Peter H. Gogolin: Der Schriftsteller im Interview – 3 1


Das Interview führte Cyrill Onken.

 
Letzte Fortsetzung des Interviews Teil 1 und Teil 2
 
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Cyrill Onken: Was inspiriert dich?

Peter H. Gogolin: Letztlich wohl einfach mein Gehirn. Auf das ich übrigens sehr vertraue. Also, es inspirieren mich keine Götter, keine Musen, keine Feen, die mir etwas ins Ohr flüstern usw. Alles, was mir in der Welt begegnet, kann zu einer Inspiration werden, aber das setzt voraus, dass das Gehirn etwas damit macht. Die Menschen reden ständig von Kreativität, es gibt einen ganzen Kreativitätsmarkt, man kann Kurse buchen, um zu lernen kreativ zu sein. Und dann hocken sie sich irgendwo in eine Ecke oder schauen in eine hübsche Landschaft und hoffen, dass diese sogenannte Kreativität irgendwie zu ihnen geflogen kommt. Aber das ist natürlich alles Quatsch. Kreativität kann es ohne Wissen nicht geben, denn Kreativität ist nichts anderes als die Neukombination von bereits vorhandenem Wissen. Man muss also über ein großes Wissen verfügen, viel gesehen, gehört, gelesen und auf allen möglichen Wegen erfahren haben, damit daraus etwas Neues entstehen kann. Und wo findet das statt? Im menschlichen Gehirn. Freilich nicht notwendig dort, wo unser bewusstes Ich sich breitmacht. Das Bewusstsein ist wohl nur eine dünne Wellenschicht über einem tiefen dunklen Ozean oder, um es mit einem Bild aus der Computertechnologie zu sagen, das, was bewusst ist, gleicht dem beleuchteten Bildschirm. Und das, was man zielgerichtete Aufmerksamkeit nennen könnte, ist kaum mehr als der Cursor, den wir mit der Maus an eine bestimmte Stelle bewegen. Alles andere – und das sind tausende von Programmen und Subprogrammen – befindet sich dahinter, darunter, ist für den User nicht sichtbar, läuft unbewusst ab. Jeder kennt das simple Beispiel, dass man etwas vergessen hat, einen Namen nicht erinnert usw. Man müht sich ab, es fällt einem nicht ein, man lässt es sein – und dann, am Abend oder am nächsten Tag, wenn man schon längst nicht mehr daran denkt, ist der gesuchte Namen plötzlich da, erscheint auf dem Bildschirm. Da ist ein Programm im Hintergrund abgelaufen, eine der vielen, vielen Subroutinen war für uns am Werk. Aber dafür muss man den Namen natürlich einmal gekannt haben. Wenn da gar kein Name ist, dann kann das Gehirn auch nichts finden. Wenn man nichts weiß, dann findet das Gehirn nichts, womit es kreativ umgehen kann.
Kurz, ich habe das Vertrauen, dass mein Gehirn mit meinem Wissen kreativ kombiniert und mich inspiriert. Und zwar immer, jederzeit, Wort für Wort während des Schreibens. Es gibt allerdings spezielle Auslösesituationen, in denen ich besonders viele Einfälle und Ideen habe oder in denen mir Lösungen für Probleme einfallen. Am besten funktioniert es unter der Dusche. Also, wer mit mir duschen will, der wird dazu verdonnert, den Notizblock zu halten.

 
Cyrill Onken: Woran arbeitest du zurzeit?

Peter H. Gogolin: Es sind, wie so oft, mehrere Arbeiten gleichzeitig. Erstens schließe ich gerade eine Novelle ab, die mit zwei anderen Novellen, die es schon etwas länger gibt, in einer Sammlung erscheinen soll. Sie trägt den Titel (der mir noch nicht richtig gefällt) „Er kommt erst am Abend zurück“. Das resultiert aus einer seltsamen Begegnung, die ich im vergangenen Sommer während eines Aufenthaltes auf einer Insel hatte. Dort suchte ich nach einem ehemaligen Gasthaus, in dem ein Schriftsteller in den 1930er Jahren mehrfach gearbeitet hat. Ich fand diesen Gasthof und stellte fest, dass er seit vielen Jahren leer stand und längst verfallen war. Es war nur noch ein Abbruchhaus, an dem eine Tafel mit der Aufschrift ‚Betreten verboten‘ hing. Ich fotografierte alles, während ich völlig allein diesen Ort umkreiste und mir alles einzuprägen versuchte. Dabei brach die Abenddämmerung herein und plötzlich ging fast lautlos hinter mir eine kleine alte Frau vorbei, sah mich an und sagte: „Er kommt erst am Abend zurück.“
Ich wusste nicht, was und wen sie meinte, für wen sie mich hielt, ob sie mich verwechselt hatte, vielleicht verwirrt war, was auch immer. Ich wusste nur, dass ich die Geschichte dazu würde schreiben müssen. Es ist die Geschichte einer Jenseitsreise.
Zweitens warte ich auf die Fahnen meines Romans „Calvinos Hotel“, der im April 2018 in einer überarbeiteten Neuausgabe erscheinen soll. Die Fahnen sind mir zur Korrektur für heute angekündigt, das Buch wird neu gesetzt sein und etwa 600 Seiten lang sein. Also eine Menge Arbeit, aber ich freue mich sehr darauf.
Und drittens habe ich zu Jahresbeginn einen neuen Roman begonnen. Er heißt „Der Junge hinter der Tür“ und erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich im falschen Körper fühlt und ein Junge sein will. Also eine Transgender-Geschichte. Ich habe das Manuskript, als ich mich daran machte, die Novelle abzuschließen, etwa auf Seite 40 liegenlassen, und will nun hoffen, dass ich es nach Abschluss der Novelle halbwegs fugenlos wieder aufnehmen kann.

 
Cyrill Onken: Wie entstehen deine Figuren?

Peter H. Gogolin: Da ich schon so lange schreibe, muss ich meine Figuren im Grunde nicht mehr bewusst konstruieren. Natürlich weiß ich, wie man eine Figur baut, ich weiß es quasi im Schlaf. Man kann mich mitten in der Nacht aufwecken, danach fragen, und ich erkläre dann, wie man Figuren charakterisiert. Ich unterrichte ja auch seit Jahrzehnten Kreatives Schreiben. Aber für mich selbst mache ich das schon lange nicht mehr so. Eigentlich ist es ein intuitiver Prozess, der hauptsächlich unbewusst abläuft, wenn ich mich mit einem Erzählstoff zu beschäftigen beginne, und zum Ergebnis hat, dass meine Figuren irgendwann bei mir leben und neben mir herzulaufen beginnen. Im Grunde verkehre ich gewissermaßen mit Gespenstern, rede im Kopf mit Gespenstern, die im Laufe der Zeit immer mehr Fleisch auf die Knochen bekommen. Mit manchen lebe ich viele Jahre, bis sie so weit sind, dass sie beginnen wollen, ihre Geschichte zu erzählen. Im Verlauf dieser Entwicklung sehe und erlebe, finde und verstehe ich dann auch andere Dinge, die mir für mich allein nicht so geschehen würden. Es ist fast so, als wenn die mich umgebende Welt Beziehungen zu dem Stoff und den Figuren herstellt, mit denen ich mich gerade befasse. Aber es ist natürlich das Gehirn, es agiert selbständig und lässt mich auf all das stoßen, was ich für die Figuren in meiner Geschichte brauche. Ich bin ganz sicher, dass ich es nicht entdecken würde, wenn ich etwas anderes schriebe. Um zu einem solchen Prozess Vertrauen zu haben, braucht es natürlich eine lange Zeit. Und es braucht umso mehr Vertrauen, als ich nie von mir selbst ausgehe. Viele Autoren, vor allem Anfänger, wählen Figuren, die ihnen selbst zumindest ähnlich sind. Wenn man da fragen würde, warum ist deine Figur so oder warum tut deine Figur das, was sie tut, dann bekäme man, Ehrlichkeit vorausgesetzt, die Antwort: weil ich selbst so bin. Sie schreiben also gewissermaßen über Klone ihrer selbst. Meine Figuren sind keine Klone von mir. Das können sie schon deshalb nicht sein, weil ich zum Beispiel brennend gern über Figuren schreibe, die mir fremd sind. Über Frauen zum Beispiel. Mein Roman „Das Herz des Hais“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die sich auseinandergelebt hatten und sich nach vielen Jahren wieder begegnen müssen. Das hat mich sehr gereizt. „Kinder der Bosheit“ und „Calvinos Hotel“ handeln zu einem großen Teil von Kindern. Ich suche mir also Figuren, die schon grundsätzlich recht weit von mir entfernt sind. Und dann nähere ich mich diesen Figuren mimetisch an, ich verwandele mich so weit in sie, dass ich den Mund aufmachen und sie aus mir sprechen lassen kann.
Darum bin ich auch kein Autor, den die Leser schon an seinem Schreibstil sofort wiedererkennen, weil da immer der gleiche Ton zu hören ist. Eigentlich lehne ich solche Autoren ab. Ich versuche natürlich einen geschmeidigen Prosastil zu schreiben, aber mein Stil soll niemals die Figuren und ihre Geschichte dominieren oder gar überdecken. Ich versuche mich vielmehr in den Dienst der Geschichte und der Figur zu stellen, sodass der Leser in meinen Büchern auch ganz unterschiedliche Stimmen vernehmen kann.

 

Cyrill Onken: Musik ist dein ständiger Begleiter. Und deine Werke sind ebenfalls Kompositionen?

Peter H. Gogolin: Gut, das ist so eine Frage nach Dingen, die ich eigentlich als privat betrachten würde. Wobei ich privat nicht im Sinne von intim verstehe. Privat ist für mich das, was ich unabhängig vom Erzählen der Geschichte, von der ein Buch handelt, als Autor zu erreichen versuche. Dazu gehört der musikalische Aspekt. Ja, mein Leben wäre für mich ohne Musik nicht denkbar. Ich höre eigentlich immer Musik, vom Aufstehen bis zum Einschlafen, während der Arbeit sowieso. Damit meine ich klassische Musik, von Monteverdi bis in die Gegenwart, mit Schwerpunkt Barock-Oper, sowie Jazz, kaum Rock und Pop, außer Tom Waits, Laurie Anderson, Joni Mitchell und ein paar anderen kruden Leuten.
Einfluss auf mein Schreiben hat das, weil ich meine, dass die Sprache musikalisch sein muss. Die meiste Prosa, die man in heutigen Büchern liest, ist einfach stumpf. Sprache muss für mich aber Klang und Rhythmus haben, muss schwingen. Dass die Sprache so vieler heutiger Bücher stumpf ist, liegt daran, dass die Autoren keine Ohren haben, wie man im Jazz sagt. Wenn man keine Ohren hat, dann kann man die Struktur einer Musik oder eines Textes nicht erfassen, dann sucht man den Text nur auf Informationen über den Fortgang der Handlung ab.
Das ist schade, aber ich sagte ja, dass ich das für privat halte. Damit will ich sagen, dass ich von einem Leser nicht erwarte, dass er die musikalischen Strukturen meiner Texte erkennt. Ich tue das eigentlich nur für mich. Als die Maler, die die großen Kathedralen ausmalten, die Deckenbilder malten, da befanden sie sich während der Arbeit auf hohen Baugerüsten und wussten genau, dass der Besucher vom Boden aus gar nicht alles würde sehen können, was sie da malten. Ja, sie malten auch ganz bewusst an Stellen, von denen sie wussten, dass nach dem Abbau der Gerüste, vielleicht über Jahrhunderte hinweg, niemand mehr etwas sehen würde. Warum taten sie das? Einige sicher zur höheren Ehre Gottes, so wie Johann Sebastian Bach seine Musik zur Verherrlichung Gottes schrieb, aber die meisten haben es einfach für sich selbst getan. Es war privat. Gibt so Leute, die sowas machen. Niemand sieht‘s, niemand interessiert sich dafür, niemand bezahlt es. Sie machen es trotzdem.

In meinem Fall ist die musikalische Struktur meiner Texte nur ein Beispiel für diese Art von Privatheit. Eine andere ist die Zeitstruktur meiner Erzähltexte. Ich versuche das Erzählen der zeitlichen Struktur des Romans weiterzuentwickeln. Das ist für mich mein kleiner unsichtbarer Beitrag zur Entwicklung der Romanform. Ausführen kann ich das hier leider nicht. Das ergäbe einen eigenen Essay.

Es ist natürlich so, dass das dem Leser gar nicht auffallen soll, denn sobald dem heutigen Leser so etwas auffällt, fühlt er sich gestört und liest nicht weiter. Selbst ein Autor wie Stephen King hat darüber geklagt und gesagt „Nach der Sprache fragt nie jemand.“ Nun gut, das darf auch so bleiben.

 
 
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Cyrill Onken: Dein Roman „Der Mann, der den Regen fotografierte“ hebt sich deutlich von deinen vorhergehenden Büchern ab. Wie kam es zu dieser Veränderung?

Peter H. Gogolin: Ich bin in den letzten Jahren viel gereist. So auch nach Brasilien, in die Nähe des Amazonas, um dort mit meinem Übersetzer an der Portugiesischen Fassung meines Romans „Calvinos Hotel“ zu arbeiten. Die Idee für den Regenroman entstand dort. Und meine Figuren habe ich unter den zum Teil nackten Obdachlosen und Kriminellen der Stadt Belém gefunden. Aber der Romanstoff kam natürlich nicht einfach so über mich. Entscheidend war sicher, dass ich mich schon seit Jahrzehnten mit den synkretistischen Religionen Lateinamerikas befasst hatte. In Brasilien spielt der Candomblé eine große Rolle in der Volksreligion, mit und neben dem Katholizismus, sodass ich also über etwas schreiben konnte, das mir schon lange zumindest theoretisch vertraut war, aber noch keinen Eingang in eines meiner Bücher gefunden hatte. Dann hat mich sehr fasziniert, dass man dort aus den weitgehend überall gleichen kulturellen westlichen Zusammenhängen herausfällt. Wenn man aus Westeuropa, dem Osten der USA oder einem anderen der hochentwickelten Industrieländer kommt, dann glaubt man ja im Grunde, dass einem die Welt gehört. Man geht mit seiner Kreditkarte, wenn man durch diese Länder reist, quasi nur von einem Zimmer ins andere; überall herrschen ähnliche Standards. Dort in Belém war es anders. Ich habe sofort gewusst, dass ich da allein niemals würde überleben können. Der Existenzkampf findet da auf einem Niveau statt, das wir uns nicht vorstellen können. Ähnlich überfordert hatte ich mich nur Mitte der 90er Jahre gefühlt, als ich während der Gorbatschow-Ära nach Sibirien gereist bin. Aber Belém war viel, viel schlimmer als Omsk oder Moskau in jenen Jahren. Das hat mich schlicht gezwungen, darüber zu schreiben, um diese Erfahrung zu bewältigen.

Das Buch ist auch in formaler Hinsicht verschieden von meinen anderen Büchern. Es ist sehr temporeich, die Handlung erstreckt sich nur über wenige Tage und Nächte. Dafür ist die Anzahl der Figuren recht groß, über ein Dutzend Leute treten auf, darunter ein leprakranker Aussätziger, Mörder, korrupte Polizisten, Prostituierte, Kleinkriminelle und Tote, die alle in dem großen Geflecht ihres Daseins miteinander verbunden sind, obwohl sie sich gar nicht alle untereinander kennen. Das hört sich jetzt vielleicht für unsere biedermeierlichen Ohren schrecklich an, aber ich habe sie, während ich scheibend mit ihnen täglich umging, alle geliebt.

 
Cyrill Onken: Mit welchen unvorhergesehenen Schwierigkeiten hast du zu kämpfen?

Peter H. Gogolin: Während des Schreibens? Nun, solange man mich in Ruhe arbeiten lässt, ist meist alles gut. Im Raum meiner Fiktionen zu existieren, also an dem einzigen Ort, der auf der Welt für mich wirklich erträglich ist, bedeutet ja, dass eigentlich keine „unvorhergesehenen Schwierigkeiten“ auftreten können. Da stehe ich immer nur vor der Frage, ob ich mit der Arbeit fertig werde und es gut mache.
Alles andere kommt von außen, jedes Problem kommt von außen. Ob es nun um Finanzielles oder Zwischenmenschliches geht. Das kann dann aber unter Umständen lebensentscheidend sein, auch lebensbedrohend. So hat mir meine erste Frau über Jahre das Schreiben massiv zu verbieten versucht, hat gesagt: ‚Ich habe keinen Schriftsteller geheiratet. Ich habe einen Soldaten geheiratet.‘ Sie hatte zwar Recht, denn als sie mich traf und später heiratete, da stand ich vor meiner Ausbildung zum Hubschrauberpiloten. Aber für mich stimmte das nicht, denn für mich war ich immer schon ein Schriftsteller gewesen, lange bevor ich 1981 für meinen ersten Roman „Seelenlähmung“ einen Verlagsvertrag in der Hand hatte.
Im Grunde war das ein Kampf auf Leben und Tod, und man kann geteilter Meinung darüber sein, ob ich diesen Kampf gewonnen habe. Aber ich kann ihr natürlich nicht vorwerfen, dass sie nicht in meinem Kopf lebte, sondern in ihrem eigenen.
Natürlich führte das zu einer Katastrophe, sprich zur Trennung von ihr und meinen drei Kindern, für die ich immer noch, Jahrzehnte danach, kein Schriftsteller, sondern nur ein Arschloch bin.

Es ist schwierig, mit mir umzugehen, das gebe ich ehrlich zu. In meinem Kopf geht etwas anderes vor, mein Leben ist anders eingerichtet, hat andere Ziele, andere Maßstäbe. Selbst zu Leuten, die mich mögen – und ich wundere mich immer wieder, dass es davon doch eine ganze Reihe gibt -, muss ich im Grunde sagen: „Tut mir leid, aber wir sind einander nicht ähnlich.“ Weil ich das weiß, versuche ich zwei Dinge: Erstens vermeide ich nach Möglichkeit Situationen, die zu Konflikten führen können. Und zweitens versuche ich immer freundlich zu sein. Das sind meine Konzessionen des Herzens gegenüber einer Welt, in der ich vielen vorkomme wie ein Krokodil, das da nicht hingehört, wohin es vom Zufall des Lebens verfrachtet wurde.

 

Cyrill Onken: Wünschst du dir manchmal ein auf andere Art reguliertes Leben? Was hättest du gern anders gemacht?

Peter H. Gogolin: Nein, auf keinen Fall. Heute kann ich das schon lange so sagen. Als ich zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als ich alles verloren hatte, meine Kinder, meine erste Frau, meinen Verlag, eine Redakteursstelle, die man mir angeboten hatte, als ich keinerlei Geld mehr besaß und stattdessen vor einem Schuldenberg stand, da fuhr ich eines Nachmittags über die Weinsteige in den Stuttgarter Kessel hinunter. Ich war vollständig verzweifelt, nicht mal eine Idee für irgendeine klitzekleine Geschichte hatte ich noch. Selbst das Schreiben war mir unmöglich geworden. Ich hätte in dieser Minute so tun können, als habe mich die Nachmittagssonne geblendet, sodass ich einfach in den Gegenverkehr gefahren wäre und fertig. Und vermutlich war ich nicht weit davon entfernt. In dieser aussichtslosen Verzweiflung sagte die Stimme in meinem Kopf, die Stimme, mit der mein Gehirn manchmal mit mir redet: „Du hast das gewollt. Es ist alles so gekommen, wie du es gewollt hast.“ Das stimmte. Und es war eine riesige Erleichterung, es zu begreifen. Vermutlich hat mir das mein Leben gerettet.

Ob ich etwas anders hätte machen können, das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, höchstens um den Preis der Selbstaufgabe. Aber selbstverständlich habe ich mir gewünscht, dass es anders gekommen wäre. Ich bin ja im Grunde ein fast harmoniesüchtiger Mensch. So habe ich nie eingesehen beziehungsweise verstanden, warum zwei Menschen, die sich voneinander trennen, nicht als Freunde miteinander verbunden bleiben können. Und schon gar nicht habe ich verstanden, warum ich auch meine Kinder verlieren musste. Das ist der größte Schmerz. Aber da bin ich einfach naiv gewesen, denn natürlich hieß es: Unterwirf dich oder du erlebst den Krieg.

 

Cyrill Onken: Welche politischen Entscheidungen zur Förderung der Kultur sind dringend notwendig?

Peter H. Gogolin: Kultur wird heute ja nur noch gefördert, wenn es sich um ein massentaugliches Event handelt. Diese Kultur braucht meiner Meinung nach keine weitere Förderung. Für äußerst dringend halte ich aber Investitionen in die Bildung. Die Bildung hat in Deutschland ein viel zu schlechtes Niveau. Und Dummheit ist das größte Problem. Die menschliche Dummheit bedroht den Planeten.

 

Cyrill Onken: Gibst du auf deinem Blog die Termine von Lesungen bekannt?

Peter H. Gogolin: Schaut denn überhaupt noch jemand Webseiten an? Mir hat man gesagt, dass die Zeit der Webseiten vorbei ist.
Aber ich schreibe ja einen BLOG. Und selbstverständlich stelle ich da auch Lesungstermine ein. Aber ich lese nicht dauernd. Schauen Sie, die Zeit wird knapp. Ich bin jetzt 68 Jahre alt, und ich habe noch Stoffideen für, naja geschätzt, zweihundert Jahre. Da muss ich mir die Zeit für das Schreiben vorbehalten.
Außerdem muss man sich bewusst machen, dass fast alle Autoren, die Lesungen veranstalten, dies tun, um ein paar zusätzliche Euros zu verdienen. Autoren sind meistens auf den Verdienst durch Lesungen angewiesen. Das ist bei mir nicht mehr der Fall. Ich bin zwar ein armer Autor, aber ich leiste mir trotzdem den Luxus, mich nicht zu oft durch Lesereisen aus der Arbeit reißen zu lassen. Man kann ja hin und wieder mal nachschauen, unter peter-gogolin.de

 
 
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Cyrill Onken: Was empfiehlst du den Lesern des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte?

Peter H. Gogolin: Etwas direkt Verwertbares kann ich nicht empfehlen, auch etwas Lebenspraktisches nicht. Fast alle normalen Berufe, die man anstreben konnte, als ich jung war, gibt es heute gar nicht mehr. Und die, die es vielleicht noch gibt, werden von Menschen ausgeübt, die schon morgen auf der Straße stehen können. Mein Vater schlug vor, als ich vierzehn Jahre alt war, ich solle Stuckateur werden. Vermutlich steckten die Stuckarbeiten der polnischen Kunsthandwerker in Gogolin irgendwie in seiner DNA. Aber stellen Sie sich einmal vor, ich hätte versucht, seinem Rat zu folgen. Dabei wollte er nur, dass es mir besser ging als ihm. Er hat mich geliebt und wollte verhindern, dass ich wie er einen schwarzen Arbeitsanzug tragen musste. Stuckateure trugen einen weißen Arbeitsanzug.

Wenn Sie ein Kind haben, das heute mit dem Schulbesuch beginnt, dann können Sie sicher sein, dass es dereinst einen Beruf ausüben wird, den es heute noch gar nicht gibt. Es ist also völlig sinnlos Ratschläge zu geben. Und ich sage das nicht, weil ich ein Pessimist wäre. Das bin ich nicht, ich bin ein Realist. Und ich lebe mit viel Hoffnung auf die Zukunft. Ich bin wissenschafts- und technikverliebt und ungeheuer neugierig auf das, was noch kommen wird. Einer meiner größten Wünsche ist, noch zu erleben, dass die Menschheit auf dem Mars landet und dort zu siedeln beginnt. Es würde mich sehr schmerzen, wenn ich das nicht schaffen sollte.

Naja, vielleicht doch ein klitzekleiner Hinweis, den Sie als Empfehlung auffassen dürfen. Tun Sie einfach das, was Sie glücklich macht. Und zwar nicht einmal oder zwei, dreimal im Leben, sondern möglichst jeden Tag. Bei mir sah das heute am Morgen so aus, dass ich mich vor der Arbeit an mein Stehpult gestellt habe und mir selbst laut den 1. Gesang aus Homers ILIAS vorgelesen habe. Das ist die Geschichte vom Trojanischen Krieg, schon etwa 3 300 Jahre her, aber ich bin ja selbst etwas retro, und es gibt da eine überwältigend schöne neue Übersetzung von Kurt Steinmann. Diese Sprache führt bei mir dazu, dass ich zu weinen beginne, vor Glück. An einem anderen Tag wird es etwas anderes sein. So etwas sollten Sie sich suchen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es finden. Und verschwenden Sie nicht zu viel Zeit mit Geldverdienen.

 

Cyrill Onken: Lieber Peter, ich bedanke mich bei dir für die offene und ausführliche Art der Antworten. Auch wenn die Wahrheit zuweilen schmerzt, ziehe ich sie den Illusionen vor. So sind deine Bücher für mich ein funkelnder Schatz,
in schlichtem Papier versteckt. Merci für das Interview.

 
 
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Cyrill Onken

Fünffache Mutter

Coach für Hochbegabte, Hochsensible und Synästheten

Psychologische Beraterin

Freie Autorin

Gärtnerin

 
 
 

Das Bild und das Buchcover wurden mit freundlicher Genehmigung des Urhebers und Schriftstellers
Herrn Peter H. Gogolin veröffentlicht.

http://www.peter-gogolin.de/

 
 
 
 


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