Über hochbegabte Außenseiter, Innenseiter und eingefärbte Flamingos 2


Alan Wolton, 1934, Impressionist painter
 

Von Çiğdem Gül – 04.09.2016

 

Mit ihren ästhetischen und glamourösen Farben fallen Flamingos als Beweis Gottes einzigartigem Kunstwerk auf. Das Erscheinungsbild der Flamingos löst bei uns Menschen Erstaunen und Bewunderung zugleich aus. Ihr Seelenkleid ist genauso zart wie ihr rosa- und lachsschimmerndes Federkleid, das sich jedes Mal durch die Nahrungsaufnahme von kleinen roten Wasserkrebsen, die den roten Farbstoff namens Carotinoid enthält, deutlich in Rosa durchfärbt. So ist es möglich, die Flamingos farblich im unterschiedlich intensiven Federkleid zu sehen. Dank ihrer gut ausgestatteten Beine können Flamingos ununterbrochen stundenlang sogar auf einem Bein stehen und ruhen. Dabei halten sie stets das Gleichgewicht. Sie sind in der Lage, die innere Ruhe und die Verwurzelung mit Mutter Erde zu finden und sie zu genießen. Der Mensch kann vom Flamingo lernen, seine innere Mitte zu finden. Dort kann er gut bei sich bleiben und den Anderen dort sein lassen, wo und wie er ist.

 

In welchem Zusammenhang stehen Flamingos mit menschlichen Außenseitern und Sonderlingen?

Die Flamingos leben immer in Gemeinschaft und sind das Sinnbild für ein freundliches, friedvolles und harmonisches Wesen. Sie leben stets in Schwärmen. Sie brüten in Kolonien, die Hunderte bis viele Tausende Paare umfassen.
Die Flamingos lehren den Menschen, mit anderen rücksichtsvoll und respektvoll umzugehen. Dabei ist es ihnen möglich, sogar im engen Raum ihre persönliche Freiheit innerhalb der Gruppe zu genießen und zu bewahren. Und wieder einmal lehrt das Tierreich, was der Mensch trotz Intuition, Gefühl, Verstand und Wahlmöglichkeiten nicht erreicht. Viele – in meinen Augen: zu viele – Menschen können oder wollen ihre Projektionen, Unzufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben, fehlende Selbstliebe, ausgeprägten Egoismus, Ängste, Vorurteile und Gemeinheiten anderen gegenüber nicht abbauen.
So grenzen sie den fühlbaren Störfaktor Außenseiter und/oder Sonderling einfach aus, mobben ihn und legen weitere destruktive Verhaltensweisen an den Tag. Die Flamingos dagegen helfen Neulinge und Außenseitern, sich in die gemeinsame Gruppe einzugliedern und an deren Aktivitäten teilzuhaben.

 
 

TEIL I

Gründe für das Entstehen von Gruppen
– Vorteile und Gefahren von Gruppen

Jeder Mensch ist einzigartig. Als soziales Wesen leben Menschen von Natur aus in Gruppen. Sie treten mit anderen in Kontakt und Beziehung. So können Gruppen entstehen, die zur Erfüllung von Bedürfnissen, Zugehörigkeit, Sicherheit, Informationen und Prestige dienen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Die Zugehörigkeit in einer Gruppe bietet dem Menschen den Vorteil, dass seine Bedürfniserfüllung innerhalb der Gruppe besser realisiert wird. Des Weiteren hat man größeren und gebündelten Einfluss auf seine Umwelt.

Gruppenbildung ist besonders für Pubertierende sehr wichtig. Die Jugendlichen starten z. B. gemeinsam ein Projekt und verfolgen folglich ein Ziel, das sie herausfordert und begeistert. Sie kompensieren im Optimalfall ihre Unsicherheit, ggf. Minderwertigkeitskomplexe und Schmerzen wie Liebeskummer in einer Gruppe. Die Jugendlichen fühlen sich in einer Gruppe geborgen, gut aufgehoben und stark.

In der Arbeitswelt sind Gruppenbildungen vorgegeben, weil Gruppen- und Teamarbeit in sehr vielen Branchen und Berufen großgeschrieben werden.

Unter den sozialen Wesen gibt es aber auch Menschen, die einsam sind. Hier ist nicht die temporäre Einsamkeit der Durchschnittsbegabten, sondern die lebenslange Einsamkeit der Hochbegabten gemeint. Es ist eine große Kunst, wenn man diese Form der Einsamkeit aushält und akzeptiert. So muss der Einsame mühsam lernen, sich auch in der Gesellschaft einigermaßen wohlzufühlen. Ob es eine notwendige Anpassung in die Gesellschaft ist, oder eine freiwillige Anpassung, bleibt für mich offen.

So wichtig und vorteilhaft eine Gruppenbildung ist, so gefährlich kann sie auch werden. Vor allem Minderheiten schließen sich in jeder Gesellschaft besonders häufig zu Gruppen zusammen. Dies können sprachliche, nationale, religiöse oder andere Minderheiten sein. Diskriminierung und eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten lassen sich gemeinsam besser ertragen. Die Gefahr einer solchen Gruppenbildung besteht z. B. darin, dass das interne Gleichgewicht kippen könnte. Daraus resultierende Überheblichkeit, des Gefühls der Machtmaximums und Unsterblichkeit bilden einen günstigen Nährboden für Hass und Gewalt.

 
 

TEIL II

Entstehung von Rollen

Eine Gruppe lebt von ihren Mitgliedern. Und die Mitglieder leben in ihrer Rolle. In der Soziologie wird unterschieden zwischen der Rolle und der Gruppenfigur. Die Rolle ist an die Position bzw. Aufgabe gebunden, die Gruppenfigur hingegen an die Person. Als Rolle bezeichnet man die die Position eines Menschen in einem Beziehungsgeflecht innerhalb (oder auch außerhalb) der Gruppe. Wer in einer Gruppe anerkannter Führer ist, kann in einer anderen Gruppe Außenseiter sein. Die Rolle ist mit der einzelnen Gruppe, ihrer Zusammensetzung, Erwartungen und ihren Zielen verbunden. Rollen sind nützlich. Sie verschaffen den Mitgliedern Sicherheit und erleichtern die Kommunikation.

 
 

TEIL III

Begriffliche Abgrenzung von Außenseiter, Sonderlinge und Geächtete

Ist es das, was ich sehe, auch das, was ist? Oder ist es das, was ich sehe, meine Welt?
Kann ich mein Gegenüber wirklich erkennen, wenn ich ihn unscharf anders wahrnehme und erlebe?
Wenn man andere Menschen wahrnimmt, aber nicht erkennen kann, wie der Andere die Welt wahrnimmt, könnte man Vorurteile aufbauen und sein Gegenüber ausgrenzen.

Ich möchte kurz auf die Gruppe von Menschen eingehen, die in der eng gestrickten Norm der Außenwelt teilweise in die folgende Rolle hineingedrängt und dann ausgegrenzt werden.

Der Außenseiter:

Außenseiter ist man meist durch Geburt, Hautfarbe, Hochbegabung, Stand, Beruf, Aussehen, Rasse, Volkszugehörigkeit, Weltanschauung, Homosexualität, kurzum: völlig ohne eigenes Zutun. „Außenseiter ist derjenige, der den Normen nicht entspricht“ (Otto Marmet, Psychologe: Ich und du und so weiter, Weinheim 1994, S. 36; siehe Außenseiter Sekundär-
literatur I)

Außenseiter sind Einzelpersonen oder Gruppen, die den Erwartungen und Normen eines sozialen Gefüges nicht entsprechen, was sie selbst oft als leidvoll erleben. Je mehr man von der Norm abweicht, umso mehr man anders ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einem Außenseiter gemacht wird oder sich als solcher bereits fühlt.
Ist er bedingt durch die erlebte Ausgrenzung von außen oder fühlt sich der Außenseiter innerlich schon „außen“?
Außenseiter ist man temporär oder ein Leben lang.
Dann gibt es noch Außenseiter unter den Außenseitern.

Der Sonderling:

Der Sonderling ist ein verwandtes Themenfeld. Zum Sonderling dagegen wird man oft durch eigenes Verhalten; auch ein Außenseiter kann aufgrund der Ausgrenzung mit der Zeit zum Sonderling werden. Sonderling kann man ein Leben lang für Andere bleiben – im positiven Sinne.

Ich kann mich mit dem Begriff „Sonderling“ nicht anfreunden, weil er nach meiner Ansicht einen sehr negativen Beigeschmack hat und einen versteckten Vorwurf enthält, als sei man selber schuld daran, ein Andersmensch zu sein. Daher werde ich von dieser Unterscheidung Abstand nehmen und diesen Begriff mit der Bezeichnung „Außenseiter“ ersetzen.

Begabte – sprich hochbegabte und hochsensible und weitere Andersmenschen – bieten sich für Ausgrenzung an. Sie müssen jedoch Erkenntnis und Verantwortung für ihre Hochbegabung tragen. Unter dem Begriff „Hochbegabte“ schließe ich Hochsensible, Hochsensitive, Synästeten, vielbegabte Scanner-Persönlichkeit, Hochbegabten, Höchstbegabten mit ein. Das Problem besteht darin, dass Hochbegabte – und da ist es ziemlich egal, in welcher Richtung sie begabt sind – in der Schule meistens Außenseiter waren / sind. Da gibt es sicher einen gewissen Gruppendruck, durch den Leute isoliert werden. Wenn z. B. ein Kind im Alter von 10 Jahren Interesse an der Literatur der bekannten Größen wie Karl Marx, Fernando Pessoa, Maxim Gorki und/oder Aziz Nesin zeigt, ihre Bücher verschlingt und sogar als Kind die Inhalte dieser anspruchsvollen Literatur versteht, dann ist es schon auffällig und etwas Besonderes für Andere. Das Kind bringt großes Licht in die Dunkelheit. Große Lichter leuchten weiter in die Dunkelheit hinein als kleine Lichter und vertreiben die Dunkelheit.

Der Geächtete:

Ebenfalls zum Themenkreis gehört der Geächtete, der Outlaw; er stellt sich selbst außerhalb der Ordnung und Gesellschaft oder er wird von der Herkunftsfamilie, seinen Wurzeln und/oder von der Gesellschaft geächtet. Die überdurchschnittlich kreativen und hochbegabten Geächteten sind zuweilen ihrer Zeit voraus. Ihre außergewöhnlich innovativen Gedanken und Einstellungeen, ihr besonderer Blick auf die Welt und ihre großartigen Leistungen und Werke lösen bei der Gesellschaft Angst und Ablehnung aus.

 
 

TEIL IV

Hochbegabte Außenseiter in der Herkunftsfamilie, Gesellschaft, Schule und Arbeitswelt

Ein häufig diskutiertes Thema ist das Bild des Hochbegabten in der eigenen Herkunftsfamilie (Mikrokosmos), in der Gesellschaft und Schule sowie in der Arbeitswelt (Makrokosmos).
 
Viele Hochbegabte erleben die ersten Ausgrenzungen nicht in der Außenwelt, sondern in der Kindheit bereits innerhalb der eigenen Herkunftsfamilie. Sie – vor allem Kinder – haben meist niemanden, mit dem sie sich austauschen können, und leiden sehr darunter.

In vielen Familien sind die Rollen klar verteilt – es gibt Lieblinge und es gibt die sogenannten „schwarzen“ Schafe. Letztere haben es nicht leicht in ihrer Familie, denn sie sind anders. Sie sind kunterbunt wie ein Regenbogen. Wie gehen Familien mit Angehörigen um, die nicht ihren Erwartungen entsprechen? Und wie lebt es sich als Außenseiter in der Familie? Ist das eine selbst gewählt Rolle oder wird man dazu gemacht? Was sagen die kunterbunt geblümten, gepunkteten, karierten und linierten „Schafe“ selbst und was sagen die Anderen dazu?

Ich beobachte und erlebe, dass die Wahrscheinlichkeit auf Außenseitertum bei Hochbegabten höher liegen kann, wenn insbesondere bei spät erkannten Hochbegabten die Familienkonstellation „kein Elternteil /keine Eltern und dafür nur eins von mehreren Kindern hochbegabt ist/sind. So ist es in vielen Fällen vorprogrammiert, dass man Außenseiter – besser gesagt: Ausländer – in der eigenen Familie wird. Besonders kompliziert ist es in traditionsbewussten Familien, die auf ausgefallene Begabungen und Interessen der Kinder wenig Rücksicht nehmen. Oft gibt es Aussagen von Betroffenen wie: „Ich flüchtete in meine Phantasie.“ Das unzufriedene Individuum erlebt seine Herkunftsfamilie dann nur als inhaltslose Hülle und im worst-case Vollwaise mit Eltern. Es ist nicht Mitglied seiner Gesellschaft, sondern Außenseiter, das von der Gesellschaft auf verschiedenen Weisen zurückgestoßen wird. Aufgrund seines rebellischen, system-kritisierenden Verhaltens der Gesellschaft gegenüber leistet der Hochbegabte Widerstand gegen die herrschende Macht, und entfremdet sich deswegen selbst von der Gesellschaft.

Der hochbegabte Außenseiter fühlt sich in der Schulzeit unverstanden und leidet sehr darunter, weil er nicht verstehen kann, was falsch an ihm ist, warum er andere Interessen hat als die Mehrheit der anderen, warum er unendlich lange über alles nachgrübelt und Probleme sieht, die sonst keiner sehen und auch nicht kreativ lösen kann.

Die Standardsituation der Hochbegabten ist das an sie von anderen entgegengebrachte: Verwunderung, Irritation und Verunsicherung. Abgesehen von den Underachievern (Minderleister) sind Hochbegabte diejenigen, die schnell sind, viel mehr leisten und anders sind, sehr verdächtig für Normalbegabte. Wenn der Durchschnittsbegabte in sich nicht gefestigt ist und an dieser Stelle einen blinden Fleck ausweist, wird er sich schwer tun, mit einem Hochbegabten adäquat umzugehen.

Kein herkömmliches Schul- und Leistungssystem dieser Welt ist meines Wissens auf Hochbegabte ausgerichtet. Es ist eher auf das Mittelmaß ausgerichtet.

Der hohe Leistungsanspruch der Hochbegabten – auch Außenseiter – überfordert ihre Umwelt.

Hochbegabte fühlen sich unter Normalbegabten oft unverstanden. Der Hochbegabte glaubt fälschlicherweise, dass, wenn er in der Kommunikation mit anderen sich erklärt, warum er dies und jenes so fühlt, denkt und macht, dann könnte er von anderen verstanden werden. Das Gegenteil ist der Fall. Sein Gegenüber glaubt zumeist, dass der Hochbegabte unsicher ist und sich ständig rechtfertigt. Auch die immer wiederkehrenden Missverständnisse mit Normalbegabten können dazu führen, dass Hochbegabte sich abgelehnt fühlt. Bei durchlaufenem sozialem Aufstieg bleibt der Begabte, Hochbegabte und Höchstbegabte weiterhin sehr einsam und als Außenseiter. Er fühlt sich weder in der Gesellschaftsschicht seiner Eltern noch der nächst oder übernächst höheren Gesellschaftsschicht angenommen und zugehörig.

Es ist schmerzhaft, sich als Außenseiter zu erkennen, wenn man einer Gemeinschaft und Gesellschaft unbedingt angehören möchte.

 
 
Alan Wolton, 1934, Impressionist painter
 
 

TEIL V

Fragen, die sich stellen:

Viele Menschen erreichen irgendwann in ihrem Leben den Punkt, wo sie sich grundlegende Fragen stellen. Einige Fragen habe ich wie folgt zusammengestellt:

 

Bin ich mir selbst als Individuum wichtig genug?

Ziehe ich meinen Selbstwert daraus, dass ich nicht so bin, wie die anderen?

Wer entscheidet darüber, ob ich als wertvoll und wertgeschätzt gelebt werde? Ich oder die anderen? Oder beide?

Bin ich ein Teil der Gesellschaft oder ist die Gesellschaft ein Teil meines Seins?

Wie kann ich mich für mich einsetzen, ohne gegen jemanden zu sein?

Möchte ich als Individuum unterscheidbar sein von den anderen oder
in der Gemeinschaft unerkennbar und unkenntlich aufgehen?

Ist es möglich, einer Gemeinschaft anzugehören, und trotzdem zeitgleich als autonomes Individuum und Freigeist existieren?

Hat mir meine Seele etwas vorzuwerfen?

Wohin will ich wachsen?

Ist es mir möglich, mich von meiner eigenen Seele coachen zu lassen?

Ich sehe die Welt als meine Welt. Und die Außenwelt nimmt mich wahr. Darüber hinaus kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Ist es okay, jemanden in die Gruppe oder Gesellschaft zu integrieren, wenn die Dynamik von Diskrimination in mir und außen ist?

Darf ich Hochbegabte als eigene Gruppe betrachten? Wenn ja, warum?

Wer entscheidet darüber, ob wer „draußen“ oder „drin“ ist?
Wer ist „drin“ und wer ist „draußen“?
Wer steht vor der „Tür“ und wer soll die Tür öffnen?

Es geht nicht darum, ob die symbolische oder echte Tür geöffnet wird oder nicht, sondern, wie ich mit allen Variationen umgehen kann. Ich sollte die innere Stärke haben und als Minimum die Toleranz mitbringen, eine achtsame und wertschätzende Haltung einzunehmen, bevor ich jemanden durch die Tür hereinlasse und ihn in meine Gemeinschaft integriere.

Ich will aus meiner Sicherheit heraus wachsen. Bei den Flamingos scheint es zu funktionieren, dass sie in der Gemeinschaft ihren Platz haben, und trotzdem jeder für sich als ein Individuum leuchtet. Das scheint mir in der Menschenwelt sehr schwierig zu sein.

Ich muss mich immer wieder mit meinem Außenseitertum auseinandersetzen.

Ich entscheide mich für mich selbst.

Ich definiere meinen eigenen Standpunkt.

Ich habe die Freiheit, zumindest die Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich kann mich also nur – oder immer wieder neu – entscheiden, auf welche Seite ich an- und hingehören möchte und den Preis dafür zahlen, wenn ich mir selbst treu bleiben möchte. Dabei erreiche ich die nächsthöhere Ebene, mir treu geblieben zu sein. Jeder Weg hat aber seine Konsequenzen. Bleibe ich mir treu, schaffe ich mir Feinde. Wenn ich als Hochbegabte die Ernsthaftigkeit meines Seins für mich in Anspruch nehmen möchte, dann kann ich nicht gleichzeitig der Masse angehören.

 
 

TEIL VI

Glückliche und unglückliche Außenseiter

Es ist eine Eigenschaft des Wesens, in einer Situation, Gruppe, Gesellschaft, Haltung etc. sich wohl oder unwohl zu fühlen. So gibt es die glücklichen und die unglücklichen Außenseiter.
Hochbegabte blühen in nicht- passender Gesellschaft selten auf und fühlen sich als Außenseiter jahrzehntelang unverstanden und folglich einsam. Sie kennen die Einsamkeit seit ihrer Kindheit, die sie wie eine Nahestehende ein Leben lang begleitet.
Auch Hochbegabte möchten die Chance bekommen, sich öffnen zu können. Eine hochbegabte Seelenblume blüht am besten und intensivsten in einer Gesellschaft mit Gleichgesinnten auf. Ich kannte und kenne viele hochbegabte Seelenblumen, die immer wieder im Leben die Ausgrenzung erfahren müssen, ihre Seelenfarbe „verloren“ haben, als Seelenblume eingegangen sind, krank wurden oder gar in die schiefe Bahn gerieten und sogar zwei Fälle von Selbstmord des Hochbegabten. Die durchschnittliche Gesellschaft weiß oftmals gar nicht, welche Auswirkung ihre Vorurteile, Sanktionen, Ausgrenzungen auf Hochbegabte haben können. Auch wenn der Hochbegabte im Erwachsenenalter privat und beruflich nicht mehr Außenseiter ist, so begleitet ihn das Gefühl, ein Außenseiter zu sein innerlich bis hin in die Nachtträume.

Manche hochbegabte Außenseiter scheinen ihrer Zeit dermaßen voraus zu sein, dass man sie fragen könnte: „Aus welcher Zukunft kommst du her?“

Wer als Hochbegabte oder als hochbegabter Außenseiter etwas Besonderes leisten will, findet sein Training z. B. durch schwierige Mitmenschen.

Helge Schneider, der deutscher Musik-Clown, Jazzer, Pantomime, Schauspieler und Schriftsteller, soll bei einen Interview bei Fokus-Schule gesagt haben: „Außenseiter sein ist nicht das Schlechteste, wenn man die Gesellschaft von einer interessanten Warte aus beschreiben will.“

 
 

TEIL VII

Schlussbetrachtung

Leben wir alle einen Lebensbetrug?
Die Wirklichkeit, die wir leben, ist nicht die objektive Wirklichkeit. Das Leben ist in Wahrheit das Wahrnehmen und Erkennen der – ständigen- Veränderung. Dabei geht es um den bewussten Teil der Unterscheidung des Wahrnehmungsfeldes und des dreidimensionalen Wahrnehmens sowie der daraus resultierenden Kompetenz, wie ich damit umgehen will. Es geht eigentlich nicht anders, als dabei Unsicherheit in Kauf zu nehmen und sie auszuhalten. Aber Unsicherheit steht nun mal nicht als oberstes Ziel für uns Menschen, obwohl sie so wichtig wäre. Was angestrebt wird, ist eher die Sicherheit. Aus der Sicherheit (gesicherte Basis und gesichertes Wissen) soll Veränderung resultieren. Freiheit ist, dass ich jedes Mal neu entscheiden darf, mich loslösen zu wollen. Es muss ein sicherer innerer Kern in mir vorhanden sein, damit ich von dieser Freiheit Gebrauch machen kann.

Wir alle schließen (bildlich gemeint) seit unserer Geburt einen Lebensvertrag ab. Die Klauseln bestehen zumeist aus der Hypothek der Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen, die sie wiederum aus ihrer eigenen Biografie mitbringen. Das könnten bspw. genetische, Dispositionen, familiäre, finanzielle bildungsdefinierte Ausgangssituationen oder gar Vorbelastungen wie Armut, Gewalt. Sucht etc. sein. Wir haben die Aufgabe, diesen Lebensvertrag anzunehmen und zu akzeptieren, oder die Vertragsklauseln jederzeit zu ergänzen und zu ändern. Jeder von uns hat auch die Möglichkeit, diesen ursprünglichen Lebensvertrag zu kündigen und mit einem Lächeln im Gesicht auch barfuß den eigenen Weg zu gehen – losgelöst von den Eltern und allen bisherigen Lebenskontexten.

Jeder von uns hat die Freiheit jemanden und etwas zu bewerten.
Aber wir müssen sie nicht bewerten.

Ein Bewerten scheint situativ aus einem Kontext zu entstehen.

Ich versuche zunehmend von dem Wert des Unwerten Gebrauch zu machen.

So wie Flamingos mit ihren breiten Füßen mit Leichtigkeit sogar auf Schlamm stolzieren können, können hochbegabte Außenseiter mit ihrer überdurchschnittlichen Kreativität ungeahnte Lösungswege finden. Sie sind die Leuchttürme unserer Gesellschaft. Die Außenseiter möchten ein Miteinander, nicht ein Gegeneinander.

Außenseiter werden im Leben oft ins kalte Wasser geschmissen. Sie ertrinken nicht, weil sie wie Flamingos sehr gut schwimmen können…:-) Die Farbenpracht dieser Flamingos und der menschlichen, hochbegabten Außenseiter überleben immer.

Andere Menschen auszugrenzen resultiert neben der Antipathie zumeist aus fehlender Selbstliebe, Angst, ausgeprägtem Egoismus, Sicherheitsstreben, Projektion, Vorurteile und Konkurrenzdenken. Dabei werden die vermeintliche Stärke und das vermeintliche Durchsetzungsvermögen zur Schau gestellt. Aus meiner Sicht besteht jedoch die wahre Stärke darin, andere Menschen – und vor allem Andersmenschen wie Hochbegabte und Hochsensible – zu respektieren, wertzuschätzen und zu akzeptieren. Die eigentliche Stärke ist zudem, die eigene Unsicherheit und Angst zuzulassen, sich der eigenen Projektionen bewusst zu werden und sie richtig zu lenken.

Bei Antipathie könnten wir uns z. B. fragen, wie lange es diesmal dauern wird, bis wir es schaffen, unser Gegenüber wertschätzen und mögen zu lernen. Dabei gehen wir auf die positiven Aspekte, was unser Gegenüber in sich trägt, ein. Allein der Gedanke, dass man sein Gegenüber mögen könnte, ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Dann würde ggf. ein Mensch weniger auf dieser Welt diskriminiert, ausgegrenzt und verletzt werden.
Ich finde, wir sollten immer daran denken, dass unsere Welt vor allem durch die Außenseiter, Innenseiter und auch gesellschaftlich und kulturell Geächtete – mit ihren besonderen Seelenfarben, Vielfalt, Glanz, mehr Fühlen und mehr Wahrnehmen, Differenziertheit, Weitblick und Innovationen – zu einem besseren Ort wird. Wenn Flamingos sogar im engsten Raum friedlich und rücksichtsvoll miteinander leben können, dann hoffe ich doch sehr, dass wir – die noch auf dem Weg sind, MENSCHIALIST/IN zu werden – das auch schaffen.

 
 

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© Çiğdem Gül – 04.09.2016

Diplom-Ökonomin, Interkultureller Coach für Hochbegabte und Hochsensible, freie Journalistin

Inspiriert von einer wundervollen Persönlichkeit und lieben Freundin sowie von
Alan Wolton´s außergewöhnlicher Kunst

 
 
 
 
 

Picture thanks to © Alan Wolton

http://www.alanwolton.com/

 
 
 
 
 


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