Çiğdem Gül im Interview für HIGHLY GIFTED – Teil 2 6


Das Interview führte Franziska Dittrich am 27. April 2018 für ihre Webseite und Blog „HIGHLY GIFTED“.

 

Interview Teil 2

 

Franziska Dittrich: Welchen besonderen Herausforderungen stehen hochbegabte Migranten und hochbegabte geflüchtete Asylsuchende aus Deiner Sicht hier in Deutschland gegenüber?

Çiğdem Gül: Hochbegabte Migranten, geflüchtete Asylsuchende und Asylanten stehen vor vielen Herausforderungen, weil sie mit zusätzlichen und vielschichtigen Themen, Missverständnissen, Schwierigkeiten und Hindernissen im Elternhaus und in der Außenwelt konfrontiert sind.

Für Betroffene mit Zuwanderungsgeschichte ist es in der Welt der Durchschnittsbegabten nicht einfach, als Hochbegabte erkannt zu werden, weil sie aufgrund des kulturellen Filters gar nicht sichtbar sind oder von den Betroffenen selber unsichtbar gemacht werden. Dabei haben Risikogruppen wie Mädchen, Alleinerziehende, Kreative, Vielbegabte, Underachiever, Behinderte (z. B. Gehörlose), psychisch Erkrankte und Verhaltensauffällige um ein Vielfaches mehr Barrieren zu bewältigen.

Aus meiner Sicht gibt es viele Ursachen für die Verkennung der Potenziale von hochbegabten Migranten und hochbegabten geflüchteten Asylsuchenden und Asylanten. Gerne möchte ich einige Ursachen aufzählen und aufzeigen, vor welchen ganz besonderen Herausforderungen diese Gruppe der noch nicht erkannten, erkannten, aber nicht geförderten Hochbegabten stehen.

 

Kulturell bedingte Herausforderungen

Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern ist es wichtig, ob die Eltern die Bildung als etwas Wertvolles und Wichtiges betrachten und Interesse an dem Schul- und Hochschulleben sowie Arbeitswelt des Kindes haben. Das beginnt bereits in der Grundschule, mit der Frage, ob Eltern ihre Kinder abends zeitig ins Bett schicken, regelmäßig Butterbrote für das Kind schmieren und bei den Hausaufgaben helfen. Wenn kein Interesse an dem eigenen Kind, an seiner Schulwelt und an der Bildung besteht, wird eine evtl. Begabung und Hochbegabung seitens der Eltern kaum erkannt werden. Vor dem Hintergrund meiner über 40-jährigen Beobachtung und Erfahrung in Deutschland mit der Gruppe der bildungsfernen Migrantenfamilien und z. B. als ehemalige Förderlehrerin bei einem italienischen Verein für italienische Schüler, erlebte ich bei Familien oft, dass es bei dieser Gruppe keine Selbstverständlichkeit ist, Interesse an der Bildung und an der Person des eigenen Kindes zu haben. Da bei der Mehrheit der Südländer die Kollektivität eine große Rolle spielt, wird bei bildungsfernen Migranten weniger darauf geachtet, ob die Einschlafzeiten der Kinder eingehalten werden oder, ob Eltern mit ihren Kindern gemeinsam Hausaufgaben erledigen. Da ist es für sie wichtiger, lieber auf dem Parkett eines gesellschaftlichen Events teilzunehmen, wie z. B. auf einer türkischen Hochzeit mit 1.000 Gästen bis in die Nacht mit den Kleinkindern zu tanzen.

Sprachbarriere der Migranteneltern ist kein Hindernis, neben dem eigenen Kind am Tisch zu sitzen, während es die Hausaufgaben macht, und mit Fragen Interesse an der Schulwelt des Kindes zu zeigen. Sprachbarriere der Eltern ist ebenfalls kein Hindernis, an den Elternsprechtagen des Kindes teilzunehmen. Es ist eher die Bequemlichkeit. Auch einem begabten und hochbegabten Kind, das sich grundlegend anders und fremd fühlt, würde es schon helfen, wenn seine Eltern und Geschwister Interesse an ihm hätten.

Es gibt Dinge, die Migrantenkinder so verinnerlichen, dass sie sie nicht für erwähnenswert halten. Das beginnt bei der eigenen Muttersprache. Wenn man sie nach ihren Sprachkenntnisse fragt, kommen sie selten auf die Idee, auch ihre eigene erste Muttersprache zu erwähnen.

Oftmals fehlen familiäres Lernumfeld und Lesegewohnheiten oder eigenes Zimmer zum Lernen, Eltern gehen nicht zum Elternsprechtag und nehmen an der schulischen Entwicklung des Kindes kaum teil.

 

Hoher Stellenwert des Kollektivismus in der Herkunftskultur kontrastiert mit Individualismus in der deutschen Aufnahmegesellschaft

In bestimmten Herkunftskulturen von Arbeits- und Fluchtmigranten – und vor allem in der moslemischen Welt – spielen Hierarchiedenken, kulturell definierter Respekt und Konformität vor Eltern, älteren Familien- und Gruppenmitgliedern, Lehrern und Beamten eine große Rolle. Sie gelten als Autoritätspersonen, denen man nicht widerspricht. Andernfalls entspricht die mit ihnen nicht konforme Artikulation der eigenen Standpunkten einer persönlichen Beleidigung, Grenzüberschreitung oder einem Verstoß gegen gesellschaftliche Normen. Mit einer solchen Erziehung ist folglich den Kindern und Jugendlichen eine eigenständige Meinungsbildung fremd. Sie trauen sie sich nicht, einem Lehrer, den sie nicht als Lernbegleiter, sondern als Autoritätsperson wahrnehmen, zu widersprechen. Sie können nicht sachlich argumentieren. Diese gesellschaftliche Konvention, Hierarchiedenken und Gehorchen vor Autoritätspersonen sind für Nicht- in- Hierarchie- denkenden- hochbegabten- Migrantenkinder als Freigeist und Visionäre ein viel schwierigeres Unterfangen.

 

Sprache und Sprachdefizite

Im deutschen Schulsystem interpretieren manche Lehrkräfte die fehlenden oder nicht ausreichenden Deutschkenntnisse des hochbegabten Migrantenkindes fälschlicherweise als Anzeichen mangelnde Intelligenz, geringerer oder nicht vorhandener Begabung. Ich hatte selbst erlebt, wie in meiner Grundschulzeit zwei Freunde von mir seitens der Grundschule in die Sonderschule geschickt wurden, weil sie kaum Deutsch konnten und einen Test wegen Sprachbarriere nicht bestehen konnten. Die Schüler lösten zudem einige Aufgabe nach ihrem herkunftskulturellen Verständnis, Begriffs- und Deutungsinhalte, die im Test nach deutschem Verständnis nicht berücksichtigt und als falsch bewertet wurden.

 

Schwächen des herkömmlichen IQ-Tests

In Deutschland gibt es den herkömmlichen IQ-Test nur in deutscher Sprache.

Sprachbarriere, Sprachniveau oder Bilingualität von Migrantenkindern und Flüchtlingskindern werden darin nicht berücksichtigt.

Ein IQ-Test kann nicht alle Merkmale der Hochbegabung erfassen. Neben den testbaren überdurchschnittlichen Leistungsarten wie z. B. sprachliche und mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen etc., gibt es auch (noch) nicht testbare, aber über dem Durchschnitt liegende Fähigkeiten und Merkmale der Hochbegabung. Diese sind z. B. der sehr hohe Gerechtigkeitssinn, die sehr hohe Kreativität (auch bei der Lösungsfindung), intrinsische Motivation, der Drang zum Perfektionismus, der visionären Geist, die Vielbegabung, die Hochsensibilität etc.. Ein IQ-Test deckt also nur einige Merkmale der Hochbegabung ab. Das Thema der Hochbegabung ist somit mehr als nur eine sehr hohe Intelligenz, überdurchschnittliche sprachliche, mathematische und/oder musische etc. Fähigkeit. und Merkfähigkeit.

Bei Arbeits- und Fluchtmigranten kommt hinzu, dass bei einem herkömmlichen IQ-Test auch ihre Herkunftskultur nicht berücksichtigt wird. Aus meiner Sicht wäre dies aber sehr wichtig, weil man den Menschen und seine Sozialisation nicht isoliert von seiner Kultur betrachten sollte.

In manchen anderen Kulturen gibt es in der Mathematik andere Rechenwege, als es im deutschen Bildungssystem üblich ist. Diese Besonderheit wird in einem herkömmlichen IQ-Test ebenfalls nicht berücksichtigt.

 

Fehlende interkulturelle Kompetenz und Defizitorientierung der einheimischen Pädagogen und Lehrkräfte

Die Wahrscheinlichkeit, hochbegabte Schüler mit Migrationshintergrund zu erkennen, ist für Lehrkräfte gering, weil es neben der fehlenden interkulturellen Kompetenz auch eine Defizitorientierung gibt. Der Fokus wird selten auf Ressourcen gesetzt. Entsprechend gering sind dann auch ihre Erwartungen, Motivation und Förderung bei Arbeitsmigranten- und Fluchtmigranten-Schülern. Des Weiteren fehlt in Deutschland eine Sensibilisierung von Lehrkräften und Eltern für das Thema Hochbegabung, um das Potenzial von (hoch-)begabten Kindern und Jugendlichen mit oder ohne Migrationshintergrund zu erkennen.

 

Ethnische und institutionelle Diskriminierung

Begabte Migrantenkinder aus der Gruppe der bildungsfernen Familien können den richtigen Verhaltenkodex der bildungsnahen deutschen Familien nicht dechiffrieren. Somit haben sie es trotz gleichen Leistungen viel schwerer im Schulleben als ihre Mitschüler.

Dann gibt es Fälle, in denen begabte Migrantenkinder von der Institution Schule oder von Lehrkräften diskriminiert werden.

Beispiel: In einem mir bekannten Fall wurde ein türkischstämmiges hochbegabtes Kind trotz des IQ-Nachweises von den Lehrkräften der Grundschule daran gehindert, als weiterführende Schule ein Gymnasium zu besuchen, indem sie ihm die Hauptschul-Empfehlung erteilten. Mit dieser Diskriminierung wurde die Biografie eines Migrantenkindes unnötig beeinträchtigt. Aus dem Kind von damals wurde über viele Umwege mittlerweile ein Akademiker. Er hat diese Grundschule nach fast 20 Jahren wegen der damaligen Diskriminierung und Vorgehensweise verklagt.

Das waren einige Ursachen für die Verkennung von Potentialen mit Zuwanderungsgeschichte und Herausforderungen für die betroffenen Hochbegabten, die mir eingefallen sind.

 

Es würde mich interessieren, ob Migration die Intelligenz stärkt. Leider gibt es nach meinem Wissen noch keine Studien darüber.

Frau Dr. Tanja Gabriele Baudson schrieb in ihrem Artikel „Was man in Deutschland über Hochbegabte denkt“ beim Karg Fachportal Hochbegabung (Angebot der Karg-Stiftung).vom 05. April 2016 zu Recht: „Hochbegabte sind auch nicht gestörter als der Rest der Menschheit; im Gegenteil ist Hochbegabung eine ganz wundervolle Ressource, und das Umfeld hat einen massiven Einfluss auf ihre Entfaltung. Negative Vorurteile behindern Entwicklung und können dazu beitragen, dass Menschen ihre Begabung verstecken, um nicht aufzufallen, statt ihr Potenzial umzusetzen.“

 

Franziska Dittrich: Welche Gedanken hast du zum Thema Hochbegabung und Kultur?

Çiğdem Gül: Ich liebe die Vielfalt der Kulturen.

Kultur heißt für mich jedoch nicht nur ethnische Kulturen. Sogar Kaninchenzuchtverein oder Schrebergärten haben jeweils eine eigene Kultur, die sich von der Kultur eines Bankers oder eines Karnevalvereins unterscheiden. Diese Subkulturen sind ebenfalls Kulturen.

 

„Wenn sich viele gesunde Hochbegabte untereinander international begegnen, haben sie weniger Probleme miteinander, als wenn sie auf einen einzigen Durchschnittsbegabten in ihrer eigenen Herkunftskultur treffen.“

 
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„Hochbegabte in der Sahara-Wüste, Hochbegabte im Dschungel, Hochbegabte auf den Bergen Anatoliens, Hochbegabte in der moslemischen Welt und Hochbegabte in der westlichen Welt:
Sie alle haben trotz verschiedener Lebensbedingungen, Kultur, Religion, Wahlmöglichkeiten und Bildungsstand dieselben Grundbedürfnisse wie dazugehörig sein und verstanden werden wollen. Sie haben viele Gemeinsamkeiten, weil sie ähnlich gestrickt sind.

Wenn ich auf der Metaebene über das Thema Hochbegabte im Zusammenhang mit Land- und Kulturzugehörigkeit denke, stelle ich fest, dass es unterm Strich egal ist, in welchem Land man lebt und aus welchem Land und aus welcher Kultur man kommt. Als Hochbegabte ist man gefühlt immer und überall in der falschen Kultur. Und da spielt es auch keine Rolle, ob man Einheimische, Migrant oder geflüchteter Asylsuchender ist.“

 

Für einheimische Hochbegabte, die die deutsche Sprache als Muttersprache ausgezeichnet beherrschen, ist es dasselbe Problem wie für Migranten, geflüchtete Asylsuchende und Asylanten; denn sie werden in der Mehrheitsgesellschaft, Schul- und Arbeitswelt, Politik und Wirtschaft nicht verstanden.

 

„Es wird Zeit für eine neue verantwortungsvolle und ethisch weiterentwickelte geistige Elite, denen es egal ist, aus welchem Land und aus welcher Kultur jemand nach Deutschland kommt.“

 

Wenn ein z. B. ein Hochbegabter als identifizierter Deutsche auf einem Hochbegabten als identifizierten Afghanen trifft, gibt es weniger Probleme als wenn ein Hochbegabter auf Durchschnittsbegabte in seiner eigenen Gesellschaft und Kultur trifft.

Die (Punk-)Kultur eines Punks in Deutschland und die eines Punks in Ägypten sind sich ähnlicher als ihre Punkkultur mit der eigenen Herkunftskultur.

 

„Integration ist nicht in erster Linie ein Problem der Migranten, geflüchteten Asylsuchenden und Asylanten, sondern ein Problem der Hochbegabten.

Auch wenn sich Migranten, geflüchtete Asylsuchende und Asylanten in Deutschland sehr gut integriert haben, haben sie sich als Hochbegabte noch lange nicht integriert, weil die Mehrheitsgesellschaft und die Arbeitswelt sie (noch) nicht integrieren lassen.“

 

Besonderen Herausforderungen für hochbegabte Migranten auf der einen Seite, das seit 60 (!) Jahren defizitäre Bild über sie seitens der Aufnahmegesellschaft auf der anderen Seite, macht das Thema um ein Vielfaches schwieriger.

 

„Was würde denn passieren, wenn in Deutschland unter den Migranten allein bei Türkischstämmigen vermutete bis zu 90.000 hochbegabte Kinder und Jugendliche plötzlich alle als solche erkannt worden wären? Ist Deutschland mit dem seit 60 Jahren (!) defizitär behafteten Bild über Migranten überhaupt bereit dazu, so viele hohe Potentiale zu akzeptieren und sie über das Schul- und Hochschulsystem hinaus in der Arbeitswelt zu besetzen und zu fördern?“

 

Als Arbeiterkind wünsche ich in Deutschland nicht nur flächendeckende und adäquate Förderung für den Schwächeren und den sozial Schwachen in der Gesellschaft, sondern auch für den Hochbegabten. Das gilt für Einheimische gleichermaßen wie für Arbeits- und Fluchtmigranten.

Ich weiß, es ist zwar utopisch, aber ich wünsche trotzdem, dass es in jedem Land ein Weltbürger-Pass eingeführt wird.

 

„Das Thema Hochbegabung ist für mich ein Weg, das seit 60 Jahren (!) in Deutschland existierende unwahre und defizitäre Bild über die Gruppe begabter und hochbegabter Migranten zu öffnen, um es für ein wertschätzendes, kooperatives und dreidimensionales Bild zu korrigieren.“

 

Was können wir tun?

Unser Interkulturelles Netzwerk für Hochbegabte ist eine Möglichkeit von vielen, uns mitzuteilen, zu informieren, aufzuklären und die allgemeine WIR UND IHR- Haltung zu einem nur WIR zu öffnen und zu ändern.

Was fordern wir?

„Wir fordern in der Gesellschaft, Medien, Politik, Wirtschaft, Forschung, Schul-, Hochschul-, und Arbeitswelt, dass in Deutschland das Mittelmaß (als das vermeintliche Maß aller Dinge) um die Bedürfnisse und Gegebenheiten aller Hochbegabten, Vielbegabten, Höchstbegabten, Hochsensiblen und Synästheten – erweitert wird.

 

Franziska Dittrich: Welchen Deiner Beiträge sollten meine Leserinnen und Leser auf keinen Fall verpassen?

Çiğdem Gül: Deine Leserinnen und Leser sollten unbedingt meine folgenden Artikel im Interkulturellen Netzwerk für Hochbegabte lesen:

„Begabung ist keine Frage der Abstammung“

„begabt hochbegabt höchstnaiv in verschiedenen Kulturen“

„Gedankenstil? – Normalbegabte, Hochbegabte, hochbegabte Migranten“

„Über hochbegabte Außenseiter, Innenseiter und eingefärbte Flamingos“

„Viele, zu viele Hochbegabte leben unter ihren Möglichkeiten“

 

Demnächst:

„Hochbegabung und Islam“

Textreihe: „Hochbegabung in anderen Kulturen“

 

Franziska Dittrich: Çiğdem, wie kann man sich mit Dir vernetzen?

Çiğdem Gül: Sehr gerne kann man sich mit mir vernetzen, mich kontaktieren, meine Seiten abonnieren, mir Fragen stellen oder mich als Coach in Anspruch nehmen.

 

Interkulturelles Coaching für Hochbegabte
– Coaching für vielbegabte, hochbegabte und hochsensible Erwachsene

(Meine Webseite befindet sich noch im Aufbau)

Siehe meine Kontaktdaten unter dem Menüpunkt „Kontakt“.

http://cigdemguel.de/

 

Interkulturelles Netzwerk für Hochbegabte

http://www.interkulturellhochbegabte.de/

Gleichnamige Facebook-Community

https://www.facebook.com/interkulturellhochbegabte/

Gleichnamige Twitter- Seite

https://twitter.com/IntHochbegabte

 

Mein Blog für Hochbegabte und Hochsensible

http://interkulturellhochbegabte.blogspot.de/

 

Meine „Internationale Gruppe für Hochbegabte und Hochsensible“

https://www.facebook.com/groups/194391334075079/

 

Franziska Dittrich: Ich danke Dir vielmals für Deine Zeit und Deine Offenheit und freue mich auf unsere weitere Zusammenarbeit.

 

Um das Interview Teil 1 zu lesen, bitte einer dieser Links anklicken:

http://www.interkulturellhochbegabte.de/2018/04/27/cigdem-guel-im-interview-fuer-highly-gifted-1/

https://kultur-und-politik.de/zwei-hochbegabte-frauen-im-gespraech/

https://highlygifted.de/2018/04/30/interkulturelles-netzwerk-fuer-hochbegabte-cigdem-guel-im-interview-teil-1/

 


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6 Gedanken zu “Çiğdem Gül im Interview für HIGHLY GIFTED – Teil 2

  • Jörg Lenau

    Ich respektiere diese außergewöhnliche Herausforderung und dein damit verbundenes herausragende Engagement. Und zwar vor allem auch aus dem Grund, da sich mir hier Parallelen aufzeigen, die auch meinen Lebensverlauf beschreiben. Es ist gar nicht so anders. Auch wenn mein Ursprung nicht so weit weg war vom dem Hier, so war es doch auch auf einem abgelegenen Dorf. Und auch für mich war es bereichernd, das sich mein Leben dort erfüllte mit der Reichhaltigkeit, welche sich dort bot. Es war mir nämlich das ‚selbst leisten‘ und vor allem ‚können dürfen‘, was mich dort bereicherte. In der Nebenerwerbslandwirtschaft als 13-Jähriger den Traktor vor dem Kartoffelernter fahren zu dürfen, während mein Vater hintenauf mit Gehilfinnen die Kartoffeln sortiert, war das Allergrößte, machte mich stolz, daß ich dies konnte und durfte. Zuhause wurden Renovierungen, Anbau- und Umbaumaßnahmen noch selbst bewältigt und wie selbstverständlich war ich bei allen Arbeiten meines Vaters dabei. Mit anderen Kindern spielen fand daneben auch statt. Alles miteinander war füllte mich vollständig aus. Das änderte sich jedoch schlagartig, als mein Vater während meines 15. Lebensjahres verstarb. Alles war und wurde anders. Nichts war mehr wie zuvor. Selbst leisten war meiner Mutter ein Zeichen von Armut und wurde ich zum Gehändikapten. In der Grundschule hatte ich durchweg Einsen, jedoch in der Realschule, in welcher ich mich dann fragte, was man mit dem, was man dort ‚erzählt‘ bekommt, praktikabel anfangen könne, ergab sich mir nur ein Unnutz dessen. So hatte ich wohl regelrecht das ‚Auswendiglernen‘ fortan instinktiv abgelehnt. Im 8. Schuljahr fand ein Intelligenztest statt, bezüglich dessen Ergebnis mir meine Klassenlehrerin mitteilte, daß ich einen IQ von über 140 habe. Ich erinnere mich noch, wie sie da stand und mir dies mitteilte mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Was das ist, das wußte man wohlweislich nicht. Im selben Jahr bin ich dann auch sitzengeblieben.

    Ich habe mich dann über mehrere Jahre arrangiert, bis mir mit 26 Jahren endgültig dies sich derart weit zu einem ‚Anderssein‘ entwickelt hatte, daß mir alles miteinander nur noch als fremd erschien. Das war nicht mein Leben, das ich lebte, sondern irgendeine Willkürlichkeit von anderen – ich wurde aus deren Lebensverhältnis heraus belebt. Somit beendete ich auch von heute auf morgen diesen Lebensabschnitt, da es mir in diesem Verhältnis sich als unabänderlich stellte und begann von Grund auf zu erforschen, was mich da derart um treibt. Was hat es mit dem Sein auf sich, daß eine derartige Widrigkeit und Disharmonie als Substanz des Lebensinhaltes überhaupt stattfindet? Warum wurde das Leben derart andersartig als zuvor? Worin/woraus besteht das Harmonische/Disharmonische? Was ist die Realität dessen, was sich da mehr als Schein als tatsächliches Sein darbietet? Zehn Jahre hatte ich mich mit den Fragestellungen beschäftigt, um diese zu erörtern, jedoch kann neben Antworten noch viel mehr Fragen dabei heraus. Somit machte ich eine erneute Kertwende und wandte mich ab von all dem, was mir ‚wissentlich‘ zuteil wurde in meinem Leben und wandte mich fortan einzig noch dem zu, worüber ich praktische ‚erlebte‘ Erfahrung gemacht hatte. Von hier an erhielt das Ganze eine ganz andere Nuance und die Dinge erhielten Klarheit. Schritt für Schritt ergab sich im Verlauf der weiteren Jahre ein Komplexum an Realitätsbezug, der letztendlich nicht mehr nur fragmentarisch, sondern ganzheitlich sich mir dann als Gesamtordnungssystem herausbildete.

    Schon einst hatte ich erkannt, daß die Erkenntnisse, zu denen ich gelangte, keine persönlichen sind, sondern allgemeingültige und somit strebte ich auch an, dies eines Tages anderen zu vermitteln, damit auch sie dies für sich nutzen können. Maßgeblich ist nämlich hierin, daß man ein halbes Menschleben dafür braucht, um zu solchen Resultaten zu gelangen. Und wie will man dies tun, wenn man doch in der Maschinerie des Gelderwerbes lebt. Für andere unmöglich, aber ich konnte es mir ermöglichen, aus meinem unaufhaltsamen Trieb heraus es zu bewerkstelligen, diese Zeit aufbringen zu können – nicht das Leben mit dem Gelderwerb verbringen zu müssen, worin die Zeit nämlich nicht gegeben ist, sondern über meine Genügsamkeit und Intelligenz ein Leben zu gestalten, welches mir dies ermöglichte. Mit diesen Kenntnissen stehe ich auch heute da, mit dem Unterschied, daß ich mich gravierend darin verändert habe, aber die Welt da draußen ‚in dem Bezug‘ nicht.

    Die Miseren, die man darin antrifft, basieren auf den ‚Weltbildern‘, die da draußen ihr Unwesen treiben. Es hält die Menschen davon ab, wahrzunehmen, was sich ihnen darbietet – was ‚tatsächlich‘ ist. Und hiermit meine ich ‚sinnlich‘, denn im Gegensatz dazu werden die Menschen mit Geistigem dermaßen überhäuft, daß das Sinnliche weitreichen völlig überdeckt wird. So wie auch die Hochbegabungen, die keineswegs derart fixiert sind, sondern eine Individualität in sich trägt, die sich auf vielfältige Weise umsetzen kann. Es geht nur darum, sie sein, wirken und sich umsetzen zu lassen. Aber wo läßt man diesem seinen Lauf? Nirgends, denn das Einzige was zählt, ist der Mechanismus, der funktioniert, wie vorgegeben. Das war schon immer so, nämlich aufgrund der Bedürftigkeit derer, die nicht über ausreichendes Potential verfügen, um das was sie leben, selbst ausfüllen zu können. Es bedarf ihrer der Anderen und aufgrund dessen Bandbreite auch die Maßgabe der Angepaßtheit.

    Es gäbe einen ganz einfachen Weg aus diesem Verhältnis. Dies nennt sich Autodidakt. Die pragmatische Anwendung der eigenen Potenz. Jedoch steht diesem das Erbsystem entgegen, welches sich Einführung der einstigen Erbmonarchie breit gemacht hat bis hin zu den Arbeitsvertragsvergaben, die auch nicht mehr anders verlaufen, als daß sie vererbt werden. Generell alles nimmt einzig noch seinen Weg über das Vererben. Wo steht da Derjenige, welcher sein eigenes Potential in sich trägt – nicht abhängig ist, von anderen zu erhalten – mehr hat, als dieser für sich selbst jemals verbrauchen kann – es sich gar nicht verbraucht, da es sich bei Anwendung sogar noch mehret? Dieser steht außen vor, da er dem System hinderlich ist – diesem nicht entspricht.

    Ja wir sind Außenseiter Çiğdem, aber wir stehen keineswegs außen vor, denn insofern wir uns unseres Potentiales bewußt sind, können wir es auch umsetzen – auf die eine oder andere Weise. Und so gilt es vor allem auch dies anderen zu vermitteln, damit Diejenigen, deren extrem Ausgeprägtheit ihrer Begabungen sie nicht im Käfig halten läßt, ihren Weg bahnen läßt, ihr Potential zu ihrem und ihrer Gemeinschaft Nutzen umzusetzen. DARÜBER kann man es anderen vermitteln und zwar auch einzig darüber.

    Herzlichst in aller Freundschaft

    • Profilbild von Cigdem Guel
      Cigdem Guel Beitragsautor

      Hallo Jörg,

      merci für deinen Kommentar.

      Du hast geschrieben:
      > „Ich respektiere diese außergewöhnliche Herausforderung und dein damit verbundenes herausragende Engagement.“
      .
      Vielen herzlichen Dank für deine Wertschätzung und Kompliment!
      Auch dafür, dass du uns Einblick in deine Biografie gewährt hast.
      .
      Du hast geschrieben:
      > „Das war nicht mein Leben, das ich lebte, sondern irgendeine Willkürlichkeit von anderen – ich wurde aus deren Lebensverhältnis heraus belebt. Somit beendete ich auch von heute auf morgen diesen Lebensabschnitt, da es mir in diesem Verhältnis sich als unabänderlich stellte und begann von Grund auf zu erforschen, was mich da derart um treibt. Was hat es mit dem Sein auf sich, daß eine derartige Widrigkeit und Disharmonie als Substanz des Lebensinhaltes überhaupt stattfindet? Warum wurde das Leben derart andersartig als zuvor? Worin/woraus besteht das Harmonische/Disharmonische? Was ist die Realität dessen, was sich da mehr als Schein als tatsächliches Sein darbietet?“

      Meine Antwort:
      Jeder von uns trägt selbst Verantwortung für sein eigenes Leben. Auch wenn die Außenwelt aus lauter Willkür bestehen sollte, so ist es dann „meine“ Aufgabe, die Welt draußen für mich so zu strukturieren, dass ich sie mir erträglich mache und zudem eine Brücke dorthin baue, um im Dialog mit den Normalos zu stehen.

      > „Die Miseren, die man darin antrifft, basieren auf den ‚Weltbildern‘, die da draußen ihr Unwesen treiben. Es hält die Menschen davon ab, wahrzunehmen, was sich ihnen darbietet – was ‚tatsächlich‘ ist. Und hiermit meine ich ‚sinnlich‘, denn im Gegensatz dazu werden die Menschen mit Geistigem dermaßen überhäuft, daß das Sinnliche weitreichen völlig überdeckt wird. So wie auch die Hochbegabungen, die keineswegs derart fixiert sind, sondern eine Individualität in sich trägt, die sich auf vielfältige Weise umsetzen kann. Es geht nur darum, sie sein, wirken und sich umsetzen zu lassen. Aber wo läßt man diesem seinen Lauf? Nirgends, denn das Einzige was zählt, ist der Mechanismus, der funktioniert, wie vorgegeben. Das war schon immer so, nämlich aufgrund der Bedürftigkeit derer, die nicht über ausreichendes Potential verfügen, um das was sie leben, selbst ausfüllen zu können. Es bedarf ihrer der Anderen und aufgrund dessen Bandbreite auch die Maßgabe der Angepaßtheit.“

      Ja, das ist leider (noch) so.

      > „Ja wir sind Außenseiter Çiğdem, aber wir stehen keineswegs außen vor, denn insofern wir uns unseres Potentiales bewußt sind, können wir es auch umsetzen – auf die eine oder andere Weise.“

      Ob du ein Außenseiter bist, mag ich nicht beurteilen, weil ich dich nicht kenne.
      Ob ich ein Außenseiter bin, mag ich auch nicht beurteilen.
      Die Fragen, die sich mir stellen, sind:
      Wer entscheidet darüber, ob wer „draußen“ oder „drin“ ist?
      Wer entscheidet darüber, ob ich als wertvoll und wertgeschätzt gelebt werde? Ich oder die anderen? Oder beide?
      Bin ich ein Teil der Gesellschaft oder ist die Gesellschaft ein Teil meines Seins?
      Wie kann ich mich für mich einsetzen, ohne gegen jemanden zu sein?
      Siehe hierzu meine Fragestellungen in meinem Artikel „Über hochbegabte Außenseiter, Innenseiter und eingefärbte Flamingos“
      http://www.interkulturellhochbegabte.de/2018/03/28/ueber-hochbegabte-aussenseiter-innenseiter-und-eingefaerbte-flamingos/

      Ja, du hast recht. Wir haben die Möglichkeit unsere Potentiale auszuleben und sie umzusetzen.

      Viele Grüße
      Çiğdem Gül

      • Jörg Lenau

        Immer wieder gerne, denn auch für mich ist dieses Thema und der damit verbundene Sachverhalt zum Kerninhalt meines Lebens geworden. Es wird meinerseits nur nicht ‚interkulturell‘ gehändelt, weil ich eine ‚kulturelle‘ Unterscheidung in der substanziellen Beschaffenheit von Begabungen – generell für mentale Veranlagungen- in keiner Weise ersehen kann und da ich es als ‚menschliches Problem‘ ersehe und nicht Kulturelles. ich finde es jedoch als absolute Notwendigkeit, daß man ‚Stellen besetzt‘, wie du es tust, die bisher unbesetzt sind. Ich bin noch auf dem Sprung, aber auch ich werde dazu meine ganz eigene Stellung diesbezüglich einnehmen und da werden sich wohl noch einige Verbindungen ergeben zwischen unseren Belangen auf dem weiteren Wege.

        • Profilbild von Cigdem Guel
          Cigdem Guel Beitragsautor

          Ich sehe es genauso. Aus diesem Grunde sagte ich im Interview Teil 2:
          „Wenn ich auf der Metaebene über das Thema Hochbegabte im Zusammenhang mit Land- und Kulturzugehörigkeit denke, stelle ich fest, dass es unterm Strich egal ist, in welchem Land man lebt und aus welchem Land und aus welcher Kultur man kommt. Als Hochbegabte ist man gefühlt immer und überall in der falschen Kultur. Und da spielt es auch keine Rolle, ob man Einheimische, Migrant oder geflüchteter Asylsuchender ist.“

          • Jörg Lenau

            Denn von Grund auf ist es zunächst einmal ‚nur‘ eine Begabung – ‚die Ausgeprägtheit‘ von gegebenen Fähigkeiten – die sich auch entfalten müssen über die praktische Anwendung, um sich darüber zu Talenten zu entwickeln (Begabung und Talent unterscheiden die meisten nicht). Insofern somit nur die Begabung zur Betrachtung steht, dann ist es gar nicht so anders, wie bei anderen. Was sich unterscheidet sind maßgeblich die Triebwirkungen, welche dann auch bewirken können, daß man in die Gegenrichtung verfällt eines Unfähigen (mein Sitzenbleiben in der Schule), insofern die Ausprägung derart extrem ist, wie in meinem Fall. Wenn ich heute, das was ich mittlerweile habe mit eigener Kraft auf die Beine zu stellen geschafft habe, anderen darüber vermittle, kommt ebenfalls nur selten ein WOW überhaupt zustande, sondern es ändert sich bei den meisten überhaupt nichts. Es erscheint diesen einzig als fragwürdig. Wie wird es denn allgemein anderen vermittelt – nämlich über Statussymbole, welche sie durch andere erhalten – Universität etc. oder aber durch ‚viel Geld‘ verdienen, mit dem, was man tut. Was es mir aufzubringen ist ist somit, DAS zu vermitteln, was der jeweilige Sachstand ist bezüglich der Vielfältigen Gegebenheiten. Es ist nicht ‚eine Sache‘, sondern es besteht aus einer ganzen Reihe von ‚Mißständen‘, die man nicht als Ganzes bewältigt bekommmt. Und vor allem auch nicht über die Nicht-Hochbegabten!