlicher Überblick 2018


Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mitglieder,
liebe Besucherinnen und Besucher,

wir, das Team des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte, freuen uns, euch mitzuteilen, dass wir unsere Zusammenarbeit mit dem Vorstandsteam der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft e. V. (DSG) mit Sitz in Aalen/Deutschland begonnen haben. Unser gemeinsames Ziel ist die Auf­klärung über das Wesen von Sinnes­wahr­nehmungen und die Kommunika­tion von synästhesie­begabten Menschen und die Bekanntmachung sowie Förderung der Akzeptanz der Synästhesie in der Bevölkerung.

Wir danken dem Team der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft e. V., vor allem Frau Dr. Caroline Beier und Herrn Martin Schmiederer, für die Zusammenstellung des aktuellen Überblicks über die derzeitige Synästhesieforschung, die sie uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Im folgenden möchten wir euch diesen wissenschaftlichen Überblick 2018 über die Synästhesieforschung vorstellen.

 

Herzlichst,

Gründerin Çiğdem Gül
im Namen des Teams des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte

 
 
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Synästhesie – kurzer wissenschaftlicher Überblick 2018

 

Was ist Synästhesie?

Synästhesie ist ein neurologisches Phänomen, bei dem die Stimulation eines Sinnes parallel im Gehirn eine Reaktion hervorruft, als wäre ein weiterer Sinn angesprochen worden. Zum Beispiel löst das Hören von Wörtern neben der akustischen Wahrnehmung auch einen Geschmackseindruck aus. Viele Verknüpfungen sind möglich; aktuell sind über 80 Synästhesieformen bekannt.

Synästhesien können die gleiche Sinnesqualität betreffen, z.B. kann ein schwarz gedrucktes A eine rote Farbwahrnehmung hervorrufen, oder es betrifft zwei verschiedene Sinnesqualitäten, z. B. ruft ein Geräusch oder ein Klang eine Farbwahrnehmung hervor. Da beide Wahrnehmungen gleichzeitig auftreten, wird manchmal auch von „Doppelwahrnehmung“ oder Mitempfindung gesprochen.

In Studien konnten als allgemeine Eigenschaften von Synästhetikern, unabhängig von der Synästhesieform, sowohl ein besseres Gedächtnis als auch ein erweitertes episodisches Gedächtnis und eine vielfältigere Erinnerung, z.B. an sensorische Details und eine erhöhte Intelligenz und Offenheit festgestellt werden. Einzelne Synästhesieformen gehen oft noch mit einer gesteigerten emotionalen Empathie, einer besseren visuellen Vorstellungskraft oder einem besseren Langzeitgedächtnis einher.

Wichtige Eigenschaften von Synästhesien sind ihr automatisches, zuverlässiges und gleichbleibendes Auftreten. Sie können auch nicht bewusst kontrolliert oder unterdrückt werden. Zufällige, gewollte oder gelernte Assoziationen sind hierbei nicht gemeint, ebenso sind andere Wahrnehmungsphänomene davon abzugrenzen.

Synästhetische Wahrnehmungen wurden zwar seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert, jedoch wurde erst in den vergangenen Jahrzehnten die Authentizität von synästhetischen Wahrnehmungen und deren Mechanismen tiefgehend wissenschaftlich untersucht. Dieses Wiederaufleben in der Forschung hat nicht nur zu Entwicklungen in unserem Verständnis der Mechanismen, die zu synästhetischer Wahrnehmung führen, beigetragen, sondern auch zu wichtigen Erkenntnissen über die typischen Kognitions- und Wahrnehmungsmodelle geführt.

 

Wie entsteht Synästhesie?

Das ist sicherlich eine der momentan spannendsten Fragen in der Synästhesieforschung und allein in den Jahren 2015-2018 gibt es in den knapp 200 wissenschaftlichen Publikationen über Synästhesie eine intensive Debatte. Eine wichtige und noch unbeantwortete Frage lautet: Ist Synästhesie genetisch bedingt, oder wird sie erworben? Es gibt jeweils sehr starke und fundierte Argumente. Wie sich Synästhesie im Kinderalter entwickelt, konnte in mehreren Studien bereits genauer gezeigt werden. Aus zufälligen Assoziationen, die über die Zeit reifen, entstehen fixe und gleichbleibende Synästhesien, die in einem Alter von 6/7 Jahren zu 34% und in einem Altern von 10/11 Jahren zu 71% fixiert sind. Bereits den Kindern hilft die reichere und vollere Wahrnehmung. So konnten 10-11-jährige Schulkinder mit Graphem-Farb-Synästhesie überdurchschnittliche Leistungen bei einer Verarbeitungsgeschwindigkeitsübung erbringen und mit deutlichem Vorteil bei einer Gedächtnisstudie (Erinnerung von Buchstabenreihen) abschneiden.

 

Gibt es individuelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Synästhetikern?

Zunächst sind die Zuordnungen bspw. von Farben, A kann also rot oder jede andere Farbe haben, individuell verschieden. Wie diese Zuordnung entsteht, ob es also entwicklungsbedingte, sprachbedingte, oder andere Faktoren gibt, die dazu beitragen, wird in einer großen Anzahl von Studien diskutiert.

Eine gängige Unterscheidung ist jene zwischen Projektoren, die Synästhesien außerhalb ihrer selbst wahrnehmen und Assoziatoren, welche diese Wahrnehmungen als vor dem inneren Auge beschreiben.

Eine andere Unterscheidung von Synästhesien ist zwischen „higher“ and „lower“. „Higher“ bedeutet hier, dass diese auch ohne physischen Stimulus auftreten, d.h. bspw. ohne das Lesen eines Buchstaben, sondern nur durch das Denken und Vorstellen desselben. „Lower“ bedeutet, dass die physische Präsenz des Stimulus erforderlich ist, um die Synästhesie auszulösen.

Die Synästhesieforschung liefert aktuell viele neue Ansätze im Verstehen der Synästhesie. Weitere Differenzierungen und neue Erkenntnisse sind zu erwarten und werden unser Bild über die Synästhesie auch in den nächsten Jahren weiter bereichern.

 

Wie viele Leute haben Synästhesie?

Die vorsichtigeren Schätzungen in Hinsicht auf die Verbreitung des Phänomens gehen von 4% der Bevölkerung aus. In Deutschland sind das immerhin 3,2 Millionen Menschen.

Entgegen früherer Vermutungen konnte eine ungleiche Verteilung zwischen Männern und Frauen in jüngeren Studien nicht mehr festgestellt werden.

 

Welche wissenschaftlichen Methoden gibt es, um eine synästhetische Wahrnehmung festzustellen?

Zur Feststellung einer Synästhesie werden heutzutage bspw. eine adaptierte Form des Stroop-Tests, der Visual Search Task oder die Perceptual Crowding Experiments verwendet. Es gibt auch einen Online-Test, die sogenannte Online battery. Ebenso gibt es für die Mirror-Touch-Synästhesie ein eigenes Testverfahren. Es gibt auch Fragebögen, bspw. zur Beschreibung individueller Differenzen von Synästhesien (Coloured Letters and Numbers), oder zur genaueren Untersuchung der Sequenz-Raum-Synästhesie.

 

Wie kann ich mich genauer informieren?

Auf der Homepage der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft www.synaesthesie.org findest Du weitere Informationen und detaillierte Angaben zu den wissenschaftlichen Quellen.

 
 
 

Bild / Picture thanks to © Jürgen Werner Apel (Mannheim/Deutschland)