Çiğdem Gül: Die vielbegabte Scanner-Persönlichkeit 4


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Von Çiğdem Gül – 12.02.2017

 

Ich betrachte das Thema „Begabung“ differenziert.

Wodurch fällt die eigene Begabung auf?

Ist die Begabung wie ein hoher Berg spitz nach oben gerichtet oder wie eine wunderschöne Seelandschaft in die Breite angelegt? Handelt es sich also um breitbasis und bunt angelegte Begabung wie Vielbegabung oder handelt es sich um eine Spitzenbegabung wie Inselbegabung, die punktuell und extrem ist? Es gibt auch hohe Begabungsarten, die in der „Mitte“ liegen.

Die Gesellschaft und die Arbeitswelt honorieren eher die „Bergspitzen-Begabungen“, sprich: Inselbegabungen bei Höchstbegabten (sie sind nur auf einem Gebiet begabt; und zwar extrem begabt), als die breite „Seelandschaft-Begabungen“; sprich: Vielbegabung. Dabei sind breitgefächert-Begabte besser geeignet, die widersprüchlichen Bedürfnisse in einem selbst und die der Außenwelt in Einklang zu bringen als die Inselbegabten.

Mein vorliegender Text thematisiert die vielbegabte Scanner-Persönlichkeit.

Menschen mit einer Scanner-Persönlichkeit sind Brillanten einer besonderen Hochbegabung; sie sind nämlich vielbegabt. Scanner sind zudem farbenfrohe Schmetterlinge, die über die unterschiedlichsten Felder, Blüten und Themen fliegen und dort vorübergehend landen können, um sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen. Sie sind vielseitig offen, abgöttisch begeisterungsfähig, sprudeln vor Ideen und Kreativität, Sie sind ausgeprägt neugierig und interessiert. Für die Scanner steht also das unbändige Interesse an unterschiedlichsten Themen, die nicht einmal miteinander in Verbindung stehen müssen, im Mittelpunkt.

Der Scanner blüht erst dann auf und er ist erst dann nur glücklich, wenn er all´ seine Talente und Vielfältigkeit ohne Einschränkung ausleben darf/ kann. Der Scanner scheint wie eine Sonne auf seine Vielfältigkeit, Interessen und Fähigkeiten, wenn er sie sich selbst erlaubt, diese auszuleben.

Eine Scanner-Persönlichkeit kann sich z. B. für Menschen, Kulturen, Linguistik, Buch schreiben, Medienökonomie, Kunst (Fotografie, Malen, Theater, Musik), Natur, Literatur, Flugzeuge, Astronomie, Forschung, Filme, Parfümherstellung, Chemie, Relativitätstheorie, Tango-Tanz, Psychologie, Medizin, Wirtschaft, Recht, Purpurprachtbuntbarsch, Meditation, Zirkus, Kochen, Pflanzenheilkunde, Warane und manches mehr – und sogar gleichzeitig – interessieren und sich mit diesen Themen eine bestimmte Zeitdauer und sogar simultan beschäftigen.

Manchmal wissen Scanner voller Begeisterung und Tatendrang nicht, wo und womit sie zuerst beginnen sollen. Die Scanner gehen kurz und intensiv auf ein Thema ein… oder sie beschäftigen sich parallel mit den unterschiedlichsten Themen, Berufen und Berufungen. Ein klares Berufsfeld ist für die meisten Scanner – trotz vieler beruflichen Schnittstellen und ihrern Möglichkeiten – schwer zu finden, weil eine Wahl gleichzeitig andere Interessen auszuschließen scheint. Eine von der Außenwelt (Gesellschaft, Familie, Mitmenschen, Kultur, Beruf etc. ) geforderte Einschränkung der eigenen Vielfalt resultiert für den Scanner, dass seine Seele vor Schmerz viel Blut verliert.

Die unangepassten Multitalente werden oft von ihren Mitmenschen kritisiert, weil sie so vieles gleichzeitig anpacken und scheinbar diese auch nicht zu Ende bringen. Daher glauben viele Außenstehende, dass Scanner oberflächlich und sprunghaft seien. Außerdem empfinden sie Scanner als sehr anstrengend. Vielbegabte wiederum langweilen sich schnell, wenn sie nicht ausreichend Input und Themen bekommen, auswählen können oder sich eingeschränkt fühlen. Ihr Hunger nach Abwechslung und Vielfalt muss gestillt werden. Die Monotonie ist für sie der blanke Horror.

Die hochspezialisierte Welt, Gesellschaft, Wirtschaft und Branchen, die nicht auf die Vielbegabung der Scanner ausgerichtet sind, meinen, dass Scanner nicht entscheidungsfreudig seien. Zudem schätzen sie die Multitalente viel zu wenig. Bereits im Kindergarten oder Schule und Studium erleben die Scanner, wie versucht wird, ihnen der übersprudelnde Geist ab-zu-erziehen und die Durchschnittlichkeit einzuimpfen. Sie sollen sich – laut der Umwelt – in ihrer Biographie und beruflichem Werdegang auf Spezialisierung, Expertentum und Zielorientierung konzentrieren. Wenn Scanner diese ablehnen, sind Ablehnung, Unverständnis, Vorurteile, Diskriminierung und/ oder Sanktionen für seine besondere Begabung seitens der Außenwelt vorprogrammiert. Folglich empfindet der Scanner seine größten Stärken so, als seien sie eine Last und ein unlösbares Problem. Viele Scanner-Persönlichkeiten, auch Visionäre unter ihnen, fühlen sich dadurch falsch. Dabei wünschen sich sich sehnlichst einen Platz in der Welt, wo sie ALLE ihre Träume und Wünsche ausleben können. Die Autorin Barbara Sher führte erstmals den Begriff „Scanner-Persönlichkeit“ ein und beschreibt in ihrem Buch „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du 1000 Träume hast“ das Wesen, die Fähigkeiten und Probleme der Scanner Persönlichkeiten.

Es scheint mir wichtig zu sein, zu erwähnen, dass nicht alle Scanner-Persönlichkeiten Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, und Dinge auch sehr wohl zu Ende bringen können. Ich bin selbst eine vielbegabte Scanner-Persönlichkeit und habe meine mittelfristigen wie langfristigen Ziele und Träume in allen Lebenslagen stets im Blick, die ich erreichen und erfüllen möchte und kann. Trotz Scanner-Persönlichkeit mag ich keine halben Sachen und bringe die Dinge immer zu Ende. Erst wenn man diese Begabung lernt anzunehmen, zu umarmen und zu akzeptieren, kann man mit den Schattenseiten dieser Begabung besser umgehen und die Sonnenseite zunehmend genießen.

 
 


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4 Gedanken zu “Çiğdem Gül: Die vielbegabte Scanner-Persönlichkeit

  • Sabra Aicha-Demir

    Hallo meine Liebe Çiğdem!

    Danke für diesen wunderschön geschriebenen Beitrag! Er bringt alles auf den Punkt welches meine Seele berührt!
    Es kommen viele Aha-Erlebnisse auf, und ich kann mich absolut mit dem Text identifizieren!

    DANKE ♡!!!!!

    • Profilbild von Cigdem Guel
      Cigdem Guel Beitragsautor

      Liebe Sabra,

      sehr gerne.

      Merci für deinen schönen Worte über den Beitrag. Ich freue mich sehr, dass er dich angesprochen, erreicht und berührt hat.

      Liebe Grüße
      Çiğdem

  • Peter H. Gogolin

    Schöner Artikel.
    Der Scanner-Typ ist aber trotz seines modischen Namens natürlich in Wirklichkeit uralt. Da war z.B. jemand, der Mathematik betrieb, eine Philosophie entwickelte, eine Rechenmaschine baute, als Historiker arbeitete, Politiker coachte und als Diplomat auftrat. Oder da malte jemand Bilder, erfand Maschinen, arbeitete als Architekt, schrieb Gedichte und wunderbare Tagebücher. Der eine trug den Namen Leibniz, der andere hieß Leonardo. Man nannte sie Universalgelehrte. Aber das war natürlich zu einer Zeit, da man das auch noch sein konnte.

    Heute ist die Spezialisierung derartig weit fortgeschritten, dass sich oft sogar zwei Wissenschaftler, die die selbe Wissenschaft betreiben, nicht mehr verstehen. Deshalb haben Multitalente schlechte Karten. Ich bevorzuge übrigens den Begriff ‚Multitalent‘. Scanner-Persönlichkeit ist im Grunde schon eine Abwertung, weil man da schnell an Oberflächlichkeit denkt. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass das Multitalent etwas ganz Natürliches ist. Niemand wird nur mit einem sehr engen Spektrum an Fähigkeiten geboren, im Gegenteil. Aber die Gesellschaft erzieht uns das Multitalent sehr früh ab. Bei den meisten Menschen schafft sie es auch.

    Beste Grüße, PHG

    • Profilbild von Cigdem Guel
      Cigdem Guel Beitragsautor

      Lieber Herr Gogolin,

      vielen Dank für Ihr schönes Feedback zu meinem Artikel und für Ihren Kommentar.

      Ich habe mich sehr gefreut, ein Ausschnitt Ihrer Perspektive zum Thema kennenzulernen.

      Herzliche Grüße aus Wuppertal
      Çiğdem Gül