Das optimale Arbeitsumfeld für Hochbegabte


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Von Franziska Dittrich – 15.01.2018

 

Die Arbeit nimmt einen nicht unerheblichen Teil des Lebens ein und trägt somit auch in großem Maße dazu bei, ob man als Hochbegabter in seinem Leben zufrieden oder unzufrieden ist. Ich möchte daher heute näher erläutern, wie ein ideales Arbeitsumfeld für Hochbegabte aussehen kann und wie man lernt, sich – auch wenn man die äußeren Umstände aktuell nicht ändern kann – im Arbeitsalltag besser zurechtzufinden.

Die nachfolgenden Ausführungen mögen vielleicht auf den ersten Blick utopisch, überzogen und vollkommen realitätsfern scheinen. Dies ist meiner Meinung nach aber nur dem Umstand geschuldet, dass Hochbegabte in der Öffentlichkeit (also in diesem Kontext im Berufsleben) sich viel zu sehr zurückhalten mit ihren Bedürfnissen, weil sie es schon von Kindheit an gewohnt sind, auf Ablehnung und Unverständnis zu stoßen, sich anpassen zu müssen und nicht selbstbewusst mit ihrer Andersartigkeit umzugehen. Vor einigen Jahren war beispielsweise auch die Option des Job-Sharings für Führungskräfte, die nur in Teilzeit arbeiten, völlig undenkbar und realitätsfern. Da der Bedarf aber vorhanden war und die Arbeitnehmer ihre Bedürfnisse immer wieder offen geäußert haben, wurde ein Weg gefunden. Hochbegabte sollten sich den folgenden Satz einmal besonders zu Herzen nehmen: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen möchtest.“

 

Den passenden Arbeitgeber finden

Als Hochbegabter den passenden Arbeitgeber zu finden ist eine Herausforderung – das steht außer Frage. Für Hochbegabte müssen in einer Organisation sehr viele verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein, dass sie sich wohlfühlen, dauerhaft gerne zur Arbeit gehen und ihre PS (freiwillig) auf die Straße bringen. Die Arbeit in großen Konzernen und bei großen Unternehmen, die sehr festgefahrene Strukturen und Prozesse haben scheint mir persönlich sehr ungeeignet. Kleinere, mittelständische Unternehmen oder gar sehr junge, innovative Firmen, die sich im Wachstumsprozess befinden und in denen die Mitarbeiter nicht nur ein kleines Rädchen sind, das funktionieren muss, sind vermutlich die bessere Wahl.

Folgende Kriterien sollten Hochbegabte bei der Wahl ihres Arbeitgebers und Unternehmen, die für Hochbegabte attraktiv sein möchten, berücksichtigen:

Aufgabenorientierung versus. Zeitorientierung

Hochbegabte haben eine sehr große Abneigung dagegen, unnötig Stunden abzusitzen. Da sie meist in wesentlich kürzerer Zeit mit ihren Aufgaben fertig sind als Normalbegabte, arbeiten sie entweder für zwei oder warten frustriert darauf, dass die vorgegebene Arbeitszeit verstreicht und sie nach Hause gehen können. Das Gefühl, durch die eigene Hochbegabung täglich von außen bestraft zu werden, kommt auf.

Ein geeigneter Arbeitgeber misst der Arbeitszeit weniger Bedeutung bei als der Erledigung der Aufgaben und entlässt seine Hochbegabten nach getaner Arbeit auch gerne und guten Gewissens einmal früher in den Feierabend.

Enge Führung versus Freiheit

Hochbegabte sind keine Fans von enger Führung. Sie teilen sich ihre Zeit am liebsten frei ein und sind auch in der Wahl des Wegs zum Ziel gerne frei. Engmaschige Vorschriften sind für Hochbegabte sehr kontraproduktiv, da sie gegen Kontrolle eine so strikte Abneigung haben, dass sie unter solchen Bedingungen niemals ihr Potenzial entfalten können und wollen. Sie schätzen Führungskräfte, die als Mentoren auftreten und ihnen dabei helfen, den richtigen Weg zu ebnen. Gehen möchten Hochbegabte ihren Weg dann bevorzugt alleine. Dies bedeutet nicht, dass sie überhaupt keine Führung benötigen.

Der perfekte Vorgesetzte für einen Hochbegabten delegiert Aufgaben, gibt zu Beginn klare Anweisungen und geht dann aus dem Weg.

Friede, Freude, Eierkuchen versus Raum für Feedback, Kritik und Verbesserungsvorschläge

Für Hochbegabte gibt es nichts Schlimmeres als Stillstand und ein konfliktscheues Umfeld. Sie nehmen viel mehr wahr, sehen Fehler und Verbesserungspotenziale früher und schneller und möchten diese Wahrnehmungen auch äußern können. Zudem dursten sie nahezu nach Feedback, um sichergehen zu können, dass sie ihren hohen Ansprüchen an sich selbst und ihrem Perfektionismus gerecht werden. Bei „Never change a running system“ hört für jeden Hochbegabten der Spaß auf, schließlich würden so alle ihre neuen Ideen nicht gebraucht werden.

Eine für Hochbegabte angenehme Unternehmenskultur sollte also viel Raum für gegenseitiges Feedback, konstruktive Kritik und Innovation bieten.

Anerkennung versus Selbstverständlichkeit

Wenn Mitarbeiter dauerhaft viel leisten und gute Ergebnisse abliefern, neigen Arbeitgeber häufig dazu, dies als selbstverständlich anzusehen und halten es nicht für notwendig, auch informelle Leistungen anzuerkennen und angemessen zu belohnen. Gerade das ist für Hochbegabte aber sehr wichtig – sie möchten mit ihrer Leistung gesehen werden. Es geht nicht um regelmäßige Lobeshymnen – ein von Herzen kommendes „Danke für Deinen Einsatz.“ ist vollkommen ausreichend. Alternativ eignen sich auch variable Vergütungssystem sehr gut, um die „extra Meile“ wertzuschätzen.

Jemand, der überdurchschnittliche Leistung erbringt, darf auch über dem Marktdurchschnitt verdienen und regelmäßig positives Feedback bekommen.

 

Die passende Tätigkeit finden

Mögliche Einsatzgebiete von Hochbegabten sind genauso vielfältig wie von Normalbegabten. Optimale Tätigkeiten oder besonders geeignete Branchen (häufig wird hier etwas Kreatives oder die Forschung genannt) gibt es aus meiner Sicht nicht. Sehr erfolgsversprechend sind vermutlich Funktionen, in denen ein bereichsübergreifender Einsatz vorgesehen ist, Hochbegabte also an vielen Schnittstellen zu tun haben und somit ihren Blick über den Tellerrand optimal einsetzen können. Grundsätzlich sollten sie bei ihrer Jobwahl und Unternehmen bei der Förderung Wert darauf legen, dass die Tätigkeit von folgenden Aspekten geprägt ist:

  • Viel Handlungs- und Entscheidungsspielraum
  • Regelmäßig neue Herausforderungen
  • Viel Handlungs- und Entscheidungsspielraum
  • Vielfältige Aufgaben verschiedenster Art
  • Möglichst wenige Routinetätigkeiten
  • Hohes Maß an Verantwortung
  • Selbstständige Lösungsfindung und Analyse von Themen
  • Eher autonome Aufgaben als Arbeit im Team

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Tipps und Tricks für einen entspannten Arbeitsalltag

Generell bin ich davon überzeugt, dass jeder, wenn nur der Wille und die Überzeugung groß genug sind, einen passenden Job finden kann. Da einige Hochbegabte aber auch große Angst vor einem Jobwechsel haben, weil sie Schwierigkeiten gewohnt sind und sich nicht „unnötig“ eine Last aufbürden möchten, verbleiben sie häufig in ihren ungeliebten Jobs und die Lebenszufriedenheit leidet gravierend. Auch wenn die Zeit noch nicht reif für eine Veränderung im Außen ist, kann man doch für sich selbst einige Maßnahmen treffen, um die eigene Einstellung und die eigenen Gedanken insofern zu ändern, dass der Alltag wieder erträglicher wird.

Schritt 1: Werde Dir darüber bewusst, was Du wirklich willst.

Als Hochbegabter hat man oft ein großes Gedankenchaos im Kopf und tut sich sehr schwer, seine Gedankengänge vorab einmal auf das zu konzentrieren, was man eigentlich will. Um einen Weg erfolgreich beschreiten zu können ist es aus meiner Sicht aber unumgänglich, schon am Anfang das Ende im Sinn zu haben. Nur dann kann man seine Kräfte und Energie dahingehend fokussieren und sich sinnvolle nächste Schritte überlegen. Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation rückt dann automatisch etwas in den Hintergrund, da man den Blick wieder hebt und das Gefühl zurückerlangt, eigener Herr im Leben zu sein und die Dinge selbst in der Hand zu haben. Man ist einer Situation nur so lange ausgeliefert, wie man die Verantwortung dafür nach außen verlagert.

Schritt 2: Nehme an, was ist.

Wenn Du 24 Stunden lang damit beschäftigt bist, Dich innerlich und äußerlich gegen das zu wehren, was gerade ist, schwinden die Kräfte schnell. Auch wenn Du in Deinem Arbeitsumfeld schlecht behandelt wirst, Deine Entwicklung behindert wird, Du möglicherweise täglich mit Menschen umgeben bist, die Dich nicht verstehen und Du Dein Potenzial nicht ausleben kannst: Es ist, wie es ist – ob Du Dich nun dagegen wehrst, Dich ärgerst und täglich aufs Neue hineinsteigerst oder nicht. In dem Moment, in dem Du annimmst, was ist und den Kampf beendest, setzt Du automatisch neue Kräfte frei, um die Veränderung herbeizuführen, die Du Dir wünschst.

Schritt 3: Handle.

„Where focus goes, energy flows.“ Wenn Du nun all Deine Ressourcen wieder gebündelt zur Verfügung hast und genau weißt, was Du erreichen möchtest, kannst Du ins Handeln kommen. Sei Dir bewusst, dass Du nur die beste Behandlung und die großartigsten Perspektiven verdient hast. Beginne dann, Schritt für Schritt die nötigen Veränderungen auf dem Weg dorthin einzuläuten. Vielleicht ist der erste Schritt ein Gespräch über Deine Andersartigkeit mit Vorgesetzten und/oder Kollegen? Vielleicht findest Du eine Möglichkeit, Deine Routinetätigkeiten angenehmer zu gestalten, indem Du Dir währenddessen ein spannendes Hörbuch oder einen Podcast anhörst, der Deinen hungrigen Verstand füttert? Vielleicht fängst Du auch an, dich intern oder extern nach anderen Perspektiven umzusehen, überarbeitest Deinen Lebenslauf und schreibst die ersten Bewerbungen? Betrachte einmal realistisch, ob in Deinem aktuellen Umfeld genügend Raum für eine Veränderung vorhanden ist und scheue Dich nicht, Dich auch anderweitig umzusehen, wenn Du diese Frage mit „nein“ beantwortest.

 

Fazit

Es könnte alles so einfach sein… Wenn es nur gelingen würde, alle Hochbegabten mit mehr Selbstbewusstsein auszustatten und die Gesellschaft dazu zu bringen, Andersartigkeit nicht mit Bedrohung gleichzusetzen. Auch wenn hier noch eine ordentliche Strecke vor uns liegt, dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße. In diesem Sinne noch einmal mein persönlicher Appell: Liebe Hochbegabte, steht für das ein, was ihr seid. Ihr seid ein Geschenk für die Welt.

 

© Franziska Dittrich

B.A. Wirtschaftspsychologie & Betriebswirtschaft
Corporate Development & Administration Manager
Hochbegabte Autorin in München/Deutschland

https://highlygifted.de/

 
 

Foto / Picture thanks to © Franziska Dittrich

 
 
 
 

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