Über das Geheimnis der Hingabe


Über das Geheimnis der Hingabe
 

Von Çiğdem Gül – 30.10.2014

 

Es gibt sehr viele Definitionen und Perspektiven der Hingabe. Sicherlich haben sie alle ihre Daseinsberechtigung. So kann man die Hingabe aus der Sicht der Spiritualität, Bhakti Yoga Meditation, Psychologie, Religionswissenschaft, Literatur, Kinoleinwand etc. betrachten, wobei die Psychologie und die Religionswissenschaft sie als Ekstase, `Außer-sich-geraten´ und psychische Ausnahmezustände definieren.

Ich verstand früher die Hingabe als etwas, was man jemanden und/oder einer Sache mit hohem Engagement, Leidenschaft und Aktivität widmet. Dann lernte ich vor ca. acht Jahren eine hochbegabte und hochsensible Frau kennen, von der ich heute noch sehr fasziniert bin, die mir zeigte, dass die Hingabe mehr ist als diese Attribute. Sie erzählte mir, dass sie in ihrer Biografie bereits Vieles positiv erlebt und gefunden habe. Und trotzdem spüre sie, dass ihr irgendetwas Wichtiges fehle. Sie wüsste lange Zeit nicht, was ihr genau fehlte, bis sie eines Tages zufällig von der Existenz einer indischen Frau namens Mata Amritanandamayi, auch Amma (Mutter) genannt erfuhr.

„Amma ist auf der ganzen Welt für ihre selbstlose Liebe und ihr Mitgefühl allen Menschen gegenüber bekannt. Sie hat ihr gesamtes Leben der Aufgabe gewidmet, die Schmerzen der Armen und all derer, die körperlich oder emotional leiden, zu lindern. Amma inspiriert, ermutigt und transformiert Menschen durch ihre körperliche Umarmung, ihre spirituelle Weisheit und ihre karitativen Projekte. Bislang hat Amma mehr als 30 Millionen Menschen umarmt und getröstet.“

Quelle: http://www.amma.de

Meine damalige Bekannte stellte durch Amma fest, dass ihr die HINGABE im Leben fehlte. Um tiefere Erkenntnisse zu gewinnen und diese sich selbst erfahrbar zu machen, reiste sie nach Indien, um Amma zu treffen. Uns sie traf während einer Großveranstaltung die `Mutter der Liebe und Hingabe´. Die persönliche Begegnung mit Amma sei sehr bewegend und berührend gewesen. Die Worte meiner damaligen Bekannten am Telefon berührten und bewegten mich so sehr, dass ich auch den Wunsch verspürte, irgendwann Amma zu begegnen. Die Hingabe, ein Thema, das mich seitdem sehr fasziniert und ich diesem Thema endlich Ausdruck verleihen möchte.

 

Wenn in der Seele ein spirituelles Erwachen stattfindet, erwacht irgendwann das tiefe Bedürfnis nach innerer Veränderung. Dieser Wunsch kann so überwältigend sein, dass es einem zunächst sehr fern und nicht erfüllbar erscheint. Der Weg der Hingabe bietet eine unmittelbare Möglichkeit, diesen inneren Weg zu gehen. Die Ur-Energie, mit der man verbunden ist, lädt dazu ein, sie ständig zu fühlen… Mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings übt man die Liebe und die höchste Achtsamkeit. Wenn man in Beziehungen begreifen darf, dass es kein neues `Land´ gibt, das zu erobern gilt, sondern das Wagnis, die eigene Wahrnehmung zu verändern, kann man dies als ein wunderbares Geschenk erfahren.

Hingabe hat aus meiner Sicht mit Opferfreudigkeit und Selbstaufgabe nichts zu tun. Sie ist niemals die kritiklose Anbetung, sie verlangt auf keinen Fall das Aufgeben der Eigenverantwortung und fordert erst recht nicht die Unterwerfung.

 

Hingabe ist eine Lebensweise, ein Weg, der zum Herzen führt,

eine Verbindung zum inneren Selbst.

Die Hingabe erlaubt einen natürlichen Fluss im Leben.

Die Hingabe ist das Ein- und Ausatmen.

Hingabe ist das bedingungslose Eins-sein mit dem Moment.

 

Wenn man vollkommen in Hingabe eintaucht, wird die Liebe und die bedingungslose Akzeptanz seiner selbst erweckt. Es gilt nun auf allen inneren und äußeren Ebenen sowie Lebensbereiche das All Eins Sein, (die Kontrolle) loslassen, da sein lassen, nichts tun können und nichts tun, beobachten, wahrnehmen, sich hingeben, sich auflösen, bewusste Dankbarkeit, über die innere Natur, die Machtlosigkeit anzunehmen, über Gier und Hass als Urgrund des Nicht-Verstehens zu begreifen und zu üben. Eingefahrene Muster lösen sich auf. Die Loslösung ist keinesfalls Unterwerfung. Viele der bisher vertrauten Vorstellungen, Erwartungshaltungen, materiellem und emotionalem Festhalten sterben langsam auf dem Weg zur absoluten Hingabe. Ebenso viele Pläne, Wünsche, Träume. Diese Art von `Sterben´ ist sehr beängstigend und schmerzhaft, aber im Laufe des inneren Prozesses auch heilsam und befreiend. Eine ganz neue Dimension des Daseins öffnet sich. Es ist so, als würde man am Ende des langen und dunklen Tunnels endlich wieder Licht sehen; mit dem Unterschied, dass dieses Licht ein anderes Strahlen hat, viel weicher und wärmer ist. Dieses Licht umarmt das neu gewonnene Vertrauen in das Leben und Universum. Das Vertrauen darf nicht mit der Naivität und dem blinden Vertrauen verwechselt werden. Vertrauen ins Leben zu haben bedeutet vielmehr, eine offene Haltung einzunehmen. Diese offene Haltung ermöglicht es uns, den gegenwärtigen Moment einzubeziehen.

 

Hingabe bedeutet, anzuerkennen, dass man nicht weiß, wohin sie führt.

 

Es entsteht Raum für tiefe Dankbarkeit, Freude und eine neue optimistische Lebenseinstellung. „Die wahre Hingabe hat ihre Wurzeln in einer ehrfurchtsvollen Dankbarkeit, die zugleich klar, geerdet und intelligent ist.“ (Sogyal Rinpoche, Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben, S. 168 f.) http://www.martinrubeau.de/Hingabe.pdf

 

Die Liebe durchdringt jeden Aspekt des Lebens.

 

Die Schule der Hingabe ist das LOSLASSEN. Die energetische Wurzel von Hingabe ist NICHT das Tun, sondern SEIN LASSEN, geschehen lassen und über-lassen. Folglich gibst du nicht nur das Handeln auf, sondern du gibst auch den Wunsch auf, etwas zu tun. So wie du die Erwartungshaltung aufgibst, etwas tun zu müssen. Alles Loslassen heißt, alle Wertungen loszulassen. Und es gibt keine Stufen, die danach folgen… und keine Sehnsucht mehr nach einem `Wohin´. Rede mit dem Meer über die Sehnsucht nach dem Meer. Und das Meer wird nur noch schmunzeln. Rede mit dem Meer über die Berge. Das Meer wird auch dann nicht auf die Idee kommen, ein Berg sein zu wollen. In der Mitte des Seins verliert sich alle Sehnsucht. Erst dieses Loslassen eröffnet den Freiraum für NICHT-TUN.

Wei = Tun

Wu = durch nicht

Wei = Tun

Weiwuwei = Tun durch nicht Tun = ist eine chinesische Weisheit des Philosophen Laotse über das daoistische Wirkungsprinzip.

Mit der Annahme der Einladung, loszulassen, findet man die absolute Hingabe. Wenn wir uns hingeben, löst sich unsere Ego-Bezogenheit langsam auf, nicht aber unsere Intelligenz, nicht unsere Stärke.

 

In meinem Weltschicksal begreife und akzeptiere ich die absolute Hingabe und Demut als nur einen Teil, dass dieses System / Kosmos seinen eigenen Weg findet, mit Auswüchsen und Problemen jeglicher Art umzugehen. Dann kann ich den Mut aufbringen, mich auf ein Tun oder Nicht-Tun einzulassen. Während ich mich für das Nicht-Tun und Nicht-Reagieren entscheide, begrenze ich mein Denken, orchestriere meine Gefühle und überlasse mich.

 

„Die Hingabe soll an den Gott der Liebe geschehen, und sonst niemanden.“

 
 
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Bilder / Pictures thanks to © Misti Pavlov (Saint Petersburg/Russia)

 
 
 

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