Einschlafritual einer Hochbegabten


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Neulich lag ich mit dem (intelligenten, aber nicht hochbegabten) Traummann im Bett und konnte nicht einschlafen.
Da ich ihn anscheinend mit meinem Hin- und Hergedrehe ebenfalls vom Schlafen abhielt, fragte er: „Was ist denn los?“
Ich: „Nichts. Ich kann nur nicht einschlafen.“
Er: „Warum nicht?“
Ich: „Mir fällt nichts Schönes ein, an das ich denken kann.“
Er: „Denk doch einfach nichts. Dann schläfst du auch ein.“
Ich: *Hä?*

 

Machen das andere Menschen so? An nichts denken? Wie soll das funktionieren?

Es ist nicht so, dass ich nicht an nichts denken kann. Ich habe es mal eine zeitlang mit täglicher Meditation versucht und dabei habe ich es durchaus geschafft (glaube ich), meine Gedanken loszulassen und ruhig zu werden. Ich kann nicht behaupten, dass es sich für mich gut angefühlt hat. Denn ich verbinde „an nichts denken“ mit größtmöglicher Langeweile. Und Langeweile ist für mich das Schlimmste!

Vielleicht habe ich das mit dem Meditieren auch nicht verstanden oder falsch gemacht. Aber die Idee, mit langweiligem An-nichts-denken einschlafen zu können, klingt für mich absurd. Ebenso wie Schäfchenzählen.

 

Was ich stattdessen mache, um einzuschlafen?

Ich klarträume (ein anderes Wort für:Tagträumen). Ich mache die Augen zu und stelle mir eine Situation vor, mal was Schönes, was Dramatisches, was Tragisches, was Romantisches, was Heldenhaftes. Auf jeden Fall etwas Spannendes. Als ich klein war, habe ich mich in Filme hineingeträumt, z.  B. war ich Peter Pans kleine Schwester (im Film Hook), die im Nimmerland auf ihn gewartet hat und ihm half, wieder fit zu werden, um zusammen gegen die Piraten zu kämpfen. Mittlerweile denke ich mir meine eigenen Geschichten aus, tausche gelegentlich Protagonisten aus oder wiederhole die Geschichten und ändere den Verlauf. Irgendwann schlafe ich dann unbemerkt ein. Wenn ich aufwache, fällt mir oft ein Moment aus meinem Einschlaf-Klartraum wieder ein und ich träume dort einfach beim Dösen weiter.

Das mache ich schon immer so, daher kann ich es mir auch gar nicht anders vorstellen. Dass andere Menschen einfach ihre Gedanken ausknipsen, war total überraschend für mich. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das ein Unterschied zwischen Normal- und Hochbegabten sein könnte. Ich weiß allerdings auch nicht, ob andere Hochbegabte ebenfalls zum Einschlafen klarträumen.

 

Zum Gedankenausknipsen fällt mir noch eine andere Begebenheit ein:

Ich war mal mit einer Freundin in einem Science Center bzw. einer „Mitmach-Ausstellung“. Dort gab es ein Spiel, bei dem zwei Spieler gegeneinander antraten. Zwischen den Spielern war ein Tisch mit einem kleinen Ball, der nur in das gegnerische Tor rollen musste, es gab keine Hindernisse. Die Spieler saßen in bequemen Sesseln und trugen ein Stirnband mit Sensoren. Damit wurde (laienhaft ausgedrückt) die Gehirnaktivität gemessen. Der Ball rollte langsam in die Richtung des Spielers, der die höhere Gehirnaktivität hatte. Zum Gewinnen musste man also möglichst wenig denken.

Neben dem Tisch stand ein Monitor, der die Gehirnaktivität der beiden Spieler im zeitlichen Verlauf darstellte. Und was soll ich sagen: Meiner Freundin gelang es, ihren Graphen langsam immer weiter sinken zu lassen. Mein Graph war von Anfang an höher, und auch mir gelang es, dass er einen leichten Knick nach unten machte. Bis ich sah, wie der Ball auf mich zurollte – dann habe ich anscheinend versucht, meine nicht vorhandenen telekinetischen Kräfte zu benutzen, um ihn aufzuhalten, denn mein Graph schoss nach oben und ließ sich nicht mehr von mir beeinflussen. (Das Kichern der Zuschauer hat natürlich auch nicht geholfen.)

Ich fand die eine sehr interessante Beobachtung, allerdings wusste ich noch nicht, dass ich hochbegabt bin. Dieses Spiel war damals der Grund gewesen, warum ich es mit dem Meditieren ausprobiert hatte. Ich wollte lernen, diesen Graphen zu beeinflussen. Aber ohne Sensoren und Monitor war mir das Meditieren wohl einfach zu langweilig …

 

Anonym


https://ichbinhochbegabt.wordpress.com/
 

Die deutsche Autorin ist der Gründerin Çiğdem Gül des Interkulturellen Netzwerkes für Hochbegabte namentlich bekannt. Sie bleibt auf ihren Wunsch hin jedoch anonym.

 
 
 
Bild / Picture thanks to © Misti Pavlov (St. Petersburg/Russia)
 
 
 

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